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StartseiteTag für Tag"Es sind keine Einzelfälle, es sind viele"30.11.2020

MeToo-Debatte in der katholischen Kirche"Es sind keine Einzelfälle, es sind viele"

Erwachsene Frauen, die Opfer von spiritueller und sexueller Gewalt wurden, haben bisher verschämt geschwiegen. Im Buch "Erzählen als Widerstand!" berichten erstmals 23 Betroffene, was ihnen Priester und Ordensleute angetan haben. Mitherausgeberin Ute Leimgruber sagt: "Das hat System, das ist System".

Ute Leimgruber im Gespräch mit Christiane Florin

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Zwei Ordensschwestern sitzen im Dom.  (dpa / Rolf Vennenbernd)
Im Buch "Erzählen als Widerstand" berichten nicht nur Ordensfrauen vom Missbrauch durch Kirchenmänner (dpa / Rolf Vennenbernd)
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MeToo – ein Hashtag, eine Bewegung, eine Frauenbewegung. Unter diesem Stichwort haben Frauen vor drei Jahren begonnen öffentlich zu erzählen, was sie erlebt haben - vom blöden Spruch bis zur verschwiegenen Vergewaltigung. Am Arbeitsplatz, bei Partys, an Filmsets, an der Uni. Ein Bereich kam bisher kaum vor: die Kirchen. Wenn der Pfarrer die Sekretärin im Pfarrbüro betätschelt, wenn der gefeierte Pater Sex während der Einzelexerzitien will – dann haben Betroffene darüber meistens geschweigen, öffentlich wurde das Thema bewitzelt nach dem Motto: "Was mag der Pastor wohl mit der Haushälterin anstellen... "

Gerade ist ein Buch erschienen, in dem 23 Frauen von ihrem Metoo in der katholischen Kirche berichten. Sie haben spürbar, lesbar ihren Mut zusammengenommen und etwas in Worte gefasst, für das sie sich lange schämten – nämlich Opfer von Männern geworden zu sein, die Keuschheit und Demut versprochen hatten. Gottesmänner, nannte man sie früher.

"Erzählen als Widerstand" heißt dieses Buch. Angeregt wurde das Erzählprojekt vom Katholischen Deutschen Frauenbund und vom Forum katholischer Theologinnen. Eine der Herausgeberinnen ist Ute Leimgruber. Sie ist Professor für Pastoraltheologie und Homiletik an der Universität Regensburg. 

Christiane Florin: Frau Leimgruber, warum ist das Buch das erste seiner Art? 

Ute Leimgruber: Weil Frauen in der katholischen Kirche tatsächlich öffentlich und in erkennbarer Zahl - es sind ja 23 - ihre Erfahrungen mit sexuellen und spirituellem Missbrauch noch nicht berichtet haben. Also dieses Phänomen ist in der Kirche nicht öffentlich bisher. Diese Sammlung gibt es noch nicht. Das ist das erste seiner Art. Es ist eine Erzählgemeinschaft entstanden. Da ist nicht nur eine, die von ihren schlimmen Erfahrungen berichtet, sondern es sind 23. Neu ist auch und das Besondere ist auch: Die sprechen für sich selbst! Also da ist nicht irgendjemand, der eine Anwaltschaft übernimmt für diese Frauen, sondern die betroffenen Frauen sprechen für sich selbst, haben selber diese Worte gesucht und selber ein Ausdruck gesucht und letztlich auch gefunden.

Ute Leimgruber, Professorin für Pastoraltheologie an der Universität Regensburg (Margit Scheid)Ute Leimgruber, Professorin für Pastoraltheologie an der Universität Regensburg (Margit Scheid)

Florin: Was hat es für die Betroffenen bedeutet, die Geschichte aufzuschreiben?

Leimgruber: Für viele Frauen war das eine ganz große Hürde. Viele der Missbrauchserfahrungen liegen Jahre, Jahrzehnte zurück. Viele der Missbrauchserfahrungen waren traumatisierend. Das jetzt zum ersten Mal in Worte zu fassen und niederzuschreiben, war für viele Frauen ein ganz, ganz großer Schritt. Und damit auch in die Öffentlichkeit zu gehen und letztlich auch den Text ein Stück weit loszulassen. Man hat nicht mehr in der Hand, was jetzt mit dem Text passiert. Das lesen jetzt viele, viele Tausend Menschen. Das braucht schon eine ganze Menge Mut und auch eine ganze Menge Auseinandersetzung, Reflexion der eigenen Geschichte und der eigenen Erfahrungen. 

