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StartseiteInterviewDRK fordert besseren Zugang zu Hilfsbedürftigen17.12.2016

Lage in AleppoDRK fordert besseren Zugang zu Hilfsbedürftigen

Das Deutsche Rote Kreuz hat mehr Engagement der Staatengemeinschaft für die Menschen in Syrien verlangt. Der Leiter des DRK für internationale Zusammenarbeit, Christof Johnen, sagte im DLF, die Staaten müssten darauf dringen, dass das humanitäre Völkerrecht wieder Geltung erlange.

Christof Johnen im Gespräch mit Jürgen Zurheide

Christof Johnen ist beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) für den Bereich Internationale Zusammenarbeit zuständig (Deutschlandradio / Cara Wuchold)
Christof Johnen ist beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) für den Bereich Internationale Zusammenarbeit zuständig (Deutschlandradio / Cara Wuchold)
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Die Lage der aus Aleppo herausgebrachten Menschen sei dramatisch, erklärte Johnen. Der Zugang zu den notleidenden Menschen werde nicht in dem Maße gewährt, wie es erforderlich wäre. In West-Aleppo gebe es eine Notunterkunft in einer ehemaligen Baumwollfabrik. Dort bemühe man sich um Matratzen für die Geflohenen. Die hygienische Situation in dem Lager sei furchtbar. Es sei zudem kalt und viele Menschen seien traumatisiert. Im gesamten Land seien inzwischen 80 Prozent der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen. 


Das Interview in voller Länge:

Jürgen Zurheide: Die Lage in Aleppo ist mehr als furchtbar. Wir haben es heute Morgen in der Sendung im Gespräch mit Anna Osius erfahren, und das ist das, was man an Meldungen und an Informationen hat. Die Evakuierung ist offensichtlich gestoppt worden. Es gibt immer noch Menschen, die dort leben, und man fragt sich, wie die überhaupt leben können. Über dieses Thema wollen wir reden mit Christof Johnen vom Deutschen Roten Kreuz, den ich zunächst einmal herzlich begrüße. Guten Morgen, Herr Johnen!

Christof Johnen: Guten Morgen, Herr Zurheide!

Zurheide: Herr Johnen, zunächst einmal die Frage, Ihre Informationen bekommen Sie im Moment direkt aus Syrien von Kolleginnen und Kollegen: Wie laufen die Informationsstränge?

Johnen: Das ist richtig. Vor Ort auch in Aleppo sind ja tatsächlich sowohl die Kolleginnen und Kollegen des internationalen Komitees vom Roten Kreuz und natürlich viele Kolleginnen und Kollegen des syrischen Roten Halbmondes, und die versorgen uns eben direkt mit den Informationen von vor Ort

"Es fehlt wirklich an allem"

Zurheide: Was hören Sie, und was haben Sie in den letzten Stunden mitbekommen?

Johnen: Wie Sie schon sagten, die Evakuierung der Menschen aus dem Osten Aleppos stoppt derzeit. Es befinden sich noch viele Menschen im Osten der Stadt. Wie viele es genau sind, wissen wir nicht. Das ist sehr, sehr unübersichtlich, aber die Kollegen des internationalen Komitees vom Roten Kreuz, die seit vielen Jahren in Syrien arbeitet und sehr erfahren ist und jetzt auch mehrfach im Osten der Stadt war, hat ja gesagt, es ist herzzerreißend, was man sieht. Sie hat nie zuvor ein solches Ausmaß von Zerstörung und Elend gesehen, und die Situation für die Menschen, die sich noch im Osten der Stadt aufhalten, wird eigentlich von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag immer schlimmer.

Zurheide: Was können Sie als Hilfsorganisation in diesen Stunden leisten? Können Sie überhaupt etwas leisten?

Johnen: In der weiteren Evakuierung können wir derzeit nichts tun. Wir hoffen, dass wir das bald fortsetzen können, aber wir können natürlich sehr viel tun für die Menschen, die bereits den Osten der Stadt verlassen haben, die sich im Westen der Stadt Aleppo teilweise aufhalten, die teilweise in der Provinz Idlib sich aufhalten und die dort vom Roten Halbmond insbesondere versorgt werden. Die Menschen haben die Stadt, den Osten der Stadt verlassen, im Regelfall, ohne irgendetwas dabei zu haben. Sie haben die Bilder gesehen: Die haben die Kleidung, die sie am Körper tragen, aber die konnten nichts mitnehmen, das heißt, denen fehlt es an allem. Sie sind häufig in einem sehr schlechten Gesundheitszustand. Es ist kalt. Wir machen medizinische Erstversorgung. Der Rote Halbmond stellt Wasser bereit, Lebensmittel. Also wir betreiben quasi Suppenküchen – die Menschen haben ja nichts –, damit sie warme Mahlzeiten bekommen. Es fehlt wirklich an allem.

"Die hygienische oder sanitäre Situation ist einfach furchtbar"

Zurheide: Sie haben gerade schon die Witterungsbedingungen angesprochen: zum Teil Temperaturen um den Gefrierpunkt. Also wie und wo leben die Menschen?

Johnen: Also es gibt eine größere Notunterkunft zum Beispiel in West-Aleppo. Das ist eine ehemalige Baumwollfabrik, also eine baumwollverarbeitende Fabrik, und in den Lagerhallen, in den ehemaligen Lagerhallen, wo die Baumwolle, die Rohbaumwolle gelagert wurde, da leben jetzt die Menschen. Das sind Betonböden oder gestampfte Lehmböden, und wir sind einfach bemüht, zumindest Matratzen zur Verfügung zu stellen, diese großen Hallen etwas zu unterteilen, um ein Minimum von Privatsphäre zu gewährleisten. Wir bauen Latrinen – Sie können sich vorstellen, wenn so viele Menschen dort ankommen, die hygienische oder sanitäre Situation ist einfach furchtbar. Also es ist sehr, sehr schlimm. Und eben immer Gesundheit vor Ort – die syrischen Kollegen haben sogenannte mobile Gesundheitsstationen, die wirklich zu den Menschen hingehen und sie dort notdürftig versorgen.

