Mittwoch, 13.11.2019
 
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Margit Reiter „Die Ehemaligen“

In der österreichischen Nachkriegszeit blieben viele überzeugte Nationalsozialisten ihrer Gesinnung treu und fanden eifrige Nachfolger. Margit Reiter zeigt in ihrem Buch zum ersten Mal NS-Kontinuitäten von 1945 bis in die heutige FPÖ auf.

Von Angela Gutzeit

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Margit Reiter - "Die Ehemaligen. Der Nationalsozialismus u. die Anfänge der FPÖ" (Verlag Wallstein / picture alliance / APA / picturedesk.com / Roland Schlager)
Wie viel Nationalsozialismus steckt in der FPÖ? Dieser Frage geht die Historikerin Margit Reiter nach. (Verlag Wallstein / picture alliance / APA / picturedesk.com / Roland Schlager)
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In Österreich hat man sich sehr lange schwer getan mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und seines Fortwirkens über 1945 hinaus. Und erst jetzt, muss man sagen, konnte mit Margit Reiters Buch "Die Ehemaligen" eine Forschungslücke geschlossen werden, die solide wissenschaftliche Erkenntnisse bietet zur Sammlung alter und neuer Nazis nach Kriegsende - zunächst im Verband der Unabhängigen, kurz VdU, und dann in der FPÖ. Anders als man es vom Titel her vermuten würde, hat die Historikerin damit eine Studie von hoher Aktualität vorgelegt. Nicht nur wegen der bevorstehenden Nationalratswahl in Österreich, die durchaus eine Neuauflage der sogenannten schwarz-blauen Regierung von ÖVP und FPÖ ermöglichen könnte. Ibiza-Skandal hin oder her.

Margit Reiters sorgfältige Recherchen belegen, und das ist der eigentliche Gewinn bei der Lektüre dieses Buches, dass der Rechtsextremismus und die Regierungsbeteiligung der FPÖ in Österreich nicht als ein möglicherweise vorübergehendes Phänomen im Aufwind des europaweit grassierenden Populismus zu betrachten ist. Der Rechtsextremismus in Österreich hat vielmehr seit dem Austrofaschismus der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts eine feste Basis in der Bevölkerung und eine fast bruchlose ideologische und zum Teil auch personelle Kontinuität.

Der Begriff "Die Ehemaligen", der dem Buch von Margit Reiter den Titel gab, galt in Österreich im Kreis der Nationalsozialisten als eine Art ehrenvolle Auszeichnung.

"Ein Teil von ihnen passte sich der neuen politischen Situation an und schloss sich den Großparteien ÖVP und SPÖ an. Die besonders ‚Gesinnungstreuen‘ unter ihnen grenzten sich jedoch von diesen vermeintlichen ‚Opportunisten‘ strikt ab und formierten sich zunächst im VdU und später in der FPÖ. Diese ehemaligen Nationalsozialisten, die auch nach 1945 ihren Überzeugungen mehr oder weniger treu geblieben sind, werden in Österreich allgemein als die ‚Ehemaligen‘ bezeichnet. Sie bewegten sich in einem gemeinsamen sozialen und politischen Milieu, das trotz aller Heterogenität über Jahre und Jahrzehnte und Generationen hinweg eine unverbrüchliche Erfahrungs-, Gesinnungs- und Erinnerungsgemeinschaft darstellte. Der VdU und im noch größeren Ausmaß die FPÖ fungierten als die parteipolitischen Repräsentanten dieses ‚Ehemaligen‘-Milieus."

Entnazifizierung im Schnelldurchlauf

Der Verband der Unabhängigen wurde 1949 von Herbert Alois Kraus und Viktor Reimann gegründet, diente als Sammel- und Auffangbecken für Nazis, die wieder aktiv werden wollten, und war sofort in ihrem Gründungsjahr auch wieder im Parlament vertreten. Ihre Aufgabe sah die Partei in der Aufrechterhaltung der sogenannten deutschnationalen Wertegemeinschaft und der Rehabilitierung von ehemaligen NS-Funktionsträgern bis zu Kriegsverbrechern. Es ist atemberaubend zu lesen, wie schnell ihnen gerade Letzteres gelang. Und zwar mit Hilfe von Kirchenvertretern und den beiden Großparteien ÖVP und SPÖ.

