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StartseiteThemaWas wir über Langzeitfolgen von Covid-19 wissen23.09.2021

Long CovidWas wir über Langzeitfolgen von Covid-19 wissen

Viele Menschen, die mit SARS-CoV-2 infiziert waren, leiden auch Monate später an Symptomen wie Erschöpfung und eingeschränkter Leistungsfähigkeit. Welche Spätfolgen können wie lange auftreten, welche Ursachen und Behandlungen gibt es? Ein Überblick.

Eine Frau sitzt mit geschlossenen Augen auf dem Sofa vor ihrem Laptop und hat ihre Hand auf die Stirn gelegt. Symbolbild. (imago / photothek / Thomas Trutschel)
Erschöpfung und Müdigkeit treten teils noch lange nach einer Covid-19-Infektion auf (imago / photothek / Thomas Trutschel)
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In seinem täglichen Corona-Lagebericht weist das Robert Koch-Institut auch die Zahl der genesenen Personen aus. Derzeit gelten gut 3,9 Millionen Menschen in Deutschland als genesen – also als nicht mehr ansteckend (Stand: 22. September 2021). Einige der in der Statistik auftauchenden Menschen, die eine Covid-19-Erkrankung eigentlich überstanden haben, klagen aber über bleibende Symptome.

Welche Symptome treten auf?

Nach einer chinesischen Studie, die Ende August 2021 in der Fachzeitschrift "The Lancet" erschien, war fast jeder Dritte auch zwölf Monate nach einer Covid-19-Erkrankung noch kurzatmig, jeder Fünfte fühlte sich noch schlapp, mehr als jeder Vierte litt an Angststörungen oder Depressionen.

Die häufigsten Beschwerden sind Atemnot, ein Druckgefühl auf dem Brustkorb und das Fatigue-Syndrom, also eine schwere Müdigkeit und schnelle Ermüdbarkeit im Alltag. "Ansonsten haben wir Patienten, die immer wieder Fieber haben, Kopfschmerzen, Schlafprobleme oder Konzentrationsstörungen", berichtete Doktor Johannes Kersten, Leiter der Long-Covid-Ambulanz am Universitätsklinikum in Ulm, im Dlf.

Zu den Symptomen von Long Covid zählen aber auch depressive Verstimmungen, Ängste, Freudlosigkeit. Das Problem bei diesen Symptomen besteht laut Kersten darin, dass sie schwer zu trennen sind von sozialen Folgen der Pandemie. "Gerade der soziale Rückzug, der in Zeiten von Lockdown und Quarantäne notwendig ist, hat bei vielen Patienten dazu geführt, dass depressive Beschwerden auftreten. Da ist es nur ganz schwer möglich, die Erkrankung Long Covid von einer normalen Depressionen abzugrenzen."

Symptombild Chronice Fatigue

Viele Beschwerden, die im Zusammenhang mit Long Covid auftreten, erinnern an ein anderes Krankheitsbild, die Myalgische Enzephalomyelitis (ME), auch bekannt als Chronic Fatigue Syndrom (CFS) oder chronisches Erschöpfungssyndrom.

"Der Begriff chronische Fatigue bezeichnet im weitesten Sinne Erschöpfung, aber eine krankhafte Erschöpfung, die nicht erklärbar ist durch eine normale Belastung", erläuterte Carmen Scheibenbogen im Dlf, Leiterin des Chronic Fatigue Centrum an der Charité in Berlin. Und die Fatigue könne einhergehen mit vielen weiteren Symptomen. "Das ist noch nicht automatisch CFS", betont die Forscherin. Charakteristisch an der CFS sei eine Belastungsintoleranz: Patienten können sich kaum noch anstrengen, haben Konzentrationsstörungen und  Muskelschmerzen. "Man kommt oftmals tagelang nicht mehr vom Sofa hoch." Der Fachbegriff hierfür lautet "post-exzeptionelle Malaise". Scheibenbogen zufolge ist sie das Hauptsymptom von CFS. Zugelassene Medikamente gegen CFS gibt es bislang nicht, sagte die Medizinerin im Dlf.

ME/CFS, so die Sammelabkürzung, tritt auch nach anderen Vireninfektionen als der mit dem neuen Coronavirus auf. "Wir vermuten, dass es sich bei Long Covid nicht primär um eine neue Erkrankung handelt, sondern um eine altbekannte Erkrankung, verursacht durch einen neuen Erreger", eben SARS-CoV-2, so der Ulmer Ambulanz-Leiter Johannes Kersten. Schon 2012 bei der Schweinegrippe-Pandemie wie auch bei Erkrankungen durch das Eppstein-Bar-Virus, dem Pfeifferschen Drüsenfieber, seien genau jene Beschwerden bereits beschrieben worden, die man jetzt bei Long Covid sehe, also Müdigkeit, Atemnot, Lungenfunktionsveränderungen. Dementsprechend ist eine These der Experten, dass die Erkrankung ME/CFS bei Covid-19 dem bereits von anderen Virenerkrankungen her bekannten postinfektiösen chronischen Fatigue Syndrome entspricht.


