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StartseiteThemaWas wir über Langzeitfolgen von Covid-19 wissen23.03.2021

"Long Covid"Was wir über Langzeitfolgen von Covid-19 wissen

Viele Menschen, die mit Corona infiziert waren, leiden auch Monate später an Symptomen wie schneller Erschöpfung und eingeschränkter Leistungsfähigkeit. Welche Spätfolgen können wie lange auftreten, welche Ursachen und Behandlungen gibt es? Wie stark sind Kinder und Jugendliche nun doch betroffen? Ein Überblick.

Eine Frau sitzt mit geschlossenen Augen auf dem Sofa vor ihrem Laptop und hat ihre Hand auf die Stirn gelegt. Symbolbild. (imago / photothek / Thomas Trutschel)
Erschöpfung und Müdigkeit treten teils noch lange nach einer Covid-19-Infektion auf (imago / photothek / Thomas Trutschel)
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In seinem täglichen Corona-Lagebericht weist das Robert-Koch-Institut auch die Zahl der genesenen Personen aus. Derzeit gelten 2,4 Millionen Menschen in Deutschland als "genesen" – also als nicht mehr ansteckend (Stand: 22. März 2021). Einige der in der Statistik auftauchenden Menschen, die eine Covid-19-Erkrankung eigentlich überstanden haben, klagen aber über bleibende Symptome.

Häufig berichten auch jene Menschen von Erschöpfung, Müdigkeit und verminderter Leistungsfähigkeit, bei denen die akute Erkrankung gar nicht schwer verlaufen ist. Diese Spätfolgen einer Corona-Erkrankung werden im Gesamten auch als "Long Covid" bezeichnet.

Mediziner berichten derzeit zudem immer häufiger über besonders gravierende Spätfolgen einer Coronavirusinfektion bei Kindern und Jugendlichen. Beim sogenannten "Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrome" – kurz PIMS – läuft das Immunsystem "Amok" und könne lebensgefährlich für die Jungen und Mädchen werden, sagen Ärzte.

Welche Spätfolgen können auftreten?

Viele Patienten berichten nach einer Covid-19-Erkrankung von ausgeprägter Müdigkeit, die über viele Wochen anhält. Andere klagen über Schmerzen in der Brust oder Muskelbeschwerden. Einige haben neurologische Probleme wie Lähmungserscheinungen, Kopfschmerzen oder Geschmacks- und Geruchsverlust. Was genau auf Betroffene zukommen kann, das ist bislang nur wenig erforscht, allerdings gibt es viele Berichte aus der Praxis.

Ein Pfleger überwacht die Monitore bei einem Patienten auf einer Covid 19 Intensivstation.  (picture-alliance/dpa-Zentralbild/Bodo Schackow) (picture-alliance/dpa-Zentralbild/Bodo Schackow)Was wir über die Gefährlichkeit von Covid-19 wissen 
Das Robert-Koch-Institut meldet jeden Tag neue Fälle von an Covid-19-Verstorbenen. Dass SARS-CoV-2 ein sehr gefährliches Virus ist, wissen wir inzwischen, doch welche Faktoren spielen eine Rolle – und wie tödlich ist das Virus?

"An erster Stelle wird die Fatigue genannt, also die chronische Erschöpfung", sagte Carmen Scheibenbogen, Medizinerin an der Berliner Charité, im Deutschlandfunk. Der aktuelle Wissensstand lasse Parallelen zum postinfektiösen Chronischen Fatigue-Syndrom (CFS) erkennen. Das Syndrom war lange vor Covid-19 bekannt und werde zum Beispiel durch das Epstein-Barr-Virus oder durch Grippeviren ausgelöst.

Bei den allermeisten Betroffenen heile CFS nach einer Corona-Erkrankung innerhalb der nächsten Monate aus. Wenn Herz und Lunge weitgehend in Ordnung seien, brauche man sich auch nicht zu beunruhigen, so Scheibenbogen. Äußerst wichtig sei für alle jene, die an einer Belastungsintoleranz litten, das sogenannte Pacing: "Das heißt, man muss erst mal in den Grenzen dessen bleiben, was einem die Erkrankung momentan vorgibt."

(Arek Adeoye/Unsplash) (Arek Adeoye/Unsplash)Medizinerin Scheibenbogen: Viele Menschen werden chronisch krank sein
Carmen Scheibenbogen ist Leiterin des Chronic Fatigue Centrum an der Charité Berlin. Die Medizinerin empfiehlt, nicht gegen die vorerst eingeschränkte Leistungsfähigkeit anzukämpfen.

