Montag, 03. Oktober 2022

30 Jahre nach dem Bosnienkrieg
Mostar: Die Angst vor einer neuen Eskalation

Auch 30 Jahre nach dem Bosnienkrieg ist Mostar, die größte Stadt im Süden Bosnien-Herzegowinas, eine geteilte Stadt. Es gibt kaum Kontakte zwischen Bosniaken und Kroaten, Schulunterricht findet getrennt statt. Anwohner fürchten eine neue Eskalation.

Von Cornelius Wüllenkemper | 10.09.2022

Eine Brücke führt über eine Fluss, der durch ein Tal fließt. Die Brücke verbindet Teile der Stadt Mostar.
Während des Bosnienkriegs in den 1990er Jahren haben muslimische Bosniaken und katholische Kroaten erbittert um die Kontrolle über die Stadt Mostar gekämpft (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Kemal Softic)
Stari Most, die Alte Brücke, die das smaragdgrün funkelnde Wasser der Neretva überspannt, ist das Wahrzeichen von Mostar in Bosnien-Herzegowina. 1566 in osmanischer Zeit unter Sultan Suleiman erbaut, wurde sie zum Verbindungssymbol der muslimischen, slawisch-orthodoxen und katholischen Kultur. 1993 wurde die Brücke im Bosnienkrieg, 427 Jahre nach ihrer Errichtung, zerstört. Das Kriegstrauma, das die jahrelange Gewalt zwischen den vorwiegend katholischen Kroaten, orthodoxen Serben und muslimischen Bosniaken hinterließ, wirkt bis heute nach und ist oft auch sichtbar. Etwa an den Souvenir-Ständen, die den Weg zur Brücke säumen.
"Das sind neue Patronen, die sind leer! Das ist ein Souvenir, das bedeutet, dass wir spielen, und keine Leute erschießen oder im Krieg sind. Hier zum Beispiel, das ist ein Kugelschreiber in einer Patronenhülse, damit können die Kinder schreiben. Das ist nicht gefährlich. Das ist wirklich hübsch."

Symbol der Versöhnung in einer gespaltenen Stadt

Der Wiederaufbau der Stari Most 2004 wird heute gern als Symbol der Versöhnung präsentiert. Doch wie gespalten Mostar mit Blick auf Vergangenheit und Gegenwart noch immer ist, zeigte jüngst ein Fall von organisiertem Vandalismus mitten in der Stadt. Mirko Božić ist Leiter des örtlichen Literaturfestivals Poligon.
"Das hier ist eines der bekanntesten Zweiter Weltkriegs-Memoriale in ganz Ex-Jugoslawien.“ - Mirko Božić führt durch einen kleinen Park am Rande der Innenstadt einen Hügel hinauf. Durch einen schmalen Gang gelangt man auf eine Partisanen-Nekropole in Form eines Amphitheaters, ein 1965 erbauter Friedhof zum Gedenken an 810 Partisanen, die im Zweiten Weltkrieg im Kampf gegen die deutschen Besatzer und die kroatische Ustascha gestorben sind - zunächst Nationalisten, später Faschisten, die durch die Unterstützung Hitlers und Mussolinis in Kroatien an die Macht kamen.
"Was wirklich bedeutend bei diesem Komplex hier ist, ist, dass es keine politischen Symbole gibt. Es gibt hier nur Steintafeln mit den Namen der Menschen, die hier kommemoriert sind, und fast alle von denen wurden jetzt gebrochen. Die Menschen sind skandalisiert. Nicht einmal im Krieg passierte so etwas."
Mitte Juni 2022 sind 700 Steintafeln in einer Nacht- und Nebelaktion mit Hämmern systematisch zerschlagen worden. Die Vermutungen, wer dahintersteckt, schießen wie üblich ins Kraut. Mancher behauptet, die Baufirma, die mit der Sanierung des Denkmal-Komplexes beauftragt werden sollte, habe die Zerstörung veranlasst, um daraus Geld zu schlagen. Andere sind sich sicher, dass man es mit den Vorwehen der Parlamentswahl im Oktober zu tun hat. Ein Passant, schüttelt den Kopf und kommentiert lakonisch: „Es passt allen drei Parteien. Jetzt können sie darüber streiten und das Ganze als Wahlkampfschlager ausschlachten.“
Die "drei Parteien", das sind die Vertreter der drei konstituierenden Volksgruppen in Bosnien-Herzegowina, der Serben, Kroaten und der Bosniaken. In den Abendnachrichten überbieten sich die Parteienvertreter mit Verurteilungen und Empörung über die Zerstörung des Denkmals. Arman Zalihić, Chef der oppositionellen, multiethnischen Partei SDP in Mostar, prangert die Untätigkeit der Regierung an: „Wir haben einige Male verlangt, dass ein 24-Stunden-Wachdienst den Friedhof schützt. Wir haben die Installation von Videokameras verlangt, damit man das Problem dauerhaft bis zur vollständigen Rekonstruktion des Partisanenfriedhofs lösen kann. Es wurde diesbezüglich nie etwas getan. Nun sieht man, wohin das geführt hat.“
Auch Sead Đulić meldet sich zu Wort. Als Sprecher des Gedenkvereins der antifaschistischen Partisanen äußert er sich empört über Dragan Čović. Der gebürtige Mostarer Čović ist Vorsitzender der Partei Kroatische demokratische Gemeinschaft Bosnien und Herzegowina, kurz HDZ: „Insgesamt sollte man das auch als Ergebnis der kontinuierlichen Politik von Herrn Dragan Čović sehen, der wie in Plastikfolie konservierte, klassische Ideen von Neonazismus und Neofaschismus in Bosnien-Herzegowina propagiert. So lange wir das nicht klar erkennen, wird es weiterhin Zerstörungen geben.“

