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StartseiteInterviewKrauthausen: Menschen mit Behinderung werden vergessen15.01.2021

Menschenrechtsaktivist zur CoronakriseKrauthausen: Menschen mit Behinderung werden vergessen

Der Menschenrechtsaktivist Raul Krauthausen kritisiert große Mängel beim Schutz von Menschen mit Behinderung in der Pandemie. Ein Großteil von ihnen lebe seit März in Selbstisolation zu Hause und werde die ganze Zeit vergessen, wenn es um passiven oder aktiven Schutz gehe, sagte Krauthausen im Dlf.

Raul Krauthausen im Gespräch mit Christoph Heinemann

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Raul Krauthausen (picture alliance/Soeren Stache/dpa)
"Wir sollten in einen solidarischen Shutdown gehen", sagte der Menschenrechtsaktivist Raul Krauthausen im Dlf (picture alliance/Soeren Stache/dpa)
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So würden diese Menschen bei der täglichen Versorgung schlicht missachtet. Es gebe keine Hygienemittel, keine Desinfektionsmittel, keine Handschuhe und keine Masken. "Und jetzt werden wir auch, obwohl wir alle optimistisch waren, bei den Auflistungen der Phasen, wer wann geimpft werden soll, komplett vergessen", sagte Krauthausen.

In anderen Ländern würde das besser funktionieren. Das Problem sei, "dass die Deutschen die ganze Zeit glauben, sie hätten den eingebauten Weltmeister, wenn es um irgendwelche Maßnahmen geht. Wir brauchen uns aber nur mal zum Beispiel nach Österreich umsehen, unser Nachbarland, das hier ganz klar jetzt Menschen mit Behinderungen in diesen Phasen mit aufgeführt hat."

Unterstützer von Zero Covid

Man müsse gesellschaftlich besser verstehen, dass es Menschen mit Behinderungen gibt, die zuhause lebten und eben nicht von Pflegeeinrichtungen oder Pflegeheimen versorgt werden, sondern sich ihre Pflege selbst organisieren. "Diese Menschen, weder ihre Pfleger und Pflegerinnen noch sie selber sind bisher bedacht worden", sagte der Aktivist.

Krauthausen, der wegen der Glasknochen-Krankheit auf einen Rollstuhl angewiesen ist, ist Unterstützer der Initiative Zero Covid, die am Donnerstag (14.01.2021) startete. Wissenschaftler und Fachleute aus dem Gesundheitsbereich und Sozialaktivisten aus der Schweiz, Österreich und Deutschland fordern dabei, dass auch die Wirtschaft in Europa vollständig heruntergefahren wird. Das Ziel: Null Neuinfizierungen

Um das zu gewährleisten, fordert die Initiative eine europaweite Covid-Solidaritätsabgabe auf hohe Vermögen oder Unternehmensgewinne. Etwaige Lohnausfälle sollen durch ein Rettungspaket aufgefangen werden.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)


Das Interview im Wortlaut:

Christoph Heinemann: Herr Krauthausen, wieso fordern Sie einen kompletten Stillstand von Wirtschaft und Gesellschaft?

Raul Krauthausen: Wenn wir uns noch mal die Interviews zu Gemüte führen, wo Drosten und Co. bereits im Sommer davor gewarnt haben, dass die Kurve im Winter definitiv nicht so schnell sinken wird, wie sie es vielleicht im März tat, dann müssten wir eigentlich schon hellhörig werden. Im Sommer haben wir mitbekommen, dass die Bundesminister immer wieder angefangen hatten, auch die Landesminister, einen einzigen Wettbewerb um Lockerungen zu machen. Und ich denke, die Quittung zahlen wir jetzt. Die Politik hat sich nicht ehrlich gemacht bei der Einschätzung der Situation und wollte stattdessen auf Teufel komm raus die Wirtschaft schützen, und jetzt haben wir quasi den Salat. Wir sehen das ja auch zum Beispiel an der unsäglichen Debatte über die Öffnung der Schulen.

