
Genau genommen sind es also vier Landtagswahlen und die Wahl zum Abgeordnetenhaus im Land Berlin, die in diesem Jahr stattfinden. Das Superwahljahr 2026 beginnt am 8. März mit der Landtagswahl in Baden-Württemberg. Schlusspunkt ist die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September. Hinzu kommen Kommunalwahlen in Bayern, Hessen und Niedersachen.
Über mögliche Konsequenzen der Wahlen wird bereits intensiv diskutiert. Unter anderem stehen Folgen für die Arbeit der laut Umfragen eher unbeliebten schwarz-roten Bundesregierung im Fokus. Ein weiteres Debattenthema ist die Rolle, die die AfD künftig in den Ländern spielen könnte – vor allem im Osten. Eine Regierungsbeteiligung der Rechtsaußen-Partei würde die Republik verändern. In Analysen dazu ist von „Kipppunkten“ die Rede. Vor einer Handlungsunfähigkeit der politischen Mitte wurde ebenfalls schon gewarnt.
Erstmals AfD-Landesregierung möglich – mit Folgen
Man müsse davon ausgehen, dass die AfD bei all diesen Wahlen sehr gute Ergebnisse erzielt, sagt der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Bei den ostdeutschen Landtagswahlen könne es dazu kommen, dass die AfD jeweils stärkste Partei wird.
Biebricher weiter: „Dann muss man sehen, ob das tatsächlich dazu reicht, auch zu regieren. Das wird davon abhängen, ob die anderen Parteien es schaffen, Koalitionen zu bilden und ob sie überhaupt ausreichend über Stimmen verfügen.“
Gerade in Sachsen-Anhalt sei es „eine reale Möglichkeit“, dass die AfD regiert. Laut Umfragen erscheint dort eine Minderheits- oder sogar eine Alleinregierung der AfD im Bereich des Möglichen, etwa für den Fall, dass kleinere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern.
Auch in Mecklenburg-Vorpommern ist die AfD Umfragen zufolge schon seit längerer Zeit die stärkste Partei. Doch gerade bei Landtagswahlen hat es in den letzten Jahren öfter noch entscheidende Verschiebungen in den letzten Wochen und Tagen vor dem Wahltag gegeben. Ein Beispiel: Bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl 2022 hatte die SPD einen Monat vor der Wahl noch knapp vor oder gleichauf mit der CDU gelegen. Doch beim amtlichen Endergebnis nach der Wahl betrug der Vorsprung der CDU vor der SPD neun Prozentpunkte.
Abzuwarten bleibt, wie die „Brandmauer“-Debatte in der Union weitergeht, falls in ostdeutschen Landtagen eine Regierungsbildung ohne AfD nicht mehr möglich ist. Der zurückgetretene Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Reiner Haseloff (CDU), bezeichnete die AfD bereits 2024 als „populistische und rassistische Partei mit faschistoiden Elementen“. Doch es sind aus der CDU im Osten auch Stimmen für eine Öffnung zur AfD zu hören.
Der Politikwissenschafter Benjamin Höhne warnt vor Folgen für die gemeinsame Koordination der Länder über Bundesrat oder über die Kultusministerkonferenz, „wenn es dazu kommt, was einige befürchten, dass die AfD Regierungspartei in Sachsen-Anhalt zumindest werden könnte“.

CDU und SPD: Landesregierungen halten oder zurückholen
Die fünf Wahlen in den Ländern sind für die beiden Regierungspartner im Bund allesamt nicht unwichtig – allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten. So schaut die CSU vor allem auf „ihre“ Kommunalwahlen in Bayern am 8. März.
Die Christdemokraten wollen mit ihrem Landesvorsitzenden Manuel Hagel in Baden-Württemberg –aus ihrer Sicht endlich – wieder den Ministerpräsidenten stellen. Seit 2011 ist Winfried Kretschmann Regierungschef im Südwesten. Der 77-jährige Grüne tritt aus Altersgründen nicht wieder an.
Im Nachbarland Rheinland-Pfalz ist die CDU schon seit 1991 in der Opposition. Auch in diesem Bundesland, in dem einst Helmut Kohl regierte, wollen die Christdemokraten die Staatskanzlei zurückerobern.
