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StartseiteHintergrundDiffuse Ängste und echte Nöte11.09.2018

Kriminalität und ZuwanderungDiffuse Ängste und echte Nöte

Gewaltdelikte, Mord und Vergewaltigungen – immer wieder kam es in den letzten Monaten zu Straftaten, an denen geflüchtete Menschen beteiligt waren. Das hat die Diskussion über die Kriminalität von Migranten angeheizt. Die Gründe dafür, dass sie häufig in der Kriminalstatistik auftauchen, sind allerdings vielfältig.

Von Tonia Koch

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Eine polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) (dpa/picture-alliance/Fredrik Von Erichsen)
Die polizeiliche Kriminalstatistik: Auch Angaben zur Staatsangehörigkeit werden gemacht. (dpa/picture-alliance/Fredrik Von Erichsen)
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Es ist drei Uhr nachts. Aus einer der angesagten Diskotheken in Saarbrücken ist das Wummern der Bässe zu hören. In Trauben stehen die Gäste vor der Tür. In dieser Nacht ist auch die Polizei unterwegs. 100 Beamte patrouillieren über die Partymeile im Saarbrücker Kaiserviertel. Für das Viertel und weitere Areale des Stadtzentrums gelten besondere Regeln, sagt Harald Groß, stellvertretender Leiter der zuständigen Polizei-Inspektion.

"Wir haben mehreren Stellen in Saarbrücken ausgewiesen - ich sag‘s mal so - als gefährliche Orte, als Brennpunkte. Und dort sind anlassunabhängige Kontrollen möglich, weil sie halt als gefährliche Orte qualifiziert wurden. Insofern kann man dort jemand anhalten, in mitgeführte Sachen schauen und gegebenenfalls nach einem Anfangsverdacht durchsuchen."

Saarbrücken in der Krimalstatistik auf Platz acht

Die Stadt ist, was die Kriminalität anlangt, seit Jahren ein Hotspot. In der aktuellen polizeilichen Kriminalstatistik des Bundeskriminalamtes rangiert Saarbrücken auf Platz acht der Städte ab 100.000 Einwohner. Im vergangenen Jahr ist die Kriminalität zwar überall in Deutschland zurückgegangen, insbesondere die Zahl der Wohnungseinbrüche, aber Auswirkungen auf den Top-Ten-Platz Saarbrückens hatte das nicht. Obwohl die Stadt nicht einmal 200.000 Einwohner hat, weist sie eine Kriminalitätsbelastung auf, die viel größeren Städten ähnelt wie etwa Köln oder Leipzig. Harald Groß:

"Das hat mehrere Ursachen. Die eine Ursache ist, dass Saarbrücken im Südwestbereich das einzige Oberzentrum ist, nur Mainz ist größer. Was Saarbrücken gegenüber Mainz zum Beispiel hat, ist die Grenzlage. Eine Grenzlage ist immer in Richtung Kriminalität auch zu beobachten, weil sie halt Anreize bietet. Ich bin auch schnell weg, ich bin schnell über die Grenze. Insofern gibt es mehrere Aspekte: Saarbrücken als Einkaufsanziehungspunkt, als größte Stadt, und halt die Grenzlage bringen das einfach mit sich, dass wir diese Kriminalitätsbelastung haben, auch in der Gewaltkriminalität."

Über Funk verabreden sich in dieser Nacht weitere Polizeiteams an der Ecke Rabbiner-Rülf-Platz, Willy-Graf-Ufer. Vom Platz führt eine Freitreppe zum Saar-Ufer. Sie gehört wie die Partymeile zu den gefährlichen Orten in der Stadt. Etwa 50, 60 junge Leute haben sich hier niedergelassen, überwiegend Geflüchtete.

"Wir sprechen die Personen an, erklären ihnen, dass es sich hier um einen gefährdeten Ort handelt, und führen Personenkontrollen in Form einer Identitätsfeststellung durch."

Die Stadt ist ein Anziehungspunkt

Die meisten reagieren auf die massive polizeiliche Präsenz gelassen und bleiben ruhig sitzen. Ein junger Syrer, der mit zwei Kumpels unterwegs ist, fühlt sich jedoch eingeschüchtert, er sucht nach Worten.

"Das ist normal, aber nicht so, langsam machen." "Er meint, höflich muss man machen, er hat Angst vor dieser Kontrolle…"

Das Stadtbild hat sich verändert durch die Zuwanderer. Sie fallen aus mehreren Gründen auf: Zum einen, weil es sich überwiegend um Jugendliche und junge Männer handelt. Und zum anderen, weil sie in Gruppen durch die Stadt ziehen. Das verunsichere die Bevölkerung, sagt Polizeirat Harald Groß, auch wenn von diesem Verhalten für die Bevölkerung zunächst keine Gefahr ausginge.