Auch Clemens Wendtner, Chefarzt an der München Klinik Schwabing, sagte im Dlf, dass viele Menschen, die die Infektion längst überstanden hätten, weiterhin über Probleme klagten. Neben den am häufigsten genannten Erschöpfungszuständen, verbunden mit einer mangelnden Belastbarkeit im Alltag, seien Einschränkungen der Lungenfunktion, also Kurzatmigkeit insbesondere bei Belastung, eine oft genannte Langzeitfolge. Auch Geruchs- und Geschmacksstörungen könnten noch länger auftreten, aber auch weitere Symptome, die schwer zu greifen seien: "'Brain Fog' ist ein Begriff im englischsprachigen Raum. Die Patienten sind ein bisschen vernebelt, aber auch Depressionen können auftreten."

Viele Patienten würden auch von Symptomen erzählen, die an einem Tag kommen und am nächsten wieder verschwinden, berichtete Hans-Gustav Ljunggren, Immunologe am Karolinska Institut in Stockholm, im Dlf: "Manche beschreiben es als eine Art Achterbahnfahrt. Andere wie einen Adventskalender, bei dem sich jeden Tag eine Tür öffnet und ein neues Symptom zeigt." 

Spätfolgen können ein bis vier Monate nach der Corona-Infektion aufteten. "Da kann schon mal ein bisschen Zeit dazwischen liegen", sagte Jördis Frommhold, im Dlf. Sie ist Chefärztin der Abteilung für Atemwegserkrankung an der Median-Rehaklinik Heiligendamm. Dort hat sie eine Station für Menschen aufgebaut, die an "Long Covid" leiden. "Gelenkschmerzen sind ein typisches Symptom oder Neigung zu schnellem Herzschlag oder zu Blutdruckerhöhung, womit man sonst überhaupt kein Problem hatte, aber auch Haarausfall ist ein ganz häufiges Symptom."

Welche Ursachen haben die Symptome?

Die Ursachen für langwierige Krankheitsverläufe sind noch weitgehend unklar, sagte der schwedische Immunologe Hans- Gustav Ljunggren im Dlf:"Wir wissen noch sehr wenig darüber. Klar ist aber, dass man auch nach anderen Atemwegsinfektionen, die durch Viren oder Bakterien verursacht werden, chronisch krank werden kann. Das ist also nichts, was für Covid-19 spezifisch wäre. Allerdings ist auffällig, dass die meisten Langzeitkranken sehr spezielle Symptome haben und auch von vielen verschiedenen Beschwerden berichten." Denkbar sei auch, dass die betroffenen Personen einfach Schwierigkeiten hätten, die Abwehrreaktionen ihres Immunsystems wieder zu beenden.

Zwei Krankenpfleger in Schutzkleidung auf dem Weg ins Karolinska Institut Stockholm mit einem Patienten (picture alliance/TT NEWS AGENCY/Anders Wiklund) (picture alliance/TT NEWS AGENCY/Anders Wiklund)Langzeitfolgen von COVID-19 - Forscher rätseln über die Ursachen.
Viele Menschen, die eine Infektion mit SARS-CoV-2 hinter sich haben, verzeichneten zunächst einen harmlosen Krankheitsverlauf. Erst in einer Art zweiten Welle folgten schwerwiegendere Symptome. 

Eine Studie aus Deutschland zeigt, dass eine Infektion mit SARS-CoV-2 das Herz-Kreislaufsystem in Mitleidenschaft ziehen kann, auch nachdem die Betroffenen wieder genesen sind.

"Wir gehen also davon aus, dass die Covid-19-Erkrankung den ganzen Menschen betrifft", so Andreas Stallmach von der Post-Covid-Ambulanz in Jena. Anders als anfangs angenommen gleiche die Krankheit nicht einer Lungenentzündung, sondern einer Blutvergiftung: "Bei einer Blutvergiftung, bei einer Sepsis werden alle Organe oder können alle Organe im Organismus geschädigt sein. Das fängt beim Gehirn an, das geht dann zum Beispiel über unsere Fähigkeit zu riechen, zu schmecken."

Mögliche Spätfolgen einer Erkrankung mit SARS-CoV-2 – auch Long Covid genannt – lassen sich offenbar zum Teil auch vorhersagen. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forschungsteam im Fachmagazin "Nature Medicine". In Ihrer Arbeit zeigte sich, dass die Wahrscheinlichkeit für langanhaltende Spätfolgen steigt, wenn bei Corona-Kranken schon in der ersten Infektionsphase mehr als fünf Symptome auftreten.