Politiker nutzen die Spaltung

Čović hatte unlängst angekündigt, in einem kroatisch dominierten Landesteil von Bosnien-Herzegowina eigene Wahlen abzuhalten, sollte seinen Forderungen nach einer Reform des Wahlrechts bis zur Parlamentswahl im Oktober nicht stattgegeben werden. Der Nationalismus, die Spaltung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, ist für viele Politiker ein wichtiges Kapital im zutiefst zerklüfteten politischen System in Bosnien-Herzegowina.
In Mostar verläuft diese Spaltung vor allem zwischen kroatisch-stämmigen Bosniern und Bosniaken. Mit einem Anteil von 15 Prozent an der Mostarer Bevölkerung spielen die Serben hier, anders als in anderen Landesteilen, nur eine politische Nebenrolle. Das Abkommen von Dayton hatte 1995 den Krieg beendet und Bosnien-Herzegowina als paritätisch regierten Staat etabliert - eine Kompromisslösung, die sich in der Praxis mittlerweile als dysfunktional erwiesen hat.
Diese Schwachstelle machen sich Politiker immer offensiver zunutze, um die jeweiligen Bevölkerungsgruppen an sich zu binden, oft mit tatkräftiger Unterstützung aus den Nachbarstaaten Serbien und Kroatien. Zuletzt drohte man in Kroatien etwa mit einem Veto gegen die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit Bosnien-Herzegowina, sollte man sich in Sarajevo weigern, die - Zitat - „wahre, befreiende Rolle Kroatiens und der Kroaten“ bei der Verteidigung gegen die serbische Aggression im Bosnienkrieg anzuerkennen.

Versöhnung nur gegen Profit

Das ist angesichts der am UN-Kriegsverbrecher Tribunal verurteilten kroatischen Kriegsverbrecher eine offene Provokation. Gerade in Mostar, denn hier standen sich kroatische und bosniakische Truppen nach dem Rückzug der serbischen Streitkräfte lange in erbitterten Kämpfen gegenüber. Militärisch wird dieser Konflikt nicht mehr ausgetragen, aber politisch. Von echter Versöhnung ist in Mostar wenig zu spüren.
Božić erklärt das so: „Die Hauptfunktion von dieser Versöhnungsgeschichte ist Profit.“ Ausländische Geber, wie die EU unterstützen die Versöhnungsbemühungen seit vielen Jahren. Mirko Božić hängt als Leiter des Literaturfestivals Poligon in Mostar selbst von den Subventionen der Europäischen Union ab. Und dennoch macht er aus seinem Pessimismus keinen Hehl.
„Ich habe bei zahllosen Projekten mitgemacht, bei denen es um Versöhnung ging. Und alles, was daraus wurde, ist ein Haufen Visitenkarten, eine gute Party oder vielleicht ein großes Seminar, ein Link zu einem Blog oder so etwas, E-Mails, die nie verschickt werden. In vielen Fällen ist das einfach nur Geldwäscherei. Wenn man von Teilung spricht, ist das vor allem Geschäft. Es geht vor allem ums Geld. Und wenn es irgendwann einmal eine richtige Versöhnung gibt, dann gibt es keine Sponsoren mehr. Und wenn es keine Sponsoren gibt, dann gibt es kein Geld. Und dann hat man ein Problem.“