Zurheide: Wie müssen wir uns das vorstellen – gibt es wenigstens da Zonen der Ruhe, wo die kriegerischen Auseinandersetzungen – die Bilder, die hier bei uns ankommen, handeln ja meistens davon –, wo es wirklich etwas ruhiger ist oder ist dieses Wort ruhiger in dem Zusammenhang ein ganz falscher Begriff?

Johnen: Also an diesen Orten finden keine Kampfhandlungen statt, aber Ruhe ist natürlich relativ. Viele, viele der Menschen sind einfach auch psychisch traumatisiert nach diesen langen und sehr intensiven Kampfhandlungen. Die Bedingungen in den Notunterkünften sind, wie ich es schilderte, sehr schlecht. Die Menschen können dort nicht bleiben. Das ist allenfalls etwas, wo sie sich für wenige Tage aufhalten können, und ich glaube, für die allermeisten Menschen stellt sich die einfache Frage, wie geht es weiter, und wohin geht es weiter.

"Die Perspektive ist leider sehr, sehr düster"

Zurheide: Was können Sie als Hilfsorganisation tun? Sie haben es gesagt: Das ist eine Zwischenstation, wo Sie im Moment helfen können, aber wo ist dann irgendeine Perspektive?

Johnen: Die Perspektive ist leider sehr, sehr düster. Wenn Sie schauen auf die Gesamtbevölkerung Syriens, also die Menschen, die sich noch in Syrien aufhalten, dann ist davon auszugehen, dass mehr als 80 Prozent der Syrer inzwischen auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Es sind weit über sechs Millionen Syrer im Land intern vertrieben, und die meisten von denen leben eben nicht in gut organisierten Camps, sondern die leben in sehr informellen Siedlungen, die leben in Rohbauten. Es ist nicht einfach, diese Menschen zu erreichen, und es ist natürlich für die Menschen, die jetzt aus dem Osten Aleppos gekommen sind, die wissen das auch, also es ist, glaube ich, eine sehr, sehr schwere Entscheidung, und viele Menschen überlegen, ob sie das Land verlassen wollen oder ob sie in andere Teile des Landes gehen wollen, was die Menschen, glaube ich, bevorzugen würden. Die Menschen möchten gerne in ihrer Heimat bleiben.

Zurheide: Ich stelle mir die ganze Zeit die Frage, wie kann man überhaupt so leben? Man braucht Geld, aber man wird keine Arbeit haben. Man muss irgendwas haben, um sich Essen leisten zu können, wenn es das überhaupt gibt, oder sind wir wirklich in der Situation, dass wir sagen müssen, die meisten Menschen, den Großteil der Bevölkerung werden wir von außen unterstützen müssen.

Johnen: Das ist ja bereits jetzt so. Der syrische Rote Halbmond mit Unterstützung des Deutschen Roten Kreuzes, des Internationalen Roten Kreuzes unterstützt bereits jeden Monat viereinhalb bis fünf Millionen Menschen mit Grundnahrungsmitteln, mit Artikeln des täglichen Bedarfs, und das ist wirklich Not- oder das ist Überlebenshilfe, denn genaue Zahlen sind schwierig zu bekommen, aber die Schätzungen gehen davon aus, dass beinahe 60 Prozent aller Menschen in Syrien – und da spreche ich nicht nur von den Regionen, wo der Konflikt gerade sozusagen, wo es aktive Kampfhandlungen gibt –, ca. 60 Prozent der Menschen in Syrien sind arbeitslos. Das heißt, sie haben kein Einkommen, und für die intern vertriebenen Menschen insbesondere, und viele sind das, wenn sie mehrfach vertrieben sind, da gibt es keinerlei wirtschaftlichen Ressourcen mehr."

"Das humanitäre Völkerrecht muss wieder Geltung erlangen"

Zurheide: Ich zögere fast, weitere Fragen zu stellen. Was können wir von außen tun? Natürlich, wir können helfen, aber haben Sie die Unterstützung, die Sie brauchen oder ist das auch schwierig angesichts der Kampfhandlungen?

Johnen: Es ist insbesondere schwierig, in den sogenannten schwer erreichbaren Gebieten. Es leben in Syrien eine knappe Million Menschen in diesen schwer erreichbaren Gebieten. Das sind Stadtteile, Städte, Regionen, wo von den Konfliktparteien kein oder kein regelmäßiger Zugang für humanitäre Hilfe und humanitäre Helfer gewährt wird. Dort ist die Situation sicherlich am dramatischsten. Das ist aber ein Problem wie so vieles, das kann nicht die humanitäre Hilfe lösen. Da müssen die Konfliktparteien und alle Staaten – Verzeihung –, die auf die Konfliktparteien Einfluss nehmen können, müssen darauf drängen, dass das humanitäre Völkerrecht, was die Versorgung der Zivilbevölkerung sichert, dass dieses humanitäre Völkerrecht wieder Geltung erlangt. Wir stehen bereit, wir können viel mehr Menschen besorgen, aber der Zugang zu diesen Menschen wird uns nicht in dem Maße gewährt, wie erforderlich wäre.

Zurheide: Christof Johnen war das vom Deutschen Roten Kreuz mit bedrückenden Informationen zur Lage in Syrien. Danke für Ihre Hilfe und weiter alles Gute für die Arbeit! Danke schön!

Johnen: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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