Umgekehrt geht es für die SPD darum, Rheinland-Pfalz zu verteidigen. Ministerpräsident Alexander Schweitzer hatte erst vor eineinhalb Jahren das Amt von Malu Dreyer übernommen. In Mecklenburg-Vorpommern, wo die SPD seit den 1990er-Jahren regiert, stellt sich Ministerpräsidentin Manuela Schwesig erneut zur Wahl. Ein Machtverlust in diesen beiden Ländern – nach Jahrzehnten der sozialdemokratischen Dominanz – würde die Dauerkrise der SPD weiter verschärfen.
Für die CDU wäre ein Machtverlust in Sachsen-Anhalt ähnlich einschneidend. Seit 2002 stellt sie dort ununterbrochen den Regierungschef. Und in Berlin geht es um die politische Zukunft des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner (CDU), der seit 2023 mit der SPD eine Koalition bildet.
Chancen der kleinen Parteien
Für die Grünen ist es wohl die Landtagswahl in Baden-Württemberg, die besonders heraussticht. Der ehemalige Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir will im „Ländle“ Nachfolger des scheidenden Ministerpräsidenten Kretschmann werden. Das Abschneiden Özdemirs könnte auch Folgerungen für den künftigen Kurs der im Bund oppositionellen Grünen haben: Gilt die realpolitische Linie von Özdemir und Kretschmann parteiintern als Erfolgsfaktor – oder rücken die Grünen mittelfristig doch eher wieder nach links?
In Berlin rechnet sich die Linke Chancen aus, nach Bodo Ramelows Amtszeit als Thüringer Ministerpräsident wieder einen Länderchef zu stellen. Elif Eralp will Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. Denkbar ist in der Hauptstadt laut Umfragen unter anderem ein Bündnis aus Linken, Grünen und SPD.
Und die FDP? Auch ein Jahr nach ihrem Scheitern bei der Bundestagswahl kämpfen die Liberalen weiter ums politische Überleben. Den Umfragen zufolge ist das Überspringen der Fünf-Prozent-Hürde in keinem der fünf Bundesländer sicher – die besten Chancen hat die FDP laut Meinungsforschern in Baden-Württemberg.Das BSW hat zumindest Chancen, bei den beiden Ost-Landtagswahlen den Einzug in die Parlamente zu schaffen.
Auswirkungen auf die Bundesregierung
„Das wird auf jeden Fall kompliziert für die Regierungsparteien“, analysiert der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher. Solche Wahlen hätten „Rückwirkungen auf die Bundespolitik“. Es werde „schwierig“ für Union und SPD, da beide „unter Druck stehen“. CDU und CSU hätten „sehr viele Politikwechsel und Herbste der Reformen“ angekündigt. „Da steht man schon unter Handlungsdruck.“ Und die SPD müsse „ihr Profil zurückgewinnen“, so Biebricher.
Zwei mögliche Szenarien: Wäre die SPD im Bund immer noch bereit, den Sozialstaat zu reformieren, falls sie in mehreren Bundesländern im Jahresverlauf schmerzhafte Wahlniederlagen einstecken muss? Und was würde es mit Kanzler Friedrich Merz (CDU) machen, wenn seine Partei nach den Wahlen in Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und/oder Berlin nicht den Regierungschef in diesen Ländern stellen kann?
Schon jetzt liege die Bundesregierung bei den Zustimmungswerten „weit unten im Keller“, sagt der Politikwissenschaftler Benjamin Höhne und vergleicht sie mit der rot-grünen Bundesregierung des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder (SPD) in ihrer zweiten Legislaturperiode. Rot-Grün endete damals vorzeitig.
Es gebe „ganz viele Baustellen“ für die Regierung Merz – von der angespannten Wirtschaftslage bis zur Rentenreform. „Es braucht einen großen Wurf“, sagt Höhne und rät der Koalition zum mutigen Regieren – auch wenn "Quittungen" bei Landtagswahlen drohen. „Wenn man es weiter verschleppt, wird es ja nicht besser.“






















