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Ladenhüter als Hoffnungsträger

Bahntechnik. - Der Transrapid gehört zu den ehrgeizigsten Projekten deutscher Ingenieurskunst - und scheint doch zu einer Existenz als Mauerblümchen verdammt zu sein. Eine kleine Denkfabrik will die Magnetschwebebahn jetzt als Lösung für die gewaltigen Verkehrsprobleme Großbritanniens ins Spiel bringen.

Von Sönke Gäthke |
    "Ich fuhr einmal von Manchester nach London. Plötzlich hielt der Zug, direkt neben einer Römerstraße, einem Kanal aus dem 18. Jahrhundert und der Autobahn M 1. Wir hielten vier Stunden lang! Die langsamen Kanalboote überholten uns! Da war mir klar, dass es eine technische Lösung für das Transportproblem geben muss. Und dass es sich dabei um den Transrapid handelt."

    Alan James, Leiter des Ultraspeed-Projekts. England leidet unter einem großen wirtschaftlichen Ungleichgewicht: Während London boomt und zu den konkurrenzfähigsten Zentren der Welt zählt, sind der Norden Englands und Schottland weit zurückgefallen. Und der Graben zwischen den Regionen vertieft sich jedes Jahr weiter . Genau das will Alan James verhindern. Den Hebelpunkt dafür sieht er im Verkehrswesen.

    "Das Kernproblem ist, dass Städte wie Manchester oder Leeds für die weltweite Wirtschaft von Heathrow aus nur schwer zu erreichen sind. Derzeit dauert die Fahrt von London fast genauso lang wie der Flug von New York nach London."

    Die Magnetschwebebahn, die hier in Lathen noch ihre Runden zwischen Kühen und Bauern zieht, soll künftig die Innenstadt von London und den Flughafen Heathrow mit Birmingham, Liverpool, Manchester, Yorkshire, Newcastle, Edinburgh und Glasgow verbinden. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes wären alle größeren Städte des Nordens untereinander und mit London direkt verbunden. Im Zehn-Minuten-Takt. James:

    "Eine Fahrt mit der Bahn von Manchester nach London dauert immer noch zweieinhalb Stunden, obwohl die Strecke gerade erst für mehrere Milliarden Pfund renoviert wurde. Der Transrapid bräuchte nur fünfzig bis fünfundfünzig Minuten. Wir verändern damit die wirtschaftliche Basis in England."

    Die Wirtschaftsräume Schottlands, Nord-Englands und Londons sollen durch die schnelle Bahnverbindung regelrecht verschmelzen. Unternehmen hätten eine schnelle Verbindung zum Flughafen Heathrow; ein Wechsel vom Flughafen von Liverpool nach Manchester würden zehn Minuten dauern - eine völlig neue Zusammenarbeit der Flughäfen wäre möglich. Und Angestellte könnten im billigeren Norden wohnen und nach London zur Arbeit pendeln.

    Eine schöne Vision. Aber das muß sie nicht bleiben: Denn anders als in Deutschland sind die Voraussetzungen für einen Erfolg von Ultraspeed in England deutlich besser. Erstens gibt es kein etabliertes Hochgeschwindigkeitsnetz auf der Insel. Zweitens sind die Transportprobleme so groß, dass die Regierung handeln muß, erklärt Chris Green vom Railway Forum.

    "Vor vierzig Jahren wurden vierzig Prozent aller Gleise stillgelegt. Nach einem Schrumpfprozess fahren wir heute wieder gleich viele Reisende, gleich viel Fracht, die gleiche Zahl an Zügen, und es gibt einfach keinen Platz für Wachstum mehr. Die Krise ist da."

    Ein Hochgeschwindigkeitsnetz würde einen Teil des Verkehrs verlagern und damit Platz für Güterverkehr auf der Schiene schaffen. Dass es sich dabei um den Transrapid handeln muss, hält Chris Green für nicht unbedingt erforderlich:

    "Mir ist es egal, ob eine klassische Eisenbahn gebaut wird oder eine Magnetschwebebahn wenn wir nur mehr Kapazität bekommen. Ich vermute allerdings, dass die Magnetschwebebahn zu viele Risiken birgt weil sie zu neu ist. Vielleicht sollten dieses Experiment doch eher andere Länder wagen."

    Die Regierung in London wird in den kommenden 18 Monaten entscheiden, welches System in England gebaut werden soll: eine konventionelle Hochgeschwindigkeitsbahn oder der Transrapid. Wenn sie sich tatsächlich für den Transrapid entscheiden sollte, hofft Alan James auf einen schnellen Bau der Bahn - dann könnte sie schon zur Olympiade 2012 in Betrieb gehen.