Dienstag, 24. Mai 2022

Falschbehauptungen und Corona
Sieben hartnäckige Behauptungen über die Pandemie – und warum sie falsch sind

Mit dem Coronavirus haben sich auch viele Falschbehauptungen ausgebreitet. Ob über das Virus, die Impfstoffe, die Zahl der Toten oder die Wirkung der Gegenmaßnahmen - rund um die Pandemie gibt es zahlreiche Mythen. Einige basieren dabei auf Fehlinterpretationen von statistischen Zahlen.

14.01.2022

"Wir werden belogen" steht auf dem Plakat, das eine Frau bei einer Demonstration vor dem Thüringer Landtag in den Händen hält.
Plakat von einer Demo gegen Corona-Maßnahmen (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Martin Schutt)
Sieben Mythen zur Corona-Pandemie:

Behauptung: "Immer mehr Geimpfte stecken sich an. Impfen bringt also nichts"

Selbst eine Booster-Impfung schützt nicht hundertprozentig davor, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Die Impfung senkt aber das Risiko einer Infektion erheblich ab. Leider lässt dieser Schutz im Zeitverlauf nach und die Wahrscheinlichkeit trotz Impfung PCR-positiv zu werden, nimmt zu.
Entscheidend ist: Wer sich trotz Impfung ansteckt, hat ein sehr niedriges Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf im Vergleich zu Ungeimpften. Im Wochenbericht vom 13.1.2022 stellte das RKI erneut fest, dass ungeimpfte Menschen in höheren Altersgruppen und Menschen mit vorbestehenden Erkrankungen von schweren Krankheitsverläufen weiterhin am stärksten betroffen sind. Dass Ungeimpfte stärker betroffen sind, zeigt sich aber in allen Altersgruppen.

Mehr zur Impfung gegen Corona:

Über die Hälfte der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland hat mindestens zwei Impfdosen erhalten. Obwohl Ungeimpfte also den kleineren Teil in dieser Altersgruppe ausmachen, sind die meisten Jugendlichen, die ins Krankenhaus kommen, ungeimpft. Nach Datenstand des RKI vom 12.1.2022 waren 74,8 Prozent der hospitalisierten 12- bis 17-Jährigen ungeimpft.
Bei den älteren Gruppen ist das Bild noch eindeutiger: Nur etwa 20 Prozent der 18 bis 59-Jährigen in Deutschland hat sich bisher nicht zweifach gegen das Coronavirus impfen lassen. Obwohl diese Gruppe also relativ klein ist, treffen 66,4 Prozent der Hospitalisierungen in dieser Altersgruppe Ungeimpfte. Noch deutlicher ist das Bild bei den über 59-Jährigen: Nur zehn Prozent sind dort nicht mindestens zweifach geimpft, diese zehn Prozent sorgen aber für 66,1 Prozent der Krankenhauseinweisungen.
Grafik zeigt die neutralisierenden Antikörper bei Delta, Omikron und Omikron geboostert
Omikron fliegt unter dem Radar der meisten Antikörper, die durch die Impfung entstanden sind. Nur noch ein Bruchteil der Antikörper kann die Viren erkennen und "neutralisieren"'. Ein Booster kann die Zahl der neutralisierenden Antikörper kurzzeitig wieder signifikant erhöhen. (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)
Noch deutlicher wird das Bild bei den Menschen, die an Covid verstorben sind oder auf der Intensivstation behandelt werden müssen: Bei den 18- bis 59-Jährigen sind über 80 Prozent ungeimpft, bei den über 59-Jährigen sind es etwa drei Viertel.
Klar ist: Der Anteil der Geimpften an den Hospitalisierungen und auch den Todesfällen wird weiter zunehmen. Denn mehr und mehr Menschen lassen sich impfen. Angenommen, es wären alle Menschen gegen das Virus geimpft, dann gingen natürlich auch alle Fälle auf Geimpfte zurück. Aber die absoluten Fallzahlen wären dann eben auch deutlich kleiner.