"Das heißt per sé noch nichts. Es ist auch nicht gesagt, dass die irgendetwas machen, irgendetwas anstellen. Die Stadt ist für sie ein Anziehungspunkt, die bleiben nicht auf dem Land, wo nichts los ist. Sie kommen auch in der Regel aus großen Städten und sind es gewöhnt, die meiste Zeit des Lebens draußen zu verbringen, und genau das wird hier praktiziert."

Gruppe gibt Sicherheit

Ohne die Gruppe geht nichts. Die Gruppe gebe ihnen Sicherheit, sagen Schüler des Berufsbildungszentrums Merzig. Sie kommen aus Syrien und dem Irak, sind zwischen 16 und 21 Jahre alt, und heißen Ali, Khaled, Mohammad, Zainal, Baraa und Abi.

"Wir treffen uns immer in der Gruppe, wir reden auf WhatsApp und treffen uns in der Stadt. Wenn wir alle zusammengehen, dann über zehn. Wenn wir alle zusammen gehen, dann sind wir über 20, nur Jungs."

Dass sie damit Befremden auslösen, verwundert sie.

"Nee, nee, wir reden mit allen. Wir merken das immer, wenn wir durch die Straßen gehen und manche Deutsche gucken uns an, wenn wir Arabisch reden untereinander. Ich finde das irgendwie ein bisschen komisch, weil jeder darf ja in seiner eigenen Sprache sprechen, beziehungsweise wenn alle meine Freunde das sprechen, warum sollte ich Deutsch sprechen. In Saarbrücken war ich unterwegs, mit ein paar Freunden von mir, es waren auch Deutsche dabei. Und da kommt einer: Wieso redet ihr Arabisch? Ganz normal, wir reden unsere eigene Sprache, wie jeder Mensch. Ein Deutscher hat Angst vor der Gruppe, weil zum Beispiel in Saarbrücken oder Berlin, große Stadt, wie vor der Mafia."

Aber die Gruppe sorgt auch für Dynamik. Ein Wort gibt das andere, in handgreifliche Auseinandersetzungen waren die meisten der Berufsschüler schon einmal verwickelt.

"Der beleidigt mich, weil ich Ausländer bin"

"Wenn die anderen uns beleidigen oder uns schlagen, dann machen wir Stress."

Wer sind die anderen?

"Zum Beispiel die Ausländer oder die Deutschen, ich kenne sie nicht, der kommt zu mir und sagt, willst du Stress oder der beleidigt mich, weil ich Ausländer bin oder so was, dann machen wir mit ihm Stress."

Was die anderen sagen müssen, um ihn zu beleidigen, dazu schweigt Mohammad. Nur Khaled traut sich.

"Ich hab viele Probleme deswegen gehabt, mit den Deutschen, nicht alle, aber sie sagen: Scheiß Kanaken und so. Manchmal sage ich gar nichts und laufe weiter, aber wenn sie mich anfassen und schlagen wollen, dann schlage ich."

Beleidigungen sind häufig Ausgang für Gewaltdelikte

Beleidigungen, verletztes Ehrgefühl, das seien Kategorien, die bei Auseinandersetzungen häufig eine Rolle spielten, sagt Dominic Kudlacek. Er ist stellvertretender Leiter des kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.

"Das merken wir auch in unseren Untersuchungen. Es ist schnell immer die Rede von einer Ehrverletzung, und da muss irgendetwas verteidigt und geschützt werden. Das kommt vielleicht daher, dass im Vergleich schon wahrgenommen wird, dass die Ausgangsbedingungen andere sind. Wer sich heute in einer Sammelunterkunft sieht, der weiß, er hat andere Ausgangsbedingungen als jemand Gleichaltriges, der auf ein deutsches Gymnasium geht. Ich glaube, dass deshalb der Rückzug auf die persönliche Ehre, dass der deshalb so eine große Rolle spielt."

In Sulzbach, einer Kleinstadt unweit von Saarbrücken, führen Peter Bastian und Monique Broquard seit drei Jahren den Kompass, eine offene Begegnungsstätte. Hier haben sich vergleichsweise viele Syrer niedergelassen. Und so gut wie alle der aktuell 535 syrischen Neubürger waren schon einmal im Kompass. Dort erläutern die ehrenamtlich tätigen Helfer amtliche Bescheide, organisieren Arzttermine und vermitteln Unterkünfte. Wohnungen in den äußeren Stadtteilen seien bei den Zugewanderten unbeliebt, beobachtet Peter Bastian.