"Das Problem sind schon auch die Verantwortlichen"

Heinemann: Offensichtlich halten sich viele Menschen nicht an die Verordnungen. Wie viele Einschränkungen, wie viele zusätzliche ihrer Freiheit halten die Menschen denn hierzulande noch aus?

Krauthausen: Ich finde es, ehrlich gesagt, hoch problematisch, wenn die Politik dann immer an die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger appelliert. Ich habe, ehrlich gesagt, nicht so das Gefühl, dass die Bürgerinnen und Bürger das Problem sind, sondern schon auch die Verantwortlichen, die selber dann ihre Verantwortung nicht wahrnehmen, wenn es zum Beispiel darum geht, Hochrisiko-Gruppen zu schützen, wenn es darum geht, Alleinerziehende zu unterstützen, Kinderkrankheitstage. Wenn wir mal ehrlich sind: Die Kinder sind ja nicht krank. Die Kinder sollen nicht krank werden. Das sollten bezahlte Betreuungstage sein. Allein solche Formulierungen, alles nur, um die Wirtschaft zu schützen, ist einfach problematisch und deswegen, denke ich, sollten wir in einen solidarischen Shutdown gehen, dass praktisch die Wirtschaft dann auch verpflichtet wird, Homeoffices zu erlauben, da wo es möglich ist, und da, wo es absolut nicht geht, da können wir meinetwegen über Ausnahmen reden, so wie wir auch die ganze Zeit über Ausnahmen bei Schulen reden.

Heinemann: Kann der Schutz des Lebens einziges Kriterium für Regierungen sein?

Krauthausen: Ich frage mich die ganze Zeit, was denn sonst das Kriterium sein sollte. Die Wirtschaft appelliert ja teilweise selber in bestimmten Branchen, dass hier eine strengere Regelung herrschen sollte, einfach weil das am Ende volkswirtschaftlich billiger sein wird, als wenn wir hier Situationen vorfinden wie in anderen Ländern.

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"Mehr zusammenreißen und solidarischer miteinander arbeiten"

Heinemann: Herr Krauthausen, taugt die chinesische Antwort auf die Pandemie, nämlich radikal alles verbieten, als Vorbild für Demokratien?

Krauthausen: Ich glaube, dass Demokratien in solchen Extremsituationen immer am verwundbarsten sind. Da jetzt Regierungsformen zu nehmen, wo von oben durchregiert werden kann, als Vorbild, finde ich hoch problematisch. Ich glaube aber, dass Länder wie Deutschland es besser könnten, wenn sie sich einfach mehr zusammenreißen würden und auch solidarischer miteinander arbeiten würden und hier nicht so ein Eiertanz stattfindet. Es war doch eigentlich schon im November klar, dass der 10. Januar als Ende des Lockdowns nicht reichen wird.

Heinemann: Herr Krauthausen, gestern ist bekannt geworden, dass das Bruttoinlandsprodukt im vergangenen Jahr, 2020, im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozent sich verringert hat. Wer könnte einen kompletten Stillstand bezahlen? Die Neuverschuldung 2021 beträgt bereits jetzt über 200 Milliarden Euro.

Krauthausen: Ich glaube, man muss das Ganze in Relation sehen. Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler, aber dadurch, dass diese Pandemie ja die ganze Welt betrifft, kann man diese fünf Prozent Wirtschaftseinbruch wahrscheinlich sogar ganz anders interpretieren und deuten. Und es deuten ja auch viele Signale darauf hin, dass es ganz schnell wieder zu einer Erholung kommen wird, so wie es ja auch nach der Wirtschaftskrise 2009 der Fall war. Wir müssen wirklich aufpassen, dass das Diktat des Geldes nicht noch weiter zunimmt, weil das ja zu ganz vielen sozialen Problemen führt, über die ich eigentlich mt Ihnen sprechen wollte, die die Corona-Pandemie ausgelöst hat, letztendlich zur Folge hat.

Seit März in Selbstisolation

Heinemann: Auf die wir gleich zu sprechen kommen. Aber was antworten Sie denjenigen, die fordern, man solle die Personen mit hohem Risiko schützen, das heißt dann isolieren, und man könnte für alle anderen dann die Einschränkung des öffentlichen Lebens lockern oder ganz zurücknehmen?

