Montag, 08. August 2022

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Laizismus in Frankreich
Religionsworkshops im Problemviertel

Die Trennung von Staat und Kirche hat in Frankreich seit 1946 Verfassungsrang. Der Verein "Enquete" vermittelt mangels offiziellem Religionsunterricht in Workshops Schulkindern das nötige Wissen zu den Weltreligionen. Auch in dem Problemviertel, aus dem die Charlie-Hebdo-Attentäter kamen.

Von Bettina Kaps | 19.01.2015

    Fünf Symbole stehen auf dem Friedhof Gerliswil, Gemeinde Emmen, für die Weltreligionen Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus, von links
    Fünf Symbole stehen auf dem Friedhof Gerliswil, Gemeinde Emmen, für die Weltreligionen Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus, von links (picture alliance/dpa/Keystone/Urs Fueller)
    Eric Bettancourt unterrichtet Zehnjährige in einer Schule der Pariser Vorstadt Clichy sous Bois. In seiner Klasse hätten sich mehrere Schüler kategorisch geweigert, die Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags einzuhalten, sagte er im französischen Fernsehen:
    "Sie haben gesagt, die Morde seien gerechtfertigt, weil es verboten sei, den Propheten mit Zeichnungen oder Worten zu beleidigen."
    Ähnliches berichtet der Direktor einer Mittelschule in Straßburg: Seine Schüler hätten kein Verständnis für den Laizismus, also die gesetzlich vorgeschriebene Trennung von Kirche und Staat.
    "Für sie haben religiöse Vorschriften Vorrang vor den Regeln unserer Gesellschaft. Da müssen wir ansetzen und handeln. Aber die Schule allein kann es nicht ausrichten. Wir brauchen die Mithilfe von Eltern, Vereinen, Geistlichen."
    Diese Überzeugung vertritt Marine Quenin schon lange. Die junge Frau ist Unternehmerin im sozialen Bereich. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit hat sie vor fünf Jahren den Verein "Enquete" gegründet, was so viel heißt wie Nachfragen, Erforschen. "Enquête" organisiert Workshops, in denen Kinder spielerisch mit den wichtigsten Figuren, Riten, Vorschriften und Festen der drei Weltreligionen, aber auch mit dem Atheismus vertraut gemacht werden.
    An diesem Mittwoch unterrichtet Marine Quenin in einem Sozialzentrum der Stadt Paris. Es liegt in einem Einwandererviertel. In den Straßen sind viele Schwarze, Araber und Asiaten zu sehen. In einem großen Häuserblock ist eine Synagoge untergebracht. Sie würde kaum auffallen, stünden nicht vier Soldaten mit Maschinengewehren davor. Für den Workshop haben sich allerdings nur muslimische Mädchen eingeschrieben, sie sind neun bis zwölf Jahre alt. Marine Quenin fasst den Stoff der vorhergegangenen Stunde zusammen und fragt die Kinder ab.
    "Erinnert ihr euch, wie das heißt: an einen einzigen Gott glauben? Monotheismus. Wie nennt man jemanden, der glaubt, dass Gott nicht existiert? Richtig, das ist ein Atheist, und was sagt er? Sagt er wirklich: Ich weiß nicht, ob ich glaube? Nein, er sagt: Ich glaube, es gibt keinen Gott. Wohingegen ein Gläubiger sagt: Ich glaube, Gott existiert. Kann man beweisen, dass Gott existiert? Oder dass er nicht existiert?"
    Warum es Bilder von Gott nur im Christentum gibt
    Nein, das kann man nicht, sagen die Mädchen. Marine Quenin erzählt jetzt die Geschichte des Patriarchen Abraham, der auch Ibrahim genannt wird, und den Juden, Christen und Muslime als Stammvater betrachten. Dabei unterstreicht sie Gemeinsamkeiten in den Auffassungen der drei Weltreligionen, weist auf Unterschiede hin. Dann zieht sie Puzzleteile aus der Tasche. Die Mädchen legen ein berühmtes Gemälde zusammen. Es ist die Opferszene des Isaak, ein christliches Bild, sagt Marine Quenin.
    "Gibt es solche Bilder bei den Muslimen? Warum denn nicht? Christen dürfen Gott abbilden, in Kirchen seht ihr Bilder und Statuen, aber bei Juden und Muslimen ist das nicht erlaubt. Wenn wir demnächst eine Synagoge und eine Moschee besichtigen, werdet ihr feststellen, dass es dort keine Abbildungen gibt."
    Die Mädchen sind wissbegierig und aufgeschlossen. Genau wie die Jungen, die sie in Grigny unterrichtet, sagt Marine Quenin. Die Vorstadt Grigny ist ein ganz besonders schwieriges Pflaster, dort ist auch einer der drei Attentäter aufgewachsen.
    Quenin und ihre Mitstreiter liefern den Kindern reine Wissenselemente. Sie wollen ihnen damit auch helfen, die Laizität besser zu verstehen, dieses typisch französische Modell, das die Koexistenz der verschiedenen Glaubensauffassungen organisieren soll. Die Gründerin von "Enquete" ist überzeugt, dass die Arbeit des Vereins heute wichtiger ist denn je, weil es die Spannungen in der französischen Gesellschaft verringern kann.
    "Religiöser Analphabetismus führt dazu, dass man die heutige Welt nicht richtig begreifen kann. Der Wissensmangel kann Intoleranz bewirken: Man versteht den Anderen nicht und fühlt sich deshalb von seinen Riten bedroht. In Frankreich wurde noch nie so viel über Laizität gesprochen wie heute, mit viel Unverständnis und vielen Spannungen insbesondere was den Islam betrifft."
    Marine Quenin will erreichen, dass die Ateliers in die Grundschulen Einzug halten, und zwar als Workshop nach dem Unterricht.
    "Religionskunde ist immer noch ein heikles Thema, da braucht es politischen Mut. Aber wir werden sie bekommen, diese Workshops, das ist nur eine Frage der Zeit."
    Homepage des Vereins Enquête  (französischsprachig)