Untersuchung eines geflüchteten Mannes, der möglicherweise an Covid-19 erkrankt ist, durch einen Arzt von "Médecins du Monde" in der französischen Stadt Toulouse (Picture Alliance / NurPhoto / Alain Pitton) (Picture Alliance / NurPhoto / Alain Pitton)Mediziner Stallmach: Symptome wie nach einer Blutvergiftung
Die Uniklinik Jena hat eine Ambulanz für Corona-Spätfolgen eingerichtet. Denn einige Patienten leiden an Symptomen, die auf Langzeitschäden hindeuten könnten, sagt Andreas Stallmach, Direktor der Inneren Medizin in Jena.

Welche Patienten sind von Langzeitfolgen betroffen?

35 bis 85 Prozent der Covid-19-Erkrankten entwickelten Langzeitfolgen, die von der Lunge ausgehen, aber auch das Herz betreffen können, stellt Chefarzt Clemens Wendtner fest.

Ärzte in Schutzkleidung schauen sich ein Röntgenbild einer Lungenentzündung eines COVID-19 Patient an  (picture alliance/Zoonar.com/Robert Kneschke) (picture alliance/Zoonar.com/Robert Kneschke)Mediziner Wendtner: "Die Genesung kann Wochen, sogar Monate dauern" 
35 bis 85 Prozent der Covid-Erkrankten entwickelten Langzeitfolgen, sagte der Mediziner Clemens Wendtner im Dlf. Oft gingen sie von der Lunge aus, könnten aber auch das Herz, den Geruchs- und Geschmackssinn betreffen. 

In der Post-Covid-Ambulanz in Jena geht Klinikleiter Andreas Stallmach davon aus, dass der Anteil der Patienten, die eine mittelschwere bis schwere Erkrankung haben, mit Langzeitfolgen "sicher in einer Größenordnung von zehn bis 20 Prozent liegt. Das hängt natürlich auch immer davon ab, wie genau Sie hinschauen. Je sorgfältiger Sie sich mit dem Patienten beschäftigen, desto mehr Defizite, desto mehr Schäden identifizieren Sie", sagte Stallmach im Deutschlandfunk Kultur.

Langfristfolgen würden zum einen Patienten treffen, die stationär behandelt und oft auch beatmet werden mussten, so Medizinerin Carmen Scheibenbogen im Dlf. Diese hätten in Folge oft anhaltende Lungenprobleme und oft auch schwere mentale Probleme. Zum anderen gebe es die Patienten, die eher einen milden Covid-19-Verlauf hatten, die aber trotzdem anhaltend viele Symptome haben können.

Insgesamt würden deutlich häufiger Frauen an den Langzeitsymptomen leiden, sagte die Medizinerin: "Autoimmunerkrankungen entwickeln eher die jüngeren oder mittelalten Menschen, und dazu passt auch, dass Frauen sehr viel häufiger betroffen sind, weil Frauen meistens ein aktiveres Immunsystem haben und deswegen auch leichter Autoimmunerkrankungen entwickeln."

Jördis Frommhold von der Median-Rehaklinik Heiligendamm berichtet, unter den Patienten ihrer Long-Covid-Station seien auch viele junge Patienten, die neurologisch-kognitive Probleme bekämen, Leistungsminderungen hätten, "und vor allem auch Patienten, die vielleicht gar nicht im ersten Akutverlauf einen sehr lebensbedrohlichen Verlauf hatten, sondern eher leichte bis mittelschwere Verläufe". 

Im Wesentlichen könne man den Covid-Verlauf oder den Post-Covid-Verlauf in drei Gruppen einteilen, so Frommhold.

Gruppe eins sind Patienten mit milden Akutverläufe, grippeähnlich, die danach auch wieder wirklich gesund sind. "Diese Patienten sehen wir in der Reha in der Nachsorge nicht."

Zur zweiten Gruppe gehörten Patienten, die einen akut sehr schweren, lebensbedrohlichen Verlauf hatten mit langen Intensivstationsaufenthalten. Diese hätten im Vergleich zu anderen Lungenerkrankungen und auch zu anderen Infektionskrankheiten deutlich längere Erholungszeiträume. "Die Rekonvaleszenz-Zeit ist viel, viel länger. Das heißt, sie quälen sich zum Beispiel mit stark eingeschränkter Leistungsfähigkeit, mit Problemen in der Atemmechanik, sie haben eine Schonatmung, neigen zur Hyperventilation. Das ist in dieser Gruppe sehr im Vordergrund stehend."

