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StartseiteWirtschaft und GesellschaftSchmerzhafte Reformen angekündigt23.11.2015

Machtwechsel in ArgentinienSchmerzhafte Reformen angekündigt

Mauricio Macri, der neue Präsident Argentiniens, wird viel aufzuräumen haben. Es geht um eine grundlegende Umkehr, weg von dem sozialistischen Kurs der Vorgängerregierung. Es drohen weitreichende Maßnahmen: starke Währungsabwertung, Bekämpfung der Inflation, Bekämpfung der Korruption.

Von Michael Braun

Mauricio Macri gewinnt in Argentinien die Stichwahl um die Präsidentschaft  (picture alliance/dpa/David Fernandez)
In Argentinien haben sich viele Schwierigkeiten angesammelt. Der neue Präsident Mauricio Macri wird viel aufzuräumen haben. (picture alliance/dpa/David Fernandez)
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Es sah gar nicht mal so schlecht aus in Argentinien vor der Wahl, auf den ersten Blick jedenfalls nicht. Die Konsumnachfrage stieg, die Volkswirtschaft dürfte dieses Jahr wohl um 0,4 Prozent wachsen. Das ist bei Weitem nicht so viel wie in Chile, Mexiko und Peru, aber deutlich besser als die Schrumpfung um drei Prozent in Brasilien. Doch das schmale Wachstum in Argentinien steht auf schwachem Fundament: Die Regierung hatte vor den Wahlen die Nachfrage angekurbelt, etwa Konsumentenkredite gefördert.

Vertreter eines liberalen Wirtschaftskurses

Dazu gab es strenge Wechselkurs- und Preiskontrollen, um der galoppierenden Inflation Herr zu werden: Offiziell lag sie bei 15 Prozent im ersten Halbjahr, andere Quellen berechneten bis zu 29 Prozent. Auch sonst haben sich in Argentinien viele Schwierigkeiten angesammelt. Mauricio Macri, der 56 Jahre alte neue Präsident, Spross einer der reichsten Familien Argentiniens und Vertreter eines liberalen Wirtschaftskurses, wird viel aufzuräumen haben:

"Es geht hier um eine grundlegende Umkehr, weg von dem sozialistischen Kurs der Vorgängerregierung. Und seinen Ankündigungen folgend, drohen wirklich weitreichende Maßnahmen: starke Währungsabwertung, Bekämpfung der Inflation, Bekämpfung der Korruption. Und insofern steht vieles im Raum."

Sagt Mauricio Vargas, Südamerika-Experte von Union Invest. Hierzulande verbinden sich mit Argentinien vor allem Steakhäuser. Die Landwirtschaft des Landes gilt in der Tat als sehr produktiv: Fleisch, Soja, Weizen, Limonen und Erdnüsse gehören zu den wichtigen Erzeugnissen der Landwirtschaft. Alles Rohstoffe, die derzeit unter eher gesunkenen Preisen leiden. Hinzu kommt, dass Brasilien für ein Viertel des argentinischen Außenhandels steht, dessen Wirtschaft aber schrumpft.

Brasilien hat ein höheres Gewicht an der Weltwirtschaft

Dass Brasilien hier dennoch bekannter als Argentinien ist, hängt damit zusammen, dass VW dort schon seit 1953 Autos baut und verkauft, ThyssenKrupp dort Milliarden in einem Stahlwerk versenkt hat, BASF im Lande produziert und viele andere deutsche Unternehmen auch. Von der Fußball-WM ganz zu schweigen. Hinzu kommt Brasiliens Größe. Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt der DZ Bank:

"Brasilien ist einmal eines der BRIC-Länder, also medial natürlich viel stärker beachtet als Argentinien, hat auch ein viel höheres Gewicht an der Weltwirtschaft, wobei die strukturelle und politische Situation eigentlich genauso schlecht ist, wie es in Argentinien vor der Wahl war."

Der Sieg wirkt dünn

Argentinien war dagegen vor allem als schlechter Zahler bekannt. Die Staatspleite 2001 hatte zu einer verlustreichen Umschuldung geführt. Mit Altschuldnern, die daran nicht teilgenommen hatten, hatte sich Argentinien voriges Jahr verkracht. Das sollte der neue Präsident schnellstens klären, meint Analyst Vargas:

"Die Märkte gehen davon aus und erhoffen sich eine schnelle Einigung der argentinischen Regierung mit den sogenannten holdouts, also den Altschuldnern. Diese Hoffnung ist durchaus begründet, weil Mauricio Macri angekündigt hatte, möglichst schnell eine Einigung zu erzielen. Und das ist auch in seinem originären Interesse, weil das würde wiederum ermöglichen, dass man sich am Kapitalmarkt wieder mit frischem Geld versorgen könnte."

Das hat freilich Kehrseiten. Die Abwertung der überbewerten Währung des Landes verteuert die Importe, was die Inflation antreibt, sich in andere schmerzhafte Reformen einfügt. Mauricio Macris Sieg mit 51,4 Prozent der Stimmen wirkt dünn, weil die Freude darüber schnell verzehrt werden wird.

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