"Die Syrer suchen die von zu Hause gewohnte Großgruppe, in der sie leben, die Männer. Also wandern sie von den peripher gelegenen Stadtteilgebieten in die Sulzbachtalstraße, damit sie dieses syrische Leben wie früher haben: Gespräch, Gespräch, Gespräch, wir Männer und so weiter, und flanieren. Und Frauen sind irgendwo zu Hause, bei der Arbeit oder was weiß ich. Von daher sind solche Stadtteile wie Brefeld, Schnappach, Hühnerfeld, Altenwald, Neuweiler für sie unbegehrte Wohnbereiche, sie wollen in die Stadt. Es ist nicht primär die Versorgung mit den notwendigen Gütern, sondern primär ist es diese Gemeinschaft, die wir als Deutsche in der Art gar nicht mehr kennen."

Konflikte werden oft untereinander ausgetragen

Bei der Bevölkerung rufe dieser Lebensstil, die dauerhafte Präsenz auf öffentlichen Plätzen, in den Cafés und in der Hauptstraße des Ortes durchaus Ängste hervor, aber sie seien unbegründet, glaubt Monique Broquard.

"Ich würde einfach sagen, es ist so eine Art psychische Bedrohung. Dass die Leute so ein Gefühl haben, durch diese Kopftücher und die vielen, die durch Sulzbach laufen, dass sie meinen, sie würden sich irgendwo bedroht fühlen."

Viele, die in Deutschland Schutz suchen, hätten den Versprechen der Schlepper von den paradiesischen Zuständen hierzulande geglaubt. Sie unterschätzten die eigenen Anstrengungen, die sie unternehmen müssten, um hier Fuß zu fassen. Das führe zu Frust, sorge für Unruhe in der Gruppe und ende nicht selten in Konflikten. Meist würden diese untereinander ausgetragen, beobachten die Betreuer des Kompass. Erfahrungen, die auch die Polizei macht. Harald Groß:

"Es ist nicht die Regel, dass diese Gruppen jetzt wahllos irgendwelche Deutschen angreifen. Sondern es entsteht oft aus Kleinigkeiten Streit, oft ist auch Alkohol im Spiel, und dann kommt es zu Auseinandersetzungen. Es gibt natürlich auch die Fälle, wo es interkulturell der Fall ist, das bleibt auch nicht aus. Aber die Mehrzahl, aus meiner Beobachtung, ist, man bleibt im Täter-Opfer-Geschehen untereinander."

Interkulturelle Fälle sind nicht die Mehrzahl

Ein Bild, das die polizeiliche Kriminalstatistik unterstreicht. Sie weist für das vergangene Jahr 273.800 bundesweit registrierte Straftaten aus, bei denen mindestens ein Zuwanderer als Tatverdächtiger erfasst wurde. Unter dem Begriff Zuwanderer werden Asylbewerber, Asylberechtigte, Menschen, die in Deutschland geduldet sind, und solche, die sich illegal im Land aufhalten, zusammengefasst. In Prozenten ausgedrückt heißt das, dass Zuwanderer an 9,3 Prozent aller registrierten Straftaten beteiligt waren. Am häufigsten fallen sie auf wegen Schwarzfahrens, Körperverletzung und Ladendiebstahl. Warum das so ist, dafür gibt es eine einfache Erklärung: Die Kriminalität ist männlich, und sie ist jung. Dominic Kudlacek:

"Das liegt zum Teil daran, wie diese Gruppen demografisch zusammengesetzt sind. Junge Männer begehen in allen Gesellschaften häufiger Straftaten als beispielsweise verheiratete Familienväter."

Menschen, die im letzten Jahr in Deutschland erstmals einen Asylantrag gestellt haben, waren überwiegend jünger als 35 Jahre und überwiegend männlich. Die meisten Schutzsuchenden waren nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zwischen 16 und 25 Jahre alt. In dieser Altersgruppe sind Dreiviertel der Antragsteller männlich. Unabhängig von ihrer Herkunft sei diese Altersgruppe anfälliger für Gewalt als andere, fasst Sozialwissenschaftler Kudlacek bekannte Studienergebnisse zusammen.

"Es sind die Lebensumstände: jung, männlich, perspektivlos, im urbanen Raum lebend. Das sind Dinge, die begünstigen Kriminalität."