"Widerstand gegen Strukturen und Täterdeutungen"

Florin: "Erzählen als Widerstand", lautet der Titel. Widerstand muss gegen ein Unrechtsregime geleistet werden. Warum dieses Wort? 

Leimgruber: Weil es tatsächlich ein fortdauerndes Unrecht ist, eine fortdauernde Ungerechtigkeit. Das Buch zeigt ganz deutlich auf, dass es ganz klassische Anbahnungssstrategien, ganz klassische Täterdeutungen gibt, die bis heute wirken. Gegen diese Manipulationen leisten die Frauen Widerstand. Es gibt auch immer solche falschen Behauptungen wie: "Frauen könnten doch einfach Nein sagen, es gibt ja gar keinen Missbrauch von erwachsenen Frauen." Auch dagegen leisten die Frauen Widerstand. Sie leisten Widerstand gegen Strukturen, die überhaupt nicht erkennen, dass es erwachsene Frauen als Betroffene von Missbrauch gibt, die also überhaupt nicht wissen: Wer ist zuständig? Wie geht man damit um? Und sie leisten natürlich auch Widerstand gegen Verantwortliche, die ihre Verantwortung nicht wahrnehmen. Auch davon berichtet das Buch.

  (dpa / Harald Tittel) (dpa / Harald Tittel)Sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche
Täterschutz war wichtiger als Opferfürsorge – so lautet ein Ergebnis eines Gutachtens für das Bistum Aachen. Laienverbänden fällt es schwer, für die Opfer Partei zu ergreifen.

Florin: Die Namen von Personen wurden geändert. Ortsnamen, auch die Namen von Orden, kommen nicht vor. Die meisten Geschichten enthalten eine Triggerwarnung. Es könnte Schilderungen geben, die auf Betroffene retraumatisierend wirken. Das gilt auch für den folgenden Auszug - ein Stück aus dem Text "Ich war nicht mehr ich" von Momo Eiche.

In den Exerzitien 1984 hat P. Kroll mich das erste Mal in den Arm genommen. Er ist auf einmal mitten im Gespräch aufgestanden, hat sich hingestellt, seinen Arm ausgestreckt und gesagt: "Komm, nimm diesen Arm. Du darfst ihn nehmen." Er wiederholte das immer wieder. Ich sagte: "Ich will ihn ja nehmen, aber ich habe Angst, dass dieser Arm mich festhält." Er sagte: "Nein, da musst du keine Angst haben." Dann nahm ich den Arm, er legte den Arm um mich und sagte: "Ich will dich lieben, weil du das brauchst, aber du sollst wissen, dass es nicht nur darum ist." Er sagte: "Das ist völlig in Ordnung. Das ist ganz rein, ganz sauber. Gott will dir damit helfen, aber das darf niemand wissen. Das ist unser Geheimnis." Ich habe ziemlich stark gezittert. Als ich abends mit den Schwestern in der Kommunität saß, fing ich immer wieder an zu zittern. Die Schwestern fragten: "Was ist mit dir los?" Ich sagte: "Ich weiß es nicht." Obwohl ich es genau wusste. Ich war völlig überfordert, weil ich nicht mehr wusste, was richtig und was falsch war und weil ich fürchtete, dass mir niemand glaubt. (Aus: "Erzählen als Widerstand!". S. 59) 

„Unter dem Deckmantel von Fürsorge und Liebe“ 

Florin: Dieser "Pater Kroll" heißt in Wirklichkeit anders. Da ist von Liebe die Rede. Worin besteht die Gewalt?

Leimgruber: Die Gewalt besteht darin, das umzudeuten. Das ist ja nicht Liebe, sondern dieser Ausschnitt zeigt, dass es unter diesem Deckmantel von Fürsorge, von Liebe eine Anbahnungsstrategie gibt. Er sagt, er bietet ihr den Arm an, dann ist er aber auch hartnäckig, testet aus, manipuliert sie. Das zeigt, dass die Betroffene irgendwann auch selber nicht mehr weiß, was richtig und was falsch ist. Da wird eine sexuelle Handlung spiritualisiert. Es wird immer wieder gesagt, der Pater liebt sie. Es wird aber auch oft gesagt: "Gott liebt sie". Also sexuelle Übergriffe als göttlicher Wille oder als Ausdruck von göttlicher Liebe - das ist wirklich spirituelle Gewalt, spiritualisierte Gewalt.

