Andruck - Das Magazin für Politische Literatur / Archiv 16.01.2017

Martin Luther KingDie Reden eines wortgewaltigen PredigersVon Katja Ridderbusch

Martin Luther King am 28. August 1963 in Washington, D. C. winkt den Demonstranten zu. (AFP )Martin Luther King am 28. August 1963 in Washington, D. C. (AFP )

Martin Luther King, der in den 60er-Jahren die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung anführte, gilt bis heute als Ikone des Freiheitskampfes. Einige seiner späten Reden sind jetzt zum ersten Mal auf Deutsch erschienen – und sie zeigen eine bislang weniger bekannte Seite des wortgewaltigen Baptistenpredigers.

"I have a dream that one day on the red hills of Georgia, the sons of former slaves and the sons of former slave owners ..."

Eine Rede, die zur Legende wurde: Mit seiner Utopie von Rassengleichheit und sozialer Gerechtigkeit festigte Martin Luther King am 28. August 1963 vor 200.000 Menschen in Washington seine Rolle in der Geschichte: als visionärer Pazifist und tapferer Streiter für zivilen Ungehorsam.

"I have a dream today!"

Die Edition Nautilus hat jetzt eine Sammlung von - zumindest in Deutschland - weniger bekannten Reden des schwarzen Bürgerrechtlers und Friedensnobelpreisträgers herausgebracht, kreativ und schwungvoll illustriert von der Kunststudentin Nora Prinz. Es ist die bislang einzige Zusammenstellung von Martin-Luther-King-Reden auf dem deutschsprachigen Markt.

"Gefährlichster Mann in Amerika"

Mit dieser Auswahl der Reden aus den Jahren 1967 und 1968, den letzten beiden Lebensjahren Kings, gelingt es, das Bild des Baptistenpredigers aus Atlanta zu differenzieren, zu ergänzen, teilweise auch geradezurücken. So schreibt der deutsch-bulgarische Schriftsteller Ilija Trojanow im Vorwort:

"Wer nun diese Reden [...] aufmerksam liest, wird feststellen, dass Martin Luther Kings Vorstellung von Emanzipation weit über das Erkämpfen der Bürgerrechte für eine Minderheit hinausreichte und seine Idee des zivilen Ungehorsams viel mehr war als nur ein Mittel des Protests."

Vielmehr, so Trojanow weiter, zeige sich King in seinen späten Reden als...

"...der zunehmend vereinsamte Streiter für eine grundlegende Lösung der sozialen Konflikte, ein zunehmend radikaler Verfechter einer umfassenden Umwälzung der Gesellschaft. Das FBI titulierte ihn zeitweise als 'den gefährlichsten Mann in Amerika'."

Bürgerrechtler und Sozialreformer

Fünf Reden sind in dem Sammelband veröffentlicht. Kings Ansprachen, teilweise in neuer Übersetzung, sind erstaunlich aktuell. So könnte seine Rede über "Jugend und soziale Aktion", gehalten im kanadischen Rundfunk im Dezember 1967, auch eine Analyse der Protestbewegung "Black Lives Matter" sein, die seit 2013 gegen Polizeigewalt und Rassendiskriminierung kämpft.

"Es ist ein neuer Zug von erbitterter Feindschaft und verwirrtem Zorn darin, der darauf schließen lässt, dass es um lebenswichtige Fragen geht."

Spaltung der Protestbewegung

Martin Luther King als radikaler Sozialreformer - dieses politische Profil gewinnt in den ausgewählten Reden immer stärker an Kontur, zum Beispiel in Kings Ausführungen über "Gewaltlosigkeit und sozialen Wandel":

"Die Enteigneten dieses Landes - die Armen, Weiße wie Schwarze - leben in einer grausam ungerechten Gesellschaft. Sie müssen einen Aufstand gegen diese Ungerechtigkeit organisieren, und zwar nicht gegen das Leben der Menschen, die ihre Mitbürger sind, sondern gegen die Strukturen [...]."

In der Chronologie der späten Reden wird auch deutlich, wie tief gespalten die schwarze Protestbewegung der 60er Jahre über Mittel und Wege des Freiheitskampfes war - und wie sehr diese lähmende Situation King frustriert hat:

"We must all learn to live together as brothers, or we will all perish together as fools."

Wir alle müssen lernen, wie Brüder zusammenzuleben, sagt King im März 1968. Andernfalls werden wir als Narren gemeinsam untergehen.

Historische Reden mit aktueller Gültigkeit

Und er macht noch eine weitere Feststellung - ungewohnt direkt und lakonisch:

"Die traurige Wahrheit ist, dass Rassismus für die überwiegende Mehrheit der weißen Amerikaner ein Lebensgefühl ist", heißt es in der Übersetzung. Und die traurige Wahrheit ist auch, dass Kings Feststellung knapp 50 Jahre später wenig von ihrer Gültigkeit verloren hat.

Literarisches Kleinod auf den zweiten Blick

Die letzte Rede in dem Band ist auch die letzte Rede in Kings Leben, Titel: "Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen." Er hielt sie am 3. April 1968, dem Tag vor seiner Ermordung, vor streikenden Müllmännern in Memphis, Tennessee. Nach einem kompromisslosen Plädoyer für Gewaltlosigkeit wirft er einen Blick in die Zukunft, der noch heute schaudern lässt:

"Nun, ich weiß nicht, was jetzt geschehen wird. Schwierige Tage liegen vor uns. Aber das macht mir jetzt wirklich nichts aus. Denn ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen. [...] Wie jeder andere würde ich gern lang leben. Langlebigkeit hat ihren Wert. Aber darum bin ich jetzt nicht besorgt. Ich habe das Gelobte Land gesehen. Vielleicht gelange ich nicht dorthin mit euch. Aber ihr sollt heute Abend wissen, dass wir, als ein Volk, in das Gelobte Land gelangen werden."

"Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen": Der Sammelband mit den späten Reden von Martin Luther King ist ein literarisches Kleinod auf den zweiten Blick; scharfsinnig und brandaktuell zwischen den Zeilen einer bisweilen antiquiert ausufernden Sprache; kraftvoll vor allem deshalb, weil die Reden bis auf das Vorwort unkommentiert bleiben, für sich selbst stehen. Ein Buch, das zeitlos ist und doch zum genau richtigen Zeitpunkt erscheint.

Martin Luther King: "Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen. Reden" 
Edition Nautilus, 112 Seiten, 24 Euro.

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