Behauptung: "Es gibt Langzeitfolgen oder -schäden einer Coronaimpfung"

Generell sind bei Impfungen keine Langzeitfolgen bekannt. „Nebenwirkungen, die erst Jahre nach einer Impfung auftreten, sind bei Impfstoffen nicht bekannt“, stellt das Paul-Ehrlich-Institut auf seiner Webseite klar. Das gilt also nicht nur für die Impfstoffe gegen Covid-19, sondern für alle Impfstoffe. Das Paul-Ehrlich-Institut erfasst in Deutschland alle Nebenwirkungen, die nach Impfungen auftreten.
Sehr seltene Impfkomplikationen, die über einen langen Zeitraum, gegebenfalls Jahre, anhalten, sind die absolute Ausnahme, informiert das Paul-Ehrlich-Institut weiter. In solchen Fällen treten die ersten Hinweise schon wenige Monate nach Beginn der Impfungen auf. Ein Beispiel ist die sehr selten aufgetretene Narkolepsie nach der Impfung gegen die Schweinegrippe 2009/2010. Sie stellt eine absolute Ausnahme dar.
Die meisten Nebenwirkungen treten demnach innerhalb weniger Stunden oder weniger Tage nach einer Impfung auf. In seltenen Fällen komme es vor, dass Impfstoffnebenwirkungen erst nach Wochen oder wenigen Monaten auftreten beziehungsweise erkannt werden.
„Was offensichtlich viele Menschen unter Langzeitfolgen verstehen, nämlich dass ich heute geimpft werde und nächstes Jahr eine Nebenwirkung auftritt, das gibt es nicht, hat es noch nie gegeben und wird auch bei der Covid-19-Impfung nicht auftreten“, stellte auch Carsten Watzl von der Deutschen Gesellschaft für Immunologie klar.

Mehr zu Mythen um die Pandemie:

Die Impfstoffe gegen Covid-19 werden mittlerweile seit über einem Jahr eingesetzt*. Ende 2020 gab es die ersten Zulassungen, davor die nötigen klinischen Studien. Da die Impfstoffe inzwischen weltweit milliardenfach verimpft wurden, sind die Nebenwirkungen sehr gut bekannt. Auch sehr seltene Nebenwirkungen konnten aufgrund der hohen Zahlen bereits erfasst werden.
Unter Kenntnis all dieser Daten empfiehlt die Ständige Impfkommission allen über Zwölfjährigen die Impfung und auch entsprechende Auffrischungsimpfungen. Denn der Nutzen der Impfung übertrifft das Risiko von Nebenwirkungen deutlich.

Behauptung: "Die Impfung beeinflusst die Fruchtbarkeit von Frauen"

Nein, keiner der zugelassenen Impfstoffe beeinflusst die Fruchtbarkeit von Frauen. Und auch nicht die von Männern. Das Robert-Koch-Institut führt auf seiner Webseite einige Studien auf, die gezeigt haben, dass sich an der Fruchtbarkeit durch die Impfung nichts verändert.
Das Paul-Ehrlich-Institut hat im Juli 2021 zudem auch Daten dazu ausgewertet, ob die Impfstoffe zu Störungen des weiblichen Zyklus führen können. Nach der Analyse des Instituts haben die zugelassenen Impfstoffe keinen Einfluss auf Zyklusstörungen. Dieses Ergebnis wurde von einer Studie im Fachjournal Obstetrics & Gynecology bestätigt, die am 5.1.2022 veröffentlicht wurde.
Die Forschenden hatten sechs Zyklen von fast viertausend US-Bürgerinnen beobachtet, die Hälfte davon wurde nach Ablauf von drei Zyklen geimpft. Ergebnis: Bei den geimpften Frauen verschob sich der Eintritt der Periode um weniger als einen Tag, die Dauer der Menstruation veränderte sich nicht. Eine solch minimale Änderung sei nicht auffällig, resümierten die Forschenden.

