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StartseiteBüchermarktPflanze mich nicht in dein Herz27.10.2020

"Meine Nacht schläft nicht"Pflanze mich nicht in dein Herz

Annemarie von Matt hat auf allem geschrieben, auf Zetteln, Quittungen, Biefumschlägen. Es sind eindringliche Verse, alltägliche Notizen, Gefühlsminiaturen, Zeichnungen, Malereien, Collagen. Mit dem Band "Meine Nacht schläft nicht" nimmt ihr literarisches Porträt Kontur an.

Von Christian Metz

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(Copyright Kantonsbibliothek Nidwalden / Limmat Verlag)
Annemarie von Matt - Ein Portrait in Originaltexten von Roger Perret (Copyright Kantonsbibliothek Nidwalden / Limmat Verlag)
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Annemarie von Matt ist eine literarische Entdeckung. Zugegeben: 2008 stellte schon ihr "Tagebuch der Liebe und des Zorns" Passagen und damit auch Gedichte aus ihrem Briefwerk vor. Ja, auch in einzelnen Ausstellungskatalogen, die sich ihrer Malerei und ihren Zeichnungen widmeten, blitzte mitunter ihr literarisches Talent auf. Wer ein ausgeprägtes Gespür für literarische Außenseiter hatte, dem schillerten zudem bereits in der imposanten Anthologie "Moderne Poesie in der Schweiz" aus dem Jahr 2013 vier ihrer Gedichte geheimnisvoll entgegen.

Aber dennoch: einer literarischen Öffentlichkeit blieb Annemarie von Matt bislang verborgen. Der Band "Meine Nacht schläft nicht" ist tatsächlich die erste Publikation, die sich auf ihre literarischen Texte fokussiert. Fangen wir also ganz von vorne an: mit der schlichten Frage, was es in von Matts Literatur überhaupt zu entdecken gibt? Die erste Antwort lautet: in einer weiten Gefühlsspanne höchste emotionale Eindringlichkeit, erzielt durch strengstmögliche Kürze. Zehn Wörter braucht Annemarie von Matt z.B. nur, um das ganze Drama der Liebe in Sprache zu fassen:

"Pflanze mich
Nicht in dein
Herz, ich wüchse
zu schnell."

Ideengewimmel und Zettelkasten

Was macht von Matt hier: Erst missversteht sie den Begriff Herztransplantation absichtlich. Dann beschwört sie einen Herzenshorror herauf: zu schnell zu groß wachsen – das ist ein Topos, dessen sich Thriller bedienen. Die Diagnose: von einer Beziehung ist aus liebesmedizinischer Sicht vorsorglich abzuraten. Doch im selben Zuge schließt diese Absage eine eindringliche Liebesbeschwörung ein: Lieben wir die Liebe nicht gerade aufgrund ihres unabdingbaren Zuviels?

Intensitätsminiaturen von dieser Präzision findet man in beeindruckender Vielfalt in dem Band "Meine Nacht schläft nicht." Die heutige Buchform sollte einen allerdings nicht vergessen lassen, dass Annemarie von Matt keinen dieser Texte zu ihren Lebzeiten veröffentlich hat. Sie sammelte sie nicht einmal in Notizheften. Vielmehr hat sie ihre Eintragungen auf allen Arten von Zetteln hinterlassen: von der Reklame bis zum Kassenbon – alles wurde beschriftet. Annemarie von Matts ausufernde Schreibpraxis steht in der Tradition von Jean Pauls "Ideengewimmel" oder von Arno Schmidts "Zettelwirtschaft".

Familienähnlichkeit weist sie auch mit dem Notizzettel- und Schnipselmeer auf, das Friedericke Mayröcker in ihrer Wiener Kartause der Poesie umgibt. Zugleich steht die Notierende Annemarie von Matt auch in einer Traditionslinie mit anderen großen Schweizer Solitären: Robert Walsers "Bleistiftgebiete" scheinen so verwandt wie Adolph Wölflis Bild-Text-Kompositionen. Mit einem entscheidenden Unterschied: Die beiden zuletzt genannten fertigten ihre Arbeiten als Patienten einer psychiatrischen Anstalt an. Die eigenwillige Notiziarin, Annemarie von Matt, mag auf ihre Stanser Umgebung sonderlich gewirkt haben. Verrückt jedoch war sie zu keiner Zeit.

Die Abgeschriebene

Stark ausgeprägt war bei Annemarie von Matt – wie bei so vielen Künstlerinnen, denen während ihren Lebzeiten der Durchbruch verwehrt bleibt – der Eindruck, das eigene Schaffen folge zwar eine innere Notwendigkeit, könne jedoch keinerlei öffentliche Relevanz beanspruchen. Das Vergessen setze gleichsam schon während des Schreibens ein. Als würde sie – wie sie es selbst einmal sagte – "nur durchgestrichene Sätze" formulieren. Annemarie von Matt selbst bezeichnete sich als eine "Abgeschriebene". Ohne allerdings im Jammertal des Selbstmitleids zu versinken. Vielmehr gab sie dem Abgeschriebensein einen produktiven Twist.

