Donnerstag, 11. August 2022

Landwirtschaft unter Trockenheit
Geoökologe: "Hirse wäre ein Ersatz für Mais"

Landwirte seien verstärkt auf der Suche nach Pflanzen, die besser mit Trockenheit umgehen können, sagte der Geoökologe Claas Nendel im Dlf. Hirse, Kichererbsen oder auch Linsen rückten in den Fokus. Auch Züchter arbeiteten verstärkt daran, Pflanzen resilienter zu machen, statt auf Höchstertrag zu achten.

Claas Nendel im Gespräch mit Britta Fecke | 20.07.2022

Hirse wächst auf einem Feld, Nahaufnahme
Hirseanbau in Deutschland, noch ist das eine Rarität. Aufgrund des Klimawandels könnten mehr Landwirte auf das Getreide setzen. (picture alliance/dpa/Frank Rumpenhorst)
Die Rekordhitze in Deutschland setzt auch der Landwirtschaft zu – und mit Fortschreiten des anthropogenen Klimawandels ist damit zu rechnen, dass dieses Problem zunimmt. Insbesondere Pflanzen, die die ganze Saison brauchen, um zu wachsen, seien von der aktuellen Trockenheit getroffen, sagte der Geoökologe Claas Nendel im Deutschlandfunk. Darunter fielen etwa Sonnenblumen oder auch Mais. Auf Maisfeldern könne man schon sehen, dass die Pflanzen die Blätter eingerollt hätten, um sich vor Hitze zu schützen. „Wenn es noch eine Woche oder zwei so weitergeht, dann werden wir feststellen, dass die Blätter gelb und braun werden und nicht mehr aktiv Photosynthese betreiben können, und dann ist es wahrscheinlich um den Ertrag geschehen“, sagte Nendel.

Auch Kichererbsen und Linsen sind Optionen

Um besser für Trockenphasen gewappnet zu sein, seien Landwirte auch bereits auf der Suche nach Alternativen für den Anbau. Hirse könne zum Beispiel ein Ersatz für Mais sein. Mais brauche zwar insgesamt auch relativ wenig Wasser, Hirse könne aber mit temporärer Trockenheit besser umgehen. Auch Kichererbsen und Linsen seien hier Optionen. Landwirte müssten allerdings auch die passenden Kenntnisse erwerben und prüfen, ob ihre Maschinen für den Anbau geeignet sind. „Da sind viele Pioniere und natürlich auch die Forschung gerade unterwegs, um da mehr Erfahrung zu sammeln“, sagte Nendel.

Bessere Bodenausbeutung von Wurzeln bei Züchtern im Fokus

Auch Züchter von Pflanzen hätten bereits umgedacht. Jahrelang hätten viele vor allem auf Höchstertrag geachtet, inzwischen sei Resilienz gegenüber dem Klimawandel eines der Ziele. Man könne zum Beispiel darauf abzielen, dass Pflanzen stärker Wurzeln bilden und damit den Boden besser ausbeuten und besser an Wasser kommen können.

Das Interview im Wortlaut

Britta Fecke: Welche Regionen in Deutschland sind denn besonders von der Dürre und Hitze betroffen?
Claas Nendel: Ja, man würde ja davon ausgehen, dass tatsächlich der Osten der Republik stärker und häufiger von Hitze und Trockenheit betroffen ist, tatsächlich ist es aber so, dass das je nach Jahr auch sehr unterschiedlich ausfallen kann. Dieses Jahr zum Beispiel haben wir im Osten immer mal wieder kleinere Niederschlagsereignisse gehabt, sodass die Landwirte relativ gut durchs Jahr gekommen sind, während wir jetzt gerade zum Beispiel ja extreme Hitze in ganz Deutschland erleben. Da kommt es dann tatsächlich auf den Standort an, also wie gut ist mein Boden. Brandenburg ist nicht mit guten Böden gesegnet, da haben wir sehr sandige Böden, die das Wasser schlecht halten können, da ist es natürlich besonders problematisch, bei wenig Regen gute Erträge zu erzielen, während in anderen Gebieten, wo die Böden eine höhere Wasserhaltekapazität haben … Dort ist es nicht ganz so schlimm, wenn mal eine Woche lang kein Regen fällt.