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Welche Ursachen haben die Symptome?

Es gibt verschiedene Erklärungsansätze dazu, welche Ursachen hinter Long Covid stecken. Zum einen nimmt man an, dass es noch Virusbestandteile oder ganze Viren im Körper sind, die eine andauernde Entzündungsreaktion hervorrufen. "Dann gibt es die Gruppe an Patienten, die durch die initiale Covid-19 Erkrankung organische Schäden davongetragen haben", berichtete Johannes Kersten von der Ulmer Long-Covid-Ambulanz im Dlf. Zum Beispiel treten Lungenarterienembolien gehäuft bei Covid-19-Patienten auf. Die Beschwerden davon können lange fortdauern. Ein weiterer Erklärungsansatz für Long Covid sind Entzündungsprozesse, die ähnlich Autoimmunerkrankungen noch fortbestehen können, sagte Kersten. Dafür gibt es zwar erste Ansätze in Laborversuchen, aber noch keine stichhaltigen Beweise.

Welche Patienten sind von Langzeitfolgen betroffen?

Der typische Long-Covid-Patient ist schwer zu beschreiben. Johannes Kersten berichtet, dass in seiner Ambulanz Anfragen von Männern und Frauen jeglichen Alters anfielen. "Statistisch gesehen ist unser durchschnittlicher Patient zwischen 40 und 50 Jahre alt und etwas überwiegend sind es Frauen." Potenziell seien aber alle Bevölkerungsgruppen, alle Altersgruppen, alle Geschlechter von Long Covid betroffen.

Langfristfolgen würden zum einen Patienten treffen, die stationär behandelt und beatmet werden mussten, sagte Medizinerin Carmen Scheibenbogen im Dlf. Diese hätten in Folge oft anhaltende Lungenprobleme und oft auch schwere mentale Probleme. Zum anderen gebe es die Patienten, die eher einen milden Covid-19-Verlauf hatten, die aber trotzdem anhaltend viele Symptome haben können. Insgesamt würden deutlich häufiger Frauen an den Langzeitsymptomen leiden, sagte die Medizinerin: "Autoimmunerkrankungen entwickeln eher die jüngeren oder mittelalten Menschen, und dazu passt auch, dass Frauen sehr viel häufiger betroffen sind, weil Frauen meistens ein aktiveres Immunsystem haben und deswegen auch leichter Autoimmunerkrankungen entwickeln."

Das bestätigt auch Clara Lehmann, Leiterin des Infektionszentrums der Uniklinik Köln. In einer Kohortenstudie hat sie mit ihrem Team 1.000 Genesene untersucht und festgestellt, dass Frauen doppelt so oft betroffen waren wie Männer. Zum anderen stellten die Mediziner fest: Eine geringe Anzahl an Antikörpern gegen Covid (IGG) begünstigt das Auftreten von Long-Covid-Symptomen. Und: Etwa 15 Prozent der Patienten, die einen ambulanten milden Verlauf hatten, haben nach acht Monaten weiterhin Beschwerden.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Professor Christine Falk, Leiterin des Instituts für Transplantationsimmunologie an der Medizinischen Hochschule Hannover und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, zeigte sich im Dlf erstaunt darüber, dass Long Covid inzwischen bei Patienten mit eigentlich leichten Covid-19-Verläufen häufig zu beobachten sei. Das Immunsystem nimmt ihr zufolge auch bei leichteren Fällen einen härteren Kampf auf und kann dabei nachhaltig verändert werden. "Die Zusammensetzung der weißen Blutkörperchen hat sich in solchen Fällen mehr verändert, als wir das gedacht hätten", beobachtete Falk. Man gehe davon aus, dass fast zehn Prozent der Long-Covid-Patienten zu den eigentlich leichten Covid-19-Fällen gehören. Darunter sind "vor allem Frauen, vor allem Frauen unter 55 Jahren". Diese zeigten ein spezielles, sehr komplexes Long-Covid-Geschehen, das mit dem Chronic Fatigue Syndrom verknüpft sei. 

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Johannes Kersten zufolge gibt es aktuell nur Therapieansätze, die noch unter klinischer Prüfung stehen. Zugelassene Medikamnte gibt es nicht "und das wird es auch auf absehbare Zeit wahrscheinlich nicht geben", so Kerstens Einschätzung. In vielen Städten gibt es Post-Covid-Ambulanzen. Neurologen, Psychiater, Internisten, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte und Augenärzte würden hier zusammen arbeiten, berichtete der Jenaer Ambulanzleiter Andreas Stallmach im Dlf

Eine Behandlung werde immer schwieriger, je länger sich ein Zustand schon chronifiziert habe, sagte Long-Covid-Expertin und Chefärztin der Rehaklinik Heiligendamm Jördis Frommhold im Dlf. "Gerade was den Bereich Atemmechanik, Schonatmung, Leistungsminderung angeht, haben wir wirklich gute therapeutische Ansatzpunkte. Schwieriger wird es, wenn die neurologisch-kognitiven Einschränkungen sehr stark sind. Da muss man manchmal noch neurologische Diagnostik hinzuziehen oder auch spezifische Verfahren, und da ist es schon so, dass manche Patienten auch nicht in ihren alten Beruf und in ihr altes Leben zurück können."

