Samstag, 16.01.2021
 
Seit 07:05 Uhr Presseschau
StartseiteUmwelt und VerbraucherMoore sind wie Spreewaldgurken24.10.2013

Moore sind wie Spreewaldgurken

Der Wert der Biotope für den Klimaschutz

Moore sind wassergesättigte, leicht saure Biotope. Wo Wasser ist, kann kein Sauerstoff sein - ganz wie im abgeschlossenen Topf mit Spreewaldgurken. Doch viele Moore in Deutschland wurden trockengelegt und emittieren jetzt Millionen Tonnen klimaschädlicher Gase wie CO2.

Von Michael Castritius

Das Große Moor nördlich von Neudorf-Platendorf im Kreis Gifhorn. (dpa / picture alliance / Julian Stratenschulte)
Das Große Moor nördlich von Neudorf-Platendorf im Kreis Gifhorn. (dpa / picture alliance / Julian Stratenschulte)

Mit Mooren identifizieren wir die Naturlandschaften in Deutschland kaum. Tatsächlich sind auch nur vier Prozent der Staatsfläche Moore, weltweit gar nur drei Prozent der Flächen. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die meisten entwässert, beackert, Torf abgebaut. Und noch bis in die jüngste Zeit hinein sei verkannt worden, dass Moore enorme Bedeutung für den Klimaschutz haben, sagt Prof. Hans Joosten von der Universität Greifswald.

"Auf dieser Drei-Prozent-Erdfläche, die als Moor existiert, findet man doppelt so viel Kohlenstoff wie in aller Wälder-Biomasse der Welt. Die Wälder sehen wir, die sind überall, aber die sind nicht so dicht an Kohlenstoff."

Gigantische, dicht gepresste CO2-Speicher sind Moore, was natürlich biologisch längst bekannt war, ökologisch aber eben übersehen wurde. Pflanzen vermodern in nassen Mooren nicht, ihr CO2 gelangt somit auch nicht in die Atmosphäre. Professor Joosten erklärt das gerne am Beispiel der Spreewaldgurke:

"Moore sind Ökosysteme, wo eigentlich mehr Pflanzenmaterial produziert, wird als verrottet. Weil die Böden wassergesättigt sind. Und wo Wasser ist, kann kein Sauerstoff sein. Außerdem scheiden viele Moorpflanzen auch etwas sauer ab: So hat man die Situation ähnlich wie bei Spreewaldgurken, die im Topf nicht verrotten, weil kein Sauerstoff reinkommt und weil es etwas sauer ist. Wenn man die Spreewaldgurke aus dem Topf nimmt und auf den Tisch legt, dann ist sie nach einer Weile weg. Und das geschieht auch mit dem Torf, wenn man ihn entwässert. Dann kommt Sauerstoff rein, das verbindet sich mit dem organischen Material und wird als Kohlenstoffdioxid ausgestoßen in die Atmosphäre."

Ein signifikanter Ausstoß: deutschlandweit bis zu fünf Prozent der Gesamtemission. Und in Mecklenburg-Vorpommern ist der Anteil noch erheblich höher, schließlich ist es das moorreichste Bundesland, erläutert Umwelt- und Agrarminister Till Backhaus :

"Das sind sechs Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, die jährlich aus den Mooren in Mecklenburg-Vorpommern ausgestoßen werden. Wir haben insgesamt runde 18 Millionen Tonnen Ausstoß, das heißt, rund ein Drittel kommen aus den Mooren, aus den 300.000 Hektar, die wir haben."

Ein Drittel des CO2-Ausstoßes - das ist der Hebel, an dem Klimaschutz ansetzen kann. Denn intakte Moore, so Backhaus, gehörten nun mal zu den effektivsten Kohlenstoffspeichern überhaupt. Und beim Klimaschutz dürften wir nicht nur mit dem Finger auf Regenwaldnationen wie Brasilien zeigen, wir müssten vor der eigenen Haustür anfangen.

Die Methode heißt: Wiedervernässung. Also Gebiete, die einst für die Landwirtschaft nutzbar gemacht - sprich trockengelegt - wurden, wieder unter Wasser setzen, damit der Spreewaldgurken-Effekt zurück kehrt und CO2 gebunden wird.

Um diese Maßnahmen zu finanzieren und sie ins Bewusstsein der Menschen zu bringen, hat Mecklenburg-Vorpommern Zertifikate entwickelt. Brandenburg hat sich diesen "Moor-Futures" genannten Papieren angeschlossen und nutzt sie auch schon, so Umweltministerin Anita Tack. Kaufen könne die jeder:

"Jeder Einzelne: Unternehmen, Bürgerinnen und Bürger, Vereine, Verbände, Forschungseinrichtungen – um ein gutes Werk zu tun. Und dieses Geld fließt dann in die Renaturierung dieser Moorlandschaft."

Überrascht hat in Brandenburg, dass bislang vor allem Privatleute diese Moor-Futures gekauft haben, um ihre persönliche Umweltbilanz zu neutralisieren. Erst wenige große Firmen engagieren sich, beklagt Anne Schöps von der Flächenagentur Brandenburg, die die Moor-Futures vertreibt.

"Wir können 6.700 Moor-Futures verkaufen, also 6.700 Tonnen CO2. Verkauft haben wir bis jetzt vorsichtige 55."

Da war schon ein Vorschuss des Landes nötig, um das erste konkrete Projekt nördlich von Berlin zu starten.

"Aus dem Erlös wird ein Moor revitalisiert, also wieder vernässt. Das Projekt liegt in der Nähe von Oranienburg und es handelt sich um eine intensiv genutzte Grünlandwiese, die jetzt pachtfrei ist, also die nicht mehr genutzt wird. Und wir hoffen, dass sich in ein paar Jahren ein wunderbarer, nasser Standort bildet, der besonderen Tieren einen Lebensraum bietet, und der dann so nass ist, dass man nur noch mit Gummistiefeln durchkommt."

Damit können Interessierte praktisch durch den Klimaschutz stiefeln, über einen gigantischen CO2-Speicher stapfen, ihn als Naherholungsgebiet nutzen. Unter anderem das verstehen die Macher in Mecklenburg-Vorpommern unter "Moor-Futures 2.0": Über das Klima hinaus wird ein Ökosystem geschützt, sauberes Grundwasser erhalten, das lokale Klima durch natürliche Kühlung verbessert, biologische Vielfalt an Pflanzen und Tieren ermöglicht und auch noch bei Hochwasser geschützt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk