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StartseiteKalenderblattSchmerzhafter Stachel in Polens kollektivem Gedächtnis03.04.2015

Massaker von KatynSchmerzhafter Stachel in Polens kollektivem Gedächtnis

Heute vor 75 Jahren begann das Massaker von Katyn an polnischen Offizieren. Es gehört zu einer Serie von Massenmorden, die von Diktator Stalin befohlen wurden. Jahrzehntelang leugnete die UdSSR-Führung die Taten. Erst 1990 räumte Michail Gorbatschow die sowjetische Verantwortung ein und entschuldigte sich beim polnischen Volk.

Von Volker Ullrich

Gedenkstätte für die Opfer des Massenmords von Katyn. Eine polnische Flagge und eine rote Rose stecken an einer Mauer mit eingravierten Namen. (imago/stock&people/newspix)
Gedenkstätte für die Opfer des Massenmords von Katyn. (imago/stock&people/newspix)
Weiterführende Information

Zweiter Weltkrieg - Katyn im Blick der historischen Forschung
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 16.03.2015)

Was wusste Roosevelt von Katyn?
(Deutschlandfunk, Europa heute, 10.09.2012)

Späte Genugtuung
(Deutschlandfunk, Europa heute, 25.10.2011)

Die polnische Wunde
(Deutschlandfunk, Andruck - Das Magazin für Politische Literatur, 04.04.2011)

Anfang April 1940 notierte Boleslaw Jakubowicz, ein im sowjetischen Lager Kosielsk internierter polnischer Offizier, in sein Tagebuch:

"Die Transporte dauern an (...) Keiner weiß, wohin sie uns diesmal bringen."

Weniger Tage später wurde auch Jakubowicz deportiert und in einem Wald bei dem russischen Dorf Katyn, 20 Kilometer westlich von Smolensk, erschossen - einer von über 4.400 polnischen Offizieren, die hier zwischen dem 3. April und 19. Mai 1940 den Schergen des sowjetischen Geheimdienstes NKWD zum Opfer fielen.

Symbolort für Stalins Verbrechen an den Polen

Katyn - der Name ist zum Symbol geworden für die Verbrechen des Stalinregimes an der polnischen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg. Am Anfang stand der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939, in dessen geheimen Zusatzprotokoll sich Hitler und Stalin auf die Aufteilung Polens verständigt hatten. Am 17. September, zweieinhalb Wochen nach Beginn des deutschen Überfalls, rückte die Rote Armee in Ostpolen ein. 250.000 Soldaten der polnischen Armee gerieten in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Während die meisten von ihnen bald frei kamen, wurden 14.700 Offiziere und Staatsbeamte ausgesondert und auf drei Lager in der Sowjetunion verteilt - Kosielsk bei Smolensk, Starobielsk bei Charkow und Ostaschkow bei Kalinin. In diesen Lagern richtete das NKWD ein Spitzelsystem ein, um die Ansichten der Gefangenen auszuspionieren. Am 5. März 1940 legte Geheimdienstchef Berija Stalin einen Bericht vor:

"Die kriegsgefangenen Offiziere und Polizisten in den Lagern versuchen, ihre konterrevolutionären Aktivitäten fortzusetzen und antisowjetische Agitation zu betreiben. Sie alle warten nur darauf, freizukommen, um sich aktiv am Kampf gegen die Sowjetmacht zu beteiligen."

Berija schlug die "Höchststrafe: Tod durch Erschießen" vor. Noch am gleichen Tag unterzeichneten Stalin und die Mitglieder des Politbüros das Todesurteil.

Im Juni 1941 begann die Wehrmacht den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Viele Monate später, Ende März 1943, förderten Grabungen im Wald von Katyn die Leichen der polnischen Offiziere zutage. Am 13. April brachte der Großdeutsche Rundfunk die erste Nachricht über den grausigen Fund.

"Jeder einzelne der von der GPU umgebrachten Offiziere der ehemals polnischen Armee wurde durch Genickschuss ermordet (...) Zahlreiche Sachverständige für Gerichtsmedizin sind an der Arbeit, um alle Einzelheiten dieses furchtbarsten Verbrechens der Weltgeschichte aufzuklären."

Goebbels wollte das Massaker für eine Hetzkampagne nutzen

Von Anfang an war Propagandaminister Goebbels entschlossen, aus der Entdeckung Kapital für seine Hetzkampagne gegen den "jüdischen Bolschewismus" zu schlagen. Wochenlang fütterten Presse und Rundfunk das Publikum mit immer neuen Details. Doch die Propaganda verfehlte ihr Ziel. Die Westalliierten hüllten sich in Schweigen, weil sie die Anti-Hitler-Koalition nicht gefährden wollten.

"Wir müssen Hitler schlagen, dies ist nicht der Augenblick für Streitereien und Anschuldigungen."

Versicherte der britische Premier Winston Churchill dem russischen Botschafter in London. In der deutschen Bevölkerung wiederum lösten die Berichte über Katyn ganz unerwartete Reaktionen aus:

"Wir haben kein Recht, uns über die Maßnahmen der Sowjets aufzuregen, weil deutscherseits in viel größerem Umfang Polen und Juden beseitigt worden sind."

Solche Äußerungen registrierte der Sicherheitsdienst der SS im Frühjahr 1943 überall in Nazi-Deutschland. Sie zeigen, wie verbreitet das Wissen um die Verbrechen von SS und Wehrmacht war. Die sowjetische Gegenpropaganda versuchte denn auch, die Deutschen für das Massaker von Katyn verantwortlich zu machen. Auch noch Jahrzehnte nach Kriegsende war sie bemüht, die Wahrheit zu vertuschen. Erst im Oktober 1990 räumte Michail Gorbatschow die sowjetische Verantwortung ein und entschuldigte sich beim polnischen Volk. Zwei Jahre später ließ sein Nachfolger Boris Jelzin dem polnischen Präsidenten Lech Walensa die bislang streng geheimgehaltenen Dokumente überreichen, welche die Täterschaft Stalins und seiner Komplizen zweifelsfrei belegten. Im April 2010 gedachten die Ministerpräsidenten Russlands und Polens, Wladimir Putin und Donald Tusk, erstmals gemeinsam der Opfer des Verbrechens. Dennoch ist Katyn bis heute ein schmerzhafter Stachel im kollektiven Gedächtnis der Polen geblieben.

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