Hilfe für Patientinnen und Patienten mit Covid-19-Langzeitfolgen

Eine Liste der Ambulanzen und Rehabilitationskliniken in Deutschland ist auf der vom Betroffenen-Netzwerk erstellten Website "Covid-19 Langzeitbeschwerden" zu finden.

Darüber hinaus haben sich viele Betroffene und Angehörige in Onlineforen zusammengetan und Selbsthilfeorganisationen gegründet. Eine Liste der Corona-Selbsthilfegruppen hat die Nationale Kontaktstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS) zusammengestellt.

Es gibt allerdings erste Versuche, die Folgen von Long Covid mithilfe von Medikamenten zu lindern. Erfolgreich war das etwa in einem individuellen Heilverfahren, berichtet Bettina Hohberger im Dlf. Sie ist Fachärztin an der Augenklinik des Universitätsklinikums Erlangen und war an einem Heilversuch einer Forschungsgruppe der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg beteiligt. Den genauen Mechanismus des Medikaments kenne man noch nicht, so Hohberger. Das müsse nun weiter mit klinischen Studien untermauert werden. Darüber hinaus berichtete die Internistin Beate Jaeger im Dlf von einem Blutwäsche-Verfahren im Blick auf Long-Covid.

Die Bundesregierung unterstützt mit einem weiteren Programm die Erforschung der Langzeitfolgen von Covid-19-Erkrankungen. Für zehn Forschungsvorhaben werden insgesamt 6,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Sie befassen sich unter anderem mit Behandlungsansätzen. Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagte am 23.9.2021 in Berlin, sehr viele Patientinnen und Patienten litten auch Wochen oder Monate nach ihrer Erkrankung noch an Symptomen, unabhängig von der Schwere des Krankheitsverlaufs. Es brauche fundierte Erkenntnisse, wie den Menschen bestmöglich geholfen werden könne.

Hand im Schutzhandschuh hält ein Röhrchen mit einer Blutprobe. (Imago / Cerrophotography) (Imago / Cerrophotography)Blutwäsche als mögliche Therapie bei Long-Covid
Ein Verfahren der Blutwäsche, eingeführt unter dem Begriff H.E.L.P.-Apherese, eignet sich unter Umständen auch zur Behandlung von Covid-19-Patienten – so die Internistin Beate Jaeger im Dlf. 

Können Impfungen Long Covid verhindern?

Ein Versuch, der laut Long-Covid-Ambulanzleiter Johannes Kersten in wenigen Studien schon brauchbare Ergebnisse gezeigt habe, sei die Corona-Impfung. Long-Covid-Patienten hätten nach einer Impfung mit den zugelassenen Impfstoffen eine Verbesserung der Beschwerden erreicht. "Das setzt an dem Punkt an, wo man sagt, dass die Long-Covid-Erkrankung durch Virusbestandteile oder noch bestehende Viren im Körper verursacht wird. Dann kann man sich natürlich vorstellen: Wenn das Immunsystem diesbezüglich noch mal gepusht wird, müssten die Beschwerden zurückgehen."

Bei den Studien zur Zulassung der Impfstoffe hat Long Covid keine Rolle gespielt, berichtete zuvor Wissenschaftsjournalist Volkart Wildermuth im Deutschlandfunk. Die Immunologin Akiko Iwasaki von der Yale Universität vermutet, dass eine Impfung auf mehreren Ebenen positiv sein könnte, berichtete Wildermuth: Wenn tatsächlich noch Reste des Virus für Probleme sorgen, stärkt die Impfung die Immunantwort insofern, dass der Erreger endgültig vertrieben werden kann. Sollte aber eine fehlgeleitete Immunantwort verantwortlich sein, dann wirkt die Impfung "wie eine Art Ohrfeige" und rüttelt das System wieder in den Ursprungszustand zurück.

Eine Impfung könnte also für Long-Covid-Patienten sinnvoll sein. Allerdings: Sie scheint nur einem Drittel der Betroffenen helfen, zwei Drittel müssten weiter auf symptomatische Therapien und vor allem auf die Zeit setzen, so Volkart Wildermuth. Es gibt mehrere langfristige Forschungsprojekte, die nach neuen Ansätzen suchen, unter anderem die medizinische Rehabilitation nach einer Corona-Erkrankung des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein.

Wie viele Menschen leiden an Long Covid?

Verlässliche, repräsentative Daten zum Anteil der Erkrankten mit Langzeitfolgen liegen laut dem Bundesministerium für Gesundehit (BMG) noch nicht vor. "Möglicherweise haben bis zu zehn Prozent aller Erkrankten mit Langzeitfolgen dieser Art zu kämpfen, schätzt die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP)", so das BMG. Die Zahl der insgesamt bislang an Covid-19 Erkrankten beläuft sich laut RKI auf rund 4,1 Millionen (Stand: 22.9.21)

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