Auch Ort und Zeit spielten eine Rolle.

"Primär spielen sich die Gewaltstraftaten, die uns beschäftigen, die ganz starke Auswirkungen auf unser Sicherheitsempfinden haben, die spielen sich nachts ab, die spielen sich an den Orten ab, wo junge Leute unterwegs sind, wo Alkohol konsumiert wird, wo gefeiert wird."

Auseinandersetzungen werden brutaler

Besonders auffällig sind laut Kriminalstatistik junge Männer aus Marokko, Algerien und Tunesien. Ursächlich dafür sei, dass sie überwiegend aus prekären gesellschaftlichen Schichten stammten, keine Chance auf einen positiven Asylbescheid hätten und sich von daher in einer ausweglosen Situation befänden. Darauf verweist eine Studie der Universität Münster. Völlig unabhängig von der Nationalität und obwohl die Gewaltkriminalität bundesweit nicht steigt, stellt die Polizei eine zunehmende Verrohung fest. Polizeirat Harald Groß:

"Die Auseinandersetzungen, so haben wir das Gefühl, werden brutaler geführt. Früher war es gut, wenn jemand am Boden lag, heute wird noch meistens zugetreten. So hatten wir auch einige Fälle mit schwersten Kopf- und Gesichtsverletzungen. Das könnte man sagen, das ist ein Trend."

Auszüge aus den Polizeiberichten der letzten Monate in Saarbrücken.

"Am vergangenen Samstag wurde in den frühen Morgenstunden ein Mann nach vorangegangener Provokation von einer circa siebenköpfigen Gruppe vor einer Saarbrücker Diskothek massiv körperlich angegriffen. Das Opfer musste mit schweren Kopfverletzungen in einem Saarbrücker Krankenhaus notoperiert werden."

Auf das Opfer, einen 35-jährigen Tunesier, war am Boden liegend eingetreten worden. Als Tatverdächtige hat die Polizei einen 21-jährigen Serben und einen 21-jährigen Deutschen jugoslawischer Herkunft festgenommen.

"Am Freitagabend gegen 22:45 Uhr kam es in der Reichstraße zu einem Messerangriff auf einen 18-jährigen Afghanen."

Gegen den Täter, einen 21-jährigen Syrer, hat die Staatsanwaltschaft Saarbrücken Haftbefehl erlassen. Sie wertet die Tat als versuchtes Tötungsdelikt.

Delikte mit Messern sollen deutschlandweit erfasst werden

Im Juni dieses Jahres forderte der baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl (CDU) Konsequenzen, weil in Südwestdeutschland die Straftaten, bei denen Messer im Spiel waren, deutlich zugenommen hätten. Baden-Württemberg gehört zu den wenigen Bundesländern, die das Tatwerkzeug Messer seit wenigen Jahren gesondert erfassen. Das Land zeigt sich auch deshalb alarmiert, weil immer mehr Jugendliche zum Messer griffen und die Zahl der Tatverdächtigen aus dem Kreis der Zuwanderer gestiegen sei. Bundesweite Vergleichszahlen fehlen jedoch, weil es bislang kein einheitliches Erfassungssystem zu Delikten mit Stichwaffen gibt. Das soll sich ändern. Die Innenminister der Länder haben kürzlich den Aufbau einer entsprechenden Datenbank beschlossen.

Um Mitternacht, bevor das Partygeschehen losgeht, beginnt die Saarbrücker Polizei damit, die Straße, die in die Innenstadt führt, zu verjüngen. Ein Beamter steht an der Engstelle und wählt die Fahrzeuge aus.

"Man versucht, sich die Leute anzuschauen, und dann muss man eine Entscheidung treffen, wen ich rausnehme. Es sind natürlich sehr viele Franzosen, ob ich richtig liege, müssen die Kollegen dann ..."

Die Kollegen stehen ein paar Meter weiter.

"Guten Abend, Führerschein - und Motor bitte mal ausmachen."

In dieser Nacht wird eine Reihe Jugendlicher, überwiegend junge Franzosen mit Ordnungsstrafen belegt, weil sie sich nicht ausweisen können.

Umdenken nach Köln 2015

Lange Zeit machte die Polizei auch keine Angaben zur Staatsangehörigkeit der Tatverdächtigen. Im Hinblick auf die Tat sei es sekundär gewesen, argumentiert Polizeirat Harald Groß. Aber die Ereignisse der Silvesternacht von Köln 2015, die massiven sexuellen Übergriffe gegen Frauen, die nach Angaben der Ermittlungsbehörden überwiegend von jungen Männern aus Algerien und Marokko verübt worden sind, hätten einen Paradigmenwechsel eingeleitet.