Die dritte Gruppe mache Jördis Frommhold "persönlich am meisten Sorgen", weil sie "durch die Maschen falle" und der Reha-Bedarf bei dieser Gruppe nicht unbedingt offensichtlich sei. Es handele sich um jüngere Patienten – "im Alter, 20 bis 50 vielleicht" – die einen leichten bis mittelschweren Akutverlauf hatten, ohne Krankenhausaufenthalt, und erst ein bis vier Monate nach der Erkrankung wieder Symptome bekommen. "Diese Symptome sind sehr heterogen." Im Vordergrund stünden Leistungsminderung, "wirklich bleierne Müdigkeit", Fatigue-Symptomatik, aber auch neurologisch-kognitive Einschränkungen, Wortfindungsstörungen, Gedächtnisstörungen, "schon ein bisschen hin zu dementiellen Symptomen, und das ist wirklich sehr beängstigend."

Wie lange können die Symptome andauern?

"Unsere Erfahrung ist, dass es durchaus Wochen, sogar Monate dauern kann", sagte der Mediziner Clemens Wendtner im Dlf. Es gebe Hinweise, dass sich Patienten natürlich auch vollständig wieder erholen und auch in den Arbeitsprozess wieder zurückkehren können. Aber man müsse ein Augenmerk auf die Patienten haben, bei denen es eben chronisch wird. "Wir sprechen davon, wenn Symptome mehr als zwölf Wochen bestehen bleiben, dass es eine Chronifizierung geben kann. Und das sind die Patienten, die wir dann natürlich besonders in den Fokus nehmen sollten von ärztlicher Seite aus."

Auch Andreas Stallmach, Leiter der Post-Covid-Ambulanz an der Universitätsklinik in Jena, entdeckt immer wieder neue Krankheitsbilder, die Monate nach einer Infektion auftreten. 

Eine Schwesterträgt auf einem Flur im besonders geschützten Teil der Intensivstation des Universitätsklinikums Greifswald für Covvid-19-Patienten die Belegung der Betten ein.  (picture-alliance/ZB/Jens Büttne) (picture-alliance/ZB/Jens Büttne)Covid-19-Spätfolgen - Mit Corona leben lernen 
Forscher hoffen, dass die Mehrheit der Bevölkerung spätestens bis zum Herbst durch die Corona-Impfung geschützt werden kann. Doch die Langzeitfolgen einer Corona-Infektion werden Post-Covid-Ambulanzen noch beschäftigen. 

Wie können Menschen mit Langzeitfolgen behandelt werden?

In vielen Städten gibt es sogenannte Post-Covid-Ambulanzen. Deren Vorteil sei, dass Kolleginnen und Kollegen aus ganz unterschiedlichen Bereichen zusammenführen: Neurologen, Psychiater, Internisten, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte und Augenärzte würden hier zusammen arbeiten, so der Jenaer Ambulanzleiter Andreas Stallmach:

"Vom Ablauf sieht es so aus, dass der Patient einen Erstkontakt hat, dass im Rahmen dieses Erstkontaktes eine sehr sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte durchgeführt wird, dass eine sorgfältige körperliche Untersuchung durchgeführt wird, bestimmte Funktionstests eingeleitet werden – also zum Beispiel, wie gut kann sich jemand konzentrieren, aber auch, wie gut arbeitet die Lunge – und dann in Abhängigkeit vom Problem der Patient zum Spezialisten weitergeleitet wird."

"Wir sehen in der Nachsorge, im Reha-Bereich, dass der Bedarf extrem ansteigt, extrem wächst, und erschreckenderweise, dass es nicht nur alte Patienten sind, sondern zunehmend junge Patienten, die dann weitere Symptome entwickeln", sagte Jördis Frommhold im Dlf. Eine Behandlung werde immer schwieriger, je länger sich ein Zustand schon chronifiziert habe. "Gerade was den Bereich Atemmechanik, Schonatmung, Leistungsminderung angeht, das geht häufig Hand in Hand, haben wir wirklich gute therapeutische Ansatzpunkte. Gerade auch wenn eine Fatigue-Symptomatik im Raum steht, müssen die Patienten manchmal lernen umzudenken, andere Strukturen in ihrem Tagesablauf anzuwenden. Das ist ein edukatives Problem, das wir aber auch ganz gut umsetzen können. Schwieriger wird es tatsächlich, wenn die neurologisch-kognitiven Einschränkungen sehr stark sind. Da muss man dann auch manchmal noch neurologische Diagnostik zusätzlich hinzuziehen oder auch spezifische Verfahren, und da ist es schon so, dass manche Patienten auch nicht in ihren alten Beruf und in ihr altes Leben zurück können.