Krauthausen: Von denen würde ich dann gerne mal die Definition von Risikogruppe hören, weil selbst da, wenn man wieder die Wissenschaft zitiert, sagen die, sind wir früher oder später bei 32 Millionen Menschen. Wenn wir 32 Millionen Menschen schützen wollen, dann können wir auch alle schützen.

Heinemann: Kommen Menschen, die sozial schwach oder medizinisch zu den Vulnerablen gehören, zu kurz?

Krauthausen: Was viele Menschen mit Behinderungen zum Beispiel, zu denen ich ja gehöre, irritiert ist, dass ständig die Politik davon ausgeht, dass Menschen, die behindert sind, eine chronische Erkrankung haben, in Einrichtungen leben, in Behindertenheimen, in Pflegeheimen. Dabei lebt ein Großteil von ihnen zuhause und diese Gruppe befindet sich seit März in Selbstisolation und wird die ganze Zeit vergessen, wenn es um passiven oder aktiven Schutz geht. Wir bekommen keine Hygienemittel, wir bekommen keine Desinfektionsmittel, wir bekommen keine Handschuhe, wir bekommen keine Masken und jetzt werden wir auch, obwohl wir alle optimistisch waren, bei den Auflistungen der Phasen, wer wann geimpft werden soll, komplett vergessen.

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Heinemann: Die "Bild"-Zeitung berichtete in diesem Zusammenhang gestern über einen 53 Jahre alten Mann aus Sachsen-Anhalt, der mit einem Lungenvolumen von 20 Prozent lebt, und trotz der Vorerkrankung erhält er keinen Impftermin – Begründung: zu jung. – Sie sind Jahrgang 1980. Wissen Sie, wann Sie geimpft werden?

Krauthausen: Nein! Auch ich tauche in diesen ganzen Gruppen nicht auf. Die Stiko hat ja sogar in ihrer ersten Aktualisierung dringend empfohlen, hier bei besonderen Situationen auch Ausnahmen zu erlauben. Das Bundesministerium für Gesundheit hat hier allerdings keinen Handlungsbedarf gesehen. Ich glaube, wir müssen gesellschaftlich verstehen, dass es Menschen mit Behinderungen gibt, die zuhause leben und eben nicht von Pflegeeinrichtungen oder Pflegeheimen versorgt werden, sondern sich ihre Pflege selbst organisieren. Diese Menschen, weder ihre Pflegerinnen noch sie selber sind bisher bedacht worden.

"Die Deutschen glauben, Sie hätten den eingebauten Weltmeister"

Heinemann: Herr Krauthausen, dem früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann wird der Satz zugeschrieben, man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt. Wie bewerten Sie danach unsere Gesellschaft?

Krauthausen: Das Problem, das ich mit der deutschen Politik aktuell habe, ist, dass die Deutschen die ganze Zeit glauben, sie hätten den eingebauten Weltmeister, wenn es um irgendwelche Maßnahmen geht. Wir brauchen uns aber nur mal zum Beispiel nach Österreich umsehen, unser Nachbarland, das hier ganz klar jetzt Menschen mit Behinderungen in diesen Phasen mit aufgeführt hat.

Heinemann: Welche ist Ihre wichtigste Forderung?

Krauthausen: Meine wichtigste Forderung ist, dass natürlich jede Impfung erst mal eine gute Impfung ist, dass wir aber hier wirklich dann auch die Menschen mit Behinderungen, die Betroffenen nicht weiter im Unklaren lassen. Eine große Sorge, die ich beobachte – mich erreichen täglich 20, 30 E-Mails von Betroffenen, die einfach Sorge haben, und ich bin noch nicht mal in irgendeiner Funktion, in irgendeinem Amt -, meine große Forderung ist, dass wir diese Unsicherheiten, dieses Hin und Her, dieses tauche ich in der Gruppe auf, ja oder nein, oder wer kann  mir sagen, ob ich überhaupt zur Hochrisiko-Gruppe gehöre, dass da Klarheit herrscht. Ich sehe hier leider kein Bestreben von Seiten der Politik.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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