Mit diesem Mantel von Liebe und "Gott will das" wird sexualisierte, spiritualisierte Gewalt legitimiert. Alle diese Berichte zeigen, das Missbrauch im Grunde auch immer die Verletzung der Selbstbestimmungsrechte der Frauen ist, also des sexuellen und spirituellen Selbstbestimmungsrechts. Die Frauen werden mit diesen Anbahnungsstrategien, Groomingstrategien nennt man diese Dynamiken, an einen Punkt gebracht, dass sie oft selbst glauben: Sie wollen das. Und oft merken sie erst im Nachhinein: Da bin ich irgendwohin geleitet, hingeführt, manipuliert worden, das will ich gar nicht. 

"Toxisches Verhältnis"

Florin: In weltlichem Kontext mussten sich Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, auch lange anhören: "Die hat sich nicht gewehrt, die war doch erwachsen." Es hat auch im Strafrecht lange gedauert, bis der Grundsatz galt "nein heißt nein". Diese Behauptung: "Durch mich spricht Gott, ich weiß, was Gott will. Ich weiß das besser, als du" - in einigen Geschichten missbraucht der Priester in seiner Priesterkleidung - ist das der Unterschied zwischen Missbrauch in kirchlichem Kontext und im weltlichen Zusammenhang?

Leimgruber: Ich würde sagen, dass es viele Überschneidungen tatsächlich gibt. Viele der Erfahrungen, die die Frauen schildern, resonnieren wirklich auch auf das, was gesellschaftlich passiert, im Kontext von Gewalt gegen Frauen: Dieses Schweigegebot - "Es ist unser Geheimnis"-, die Anbahnungsstrategien, die Manipulationsstrategien, das ist tatsächlich ganz parallel. Auch die Heilsversprechen, die gegeben werden, also was erreicht werden kann, wenn sich die Frau fügt.

Dass der Täter oft Priester ist und das auch ausnutzt, kommt im katholischen Bereich schon auch noch obendrauf. Klerikalismus ist auch von der MHG-Studie schon als Risikofaktor benannt worden: dieses toxische Missbrauchsverhältnis, die Überordnung von Klerikern gegenüber Laien, die dann zu Missbrauchstaten führt ... 

Florin: Da muss ich kurz einhaken. Die MHG-Studie ist 2018 erschienen und erfasst das Ausmaß sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der katholischen Kirche in Deutschland. Aber Gewalt gegen Erwachsene kommt darin nicht vor. 

Leimgruber: Ja. Das zeigt zum einen unser Buch, dass da noch mal genauer draufgeguckt werden muss: Es stimmt nicht ganz, dass Gewalt gegen Erwachsene überhaupt noch nicht vorkommt in der Kirche. Die "Ordnung gegen sexualisierte Gewalt" der Deutschen Bischofskonferenz kennt auch schon Erwachsene als Opfer, aber lediglich, solange sie schutz- und hilfebedürftig sind. Es ist nicht völlig unbekannt, dass es erwachsene Missbrauchsbetroffene gibt.

Das brave katholische Mädchen

Florin: Ein zentraler Punkt bei allen Missbrauchstaten ist das Machtgefälle. Es gibt in der katholischen Kirche das Machtgefälle zwischen Geweihten und Laien, also Priester und Laien. Sie thematisieren aber auch noch ein anderes in diesem Buch, nämlich das zwischen Männern und Frauen. Welche Rolle spielt das katholische Frauenbild für die Taten?

Leimgruber: Das katholische Frauenbild spielt eine wichtige Rolle. Viele der betroffenen Frauen, der Autorinnen, beschreiben, dass sie als brave Mädchen erzogen worden sind. Die als Mädchen auch hinzunehmen haben, was die Autorität sagt. Es spielt eine Rolle, dass im katholischen Frauenbild - als Lehre - Frauen diejenigen sind, die hinnehmen, die demütig sind, die als Ideal schweigen, sich einfügen, fürsorglich sind. All diese letztlich weiblichen Stereotype finden sich wieder. Ich denke, dass gerade im Katholischen immer gesagt wird: Natürlich schätzen wir die Frauen sehr, sie haben eine besondere Würde. Es führt aber letztlich nur zu einer paternalistischen Unterdrückungsfürsorge, wenn man sagt: Wir fördern die Würde der Frau. Aber das sagen ja Männer. Das heißt, es wird von Männern vorgegeben, wie Frauen zu sein haben. Und das, glaube ich, spiegelt sich in diesen Berichten schon noch mal ganz deutlich. 

