Samstag, 02. Juli 2022

Auswirkungen der Corona-Pandemie
Virologin: Dynamik von Infektionen bekannter Viren hat sich verändert

Die Verbreitung von bereits bekannten Viren wie zum Beispiel Grippeviren habe sich durch die Corona-Pandemie verändert, sagte die Virologin Marion Koopmans im Dlf. Diese Muster müsse man erst neu verstehen lernen.

Marion Koopmans im Gespräch mit Christiane Knoll | 17.06.2022

Menschen mit Masken laufen durch die Fußgängerzone Neuhauser Straße am Karlstor in der Innenstadt von München.
Der Aufbau von Immunität sei durch die Corona-Maßnahmen zurückgegangen, besonders bei Kindern, erklärte die Virologin Marion Koopmans im Dlf. Jetzt liefen die Infektionen wieder an und viel mehr Menschen seien dafür erreichbar. (www.imago-images.de)
Marion Koopmans, Direktorin am Institut für Virusforschung der Erasmus Universität Rotterdam und in dieser Funktion auch WHO-Beraterin, sagte im Dlf, dass sich die Dynamik von Infektionen im Zuge der Corona-Pandemie verändert habe. Der Aufbau von Immunität sei durch die Anti-Corona-Maßnahmen zurückgegangen, besonders bei Kindern. Jetzt liefen verschiedene Infektionen wieder an und viel mehr Menschen seien dafür erreichbar. Allerdings ist dies ihrer Einschätzung nach ein vorübergehender Effekt. Es hänge auch davon ab, was Covid im nächsten halben Jahr machen werde und ob wir wegen einer neuen Covid-Welle noch einmal Einschränkungen bräuchten, so die Virologin im Dlf. Das werde auch die Zirkulation der anderen Viren beeinflussen.

Sorge um Zeitpunkt der Grippe-Impfung

Mit Blick auf die Grippe und insbesondere den Zeitpunkt der Impfung macht sich die Virologin allerdings Sorgen: "Wir nutzen die Vorhersagbarkeit des saisonalen Musters, um zu entscheiden, wann wir die Hochrisikogruppen gegen Grippe impfen. Wenn die Jahreszeiten nicht mehr gelten, könnten wir zu spät dran sein mit unserer Kampagne oder sogar zu früh."
Christiane Knoll: Was steckt hinter der Häufung von Infektionskrisen, die wir derzeit beobachten?

Marion Koopmans: All die Maßnahmen, die zur Kontrolle des Coronavirus verordnet wurden, haben die Kontakte reduziert. Ich denke, das ist eine wichtige Erklärung dafür, dass auch weniger andere Viren unterwegs waren. Es kommt aber noch ein zweiter Faktor dazu, und das ist der Aufbau von Immunität. Die Leute stecken sich jeden Winter mit endemischen Viren an. Wenige werden krank. Die Mehrheit aber baut so Immunität auf. Das ist in den letzten zwei Jahren viel weniger passiert, insbesondere nicht bei jungen Kindern. Jetzt läuft das Infektionsgeschehen wieder voll an. Viel mehr Menschen sind erreichbar und das verändert die Dynamik. Ich erwarte, dass es ein vorübergehender Effekt sein wird. Es hängt auch davon ab, was Covid im nächsten halben Jahr machen wird. Brauchen wir wegen einer neuen Covid-Welle noch einmal Einschränkungen? Das wird auch die Zirkulation der anderen Viren beeinflussen.

Studie: Kein Hepatitis-Anstieg im Vergleich zu historischen Zahlen

Knoll: Die Frage, ob wir bei den neuen Ausbrüchen, die wir da jetzt gerade sehen, ob es da mit einem veränderten Virus zu tun haben oder mit anderen indirekten Effekten, die hat sich ja auch gestellt bei den mysteriösen Hepatitis-Fällen, die Kinder betreffen. Da gab es jetzt diese Woche eine Studie aus Israel, die meint, die Fälle im Kern zurückführen zu können auf Covid also. Die Kinder hatten Covid, und das hat die Leber geschädigt. Wie sehen Sie das? Ist die Studie schon so aussagekräftig, dass man das jetzt wirklich dem Sars-CoV-2 Virus zurechnen kann?
Koopmans: Das denke ich nicht. Es war eine kleine Studie mit nur fünf Kindern. Es ist eine der Hypothesen, dass die schweren Hepatitisfälle eine Spätfolge der Coronavirus-Infektion bei Kindern sind, eine weitere Komplikation von Covid, die mit der überschießenden Immunantwort zu tun hat. Sehr selten, aber es kann vorkommen. Die Beweise sind bislang noch nicht schlüssig, und es wird auch schwierig, den Beweis zu führen. Wenn Sie Kinder auf Antikörper testen, werden Sie bei vielen welche finden. Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass sie auch mit der Krankheit in Zusammenhang stehen. Diese Woche ist auch eine große Studie in den USA veröffentlicht worden, die herausfinden wollte, ob es aktuell überhaupt mehr Hepatitisfälle bei Kindern gibt  als in den letzten Jahren. Und sie sehen keinen Anstieg im Vergleich zu den historischen Zahlen.
Vielleicht ist es ein Syndrom, das wir jetzt zur Kenntnis nehmen, das aber immer da war. Und weil wir es jetzt sehen, verknüpfen wir es mit dem Coronavirus. Es wird auch ein anderes Virus damit in Verbindung gebracht, ein Adenovirus, das wir gut kennen. Es verursacht bei Kindern Durchfallerkrankungen. Vielleicht war es während Corona wenig verbreitet und wir sehen jetzt einen Aufholeffekt. Ob das stimmt, ist schwer zu sagen, weil es keine routinemäßige Überwachung dafür gibt. Im Moment ist all das wirklich nur Spekulation.
Eine 3D-Illustration zeigt ein Grippevirus mit den Oberflächenproteinen.
Für Laien auf den ersten Blick vielleicht dem Coronavirus ähnlich: 3D-Illustration eines Grippevirus'. Bereits im Mai 2022 kam es zu einem Anstieg bei den Grippezahlen - ungewöhnlich früh. (imago / Science Photo Library)

