Pharmatests in Kinderheimen
Eine Kindheit als medizinisches Versuchsobjekt

Unzählige Tabletten, Spritzen und schmerzhafte Eingriffe: In der frühen Bundesrepublik wurden Medikamente an Heimkindern getestet. Viele Betroffene leiden bis heute unter den Folgen, doch die Aufarbeitung des lange unentdeckten Medizinskandals verläuft schleppend.

    Tabletten liegen vor einem Tablettenglas
    Bis in die 1970er-Jahre hinein wurden Heimkindern ohne ihr Wissen Medikamente verabreicht (picture alliance / Westend61 / Andrew Brookes)
    Dass eine Kindheit im Heim in Nachkriegsdeutschland oft von Zwang und Gewalt beherrscht war, ist mittlerweile weithin bekannt. Die Erziehungsmethoden in vielen Einrichtungen der frühen Bundesrepublik waren erbarmungslos.
    Was jedoch lange unerforscht blieb: Bis in die 1970er-Jahre wurden in Kinderheimen und Psychiatrien Tausende Minderjährige mit Medikamententests als menschliche Versuchsobjekte für die Pharmaindustrie missbraucht – ermöglicht durch ein gefährliches Geflecht aus Pharmakonzernen, Ärzten, Kirchen und Staat.

    Inhalt

    Medizinskandal: Heimkinder als Versuchspersonen

    Es ist einer der größten Medizinskandale der deutschen Nachkriegszeit: In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg werden Tausende Heimkinder zu menschlichen Versuchsobjekten für die Pharmaindustrie. Bis in die 1970er-Jahre testen Ärzte in westdeutschen Heimen, Psychiatrien und Behinderteneinrichtungen im Auftrag der Pharmaindustrie neue Medikamente und Impfstoffe an minderjährigen Schutzbefohlenen. Ohne Zustimmung und oft ohne medizinische Notwendigkeit.
    Betroffene wie der heute 66-jährige Günter Wulf berichten von Misshandlungen und Zwangsjacken, von zahllosen Tabletten und unerträglichen Schmerzen. Haloperidol, Megaphen und Luminal heißen einige der Medikamente, die die Kinder damals verabreicht bekommen. Starke Psychopharmaka, die normalerweise zur Behandlung von Psychosen, Wahnvorstellungen und Schizophrenie eingesetzt werden. "Man war entweder ruhig oder man war aufgedreht", erinnert sich Wulf, der seine Kindheit erst im Heim, dann, als "bildungsunfähig" erklärt, in der Psychiatrie verbringt.

    Eine Pharmazeutin bringt Licht ins Dunkel

    Wulfs Schicksal ist kein Einzelfall, wie Sylvia Wagner, Pharmazeutin aus Krefeld und selbst ehemaliges Heimkind, herausgefunden hat. Seit vielen Jahren forscht sie zu Medikamententests in Kinderheimen. Für ihre Doktorarbeit recherchierte sie in Archiven von Pharmafirmen und Einrichtungen und wertete medizinische Fachartikel aus, in denen Ärzte damals ihre Studienergebnisse veröffentlichten.
    Ihr Ergebnis: "Es sind Präparate getestet worden, um Kinder ruhig zu stellen. Sedierende Präparate also, Psychopharmaka – da hauptsächlich Neuroleptika. Man hat aber auch an Säuglingen in Säuglingsheimen Impfstoffe getestet." Die Forscherin findet Nachweise für etwa 50 Testreihen in nahezu allen alten Bundesländern. "Das scheint schon so umfangreich zu sein, dass man nicht von einzelnen schwarzen Schafen reden kann – sowohl von Pharmaunternehmen als auch von Ärzten in den Einrichtungen." Wagner ist überzeugt: Die Versuche waren gängige Praxis. Im Jahr 2016 publiziert sie ihre Recherche – und macht damit den Skandal öffentlich.

    Geflecht aus Pharmakonzernen, Ärzten, Kirchen und Staat

    Leidtragende der Medikamententests sind vermutlich Tausende Minderjährige, die in staatlichen und kirchlichen Einrichtungen der jungen Bundesrepublik untergebracht waren. Dort herrschen damals oft miserable Zustände. Während um sie herum das Wirtschaftswunder blüht, gibt es in vielen Heimen der 1950er- und 1960er-Jahre große Missstände: zu viele Kinder, kaum Ressourcen sowie zu wenig und schlecht ausgebildetes Personal. Diese unterfinanzierten Einrichtungen treffen in der Nachkriegszeit auf einen Medikamentenboom und gut vernetzte Pharmafirmen, die ihre Produkte vermarkten wollen. Pharmazeutin Wagner verweist auf oft langjährige enge Beziehungen zwischen Ärzten in Heimen und Pharmaunternehmen.
    Dazu kommt: „Bis Anfang der 1960er-Jahre hat man ein Medikament im Bundesland angemeldet und es wurde auch nicht gefragt, wie es vorher getestet worden ist“, sagt Hans-Walter Schmuhl, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld. Später war eine klinische Prüfung zwar Pflicht – wie sie auszusehen hatte, war jedoch nicht geregelt. Ein Einfallstor für Missbrauch.