Hilfe für Patientinnen und Patienten mit Covid-19-Langzeitfolgen

Eine Liste der Ambulanzen und Rehabilitationskliniken in Deutschland ist auf der vom Betroffenen-Netzwerk erstellten Website "Covid-19 Langzeitbeschwerden" zu finden.

Darüber hinaus haben sich viele Betroffene und Angehörige in Onlineforen zusammengetan und Selbsthilfeorganisationen gegründet. Eine Liste der Corona-Selbsthilfegruppen hat die Nationale Kontaktstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) zusammengestellt.

Auch Symptome wie Stimmungsschwankungen müsse man ernst nehmen, meint der Münchener Mediziner Clemens Wendtner. Hier sei ein Angebot von Gesprächstherapien wichtig, aber auch Hilfe aus dem häuslichen Umfeld, der Familie und im Freundeskreis, damit "aus so einer Stimmungsschwankung nicht doch mehr entsteht wie eine Depression oder eine Angststörung".

Wie viele Menschen leiden an "Long Covid"?

Den offiziellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts zufolge gelten 2,4 Millionen Menschen in Deutschland als "genesen". Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD) nahm Ende des letzten Jahres an, dass ungefähr zehn Prozent der Infizierten mit "Long Covid" zu kampfen hätten. Das würde bedeuten, 240.000 Menschen seien derzeit von "Long Covid" betroffen. Dies sei eine im ersten Moment sehr hoch wirkende Zahl, doch sie passe zur derzeitigen Studienlage, sagte Post-Covid-Expertin Jördis Frommhold im Dlf.  

Es gebe auch Studien, die von weniger Prozent ausgingen, im Bereich von zwei bis drei Prozent. Allerdings müsse "man da genau hinschauen, welche Patienten die eingeschlossen haben". Das Studien-Design sei maßgeblich. Eine Studie aus Wuhan habe beispielsweise nur Patienten mit schwersten Verläufen im Krankenhaus eingeschlossen. Sie wurden nach sechs Monaten befragt – "ohne weitere Nachsorge, ohne Reha, einfach nachhause, fertig". Von diesen Patienten hatten 76 Prozent weiter Symptome. "Das sind natürlich Zahlen, die klaffen weit auseinander. Deswegen denke ich, mit den zehn Prozent ist das schon nicht ganz unrealistisch", so Frommhold.

Was bedeutet das neuartige "PIMS" für Kinder und Jugendliche?

Mediziner berichten derzeit immer häufiger über besonders gravierende Spätfolgen einer Coronavirusinfektion bei Kindern und Jugendlichen. Beim sogenannten "Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrome" – kurz PIMS  – läuft das  Immunsystem "Amok" und könne lebensgefährlich für die Jungen und Mädchen werden, sagen Ärzte.

Zwei bis vier Wochen nach der Corona-Infektion tritt bei den Betroffenen eine überschießende Immunreaktion auf, wodurch die Kinder und Jugendlichen unter Fieber, instabilem Kreislauf, Hautausschlag am ganzen Körper und Schleimhautentzündungen leiden. Viele Patienten klagten zudem über schwere Bauchschmerzen. Es scheint jedoch gute Behandlungsmöglichkeiten zu geben.

PIMS scheint in Deutschland bei etwa jedem tausendsten mit Corona infizierten Kind aufzutreten. Zwar können auch Kleinkinder an PIMS erkranken, die Mehrzahl der Patienten ist jedoch älter. Oft sind sie zwischen 7 und 10 Jahre alt, immer wieder werden jedoch auch 13-, 16- oder sogar 20-Jährige mit PIMS in die Krankenhäuser eingeliefert.

An der Universitätsklinik Dresden wurde inzwischen ein Register mit PIMS-Diagnosen eingerichtet. Alle Kliniken in Deutschland und Österreich sollen ihre Fälle melden.

Beunruhigende Nachrichten über PIMS-Erkrankungen kommen unterdessen aus den USA. Anders als in Deutschland zählte die US-Seuchenbehörde bereits 33 Todesfälle. Laut dem Dresdner Register konnte die Hälfte der Patienten bereits gesund entlassen werden. Aber bei jedem zehnten Kind bleiben möglicherweise trotz Behandlungsmöglichkeiten dauerhafte Probleme zurück.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

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