"Die
‚ABGESCHRIEBENEN‘
Bleistift- und Farbstiftstümpl
‚ABGESCHRIEBNE‘
Solche senden allen von mir
ABGESCHRIEBENEN
Bleistift- und Farbstiftstümpli
‚Abgeschriebene‘
wie ICH"

Vorbildliche Frauenfiguren

Die Schreibinstrumente lösen sich im Produktionsakt selbst auf, bis sie so stummelkurz sind, dass man sie nicht mehr halten kann. Aber offenbar hat es doch noch zu dieser Miniatur gereicht. Zugleich zeigt die Notiz wunderbar, wie Annemarie von Matt den Übergang von Malerei, Dichtung und Objektkunst verschwimmen ließ: nicht nur, weil die Notiz mit Groß- und Kleinschrift arbeitet und in verschiedenen Farben gehalten ist.

Sondern auch, da von Matt diesen Notizzettel in einem Beutel verstaute, der seinerseits mit Blei- und Farbstift-Stummeln gefüllt war. Er fungierte quasi als gewitzter Kommentar zum ausgestellten Objekt der Abgeschriebenen. Von Matt war eben Dichterin, Objektkünstlerin, Sammlerin und Malerin in Personalunion.

Abschreiben als Schreibstrategie

Noch einen Aspekt schließt die Selbsttitulierung als eine "Abgeschriebene" ein: Sie verweist auf die bevorzugte Schreib- und Verfahrensweise. Annemarie von Matt war eine unablässige Abschreiberin. Ihre Texte bewegten sich von diesem Abgeschriebenen aus, um ihrerseits wieder- und weitergeschrieben zu werden. Dichten und Zeichnen betrieb von Matt als eine große Transformationsmaschinerie sich stetig wandelnder Formen und Figuren.

Ihre bevorzugten Ausgangstexte stammten von Kafka und vor allem von der von ihr hochgeschätzten Else Lasker-Schüler. Vorbildliche Frauenfiguren, von denen von Matt sich etwas abschrieb, waren die antiken Größen Medea, Penelope und Sappho. Als jüngere Vorbilder dienten etwa Annette von Droste-Hülshoff oder Louise Labé.

Steine der Erinnerung

Besondere Individualität erreichen ihre Schreibstücke, wenn sie Situationen entwerfen, in denen sich auf zauberhaft leichte Weise Erinnerungs-, Abschieds- und Liebespoetik ineinander verschränken. Wie in der Miniatur "Steine", die sie als loses Blatt einem Brief an ihren jahrelangen, heimlichen Geliebten Josef Vital Kopp beilegte:

"Steine
Einige Steinchen sind auf dem Teppich
Geblieben am 22. März. Du hast sie
Mit Schnee zusammen hereingetragen.
Ich habe sie aufgehoben
Und wieder hingelegt nachdem
Der Teppich gereinigt war.
Sie werden lange dort bleiben."

Die Relevanzumkehr

Während der Schnee taut und sich als ebenso flüchtig wie die Anwesenheit des Geliebten erweist, während vom Geliebten nichts als ein paar Schmutzflecken auf dem Teppich bleiben, versprechen die Steine dauerhafte Erinnerung. Allerdings nur, weil Annemarie von Matt die Kiesreste aufliest, bevor sie den Teppich reinigt. Und sie danach als Spurenmosaik der Liebe wieder fein säuberlich auslegt. Das steinerne Denkmal wird nur überdauert von den Versen dieser Autorin, die einst ins Vergessen zu geraten drohte.

Der von Roger Perret umsichtig zusammengestellte Band "Meine Nacht schläft nicht" zeigt beispielhaft, dass beharrliche Arbeit am literarischen Archiv im besten Fall zu einer Relevanzumkehr führt: Wer zu Lebzeiten kaum öffentliche Aufmerksamkeit erhielt, kann sich plötzlich doch in den vorderen Reihen wiederfinden. Die zunehmende Wertschätzung, die Annemarie von Matt seit etwa zwanzig Jahren erfährt, lässt hoffen, dass ihre vielfältigen künstlerischen Abenteuer das Schicksal des Steinmosaiks auf dem gereinigten Teppich teilen dürfen: Sie werden lange dort bleiben.

Annemarie von Matt: "Meine Nacht schläft nicht."
Ein Porträt in Originaltexten von Roger Perret.
Limmat Verlag, Zürich, 256 Seiten, 38 Euro.

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