„Frauen haben da auch viel zu verlieren"

Florin: Was die Frauen trotz ihrer Unterschiedlichkeit verbindet, ist ihre - ich würde sagen - Liebe zur Kirche. Sie haben vorhin den Frauentypus etwas umrissen: das brave katholische Mädchen. Ich nehme als Beispiel die letzte Geschichte im Buch: Da wird eine Frau von einem Priester täglich zum Sex genötigt. Als sie schwanger wird, rät dieser Priester und auch ein mit ihm befreundeter Priester zur Abtreibung. Das macht sie dann auch. Trotz dieser schrecklichen Erfahrungen mit den Priestern und dann später, als sie um Gerechtigkeit kämpft, mit der Hierarchie, möchte sie, dass die Kirche ihre Heimat bleibt. Woher kommt diese Liebe - trotz allem?

Leimgruber: Ich glaube, dass die Frauen sich in ganz komplexen Zusammenhängen befinden. Gerade diese letzte Geschichte, die wirklich ganz, ganz erschütternd ist, zeigt zum einen, dass da starke emotionale Bindungen sind, starke soziale und finanzielle Abhängigkeiten bestehen. Die Frau ist diesem Priester emotional wirklich ausgeliefert gewesen. Diesen Abhängigkeiten ist es einerseits schwer zu entkommen. Die Frauen haben da auch viel zu verlieren. Oftmals sind sind die Erfahrungen auch erst nachträglich als Missbrauch zu deuten. Das sind gewachsene Zugehörigkeiten, zu denen es schwer ist auf Distanz zu gehen, gerade wenn jemand in kirchlichen Bezügen sozialisiert aufwächst. Die Frau im letzten Beitrag arbeitet ja auch in der Kirche, der Missbrauchstäter ist ihr Vorgesetzter. Das sind komplexe Beziehungen einerseits. Sie sagen: "Da ist eine Liebe zur Kirche". Das ist eine emotionale Bindung und dann kommen on top diese finanziellen und anderen Abhängigkeiten noch dazu. Das sind oft Lebensentscheidungen, die schwer zu revidieren sind.

Florin: Viele Frauen, das wird auch in den Beiträgen geschildert versuchen, um ihr Recht zu kämpfen. Sie möchten, dass aufgearbeitet wird. Susanne Gerlass hat geschrieben:

Aus dem Blickwinkel und der Erfahrung einer vom Missbrauch Betroffenen – also aus meinem Blickwinkel – ist die kirchliche Institution eine tür- und fensterlose Festung, bestehend aus einem mächtigen, wohl strukturierten und gut mit Gremien und Fachbereichen ausgestatteten Apparat, mit  kirchlichen Würdenträgern in verschiedenen Rängen, Juristen, Laien, auch Frauen, die auf verschiedenen Hierarchieebenen für den Schutz und zur
Verteidigung der Institution arbeiten. Was ich als Betroffene erlebte, war, dass bei dem Thema Missbrauch unentwegt Wände hochgezogen wurden, dicke undurchdringliche Mauern: Versagte Antworten, geschickte Juristerei, die Verweigerung von Anonymität, wo ich lieber mit einem Decknamen
"unterwegs" sein wollte, sich – bildlich gesprochen – nochmals ausziehen sollen ..., schriftlich das erfahrene Leid an Unbekannte geben müssen, ohne zu wissen, was mit dem Bericht geschieht, wo er gelagert wird,rochen, nochmals ausziehen sollen. Schriftlich, dass erfahrene Leid an Unbekannte geben müssen, ohne zu wissen, was mit dem Bericht geschieht. (Aus: "Erzählen als Widerstand", S. 89) 

Florin: Stichwort "geschickte Juristerei". Sie haben, nehme ich an, alle Namen verändert alles anonymisiert, weil Sie sonst Klagen, befürchten, oder? 

