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StartseiteKalenderblattLenins Blamage in Kronstadt28.02.2021

Matrosenaufstand vor 100 Jahren Lenins Blamage in Kronstadt

Als sich am 28. Februar 1921 in Kronstadt nahe St. Petersburg Matrosen gegen die bolschewistische Diktatur erhoben, um ausgerechnet mit der Parole der Oktoberrevolution "Alle Macht den Räten!" zu fordern, war das peinlich und gefährlich für die Parteispitze um Lenin. Er antwortete schnell und brutal.

Von Bert-Oliver Manig

Ein Schwarzweiß-Foto zeigt Barrikaden und dahinter verschanzte Kämpfer und Rauchschwaden   in einem Straßenzug von Kronstadt während des dortigen Matrosenaufstands 1921 (picture-alliance / akg-images )
Straßenkämpfe während des Kronstädter Matrosenaufstands 1921 / (picture-alliance / akg-images )
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Seit dem späten Zarenreich war die russische Marinefestung Kronstadt, auf einer Insel vor Petersburg gelegen, eine Hochburg des Aufruhrs und des politischen Radikalismus. An der Machtergreifung der Bolschewiki im Oktober 1917 hatten Kronstädter Matrosen wesentlichen Anteil. Im anschließenden Bürgerkrieg kämpften viele von ihnen an vorderster Front gegen die monarchistischen Weißen Garden. Ein Propagandalied besang den revolutionären Eifer der Matrosen:
 
"Matrosen von Kronstadt"
"Vorwärts an Geschütze und Gewehre
Auf Schiffen, in Fabriken und im Schacht
tragt über den Erdball, tragt über die Meere
Die Fahne der Arbeitermacht"

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Doch nach dem Sieg im Bürgerkrieg wuchs der Unmut über das diktatorische Regime der Bolschewiki. Überall im Land herrschten Misswirtschaft, Willkür und Hunger. Auch in Kronstadt stieß die brutale Ausplünderung der Bauern durch Armee und Partei auf Kritik, zumal viele Matrosen vom Land stammten. Einer von ihnen erinnerte sich:

"Während des Krieges waren die Vorgänge in der Heimat durch die Zensur der Bolschewiki vor uns verschleiert worden. Doch als wir nun nach Hause zurückkehrten, fragten uns unsere Eltern, warum wir für die Unterdrücker kämpften. Das brachte uns zum Nachdenken."

Nichts konnte den Bolschewiki ungelegener kommen

Im Februar 1921 solidarisierten sich die Kronstädter Matrosen mit streikenden Arbeitern im benachbarten Petrograd. Mehr noch: Sie stellten offen das Herrschaftsmonopol der Bolschewiki in Frage. Am 28. Februar 1921 beschloss die Mannschaft des Schlachtschiffs Petropawlowsk 15 Forderungen, deren wichtigste lautete:

"Da die gegenwärtigen Sowjets nicht den Willen der Arbeiter und Bauern repräsentieren, fordern wir unverzügliche und geheime Neuwahlen mit Agitationsfreiheit für alle Arbeiter und Bauern. Wir verlangen Rede- und Pressefreiheit für alle Arbeiter, Bauern, anarchistische und linkssozialistische Parteien."

Nichts konnte den Bolschewiki ungelegener sein, als ausgerechnet von den Matrosen an die Parole von 1917: "Alle Macht den Räten!" erinnert zu werden. Die Parteiführung entsandte einige hohe Funktionäre nach Kronstadt, um die Neuwahl des Arbeiter- und Soldatenrates abzuwenden. Doch der drohende Ton ihrer Reden und Gerüchte über anrückendes Militär heizten den Oppositionsgeist nur weiter an. Am 2. März 1921 wurden auf einer Versammlung von 300 Delegierten aller Schiffe und Betriebe die Regierungsvertreter spontan in Arrest genommen und ein fünfköpfiges Provisorisches Revolutionskomitee gewählt.

Lenin beauftragte Trotzki mit der Niederschlagung

Die Kronstädter wiegten sich zunächst in der Illusion, eine allgemeine Erhebung im ganzen Land stehe bevor. Doch tatsächlich hatte die Regierung die Streikbewegung in Petrograd und Moskau bereits unter Kontrolle gebracht. Auf dem am 8. März in Moskau eröffneten Parteitag der Kommunistischen Partei tat Lenin den Matrosenaufstand als Machenschaft von Reaktionären und ausländischen Agenten ab. Zuvor hatte er Kriegskommissar Leo Trotzki mit der raschen Niederschlagung beauftragt, solange die Newabucht noch zugefroren und Kronstadt somit ohne den Schutz des Meeres war.

Am 18. März fiel die Stadt nach hartem Kampf in die Hände der Regierungstruppen. Hunderte Gefangene wurden erschossen, Tausende auf persönlichen Befehl Lenins in die berüchtigten Straflager am Weißen Meer gebracht, wo ein Teil in sadistischer Manier in Fesseln ertränkt wurde. Etwa 8.000 Aufständische entkamen aus Kronstadt über das Eis nach Finnland. Viele ließen sich später mit Amnestieversprechen zurück in die Heimat locken und wurden in Arbeitslager deportiert.

Tücke und Brutalität waren nicht die einzige Antwort der Parteiführung auf die Revolte von Kronstadt. Auf dem Parteitag gab sich Lenin selbstkritisch:

"Wir wissen, dass nur eine Verständigung mit der Bauernschaft die sozialistische Revolution in Russland retten kann. So wie es bisher war – dieser Zustand ist nicht länger haltbar!" 

 Wladimir Iljitsch Lenin auf einem Podest, er spricht a, 5. Mai 1920 auf dem Swerdlow-Platz (ehem. Theaterplatz) in Moskau zu Soldaten der Roten Armee vor deren Abmarsch an die Front im Russisch-Polnischen Krieg; rechts auf den Stufen der Tribüne stehend: Leo Trotzkij (vorn) und Lew Kamenew (digital koloriert) (picture alliance/akg-images/Grigori Petrowitsch Goldstein) (picture alliance/akg-images/Grigori Petrowitsch Goldstein)Zum 150. Geburtstag Lenins - Das Ende eines Mythos
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Die nun eingeleitete Rückkehr zu marktwirtschaftlichen Mechanismen in Landwirtschaft und Handel war allerdings nicht mit politischer Liberalisierung verbunden, im Gegenteil. Die Unterdrückung oppositioneller Gruppen wurde verschärft und auch innerhalb der Kommunistischen Partei wurde jegliche Fraktionsbildung verboten. Nach der Niederwerfung des Kronstädter Aufstandes sollte es noch 70 Jahre dauern, bis in Russland das Herrschaftsmonopol der kommunistischen Parteiführung abgeschafft werden konnte.

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