"Man hat das vorher nicht gemacht. Aber man möchte jetzt aber auch nicht so dastehen, als würde man etwas verheimlichen wollen. Und in dem Gesamtkontext würde es dann auch so erscheinen, die Polizei verschweigt willentlich Dinge. Das wollen wir natürlich auch nicht. Das ist ein Umdenkungsprozess gegenüber früheren Jahren, das muss man sagen."

Überdies sei die mediale Aufmerksamkeit zu Fragen der inneren Sicherheit enorm gestiegen. Dem müsse die Polizei Rechnung tragen. Die Sicherheitslage habe sich verändert. Und die Gesellschaft müsse bereit sein, einen Prozess in Gang zu setzen, um das Selbstwertgefühl der überwiegend jungen Zuwanderer zu stärken, sagt Sozialwissenschaftler Dominic Kudlacek.

"Ich glaube, wir sind jetzt in einer Phase des Übergangs. Die Prävention muss so aufgebaut sein, dass wir nicht in 15, 20, 25 Jahren Probleme haben, dass wir nicht in 25 Jahren eine Gruppe in der Gesellschaft haben, die quasi abgehängt ist und sich ihre eigenen Regeln macht. Wir sehen teilweise sehr schlechte Entwicklungen in Frankreich, auch in Belgien. Ich denke an die Banlieues, da sind Strukturen entstanden, die man mit ein bisschen Prävention in drei, vier Jahren nicht aus der Welt schafft."

Positives Integrationsprojekt an einem Berufsbildungszentrum

170 Schülerinnen und Schüler mit Fluchtbiografien werden am Berufsbildungszentrum im saarländischen Merzig unterrichtet. Sobald ihr Deutsch ausreicht, werden sie aus den Sprachklassen in gemischte Klassen integriert. Leon ist Klassensprecher einer 11. Klasse und sieht in der gemischten Unterrichtsform nur Vorteile.

"Weil man sieht, dass das Gegenüber auch einfach nur Menschen sind."

Leon zeigt auf Abi, einen syrischen Klassenkameraden.

"Er will Kfz-Mechaniker werden, das will ich später auch machen, er hat das gleiche Ziel wie ich."

Überdies zeigt sich Leon von den Lernfortschritten seiner Mitschüler beeindruckt.

"Die Jungs, was ich echt sagen muss, haben positive Entwicklungen gemacht. Also von den Deutschkenntnissen bin ich teilweise sehr beeindruckt, weil Deutsch ist eine schwere Sprache. Und die Jungs haben das relativ schnell gelernt. Vor drei Jahren, als er zu mir in die Klasse kam, hat er kein Wort Deutsch gesprochen, jetzt kann er sich sehr, sehr gut verständigen. Ich bezweifele, dass ich in der Zeit Arabisch gelernt hätte."

Gezielte Bildung für Geflüchtete 

Das Berufsbildungszentrum Merzig hat vor fünf Jahren damit begonnen, Geflüchtete zu unterrichten. Inzwischen wurde die Schule bereits mehrfach für ihre Integrationsarbeit ausgezeichnet. Die Improvisation zu Beginn sei inzwischen Professionalität gewichen. Die Schule habe Forderungen gestellt, an den Schulträger, den Landkreis wegen zusätzlicher Räume, und an das Bildungsministerium, um flexibel auf die stetig wachsende Zahl geflüchteter Schüler reagieren zu können, erinnert sich Schulleiter Andreas Heinrich.

"Wir haben externe Sprachförderlehrkräfte, wir dürfen die Klassen differenzieren, wir haben kleine Klassengruppen, wir haben auch die Möglichkeit, von Lehrplänen abzurücken - dann kann es schon funktionieren."

Sowohl nach innen…

"… auch im Kollegium…"

… als auch nach außen habe dieses Konzept zu Beginn verteidigt werden müssen, so Heinrich. Aber inzwischen seien die Fragen, ob das alles nötig sei, verstummt.

"Aus diesen Fragen ist, sowohl bei der Ministeriumsseite bei der Schulaufsicht als auch beim Schulträger, der ja die Kosten zu tragen hat, mittlerweile eine respektvolle Position geworden. Dass die sehen, dass wir eine ganz wichtige gesellschaftliche Arbeit leisten und dass es auch eine Erfolgsstrategie für unsere Schule ist."

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