Zivilgesellschaftliche Kräfte für Versöhnung

Dennoch, viele gebürtige Mostarer haben nicht verwunden, dass der Krieg aus ihrer Stadt mit dem multikulturellen Erbe eine von Nationalismus geprägte, ethnisch und politisch gespaltene Gesellschaft gemacht hat. Und sie wollen sich nicht damit abfinden. Sabina Maslo ist eine von ihnen. Sie ist Kunstlehrerin an einer Schule und arbeitet als Freiwillige seit vielen Jahren daran, der Stadtgesellschaft eine gemeinsame Zukunft zu geben - ohne gegenseitige Schuldzuweisungen, politisch-ethnische Spaltung und historische Ressentiments.
Es gebe viele politische und gesellschaftliche Trennlinien in ihrer Stadt, meint Maslo, aber keine führe entlang der Neretva. Gemeinsam mit anderen Aktivisten baute sie nach dem Krieg ein Jugendzentrum an der tatsächlichen ehemaligen Frontlinie auf. "Wir haben damals die Aleksa-Šantić-Straße ausgewählt, weil sie eine der Straßen des ehemaligen Frontverlaufs war, genau hier haben die Kämpfe getobt. Diese Straße wollten wir nutzen, um die Idee der Nachbarschaft wieder aufleben zu lassen. Hier konnten die jungen Leute abhängen, egal welcher Religion oder Nationalität sie waren."
Das Jugendzentrum gilt heute noch als wichtiger multiethnischer Anlaufpunkt. Mostars bosnisch-kroatischer Bürgermeister Mario Kordić will das Grundstück angeblich in Bauland umwidmen, heißt es. Nur wenige hundert Meter vom Jugendzentrum entfernt liegt der Spanische Platz. Seinen Namen trägt er, weil der spanische Staat hier einen Gedenkstein für die spanischen UN-Soldaten in Mostar aufstellen ließ und für die Rekonstruktion einer historischen Park-Promenade aufkam.
„Okay Leute, ich bin Ivan. Willkommen in Mostar, in meiner Stadt. Seit 2012 bin ich Tour-Guide. Im Sommer arbeite ich, und im Winter gehe ich selbst auf Reisen.“ - Ivan Ćuže wurde im Jahr des Kriegsbeginns 1992 geboren, sein Vater arbeitete damals als Berater der spanischen Blauhelm-Soldaten in Mostar. Ćuže verließ die Stadt und lebte bis zu seinem siebten Lebensjahr in Norditalien. Heute buchen seine Touren auch viele ehemalige UN-Soldaten, die Mostar in Kriegszeiten erlebten.
„Vor dem Krieg hatten wir hier in Mostar 30 Prozent gemischte Ehen - Mostar war die multikulturellste Stadt in ganz Jugoslawien - zwischen Kroaten, Serben, und Bosniaken gab es damals viele gemischte Paare. Alles war gemischt. Erst nach dem Krieg wurde die Stadt in zwei Teile geteilt. Viele Kroaten, die ein Haus auf der bosnischen Seite hatten, und viele Bosnier mit einem Haus auf der kroatischen Seite tauschten ihre Häuser! Manche Leute leben noch immer dort, wo sie vor dem Krieg wohnten, aber die meisten leben auf der Seite, auf der ihre Community lebt. Unser Verwaltungssystem ist gespalten, wir haben unterschiedliche Wasser- und Stromversorger, sogar unterschiedliche Mobilfunkanbieter. Nur die Polizei und die Feuerwehr teilen wir uns, alles andere ist getrennt!“
Dabei unterschlägt Stadtführer Ivan Ćuže, dass Mostar immerhin von einem einzigen Bürgermeister regiert wird, auch ein multiethnischer Stadtrat wurde 2020 erstmals nach zwölf Jahren politischer Blockade demokratisch gewählt. Dass die Stadtpolitik weiterhin von Klientelismus und ethnischen Trennlinien zwischen Kroaten und Bosniaken geprägt ist, ist ein offenes Geheimnis. Alle wissen um die informellen Seilschaften, kaum jemand würde aber zugeben, von ihnen zu profitieren.
Ivan Ćužes Tour führt die Besucher vorbei an einer langen Reihe zerschossener Gebäude, an denen Raketentreffer und Maschinengewehrsalven bis heute gut sichtbar sind. Neben den zahlreichen Kriegsruinen der Innenstadt fällt das aufwendig sanierte "Alte Gymnasium" von Mostar auf. Heute beherbergt das Gebäude aus der österreichisch-ungarischen Zeit eine Internationale Schule sowie ein zweigleisiges, zwischen Kroaten und Bosniaken getrenntes, Gymnasium.

