Dienstag, 05. Juli 2022

Herbert Genzmer: „Liquid“
Maybrit Illner und die Flüssigchips

Dass Chips heimlich in den menschlichen Körper eingepflanzt werden, ist nicht erst seit der Pandemie eine verbreitete Phantasie. In Herbert Genzmers Thriller "Liquid" wird sie Wirklichkeit.

Von Dorothea Dieckmann | 20.05.2022

Herbert Genzmer: "Liquid"
Herbert Genzmer: "Liquid" (Portraitfoto: Simon Erath / Cover: Solibro)
Wir schreiben das Jahr 2029. Innenministerin ist AfD-Frau Beatrix von Storch. Doch ihre Macht ist begrenzt: Wie alle Politiker ist sie Erfüllungsgehilfin des Finanzkapitals, skrupelloser Antidemokraten wie dem Chef der Deutschen Bank, der einem Staatssekretär ins Gesicht sagt:

„... tun Sie bitte nicht so naiv, als wenn es tatsächlich die Politiker wären, die in einer Gesellschaft wie der unseren die Entscheidungen herbeiführen, dass ich nicht lache!“

Die dunklen Pläne, die in diesen Kreisen ausgeheckt werden, verkaufen alternde Ex-Medienstars dem Volk als Segen – Leute wie Stefan Raab und Maybrit Illner. Damit erschöpft sich die Satire in „Liquid“, dem „Thriller“ genannten Polit-Roman und, wie es heißt, 35. Buch von Herbert Genzmer, denn schließlich geht es um einen Kampf zwischen Gut und Böse. Böse ist besagtes Großkapital, flankiert von der berüchtigten US-Sicherheitsfirma Blackwater; auf der guten Seite stehen die Heldin Madeleine, der Bürgerinitiativen-Gründer Richard sowie – man höre und staune – ein mexikanisches Drogenkartell in Person des Massenmörders El Olmeca. Und was ist jetzt das Problem? Mischen wir uns unter das Publikum, das einem Vortrag von Richard lauscht:

„Er blickte mit dramatischem Gesichtsausdruck auf seine Zuhörer und sah, dass sie gebannt waren und ihm voll konzentriert zuhörten.“

 Flucht zum Drogenboss

Richard kämpft gegen die Abschaffung des Bargelds. Er weiß, dass der „Feind“ nur ein Ziel kennt,

„den transparenten, den gläsernen, den vollkommen kontrollierten Bürger.“

So weit, so unoriginell. Wie dieses Ziel erreicht werden soll, erfährt Richard von Madeleine. Die in den USA arbeitende Wissenschaftlerin ist unwissentlich an der Entwicklung eines flüssigen Chips beteiligt, der als Geldkarte fungieren soll. Einmal in den menschlichen Körper implantiert, erfasst er jedoch darüber hinaus alle Daten seines Wirts und vernetzt sie mit der Zentrale. Nach einer abenteuerlichen Flucht enthüllt Madeleine ihre Entdeckung dem Drogenboss, der ein eigenes Interesse am Fortbestand des Bargelds hat. Zugleich nimmt sie Kontakt zu Richard auf. Schon am Telefon gesteht sie romantische Gefühle:

„‚Wir sollten facetimen’, rief sie. ‚Darf ich ganz offen sein’, fügte sie nach kurzer Pause an: ‚Sie gefallen mir auf den Bildern, die ich gesehen habe!’ Mit weit aufgerissenen Augen schlug sie sich die Hand vor den Mund. Zu weit gegangen, blitzte es ihr durch den Kopf, das hätte sie nicht sagen sollen. ‚Verdammt!’ flüsterte sie unhörbar.“

Geimpft und erfasst

Auch die von ihr geposteten Selfies verfehlen ihre Wirkung nicht. Bevor der Distanzflirt zum, wie es einmal heißt, „erfolgreichen Ergebnis“ führt, gibt eine Hochwasserkatastrophe dem Feind die Möglichkeit zum Zuschlagen. Der Ausnahmezustand wird genutzt, um die Bevölkerung gegen vorgeblich im Wasser vorhandene Keime zu impfen, vulgo den liquiden Chip einzupflanzen. Es ist an Madeleine, den Betrug beim Namen zu nennen:

„‚Ihr seid lückenlos und vollkommen eingegliedert! Noch der letzte Bewohner der abgelegensten Hallig, ihr Idioten, die ihr glücklich an eure Rettung glaubt, ist bald geimpft und erfasst, und dann wird das neue System flächendeckend umgesetzt. Ihr werdet es erleben! Wehrt euch, solange ihr könnt!’“

 So schließt ein seitenlanger innerer Monolog, der die fiesen Tricks der herrschenden Kräfte vor den Lesern ausbreitet – und das, während die Heldin „sprichwörtlich auf glühenden Kohlen aber in Wirklichkeit mit stechenden Schmerzen in den Händen und bei schneidender Kälte in ihrem Schlauchboot hockte, dessen Inneres sich zusehends mit Wasser füllte“, denn hier, zwischen Glut und Flut, befindet sie sich auf ihrem finalen Rettungseinsatz.
Das Ende ist offen, doch bleibt die Hoffnung, dass der Drogenboss, dessen Bluttaten ausführlich geschildert wurden, den netten Rebellen zum Erfolg verhilft, die ob dieser Kooperation seltsamerweise keine Skrupel hegen.

Groteske Stilblüten

Irritierend ist auch, dass die in den Coronajahren geschriebene, um nicht zu sagen: heruntergeschriebene Räuberpistole die Verschwörungstheorie bedient, nach der bei den Impfungen heimlich Chips injiziert würden. Allerdings: Es ist das gute Recht der Fiktion, die Idee durchzuspielen. Trotzdem behaupten Klappentext und Autorkommentar, es gehe in „Liquid“ nur um das Bargeldproblem. Warum das Versteckspiel? Eine gut erfundene, gut geschriebene Version dieser Dystopie läse man gern. Genzmer aber liefert eine mühselig mit Action aufgepeppte Story voll Redundanzen und innerer Widersprüche, mit stereotypen Charakteren, peinlichen Klischees und dilettantischen Erzählmustern wie dem, die Figuren in den unpassendsten Situationen Bekanntes wiederkäuen zu lassen.
Ganz schlimm steht es um die Sprache. Dem Autor mehrerer Bücher zur deutschen Grammatik unterlaufen nicht nur zahllose falsche Konjunktive sowie fehlende Kommata und Anführungszeichen, sondern auch absurde Doppelungen wie „genossene Genüsse“, „ausnahmslose Ausnahmen“, „wieder wiederholte Botschaften“ oder „Informationen aus informierter Quelle“. Groteske Stilblüten finden sich auf fast jeder Seite:
„Richard kniff Collin ein übertrieben zusammengekniffenes Auge.“

„Seine rhetorische Frage wartete keine Antwort ab.“

„Mit Besorgnis stellte sich ihr ein drängendes Problem.“

„Es rollt ein Kopf, der dann hintenrum einen besseren Job zugeschanzt bekommt.“

Vielleicht macht der Autor in seinem 36. Buch einen besseren Job und findet einen Verlag, der den eigenen Job weniger schlampig auffasst.
Herbert Genzmer „ Liquid“.
Solibro Verlag, Münster.  
432 Seiten, 20 Euro.