Die sogenannte Entnazifizierung war nach wenigen Jahren abgeschlossen. Die Kontrollinstanz der Alliierten entfiel Mitte der 50er Jahre. Auch Schwerstbelastete wurden aus den Lagern entlassen. Der damalige sozialdemokratische Bundespräsident Theodor Körner begnadigte neben anderen sogar den blutrünstigen Gestapo-Mann Johann Sanitzer. "1955 saßen nur noch 12 Personen in Strafanstalten ein", schreibt Margit Reiter. Und bis auf ein paar tatsächlich vollstreckte Todesurteile gelang den meisten Alt-Nazis die Rückkehr in Berufe und auf Posten bei vollen Bezügen.

"Die anfängliche klare Distanzierung der Parteien vom Nationalsozialismus schwächte sich jedoch bald ab, und bereits in den ersten Nachkriegsjahren setzte ein Wettlauf um die künftigen Wählerstimmen der ehemaligen Nationalsozialisten ein. Bereits in den ersten Nachkriegsjahren fanden viele frühere Nationalsozialisten in der ÖVP und in der SPÖ ihre politische Heimat."

Der spezifisch österreichische Tätertypus

Am erfolgreichsten waren bei dieser Wähler-Rekrutierung allerdings der VdU und die 1955/1956 von Anton Reinthaller gegründete Freiheitliche Partei Österreichs. An die Archive dieser beiden Parteien kam die Historikerin, wie sie schreibt, nicht ran. So sichtete sie Redebeiträge von Protagonisten, Mitteilungsblätter nationaler Vereine, Publikationen aus dem Umfeld der Parteien. Aber es gab auch Glücksfunde wie unter anderem den des noch unbearbeiteten Nachlasses von Alt-Nazi Anton Reinthaller. Reinthaller konnte eine lückenlose Karriere vorweisen vom NS-Minister bis zum ersten Obmann der FPÖ. Er verkörpert damit "einen spezifisch österreichischen Tätertypus", wie Margit Reiter schreibt, "der hier erstmals eingehend vorgestellt wird".

Das gehört zu den großen Stärken dieser Studie: Die genaue Nachzeichnung von Lebensläufen sowie von Diskrepanzen zwischen öffentlicher und nichtöffentlicher Rede. Sie offenbaren, dass die FPÖ immer schon keinerlei Hemmungen zeigte, auch Protagonisten aus dem extrem rechten Spektrum zu integrieren und dass der Antisemitismus nach wie vor zum "fixen Argumentationspotential" dieser Partei gehört. Auch wenn ihr Obmann Jörg Haider die Partei zu modernisieren, das heißt, den veränderten politischen Diskursen und Feindbildern anzupassen wusste.

"Sie entwickelte sich im Laufe der 1990er Jahre von einer kleinen deutschnationalen Kernpartei zu einer zunehmend erfolgreichen rechtspopulistischen und österreichisch-patriotischen Partei. Der Nachfolger Haiders, Heinz-Christian Strache, der in seiner Jugend in der Neonazi-Szene aktiv war, setzte diesen Kurs fort."

Unverhüllter Rechtsextremismus

Heutige Verbindungen dieser Partei zu deutschnationalen Burschenschaftlern wie zur Identitären Bewegung sind nachgewiesen. Islamfeindliche, aber eben auch nach wie vor aggressive antisemitische Attacken sind nachlesbar. In der FPÖ-nahen Zeitschrift "Aula" beispielsweise wurden sogar noch im Jahr 2015 die befreiten jüdischen Häftlinge des KZ Mauthausen als "Landplage" und "Kriminelle" diffamiert, wie Margit Reiter schreibt. Eine bis heute wirksame Strategie, den Holocaust zu verharmlosen. Die 2018 eingestellte FPÖ-nahe Publikation hat vor wenigen Monaten, wie Margit Reiter noch nicht verzeichnen konnte, eine Nachfolgerin gefunden: "Freilich. Magazin für Selbstdenker" – so der Titel. Das Selbstdenken täte angesichts dieses Buches auch den beiden Großparteien gut, um endlich zu erkennen, mit wem sie da seit der Nachkriegszeit bis heute immer wieder gemeinsame Sache machen.   

Margit Reiter: "Die Ehemaligen. Der Nationalsozialismus und die Anfänge der FPÖ",
Wallstein Verlag, 392 Seiten, 28 Euro.

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