Getreide von Sommerhitze nicht beeinflusst, Mais in Gefahr

Fecke: Jetzt fällt ja in vielen Regionen Deutschlands zu wenig Regen. Wie sehr leiden die verschiedenen Getreidesorten und Feldfrüchte schon jetzt unter den Folgen des Klimawandels?
Nendel: Auch hier die übliche Antwort des Wissenschaftlers: Es kommt darauf an – und zwar kommt es hier darauf an, wann genau die Trockenheit eigentlich die Pflanzen ereilt. Wenn wir das berühmte Thema Frühjahrstrockenheit betrachten, dann ist das genau deshalb berühmt, weil Frühjahrstrockenheit die Landwirtschaft besonders hart trifft. Im Frühjahr wachsen die Pflanzen ganz aktiv, das heißt, sie bilden ihre Blätter aus und schießen in die Höhe. Wenn dort die Trockenheit eintrifft, dann leiden die Pflanzen ganz besonders darunter.
Jetzt im Juli beobachten wir auf den Feldern, dass das Getreide gelb ist und reif zur Ernte, in vielen Regionen hat die Ernte auch schon eingesetzt. Das heißt, ob es jetzt heiß ist, das macht den meisten Getreidesorten zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nichts mehr aus. Das Einzige, was jetzt noch passieren kann, ist, dass der Mähdrescher anfängt zu brennen, wenn er zu heiß wird.
Diejenigen Landwirte, die aber mit Sommerkulturen arbeiten, zum Beispiel Mais oder jetzt im Zuge der Ukraine-Krise auch verstärkt mit Sonnenblume, diese Pflanzen sind später im Jahr ausgesät worden und brauchen die ganze Saison, um zu wachsen. Diese werden jetzt aktuell von der Hitze und der Trockenheit ganz massiv betroffen, und wer jetzt den Mais draußen sieht, der hat jetzt schon die Blätter eingerollt, das heißt, er versucht sich zu schützen vor den hohen Temperaturen, versucht Wasser zu sparen, das sieht man der Pflanze an. Und wenn es noch eine Woche oder zwei so weitergeht, dann werden wir feststellen, dass die Blätter gelb und braun werden und nicht mehr aktiv Photosynthese betreiben können, und dann ist es wahrscheinlich um den Ertrag geschehen.

Frühere Aussaat kann helfen – aber hat eigene Risiken

Fecke: Ist dann eine mögliche Anpassungsmaßnahme die frühere Aussaat?
Nendel: Ja, das ist etwas, was wir tatsächlich auch beobachten, etwas, was Landwirte tun, dass sie tatsächlich bei Mais oder Sonnenblume oder auch Sojabohne ein paar Tage früher rausgehen mit der Saat. Das ist natürlich immer ein bisschen risikabel, was das natürlich auch Pflanzen sind, die späte Fröste sehr schlecht vertragen, und dieses Risiko bleibt bestehen. Wenn wir also im April einsäen, dann kann immer noch im Mai ein Spätfrost daherkommen, der so einen jungen Maisbestand auch dahinrafft. Dieses Risiko muss der Landwirt an seinem Standort immer ganz genau abwägen.