"Grippe wird eine Herausforderung"

Knoll: Gibt es andere Viren, bei denen Sie sich Sorgen machen, die sich möglicherweise jetzt anders verhalten könnten als wir das gewohnt sind?
Koopmans: Die Grippe wird eine Herausforderung. Wir nutzen die Vorhersagbarkeit des saisonalen Musters um zu entscheiden, wann wir die Hochrisikogruppen gegen Grippe impfen. Wenn die Jahreszeiten nicht mehr gelten, könnten wir zu spät dran sein mit unserer Kampagne oder sogar zu früh. Wir wissen, dass die Wirkung der Impfung im Laufe des Winters nachlässt, eine sehr späte Grippewelle könnte zum Problem werden. Damit werden die Gesundheitsbehörden zu kämpfen haben. Im nächsten Winter ganz bestimmt, vielleicht sogar noch länger.
Knoll: Es gibt auch ein Virus bei Kindern, das AFM, das polioähnlihce Symptome auslöst, eine Myelitis. Muss man sich da auch größere Sorgen machen?
Koopmans: Die akute schlaffe Lähmung  ist ein Syndrom, das von Enteroviren ausgelöst wird. Sehr selten. Aber wenn es auftritt, dann ist das sehr ernst und es wird verursacht von diesen häufig vorkommenden endemischen Enteroviren. Das Muster ist wieder dasselbe. Wenn auf eine Periode, in der die Kinder dem Virus wenig ausgesetzt waren, wieder eine Phase mit voller Zirkulation folgt, könnten wir höhere Fallzahlen sehen, einfach deshalb, weil die Fälle, die sich  sonst über mehrere Jahre verteilt hätten, jetzt innerhalb kurzer Zeit auftreten. Das ist möglich.
Knoll: Was heißt das in Zahlen? Also womit könnten wir konfrontiert werden?
Koopmans: Das weiß ich wirklich nicht, das Robert-Koch-Institut hat vielleicht Statistiken dazu. Aber noch einmal: Das passiert nicht zwangsläufig. Hier gibt es Unsicherheiten.
Es ist wichtig, nicht die Botschaft zu vermitteln, dass wir jetzt in Schwierigkeiten stecken. Sondern, dass es schwierig wird zur Normalität zurückzukehren. Weil sich die Verbreitung der Viren, von denen wir immer dachten, wie wüssten wie sie sich verhalten, durch die Pandemie beeinflusst wird. Wir müssen das neu lernen. Die Muster neu verstehen. Wie sieht das Infektionsgeschehen im Sommer aus, wie im Winter. Wann intervenieren wir. Dazu braucht es neue Erkenntnisse.

Kontaktbeschränkungen: "Abwägung zwischen Nutzen und Risiko"

Knoll: Das Ganze spielt ja auch rein in die Kritik, die die ganzen Pandemie-Maßnahmen ausgelöst haben. Also es gibt nicht wenige Leute, die argumentieren, wir haben uns mit all den Maßnahmen auch gar nicht unbedingt einen Gefallen getan und vor allem nicht bei den Kindern, die solange jetzt nicht mit den Viren konfrontiert waren und das, was wir eben vorher an Infektionen eingespart haben und verhindert haben, schlägt jetzt zurück.
Koopmans: Ich weiß, dass das eine bestimmte Denkrichtung ist. Aber ich möchte sagen, dass das wirklich eine schwierige Entscheidung war, ob man nun solche Eingriffe wie Kontaktbeschränkungen anordnet. So etwas ist immer eine Abwägung zwischen Nutzen und Risiko und das Risiko, Corona zu bekommen oder auch eine massive Verbreitung des Coronavirus, war die Leitplanke. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die spätere Verbreitung einiger bekannter Viren diese Entscheidung beeinflusst hätten.
Aber wir werden dazulernen. Natürlich gibt es auch Nachteile. Sogar viele Nachteile von Lockdowns und Schulschließungen. Aber was wiegt schwerer? Die Abwägung ist schwierig. Ich denke es lohnt sich, sich die Kritik anzuschauen. Was wir brauchen, sind gute Studien, die klären, wie die Risiken genau aussehen. Denn Kritik zu äußern, ist leicht. Aber es ist wirklich schwer, ohne echte Studien Evidenz zu liefern für die eine Seite oder die andere.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.