Leimgruber: Die Anonymität schützt vor Anfeindungen. Die Betroffenen sollen und wollen auch anonym bleiben. Man muss schon auch sagen, dass viele, eigentlich alle nur unter dieser Bedingung erzählt haben. Da gibt es diese Anfeindungen, sie schämen sich zum Teil bis heute. Sie haben Angst, dass ihnen wieder nicht geglaubt wird. Das schildert auch Frau Gerlass: diesen Kampf darum, dass einem geglaubt wird, dass eben nicht gesagt wird: "Ihr wollt die Kirche zerstören". Oder: "Das ist doch nur ein persönlicher Rachefeldzug, das hast du dir alle so ausgedacht." Das ist dann so eine Täter-Opfer-Umkehr, die man immer wieder beobachten kann. Es schreiben auch einige: "Mensch, der Pater ist doch so ein Guter, so ein Lieber, dass das kann er doch gar nicht machen." Ich nenne das immer die Good-Guy-Hermeneutik: Der Pater ist der Good Guy, dem man das nicht zutraut. Das sieht man denen ja nicht an. 

Florin: Einzelexerzitien sind auch sehr beliebt. Es gibt regelrechte Stars unter den Patres. 

Leimgruber: Das ist richtig.  Das ist auch wieder eine Parallelität zu anderen Bereichen: Gurus, Stars sind immer auch eine Gefährdung. In vielen dieser Bereiche, wo exaltierte Persönlichkeiten sind, Leader-Figuren, da ist der Schritt zum Missbrauch oft nicht groß.

Vielleicht auch noch mal zur Anonymität: Ich glaube auch, dass die Anonymität den Frauen überhaupt erst den Rahmen gegeben hat, das zur Sprache zu bringen, was sie erfahren haben. Das waren ja nicht irgendwelche Zeugenbefragungen vor Gericht, sondern die Frauen haben aus eigener Initiative auf unseren Anruf hin die Texte verfasst, zum Teil auch in ganz unterschiedlichen Genres. Die eine schreibt es als Brief an sich selbst, eine andere macht eine Chronik dessen, was sie erlebt hat. Das heißt, die Frauen haben die Form gesucht, die ihrer Erfahrung angemessen ist. Das ist auch noch einmal etwas Eigenes, was das Buch zu bieten hat.

Porträt von Harald Dreßing, Professor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (picture allaiance / dpa / Arne Dedert) (picture allaiance / dpa / Arne Dedert)Missbrauch-Studie der katholischen Kirche - "Ich erwarte Rücktritte"
Das Erzbistum Köln hatte angekündigt, in einer Untersuchung zum Umgang mit sexualisierter Gewalt "Ross und Reiter" zu nennen. Der forensische Psychiater Harald Dreßing forderte im Dlf, Bischöfe müssten Verantwortung übernehmen.

"Das hat System, das ist System"

Florin: Anonymität schützt aber auch die Täter, die Vertuscher. 

Leimgruber: Die einzelnen vielleicht, mit Namen. Das System, würde ich sagen, sollte schon deutlich sehen, dass es eben keine Einzelfälle sind. Der Schutz des Systems sollte deutlich angefragt werden mit diesen 23 Berichten. Das ist nicht nur ein Einzelfall, das hat System, das ist System. Es sind viele. Man kann sagen: Ein Einzelner wird geschützt, weil man ihn nicht nennt. Aber es sollte klar sein, dass es wirklich viele sind. Das muss angegangen werden. Es muss endlich benannt werden, da muss endlich darüber geredet werden. Und das muss Konsequenzen haben.

Florin: Im vergangenen Jahr hat "Arte" den Film gezeigt "Gottes missbrauchte Dienerinnen". Da ging es um Ordensfrauen, die sexualisierte Gewalt erleben. Der Film hatte sehr gute Einschaltquoten, wurde sehr stark beachtet und diskutiert. Hat sich da substanziell was bewegt?

Leimgruber: Ja, es hat sich tatsächlich was bewegt, denn es ist eine Öffentlichkeit hergestellt worden. Es braucht noch mehr Öffentlichkeit. "Missio" zum Beispiel hat auch schon eine Studie veröffentlicht, die deutschen Ordensoberenkonferenz blickt vermehrt auf das Thema. Vor einem Jahr in Siegburg gab es eine Tagung, wo sich das erste Mal von Missbrauch betroffene Frauen getroffen und sich ausgetauscht haben. Das war auch eine Initialzündung. Es ist einiges in Bewegung geraten. Es ist natürlich alles noch viel zu wenig. Es muss noch mehr passieren. Es muss tatsächlich endlich diskutiert werden. Es muss anerkannt werden, dass erwachsene Frauen Betroffene von Missbrauch werden können. Und zwar alle Frauen, nicht nur Ordensfrauen. Von den 23 Frauen in unserem Buch sind neun Ordensfrauen, die anderen sind eben nicht Ordensfrauen. Da sind Frauen, die sind verheiratet, die haben Kinder. Das muss alles aufs Tapet.

"Der Ohnmacht sind wir alle ausgesetzt"

Florin: Ich erlebe ziemlich häufig Abwehrreaktionen nach dem Muster: Ach, schon wieder Missbrauch und dann auch wieder in der Kirche. Der ist doch überall. Die Frauen, die jetzt allen Mut zusammengenommen haben, erwarten von einem solchen Buch etwas, zumindest eine Bewusstseinsmachung. Wie schützen Sie die Frauen vor der Enttäuschung, dass auch die Öffentlichkeit gar nicht wach gerüttelt werden möchte?

Leimgruber: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, der Ohnmacht sind wir alle ausgesetzt. Auch wir Herausgeberinnen können weder die Betroffenen noch uns selber wirklich davor schützen. Wir kommen selber auch mit mit einer Hoffnung, dass das in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, dass es diskutiert wird. Ich hoffe natürlich, dass es nicht so weit kommt, dass es egal ist, dass es ignoriert wird oder dann halt ersetzt wird durch ein "Das kennen wir schon alles, noch jemand, der Missbrauch erfahren hat". Aber die Gefahr besteht für für die Betroffenen genauso wie für uns.

Florin: Was wäre eine substanzielle Veränderungen? Sie haben vorhin "das System" angesprochen. Also geht es doch um mehr als Bewusstseinsbildung, es geht um eine systemische Veränderungen. Was wäre so eine?

Leimgruber: Ich denke, eine systemische Veränderung wäre, darüber nachzudenken, wie die vorhandenen Macht-Asymmetrien und Abhängigkeitsverhältnisse in diesen Seelsorge-Settings wahrgenommen und verändert werden können. Wir erwarten uns tatsächlich auch Präventions- und Resonanz-Maßnahmen, die erkennen: Diese Seelsorge-Settings - geistliche Begleitung, Beichte, Seelsorgegespräche, Exerzitien - haben eine Asymmetrie. Der Begleiter, die Begleiterin und die begleitete Person sind nicht auf Augenhöhe. Ich erwarte mir schon, dass das umgesetzt wird, dass das in Interventionsschulungen zur Sprache kommt.

Es wäre wünschenswert, wenn sich das in den Satzungen, den Ordnungen niederschlägt, dass wir also noch diskutieren über die Schutz- und Hilfebedürftigkeit von Erwachsenen. Dass wir wirklich auch in den Ordnungen darauf Wert legen, dass darin steht, dass wir die Abhängigkeitverhältnisse in Seelsorge-Beziehungen kennen, die zu Missbrauch führen können und unter denen eben keine gleichberechtigte Beziehung auf Augenhöhe ist. Das wären schon mal wirklich erste wichtige Schritte.

Wir erhoffen uns, dass auch andere Betroffene erzählen. Dass es nicht mehr tabuisiert sein muss, zu erzählen, dass man als Frau in der katholischen Kirche körperlich oder spirituell in seiner Selbstbestimmung verletzt wird. Dass man Altherrenwitze erlebt und kennt. Dass man das sagen darf, dass es nicht in Ordnung ist. Dass man es kennt, dass einem vorgeschrieben wird in der Ausbildung, bei wem man die Exerzitien machen muss und in welcher Form da kritisiert werden darf. Dass man da keine Angst haben muss, wenn man so etwas sagt.

Florin: Haben Sie auch Solidarität von Männern erlebt?

Leimgruber: Ja, haben wir erlebt. Aber ich muss schon sagen: Die Mehrheit waren Frauen. Auch bei der Buchpräsentation am 25.11. hatten über 300 Menschen teilgenommen. Es waren nicht mal zehn Prozent Männer.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Haslbeck/ Heyder/ Leimgruber (Hg.): Erzählen als Widerstand: Berichte über spirituellen und sexuellen Missbrauch an erwachsenen Frauen in der katholischen Kirche.
Aschendorff, 271 Seiten, 20 Euro.

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