    Kinderheime als ideale Prüffelder

    Laut Kulturwissenschaftler Christof Beyer von der Technischen Universität Dresden sind Kinderheime für die Pharmakonzerne damals ideale Prüffelder: viele Probandinnen und Probanden, die zudem einer „lückenlosen Betreuung unterstehen“. Auch für die Ärzte in den Einrichtungen ist das Geflecht lukrativ. Sie werden von den Unternehmen dafür bezahlt, Gutachten und Publikationen zu den getesteten Medikamenten zu verfassen.
    Allerdings sind Psychosen, die mit vielen der getesteten Medikamente behandelt werden, im Kindesalter selten. Laut der Charité treten sie am häufigsten zwischen dem 15. und dem 30. Lebensjahr auf. Wagner ist überzeugt: Den Heimen ging es um den sedierenden Effekt der Arzneimittel. „Diese Präparate wirken auch ruhigstellend“, sagt sie. „Und genau diese Wirkung hat man wohl ausgenutzt bei Heimkindern, um dann weniger Arbeit mit ihnen zu haben.“

    Schwarze Pädagogik und Ärzte mit NS-Vergangenheit

    In den Einrichtungen sind die Minderjährigen dem Willen des Pflegepersonals und der Ärzte schutzlos ausgeliefert. Entwürdigende Bestrafungen, willkürliches Einsperren, Entmündigung. In vielen Heimen herrschen in der Nachkriegszeit missbräuchliche Erziehungsmethoden, heute auch „Schwarze Pädagogik“ genannt.
    Laut Historiker Schmuhl umfasst der Begriff Konzepte, „die alle gemeinsam haben, dass sie auf die Brechung des Eigenwillens des Kindes setzen“. Es sollte „gemeinschaftsfähig“ gemacht werden und sich in eine Gruppe oder Familienstruktur einfügen. Jegliche Form von Individualität wurde hingegen als „Störfaktor“ wahrgenommen und durch Disziplin und Gewalt unterbunden.
    Dass diese vor allem im nationalsozialistischen Deutschland verbreiteten Erziehungspraktiken auch Jahrzehnte später in den Einrichtungen weiterwirken und das Handeln des Betreuungspersonals bestimmen, erklärt der Medizinhistoriker und Medizinethiker Heiner Fangerau mit der personellen Kontinuität: „Die Personen, die vor Kriegsende tätig waren, waren es eben auch nach Kriegsende.“
    Auch auf der Führungsebene lebt die NS-Vergangenheit in den Einrichtungen offenbar weiter. Das hat Einfluss auf den Umgang mit Medikamenten, wie das Beispiel von Hans Heinze zeigt: Der Psychiater war in Nazi-Deutschland maßgeblich an den „Euthanasie“-Aktionen beteiligt. Nach Kriegsende ist er als Leiter der Jugendpsychiatrischen Klinik Wunstorf tätig - und missbraucht dort Kinder für Medikamententests.

    Der schwierige Kampf um Wahrheit und Anerkennung

    Viele ehemalige Heimkinder sind bis heute von den medizinischen Experimenten gezeichnet. Oft lebten sie in Armut, seien physisch und psychisch krank, sagt Wagner. Doch die Aufarbeitung verläuft schleppend. Der 2008 vom Bundestag eingesetzte „Runde Tisch Heimerziehung“ vermerkt damals lediglich einen einzigen Arzneimitteltest. Erst Wagners Doktorarbeit bringt den Stein ins Rollen. Ohne ihre Forschung wären die Ausmaße des Skandals vermutlich noch immer unentdeckt.
    Mittlerweile haben viele Einrichtungen die Versuche an Heimkindern aufgearbeitet. Andere schweigen weiter – ebenso große Teile der Pharmaindustrie. Gleichzeitig kämpfen Betroffene noch immer um angemessene Entschädigungsleistungen und rechtliche Anerkennung ihres Leids. Der Staat trage eine Mitverantwortung für die Situation vieler Betroffener, sagt Wagner, und stehe damit in der Pflicht, ihnen zu helfen. Aktuell macht eine Ende 2025 eingereichte Initiative des Bundesrats für eine "monatliche Zuwendung zum Ausgleich des Leids und Unrechts ehemaliger Heimkinder" Hoffnung auf eine finanzielle Erleichterung für Betroffene.
    Die "vielfältigen Verfehlungen physischer und psychischer Gewalt" hätten bis heute gravierende Auswirkungen auf ihre gesundheitliche und wirtschaftliche Situation, heißt es in dem Antrag des schleswig-holsteinischen Landtags, in dem auch die Medikamententests an Kindern genannt werden.
    Günter Wulf, der seine Erfahrungen inzwischen in einem Buch festgehalten hat, sagt: "Mein Leben in der damaligen Psychiatrie hat meinem späteren Leben in Freiheit seinen Stempel aufgedrückt." Heute setzt er sich dafür ein, dass Schicksale wie seines nicht unter den "Teppich des Vergessens" gekehrt werden. Damit, so Wulf, gegenwärtig schutzbedürftige Menschen in Heimen und Psychiatrien menschenwürdig untergebracht sind. "Das ist ihr Recht, ihr Menschenrecht."

    Podcast-Reihe "Versuchslabor Kinderheim": Ilona Toller
    Onlinetext: Irina Steinhauer