Züchter verschieben den Fokus weg vom Höchstertrag

Fecke: Wenn der Landwirt jetzt nicht auf die frühe Aussaat setzt, sondern auf andere Sorten, welche wären denn da geeignet? Lohnt sich da der Blick Richtung Ägypten, gibt es da mehr wärmeliebende und hitzetolerante Sorten?
Nendel: Das ist genau der richtige Hinweis. Es gibt ja natürlich Länder, die schon seit Tausenden von Jahren Getreide anbauen unter sehr heißen und trockenen Bedingungen, und von diesen Ländern können wir nicht nur lernen, was die Agrarpraktiken angeht, sondern können auch gucken, was dort für genetisches Potenzial in den Sorten vorhanden ist. Tatsächlich beobachten wir, dass die Züchter, die ja jahrelang auf Höchstertrag gezüchtet haben und andere Eigenschaften der Pflanzen, die besonders nützlich sind, die schwenken jetzt in ihrer Strategie um und versuchen, die Pflanzen etwas resilienter gegenüber dem Klimawandel zu machen – zum Beispiel, dass sie mehr in die Wurzeln investieren und damit den Boden besser ausbeuten können und besser an das Wasser rankommen können.

Robuste Sorten: Hirse statt Mais?

Fecke: Das sind aber dann zum Teil auch ganz andere Sorten wie Kichererbsen oder Hirse.
Nendel: Das wären dann tatsächlich ganz andere Pflanzen, ja, wir schauen uns tatsächlich verstärkt um nach Pflanzen, die besser mit Trockenheit umgehen können. Hirse zum Beispiel wäre ein Ersatz für Mais – Mais, der ja besonders beliebt ist, weil er für wenig Wasser sehr viel Biomasse erzeugt. Das kann die Hirse grundsätzlich auch, aber die Hirse kann einfach noch besser mit Trockenheit umgehen. Kichererbse wäre jetzt eine völlig neue Pflanze, eine Leguminose, die sich selbst mit Stickstoff versorgt und damit auch die Fruchtfolgen etwas besser auflockern könnte. Und für die Kichererbse oder auch für die Linse testen die Landwirte jetzt gerade, ob sie damit klarkommen, ob ihr Maschinenpark überhaupt dafür geeignet ist und wie sie am besten angebaut wird. Da sind viele Pioniere und natürlich auch die Forschung jetzt gerade unterwegs, um da mehr Erfahrung zu sammeln.

Mulchschicht kann Wasser sparen – aber zu Schimmel führen

Fecke: Die Wahl der Sorten ist das eine, Sie haben es aber auch gerade schon angesprochen, die Art der Bodenbearbeitung spielt auch eine Rolle. Wie könnten sich denn Landwirte in Deutschland darauf anpassen – also mehr Hitze, wie müsste der Boden aussehen, um noch einen relativ großen Ertrag zu bringen?
Nendel: Ja, das ist ein großer Streit unter den Praktikern, ob nun das Pflügen tatsächlich wassersparend oder wasserverbrauchend ist. Die einen sagen, dass der Kapillarsaum zerstört wird und deshalb das Wasser aus den unteren Bodenschichten nicht mehr nach oben gelangt, das würde Wasser sparen. Die anderen sagen, dass man feuchtere Bodenschichten beim Wenden des Bodens nach oben bringt und die dann stärker austrocknen, das wäre dann natürlich ein höherer Wasserverlust. Das ist etwas, wo die Erfahrung des Landwirtes gebraucht wird. Eines, was man ausprobieren kann, wenn es tatsächlich ins Anbausystem passt, ist, mit einem Mulchsystem zu arbeiten, das heißt, dass man die Reste der abgeernteten Pflanze auf dem Boden belässt, sodass sich eine Art Schutzschicht auf dem Boden ausbildet und diese verhindert das Austrocknen des Bodens und verhindert natürlich auch Erosion. Aber gleichzeitig ist diese Mulchschicht natürlich bei größerer Feuchtigkeit auch ein guter Platz für Pilze und Bakterien, die wir eigentlich nicht haben wollen auf dem Feld, weil sie dann irgendwann auf die Kulturen übergehen. Also auch hier muss der Landwirt testen, was ist eigentlich auf meinem Standort möglich.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.