Dienstag, 16. April 2024

Methan
Das vergessene Treibhausgas

Die CO2-Reduktion ist seit Langem oberstes Ziel der Klimapolitik. Der Kampf gegen Methan-Emissionen hat erst begonnen. Dabei ist es als Treibhausgas besonders klimaschädlich.

03.09.2023
    Eine Kuh steht in einem Stall.
    Kühe rülpsen das gefährliche Klimagas Methan. Die Landwirtschaft gilt in der EU als Hauptverursacher des Methan-Ausstoßes. (picture alliance / dpa / Guido Kirchner)
    Die Klimapolitik ringt mit ihren Einsparzielen für CO2, Schlagzeilen aber schreibt derzeit ein ganz anderes Treibhausgas. Methan, der Hauptbestandteil von Erdgas, ist vielfach klimaschädlicher als Kohlendioxid. Das Treibhausgas steigt aus vielen Quellen in die Atmosphäre auf: aus Mülldeponien, Rindermägen, Reisfeldern und tropischen Feuchtgebieten.
    Brüssel verhandelt bereits über die erste EU-Methan-Verordnung. Die soll zunächst nur die Energiekonzerne betreffen, dabei gibt es viel bedeutendere Quellen menschengemachter Emissionen. Und ein möglicherweise gewaltiges Methan-Problem liegt noch unter dem Permafrost.

    Inhaltsverzeichnis

    Was ist Methan?

    Methan (CH4) ist ein geruch- und farbloses Gas. Es entsteht durch biologische Prozesse bei der Fäulnis oder Gärung und ist Hauptbestandteil von Erdgas. Bei Erdöl tritt es als Begleitgas auf, bei Kohle sammelt es sich im Flöz. Große Mengen finden sich im Meeres- und im Permafrostboden.

    Welche Rolle spielt Methan als Treibhausgas?

    Methan ist neben Kohlendioxid (CO2) das zweite wesentliche Treibhausgas. Da es etwa 80 mal stärker klimaaktiv wirkt als CO2, gilt es als besonders problematisch. Etwa ein Drittel der derzeitigen Klimaerwärmung geht laut EU auf Methan-Emissionen in die Atmosphäre zurück. Allerdings bleiben Methan-Moleküle statistisch betrachtet nur zehn bis zwölf Jahre in der Atmosphäre. CO2 verweilt dort über Jahrhunderte.

    Wie entwickeln sich die Methan-Emissionen und woher kommt das zusätzliche Gas?

    Die Methan-Konzentration in der Atmosphäre steigt seit Jahren kontinuierlich an. Lag sie im Jahr 2006 noch bei 1750 Methan-Teilchen pro Milliarde Luftmoleküle, sind es aktuell 1900. Damit ist die Konzentration in der Atmosphäre so hoch wie seit 800.000 Jahren nicht mehr.
    Ein wesentlicher Grund für den Anstieg ist vermutlich der Mensch. Etwa 60 Prozent der weltweiten Methan-Emissionen gehen nach Schätzungen auf seine Aktivitäten zurück: Der Energiesektor, die Landwirtschaft und Mülldeponien setzen das Klimagas frei. Hauptverursacher in der EU ist die Landwirtschaft, die nach Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums für 53 Prozent der Emissionen verantwortlich ist. Die Abfallwirtschaft trägt 26 Prozent bei, 19 Prozent werden durch den Energiesektor freigesetzt.
    Die problematische Kohlenstoffverbindung strömt womöglich auch aus Bohrlöcher, die bei der Gewinnung von Erdöl und Fracking entstehen. Heute werden die Altbohrungen in Deutschland zwar mit Zementpfropfen versiegelt, doch es bestehen Zweifel, dass das überall geschehen ist. In den USA soll es laut US-Innenministerium 130.000 verwaiste Bohrlöcher geben.

    Wieso stellt der Ausbau der LNG-Infrastruktur ein Klima-Risiko dar?

    Die Bundesregierung investiert seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs massiv in den Aufbau einer Infrastruktur für Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, kurz: LNG). Dabei geht es auch um den Klimaschutz: Erdgas verursacht etwa 40 Prozent weniger CO2-Emissionen als Kohle. Das Gas besteht allerdings auch zu 90 Prozent aus Methan. Das Problem: Bei Förderung, Lagerung und Transport kann das aggressive Klimagas entweichen. Damit besteht das Risiko, dass die Einsparungen an klimaschädlichem CO2 durch Methan wieder zunichtegemacht werden.

