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StartseiteInformationen am MorgenRusslands Trophäen aus dem Syrienkrieg26.02.2019

Militärzug wirbt für ArmeepräsenzRusslands Trophäen aus dem Syrienkrieg

In Russland rollt ein Zug mit Kriegsgerät durchs Land, das die russische Armee im Syrienkrieg von Islamisten erbeutet haben soll. Präsident Wladimir Putin will damit für die Militärpräsenz in Syrien werben, die in der russischen Bevölkerung kaum noch Unterstützung findet.

Von Thielko Grieß

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Panzer T-55 aus dem Syrienkrieg im Bahnhof von Kasan (Deutschlandfunk / Thielko Grieß)
Vorgeführt als Trophäe aus dem Syrienkrieg: Panzer T-55 im Kasaner Bahnhof in Moskau. (Deutschlandfunk / Thielko Grieß)
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Reisende, Koffer, Ansagen: Es herrscht normaler Betrieb am Kasaner Bahnhof, einem der großen Bahnhöfe Moskaus. Eine Abfahrtstafel listet die Ziele der Züge auf: Noworossijsk, Adler, Grosny. Nur ein Zug ist dort nicht verzeichnet.

Er ist auf Gleis Nummer fünf eingefahren und besteht aus 20 Waggons und Aufliegern für Gütertransport. Sie haben Kriegstechnik geladen wie Panzer, Transporter, Toyota-Geländewagen - Trophäen aus dem Syrienkrieg. Manche sind etwas verbeult, andere etwas rostig, fast alle haben Einschusslöcher. Die Trophäen sind mit flockigem Schnee überzogen.

Als erstes fällt eine merkwürdige kastenförmige Maschine mit metallenem Rüssel ins Auge. "Hier präsentieren wir ein selbstfahrendes Minenräumgerät", erklärt Alexej. Diesen Bohrer chinesischer Produktion hätten Islamisten verwendet. Das seien keine Amateure.

"Das ist kein selbstgebasteltes Fahrzeug, sondern professionelle Technik, die auch an die Armee Großbritanniens und einiger anderer Länder geliefert wird."

Raketenwerfer, Waffen, Propaganda-Material

Alexej ist Soldat, und sein Aussehen wäre eigentlich mit dem Begriff "grünes Männchen" am besten beschrieben, wenn der nicht seit der Krim-Annexion besetzt wäre. Alexej trägt eine rundherum grüne Uniform, Schutzweste, einen Helm, darüber eine Sonnenbrille, als bräche gleich die Sonne in syrischer Stärke durch die Moskauer Wolken. Ein Namensschild trägt er nicht, und mehr als seinen Vornamen gibt er über sich nicht preis. Keinen Dienstrang, keine Einheit. Nur dies:

"Ich war dabei, als dieser Bohrer von der syrischen Armee erobert wurde, als Berater der Arabischen Republik Syrien."

So ähnlich formulieren alle anderen Soldaten hier auch: Russland helfe Syrien, die Islamisten zu besiegen.

Gepanzerter Transporter aus dem Syrienkrieg im Bahnhof von Kasan (Deutschlandfunk / Thielko Grieß)Gepanzerter Transporter aus dem Syrienkrieg (Deutschlandfunk / Thielko Grieß)

Wer den Trophäenzug entlang geht, passiert das sogenannte Dschihad-Mobil, ein Fahrzeug, mit dem ein Selbstmordattentäter seine letzte Fahrt hätte antreten können, dann Raketenwerfer und gelangt im Mittelteil zu Waggons, die zu Ausstellungsräumen umgebaut wurden. In einem ist islamistisches Propaganda-Material in Holztruhen ausgestellt, an den Wänden hängen erbeutete Gewehre, die fast alle aus westlicher Produktion stammen. Es sind moderne amerikanische darunter, aber auch ein französischer Karabiner von 1905 und das deutsche Wehrmachts-Sturmgewehr 44.

An anderen Wänden sind gemalte Bilder zu sehen: Russische Soldaten, die in der antiken Stätte Palmyra Minen räumen, die Hilfsgüter verteilen, die aus dem Cockpit eines Kampfflugzeugs den Daumen nach oben recken, eine Katze streicheln. Kein Federstrich dazu, was in Syrien sonst passiert: die hunderttausenden Toten oder den erbarmungslosen Diktator.

Anti-Terror-Kampf mit historischem Vorbild

Ein anderer Soldat in Grün erläutert die vom russischen Militär verwendete Minenräumtechnik - nicht ohne zu betonen, wie modern sie sei. Eine Fotoausstellung in Schwarz-Weiß stellt einen anderen Zusammenhang her: Der Anti-Terror-Kampf in Syrien habe ein historisches Vorbild, den Krieg gegen Nazi-Deutschland.

Den Vorträgen hören Gruppen von Kadetten und Jungarmisten zu, Russlands künftige Soldaten. Die beäugen zwar auch den Schriftzug auf meinem Mikrofon, und gerne würde ich mit ihnen sprechen, aber es geht nicht. Immer steht irgendein Ausbilder in der Nähe, der solche Annäherungen nicht gern sieht. Zivile Besucher sind wenige gekommen, aber immerhin dieser Vater mit seinen drei Jungs: "Stell Dir vor", erklärt er, "wie stark eine Sprengladung sein muss, die einen solchen Panzer nach oben schleudert und auf die Seite wirft."

Widerstände gegen Syrien-Einsatz

Anders als er haben viele Russinnen und Russen laut Umfragen ein distanziertes Verhältnis zum Krieg in Syrien. Nur eine Minderheit unterstützt die Politik Moskaus. Viele wissen, dass der Einsatz noch längst nicht vorüber ist, obwohl er schon ein paar Mal für erfolgreich beendet erklärt wurde. Russland hat nach offiziellen Zahlen mindestens 112 Soldaten verloren. Wladimir Putin rechtfertigt seinen Marschbefehl häufig so, wie er es kürzlich getan hat:

"Wir entwickeln unsere Streitkräfte weiter, erhöhen die Intensität und Qualität der Kampfausbildung, indem wir auch auf die Erfahrungen zurückgreifen, die wir in der Anti-Terror-Operation in Syrien gesammelt haben."

Der Präsident weiß, dass die Armee den meisten Russinnen und Russen als unantastbares Symbol ihres Landes gilt. Was ihr nützt, darf auch kosten. Allerdings ist unbekannt, wie viel Geld für den Einsatz in Syrien bislang ausgegeben worden ist.

"Ich besinge Palmyra im russischen Stil. Du bist auch mir jetzt heimisch, Syrien!", singt jemand. Ein Transportwaggon dient ihm als Bühne. Links neben ihm sind ein gepanzerter Transporter vom Typ Humvee aus amerikanischer Produktion zu sehen und ein Panzer, T-55, sowjetischer Bauart, der angeblich aus georgischen Beständen unter das Kommando von Islamisten geriet.

Dann, nach kurzer Besichtigungszeit im Kasaner Bahnhof von Moskau, schickt der stellvertretende Verteidigungsminister den Zug auf seine Reise. Erst in den Süden Russlands, dann in den Osten, und dann zurück - mehr als 28.000 Kilometer. Er hält in 60 Städten.

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