Dienstag, 28. Juni 2022

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Konservatoren in Auschwitz
Jeden Tag mit dem Tod in Berührung

Zehn Konservatoren arbeiten im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz. Eine schwierige Arbeit, denn viele Objekte sind von schlechter Qualität, der sumpfige Boden lässt die Dinge schnell verrotten. Und auch die emotionale Herausforderung, an einem solchen Ort zu arbeiten, ist groß.

Von Sabine Adler | 27.01.2015

Auschwitz-Birkenau war das größte der deutschen Vernichtungslager.
Auschwitz-Birkenau war das größte der deutschen Vernichtungslager. (dpa / picture alliance / Simon Daval)
Aleksandra Papis, leitet die Konservierungsabteilung in Auschwitz in einem gesichtslosen Industrieanbau auf dem Gelände des ehemaligen KZs.
"Hier gibt es zehn Konservatoren, es gibt Labors für chemische und mikrobiologische Analysen, Werkstätten, eine Papierkonservierungsabteilung, eine Digitalisierungs- und Scan-Abteilung."
Anders als Denkmalpfleger, die in Schlössern und Burgen restaurieren, hätten sie es in Auschwitz mit minderwertigen Materialien zu tun.
"Der größte Teil der Objekte hat eine schlechte Qualität, er stammt aus der Kriegszeit. Auch die Schuhe, für die es eine eigene Werkstatt gibt. Wir sehen jeden einzelnen an. Deswegen machen wir überraschende Funde - Gegenstände, die dort versteckt wurden: Fragmente von Zeitungen, Briefen, Geld. Manchmal steht etwas auf den Schuhen."
Fragmente eines Wandgemäldes von einem Gefangenen
Fragmente eines Wandgemäldes von einem Gefangenen (Deutschlandradio / Sabine Adler)
Für Aufregung sorgte ein kürzlich entdecktes Wandgemälde, ein Porträt eines sowjetischen Soldaten, dass nach dem 27. Januar 1945 entstanden sein muss.
"Das ist Fragment einer Wand aus einer der Holzbaracke. Auf der Mütze des Soldaten steht etwas in kyrillischer Schrift. Vermutlich war er nach der Lagerbefreiung hier stationiert."
Der feuchte Boden macht einen Erhalt schwierig
In der Nachkriegszeit wurden Baracken abgerissen, um Baummaterial zu gewinnen und auch den Nachlass der Ermordeten begann man zu plündern, bis sich ehemalige KZ-Häftlinge Gehör verschafften, die das Lager als Gedenkstätte erhalten wollten. Größte Sorge machen der Konservatorin Agnieszka Tanistra-Różanowska einmal mehr die Unterkünfte, die in dem feuchten Moorboden vermodern.
"Der Platz war nicht zufällig hier gewählt. Das feuchte Gebiet mit dem hohen Grundwasserspiegel fanden die Deutschen gut, weil das ihrer Idee, die sie mit dem Lager verfolgten, zusätzlich geholfen hat."
Rasierpinsel in einer Schachtel
Rasierpinsel in einer Schachtel (Deutschlandradio / Sabine Adler)
Beim heutigen Gedenken in Auschwitz stehen die rund 300 Überlebenden im Mittelpunkt. Sie werden immer weniger, weshalb ihren Zeugnissen, aufgenommen per Video und Audio, künftig immer größere Bedeutung zukommt. Bartosz Bartyzel ist in Oswiecim geboren, er ist Pressesprecher und schon seit 17 Jahren in der Gedenkstätte, er hat noch viele Ex-Häftlinge persönlich kennengelernt. Wenige Arbeitsplätze sind emotional derart herausfordernd wie seiner in Auschwitz, dennoch braucht er keinen psychologischen Beistand.
"Nein, wir haben so etwas nicht. Wer hier arbeitet, bleibt lebenslang oder versucht, ganz schnell wegzukommen. Die, die bleiben, haben das Gefühl, eine Mission erfüllen zu müssen. Ohne das geht es nicht. Die Arbeit verschafft einem große Zufriedenheit. Wenn man diese Tausenden Menschen sieht, die jeden Tag die Geschichte kennenlernen, dann gibt das große Kraft, mit dem Trauma hier fertig zu werden."
Bartosz Bartyzels Schreibtisch steht in der ehemaligen Kommandantur und Lagerverwaltung, sein Büro war die frühere Apotheke für das SS-Personal. Seine Arbeit lehre ihn das Leben zu schätzen.
"Hier erfährt man, was Leben und Freiheit bedeuten. Weil man jeden einzelnen Tag mit dem Tod und seinen schrecklichen Umständen in Berührung kommt. Geschichten, die wiederkehren und noch nach Jahren gewaltige Emotionen auslösen. Ich bin sicher, dass man hier sehr viel lebendiger fühlt."