Getrennter Unterricht in den Schulen

Der letzte EU-Bericht über einen zukünftigen Beitritts-Kandidatenstatus Bosnien-Herzegowinas hat neben der Korruption und der dysfunktionalen öffentlichen Verwaltung auch das vielerorts ethnisch getrennte Schulsystem bemängelt. Spricht man mit Jugendlichen in den Straßen von Mostar, wird deutlich, wie sehr auch die Nachkriegsgeneration die Trennung zwischen den Volksgruppen verinnerlicht hat: „Alle Fächer unseres Stundenplans sind getrennt, die anderen haben andere Stunden. Das ist eine Folge des Krieges. Es ist nicht einfach mit den Anderen. Der Fluss Neretva ist die Grenze zwischen uns und denen. Auf deren Seite der Stadt gehen wir nicht, und sie nicht auf unsere.“
Freundschaften zwischen Bosniaken und Kroaten gebe es nicht, versichert er, und erst recht keine gemeinsamen Sportvereine. Denjenigen, die behaupten, Mostar sei nur politisch, nicht aber gesellschaftlich getrennt, traut der Jugendliche nicht: „Die lügen. Die Stadt ist geteilt, alle wissen das, und die tun so, als sei das nicht der Fall. Vor dem Krieg war Mostar geeint, jetzt aber nicht mehr. Ich glaube auch nicht, dass das zukünftig besser wird. Die Spannungen sind fast so groß wie unmittelbar vor dem Krieg. Und vielleicht fängt es wieder an. Die Spannung liegt in der Luft."