Behauptung: "Omikron hat einen milden Verlauf, man braucht keinen Lockdown"

Tatsächlich deuten die Daten darauf hin, dass Omikron im Vergleich zur Delta-Mutation nicht so oft und nicht so schwere Erkrankungen verursacht. Daraus abzuleiten, dass keine Gefahr besteht, ist allerdings nicht richtig. Insbesondere Ungeimpfte seien trotzdem einem hohen Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs ausgesetzt, betonte der Virologe Christian Drosten am 30.12.2021 im Deutschlandfunk. Das Risiko einer Krankenhauseinweisung sei bei einer Infektion im Vergleich zu Delta für Ungeimpfte aber immerhin um etwa ein Viertel reduziert.
Das individuelle Risiko besteht aber nicht nur aus der zu erwartenden Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verlauf. Da Omikron ansteckender ist als Delta und die Fallzahlen gerade deutschlandweit dramatisch ansteigen, steigt das Risiko, sich anzustecken. Geht man davon aus, dass sich das Risiko einer Ansteckung verdoppelt, dann steigt das Risiko einer schweren Erkrankung insgesamt, obwohl Omikron im Schnitt zu weniger schweren Verläufen führt.

Mehr zur Omikron-Welle:

Neben dieser Betrachtung des individuellen Risikos betonen Experten auch die Gefahren für die Gesellschaft. Aufgrund der sehr schnellen Verbreitung werde es wahrscheinlich trotz der niedrigeren Krankenhausaufnahmerate zu einer sehr hohen Zahl an Patienten kommen, warnte der Corona-Expertenrat der Bundesregierung schon am 19.12.2021 in einer Stellungnahme. Man müsse sich vor Augen führen, dass selbst eine halbierte Krankenhausaufnahmerate innerhalb von einer Verdoppelungszeit wieder wettgemacht werde, betonte auch Christian Drosten am 30.12.2021 im Dlf.
Auch deshalb hatte der Expertenrat der Bundesregierung bereits am 19.12.2021 in seiner Stellungnahme vor einer Gefährdung für die kritische Infrastruktur – nicht nur der Krankenhäuser – gewarnt. Durch eine hohe Anzahl an Ausfällen durch Krankheit oder Quarantäne könnten auch Polizei, Feuerwehr oder andere Grundversorgungen eingeschränkt werden.

Behauptung: "Ein Lockdown bringt nichts"

Menschen, die diese These aufstellen, stützen sich dabei häufig auf den Mediziner John Ioannidis von der Universität Stanford. Dieser hatte zum Anfang des Jahres 2021 mit anderen Autoren eine Studie über die Auswirkungen von Lockdown-Maßnahmen vorgelegt.
Die Studie belegt jedoch nicht, dass Kontaktbeschränkungen keinen Nutzen bringen. „Unsere Studie baut auf die Erkenntnis auf, dass nicht-pharmakologische Einschränkungen die Wachstumsrate der Fälle reduziert“, schreiben die Autoren. Fallzahlen seien dadurch möglicherweise um bis zu 30 Prozent reduziert worden. Harte Maßnahmen wie Ausgangsbeschränkungen oder Geschäftsschließungen haben nach der Analyse des Teams allerdings keinen zusätzlichen Nutzen.
Zu letzterer Erkenntnis merken andere Experten aber methodische Schwächen an. In der Studie werden Länder miteinander verglichen, die in der ersten Corona-Welle unterschiedliche Maßnahmen in Kraft hatten. Dabei seien aber Eigenheiten der Länder, wie die klimatischen Bedingungen, wie viel sich Menschen in Innenräumen aufhalten, wie dicht die Bevölkerung sei und auch die Bereitschaft, sich freiwillig einzuschränken, nicht berücksichtigt worden. Auch verzögert gemeldete Infektionszahlen stellten die Aussagekraft der Studie infrage.
Wissenschaftliche Erkenntnis lässt sich zudem nicht auf eine einzelne Studie beschränken. Sie bildet sich im Zusammenspiel und in der Abwägung der gesamten Studienlage. Und andere Studien, die ebenfalls die erste Corona-Welle untersucht haben, kamen zu anderen Erkenntnissen.
Zu den deutschen Corona-Maßnahmen in den ersten vier Wellen hat ein neunköpfiges Forscherteam des Robert Koch-Instituts am 13. Januar eine Studie publiziert. Ergebnis: Die Impfkampagne und die nicht-pharmazeutischen Maßnahmen, also beispielsweise Kontaktbeschränkungen, haben im Zusammenspiel dafür gesorgt, dass vulnerable Gruppen geschützt werden konnten.