    Wie wirkt sich die Erderwärmung auf Methan-Emissionen aus?

    Neben den von Menschen verursachten Effekten stehen auch natürliche Reservoirs im Verdacht, an der gestiegenen Methan-Konzentration einen Anteil zu haben - etwa Moore, Sümpfe, Feuchtgebiet. Diese zählen zu den mächtigsten Methan-Quellen des Planeten. Seit 2007 haben sich insbesondere die tropischen Feuchtgebiete, die sogenannten Wetlands, um bis zu sechs Prozent ausgedehnt. Hinzu kommt, dass gestiegene Temperaturen die Zersetzungsprozesse in den Wetlands beschleunigen, was ebenfalls zu mehr Methan-Emissionen führt.
    Wissenschaftler befürchten, dass die fortschreitende globale Erwärmung diese Emissionen aus den Sümpfen weiter ankurbeln könnte. Damit verbunden ist eine weitere Sorge: Durch die Erderwärmung könnte Methan auch aus den Permafrostgebieten freigesetzt werden, wo riesige Mengen des Treibhausgases gespeichert sind. Die Folge wäre eine weitere Erwärmung, es käme zu einem sich selbst verstärkenden Prozess.

    Welche Möglichkeiten gibt es, Methan-Emissionen zu reduzieren?

    Methan entsteht in großer Menge bei der Verdauung von Wiederkäuern wie etwa Rindern. Um Methan-Emissionen in der Landwirtschaft zu verringern, gibt es im Grunde zwei Möglichkeiten.
    Erstens: Hinreichend viele Menschen verzichten auf Fleisch- und Milchprodukte. Zweitens: Man setzt auf technische Lösungen. Filteranlagen in Ställen, alternative Futtermischungen und Nüsternklappen gegen Rinderrülpser können einen Beitrag zur Reduktion leisten.
    Das Vermeiden von Methan-Leckagen auf Förderplätzen, in Pipelines und Speichern ist eine Möglichkeit, die Emissionen im Energiesektor zu senken. Eine andere: Methan abzufangen, statt es abzulassen. Das so gewonnene Gas kann zur Stromerzeugung genutzt werden. Dabei entsteht zwar CO2, aber das ist deutlich weniger klimaschädlich als das abgelassene Methan.
    Eine effektive Methode, den Methan-Ausstoß in der Abfallwirtschaft  zu mindern, ist die Vermeidung von Müll, insbesondere von Lebensmittelabfällen. Darüber hinaus können Deponien belüftet werden. Daurch verringert sich die Entstehung des Gärgases.

    Welchen Effekt hätte eine Reduktion auf den Klimawandel?

    Die deutliche Verringerung der weltweiten Methan-Emissionen hätte einen ganz erheblichen Klimaeffekt: Experten schätzen, dass eine Halbierung innerhalb der nächsten zehn Jahre zu einer um bis zu 0,3 Grad Celsius geringeren Erderwärmung führen würde. „Wir erkaufen uns dadurch Zeit, um das zu tun, was langfristig absolut kritisch ist, nämlich unsere CO2-Emissionen viel energischer zu reduzieren“, sagt Manfredi Caltagirone vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Paris (UNEP).

    Was beinhaltet die geplante Methan-Verordnung der EU?

    Die EU will den Methan-Ausstoß bis 2030 um mindestens 58 Prozent gegenüber 2020 verringern. Dazu sollen Energieunternehmen unter anderem verpflichtet werden, Methan-Emissionen regelmäßig zu messen, Lecks in Leitungen zu reparieren und das Ablassen und Abfackeln von Gas zu verringern. Einen entsprechenden Vorschlag für einen Verordnungsentwurf haben die EU-Energieminister im Dezember 2022 vorgelegt. Eine Verpflichtung für die Land- und Abfallwirtschaft soll es vorerst nicht geben. Im Energiesektor ließen sich Methan-Emissionen am schnellsten und kostengünstigsten senken, hieß es zur Begründung.

    tmk