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StartseiteDeutschland heuteKritik an Informationspolitik der Homburger Klinik 25.06.2019

MissbrauchsvorwürfeKritik an Informationspolitik der Homburger Klinik

In der Uniklinik Homburg soll sich ein Assistenzarzt jahrelang an Kindern vergangen haben. Es hatte bereits Ermittlungen gegen den Mediziner gegeben, doch waren die nach dessen Tod eingestellt worden. Erst jetzt, acht Jahre später, werden die mutmaßlichen Opfer und ihre Eltern informiert.

Von Tonia Koch

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 Saarland, Homburg: Der Eingangsbereich zu der Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie des Universitätsklinikums des Saarlandes in Homburg.  (Oliver Dietze/dpa)
Eltern waren über jahrelangen Kindesmissbrauch nicht informiert (Oliver Dietze/dpa)
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Ereignet haben sich die Vorgänge zwischen 2010 und 2014. Die Universitätsklinik war nach einem anonymen Hinweis, der Arzt zeige ein distanzloses Verhalten gegenüber seinen kleinen Patienten, auf den damals 30-jährigen Assistenzarzt aufmerksam geworden. Eine interne Überprüfung hatte wohl Anhaltspunkte dafür geliefert, dass der Arzt Untersuchungen durchführte, die medizinisch nicht geboten waren.

34 Verdachtsfälle an die Staatsanwaltschaft

Schließlich sprach das Klinikum eine fristlose Kündigung aus und befasste die Staatsanwaltschaft mit 34 Verdachtsfällen. Allerdings haben weder die Klinik noch die Staatsanwaltschaft die Eltern der Betroffenen, die überwiegend zwischen fünf und acht Jahren waren, seinerzeit über die Verdachtsmomente informiert. Begründet wird dies vom ärztlichen Direktor der Universitätsklinikums, Prof. Wolfgang Reith, heute mit dem Schutz der Kinder.

"Grundlage ist, dass es den Kindern selbst nicht aufgefallen ist, dass es eine sexuelle Handlung an den Kindern ist. Für die Kinder war es eine normale Untersuchung, wie man es normalerweise macht. Aber das wurde von vielen wahrscheinlich nicht als sexuelle Handlung empfunden, sondern als ganz normale klinische Untersuchung."

Ob es tatsächlich so war, weiß auch die Klinik nicht. Aber die handelnden Ärzte haben sich in der fraglichen Zeit dazu entschieden, das Kindeswohl in dieser Weise zu interpretieren und Eltern und Erziehungsberechtigte über die möglicherweise sexuell motivierten Untersuchungen im Unklaren zu lassen.

Prof. Reith, von Haus aus Radiologe, hätte nach eigenem Bekunden wohl anders gehandelt. Er hat nun als verantwortlicher Klinikleiter eine interne Untersuchung angeordnet. "Warum das so gemacht worden ist und nicht anders, das ist etwas, was wir intern noch einmal klären müssen."

Ermittlungen nach Tod des Arztes eingestellt

Auch die Staatsanwaltschaft hat zunächst nur in drei Fällen informiert, die sich außerhalb des Klinikums zugetragen haben, mutmaßlich im Umfeld eines Sportklubs. In diesen Fällen habe sich der begründete Anfangsverdacht bestätigt, in den anderen nicht, erläutert der leitende Staatsanwalt, Michael Görlinger.

"Wir haben dafür keine Rechtsgrundlage zum damaligen Zeitpunkt gesehen. Es sind ja die Vertreter dreier Kinder hinsichtlich derer sich Tatvorwürfe konkretisiert hatten, informiert worden. Im Übrigen ist nach unserer damaligen und auch heutigen Wertung keine Tathandlung so konkret fassbar geworden, dass wir diese Kinder schon als Verletzte im Sinne der Vorschriften der Strafprozessordnung hätten ansehen können und Informationen hätten geben können."

Dann stirbt der Arzt, völlig unerwartet. Ein Suizid als mögliche Todesursache wird ausgeschlossen. Und die Staatsanwaltschaft stellt die Ermittlungen ein.

"Dann durften wir nicht mehr ermitteln, der Tod ist ein Verfahrenshindernis und damit ist das Verfahren zwingend einzustellen."

Rechtsaufsicht des Klinikums erfährt durch Zufall von Vorfällen

Erst durch einen Zufall erfährt die Rechtsaufsicht des Klinikums, das saarländische Wissenschaftsministerium, von den Vorfällen. Das Ministerium lässt daraufhin im April dieses Jahres gutachterlich untersuchen, ob es tatsächlich der richtige Weg war, die Betroffenen auch ohne Belege für strafrechtlich relevante Missbrauchshandlungen vom Geschehen nicht zu informieren. Das Gutachten kommt zum Ergebnis, dass Information geboten war und auch heute noch ist.

Annette Groh, Vertreterin des Ministeriums: "Unsere Frage an den externen Gutachter war, was ist ein der jetzigen Situation zu tun und die Empfehlung des Gutachter zielt auch auf die heutige Situation ab. Er argumentiert damit, dass mittlerweile die Betroffenen ein Alter erreicht haben, dass sie das Erlebte verarbeiten können."

Weißer Ring ist eingeschaltet

Überdies hat das Ministerium eine Disziplinarverfahren gegen einen leitenden Mitarbeiter des Klinikums eingeleitet. Um wen es sich dabei handelt, ließ die Behördenvertreterin offen. Inzwischen hat die Klinik versucht, zu allen Betroffenen Kontakt aufzunehmen und das persönliche Gespräch zu suchen. Nicht in allen Fällen ist das bislang gelungen. Und eingeschaltet ins weitere Verfahren ist auch die Opferorganisation des Weißen Rings. Der Landesvorsitzende, Gerd Müllenbach, hat wenig Verständnis für die seinerzeit gewählte Problemlösungs-Strategie.

"Die Klinik hätte, denke ich, die Patienten informieren müssen, denn die haben nach unserem Gesetz auch einen Rechtsanspruch auf diese Informationen und das Patientenrecht hat sich seit 2013 massiv zugunsten der Patienten verändert, und es gibt keinen vernünftigen Grund für einen behandelnden Arzt mehr, diese Patienten über bestimmte Umstände nicht zu informieren."

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