Behauptung: "Deutschland hat härtere Maßnahmen als andere Länder"

Seit Beginn der Corona-Pandemie haben Bund und Länder die Gegenmaßnahmen immer wieder der Lage angepasst und teilweise auch regional variiert. Auch andere Länder haben auf die heimische Infektionslage reagiert. Manchmal hatte Deutschland – oder hatten Teile von Deutschland – dabei im internationalen Vergleich recht strikte Maßnahmen, manchmal waren die Einschränkungen im Vergleich relativ gering.
Im Überblick: Wie andere Staaten die Pandemie bekämpft haben
Die Webseite „ourworldindata“ bietet eine Übersicht über die Härte der Maßnahmen in verschiedenen Ländern im Zeitverlauf. Wer dort Deutschland vergleicht, sollte jedoch bedenken, dass die Daten dabei immer die striktesten Maßnahmen berücksichtigen, die innerhalb eines Landes zu dem Zeitpunkt gegolten haben. Für die Auswertung des föderal organisierten Deutschlands kann es daher zu einer Verzerrung kommen. Denn wenn auch nur in einem deutschen Landkreis Lockdown-Maßnahmen gelten, ist ganz Deutschland in den Daten mit eben diesen Maßnahmen bewertet.

Behauptung: "Die meisten Menschen sind nur mit, aber nicht an dem Virus gestorben"

Nur sechs Prozent der als Covid-Tote in den USA erfassten Personen seien wirklich an Corona gestorben - das hat unter anderem die AfD-Fraktion auf Facebook behauptet. Angeblich ließe sich das anhand von Zahlen der US-amerikanischen Behörde Centers for Disease Control (CDC) belegen.
Die Zahlen der Behörde gibt es – die AfD-Fraktion und viele andere haben sie aber grundlegend falsch interpretiert. Tatsächlich hat die CDC bei 94 Prozent der Covid-Toten Vorerkrankungen gefunden. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass sie nicht durch das Coronavirus gestorben sind. Im Gegenteil.
Auch das deutsche Robert-Koch-Institut weist immer wieder darauf hin, dass das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs bei einer Coronavirus-Infektion auch von Vorerkrankungen abhängt. So erhöhen beispielsweise Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, chronische Lungenerkrankungen, chronische Nieren- und Lebererkrankungen, Diabetes, Krebserkrankungen oder ein geschwächtes Immunsystem das Risiko eines schweren Verlaufs.
Statistisches Bundesamt veröffentlicht Sterbezahlen für 2021 (11.1.2022)
Dass das Coronavirus für zusätzliche Todesfälle verantwortlich ist, lässt sich auch aus den Sterbefallzahlen ablesen, die das Statistische Bundesamt für Deutschland erhebt. Im ersten Corona-Jahr 2020 sind etwa fünf Prozent mehr Menschen gestorben als noch 2019. 2021 stiegen die Zahlen erneut um etwa drei Prozent.
Statistiker erwarten in Deutschland wegen der alternden Bevölkerung einen jährlichen Anstieg der Sterbefallzahlen um ein bis zwei Prozent. Der Anstieg darüber hinaus sei durch die Pandemie bedingt.
* An dieser Stelle wurde eine Zeitangabe korrigiert.