Historisch irrige Vorstellungen zur Legitimation

Seinen Mitmenschen, den Bosniaken, spricht der junge Mann die ethnische Eigenständigkeit ab und folgt damit den Parolen kroatischer Nationalisten: „Es gibt Unterschiede. Sie haben ihre Wahrheit, wir haben unsere. Sie glauben, wir lügen, wir glauben, sie lügen. Wir sind kulturell unterschiedlich, wir haben verschiedene Mentalitäten, Meinungen und vor allem Religionen. Muslime haben keine Kultur außer dem Islam, und das ist die Basis ihrer so genannten Nationalität."
Für den Jugendlichen sind Bosniaken ursprünglich Serben und Kroaten, die während der osmanischen Zeit zum Islam konvertiert sind. Wissenschaftlich ist das nicht haltbar. Aus dieser Art der Geschichtsklitterung nähren sich großkroatische und großserbische Ideen. Nicht zuletzt solche historisch irrigen Vorstellungen sollten die Kriege legitimieren. Die Geschichte des Bosnischen Fürstentums und Königreichs im frühen Mittelalter sowie Bosniens Rolle als wichtige Grenzprovinz der Osmanen zu Westeuropa werden in dieser Perspektive schlicht ignoriert. Wie übrigens auch andere ethnische Gruppen, die in Bosnien-Herzegowina leben: Roma und Ungarn zum Beispiel.
Ortswechsel: Auf der östlichen Seite der Neretva hat am Fuß der Alten Brücke vor einigen Jahren das Museum Herzegowina eröffnet, das den Bau der Brücke im 15. Jahrhundert, ihre Zerstörung im Krieg und den Wiederaufbau 2004 anschaulich dokumentiert. Ibrahim Dizdar, einer der Verantwortlichen der Ausstellung, ist wie viele seiner Landsleute während des Krieges ins Ausland geflohen. Dizdar entschied sich 1997 zur Rückkehr aus Deutschland und setzt sich jetzt für die touristische Wiederentdeckung von Mostar ein. Er ist muslimischer Bosniake und überzeugt, dass die Versöhnung zwischen den Volksgruppen eher ein frommer Wunsch ist.
Das Dayton-Abkommen von 1995 sieht etwa vor, dass jeder Bewohner Bosnien-Herzegowinas dorthin zurückkehren kann, wo er vor dem Krieg wohnte, um so sein Eigentum wiederzuerlangen. Die Lebensrealität sehe derweil anders aus, meint Dizdar: „Man kehrt zurück und möchte einen Job bekommen. Da man eigentlich „der Andere“ ist, hat man nicht die gleichen Jobchancen. Unter irgendwelchen Ausreden wird man zurückgewiesen. Da man des Weiteren auch keine anderen Rechte bekommt, vielleicht einen Sportverein zu eröffnen oder einen Club – man bekommt keine Zulassung. Daher verlässt man das und verkauft das ganz legal, Wohnung, Haus, und man siedelt sich dort an, wo die Mehrheit seiner Bevölkerung lebt.“
Ibrahim Dizdar ist überzeugt, heute erlebe man die Weiterführung der nationalistisch aufgeladenen Spaltung der Neunzigerjahre, nur ohne Krieg: "Dieser Satz wird immer wieder wiederholt: 'Hauptsache es wird nicht geschossen.' Es herrscht kein Krieg. Dass es Korruption gibt, dass es Kriminalität gibt, dass es diese Mafia gibt, die politische Mafia, das ist etwas, das man nicht ansprechen möchte. Und immer mehr Leute sind dazu bewegt, das Land zu verlassen."

Korruption und organisiertes Verbrechen bleiben virulent

Der Länderbericht der EU-Kommission von 2021 bestätigt Dizdars Pessimismus. Er bescheinigt Bosnien-Herzegowina kaum Fortschritte in den 14 Schlüsselprioritäten zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen, darunter die Bekämpfung von Korruption, organisiertem Verbrechen, ethnischer Diskriminierung und eine grundlegende Verwaltungsreform.
Die Abwanderung gerade junger Fachkräfte ist ein weiteres heikles Thema. Seit Ende des Krieges haben rund 500.000 Menschen das Land vor allem in Richtung Deutschland, Österreich, Schweiz und Skandinavien verlassen, bei gerade einmal 3,2 Millionen Einwohnern. Umgerechnet rund zwei Milliarden US-Dollar überweist die Diaspora laut Weltbank-Statistik jährlich in die Heimat, eine wichtige Einnahmequelle des Landes. Nachdem zuerst die Flugzeugindustrie und 2019 dann das Aluminium-Werk die Produktion in Mostar einstellten, setzt man hier jetzt vor allem auf den Tourismus, getragen durch das Weltkulturerbe, die „Stari Most“.
„Die Alte Brücke ist eigentlich die Stadt Mostar. Jeder identifiziert sich mit der Brücke. Bloß, es wurde viel darangesetzt, dass sie politisiert wurde", meint Dizdar und erklärt den Wiederaufbau der Brücke 2004 schließlich doch zum Symbol einer Annäherung zwischen bosnischen Kroaten und Bosniaken: „Auch immer mehr Kroaten aus Mostar kommen einfach mehr in die Altstadtzone, besuchen Freunde und verkehren hier mehr. Was in den Jahren zuvor nicht der Fall war. Also, man sieht, dass sich vieles doch geändert hat. Mit dem Bau der Brücke sind auch viele Touristen in die Stadt und in die Gegend von Herzegowina gekommen. Die Touristen sind die besten Fürsprecher über ein Land, eine Stadt, eine Kultur, ein Erlebnis.“
Was die Menschen in Bosnien-Herzegowina jenseits der ethnisch-religiösen Spannungen vereint, ist der Wunsch nach einem guten Auskommen und das Misstrauen gegen die politischen Seilschaften, die die Spaltung des Landes forcieren, um ihren eigenen Machterhalt zu sichern.