Mittwoch, 11.12.2019
 
Seit 09:35 Uhr Tag für Tag
StartseiteCorso"Guter Pop muss sich immer dem Risiko aussetzen"21.07.2016

Musikkritiker Jens Balzer"Guter Pop muss sich immer dem Risiko aussetzen"

In seinem neuen Buch "Pop – ein Panorama der Gegenwart" analysiert der Popkritiker Jens Balzer aktuelle Entwicklungen in der Musikwelt. Einen festen Kriterienkatalog für guten Pop gebe es nicht, er müsse sich aber der Gefahr des Scheiterns aussetzen, so der Autor im Corso-Gespräch. Deswegen sei für ihn auch Helene Fischer interessant, sie riskiere mehr als ihre Schlagerkollegen.

Jens Balzer im Corso-Gespräch mit Thekla Jahn

Porträt des Autors und Musikkritikers Jens Balzer (Imago / Votos-Roland Owsnitzki)
"Es gibt keine glücklicheren oder erhabeneren Momente, die ich erlebe oder wenige als große Momente in Konzerten", sagt Jens Balzer. (Imago / Votos-Roland Owsnitzki)
Mehr zum Thema

Corso Spezial Kunst und Pop – ein traditionsreicher Pakt

Plagiate in der Musik Pop bleibt Pop

Pop-Musik Die Hässlichkeit der Unverkrampftheit

Guerilla-Marketing in der Popmusik Alben aus dem Hinterhalt

Thekla Jahn: Was verrät uns Pop über die Welt, in der wir leben? Diese Frage versuchen Sie für die Jahre dieses Jahrtausends aus unterschiedlichen Richtungen jeweils am Beispiel von Musikern und Musikerinnen zu beantworten. Erstaunlich, dass die Schlagersängerin Helene Fischer gleich mehrfach im Buch auftaucht und Sie zu der These kommen, Helene Fischer sei Lady Gaga ein Vorbild. Das müssen Sie uns erklären.

Jens Balzer: Naja, Helene Fischer ist ein persönlicher Fetisch von mir. Nein.

Jahn: Das merkt man im Buch.

Balzer: Sie gehörte jedenfalls zu den Popfiguren, die ... Ich habe, als ich dieses Buch schrieb, mal so Revue passieren lassen, auf was für Konzerten ich war und was für Erfahrungen ich so gemacht habe in den letzten zehn, zwölf Jahren. Und da gehört Helene Fischer auf jeden Fall zu den Protagonistinnen, die mich am meisten verwirrt haben oder zum Nachdenken gebracht haben.

Jahn: Warum?

Balzer: Weil es ja eigentlich jemand ist, dessen Musik man auch als Feuilletonist ganz einfach erst einmal doof, oberflächlich und uninteressant und verblödend finden kann, die dann aber doch in der Art, in der Inszenierung was ganz Spezielles hat, was es mir schwer machte, darüber ein Urteil zu fällen, das dann wirklich über so eine bloße ambivalente Befindlichkeit hinausgeht. Warum? Weil sie einerseits natürlich aus diesem Gefilde des deutschen Schlagers kommt, also so einer ganz klassischen, territorial, ja auch national umhegten Veranstaltung, und dann aber was eingeführt hat, was man als so eine Art eklektische Internationalisierung bezeichnen könnte, also auf ihren Konzerten wird ja nicht nur ihr eigenes Liedgut zur Aufführung gebracht, sondern Cover-Versionen aller Art: von Pharrell Williams über irgendwelche Goth-Rock-Gruppen der 90er-Jahre, die man schon wieder vergessen hat bis Marius Müller Westernhagen. Das klingt wie so eine randomisierte Spotify-Liste eigentlich, durch die sie so durchhüpft und sich durchtreiben lässt, einerseits als passiver Charakter, der selbst durchgetrieben wird und andererseits dann auch als erstaunlich dominante Persönlichkeit, die sich zudem die Musik der ganzen Welt irgendwie untertan macht. Das finde ich sehr interessant.

Jahn: Aber Lady Gaga?

Balzer: Und Lady Gaga war dann die große Referenz von Helene Fischer in der Übergangsphase zwischen dem, nennen wir es Schlager-Sternchen und der massenbegeisternden Künstlerin. Und da ging sie hindurch durch so eine Ästhetik, die man auch sonst eher aus, sagen wir, queeren Kontexten oder aus schwulen oder lesbischen oder wie auch immer Ästhetiken kennt, für die ja Lady Gaga dann auch paradigmatisch und symbolisch gewesen ist Ende der Nuller, Anfang der Zehner-Jahre. Und das hat sie sich auch angeeignet und damit auch so eine Art Sprache der sexuellen Überschreitung und Transgressionen benutzt, der sie sich dann aber gleichzeitig wiederum auch unterworfen hat für ihr dann ja am Ende des Tages doch relativ traditionelles Mainstream-Schlagergeschäft. Das finde ich auch interessant.

Jahn: Allerdings ist Helene Fischer nicht die deutsche Lady Gaga, also soweit würden Sie dann doch nicht gehen?

Balzer: Sie hat sich als deutsche Lady Gaga bezeichnet in der Tat.

"Die Inszenierung der Diva besteht heute im Wesentlichen darin, dass sie andere für sich tanzen lässt"

Jahn: Sie widmen Frauen einen großen Teil Ihres Buches. Ein ganzes Kapitel dreht sich um die neuen Diven. Unter der Überschrift: "Musizieren und Tanzen? Das macht bei uns das Gesinde: Beyoncé, Rihanna, Lady Gaga und die frivole Faulheit der neuen Diven". Sind diese neuen Diven, die genannten, wirklich faul? Kann man sagen "Faulheit" ist das, was sie ausmacht?

Balzer: Ja, das ist zugespitzt, aber das kann man schon in der Inszenierung von, sagen wir mal, großen Blockbuster-Mainstream-Konzerten beobachten, dass das Subjekt der Diva oder die Inszenierung der Diva im Wesentlichen doch darin besteht, dass sie andere für sich tanzen lässt und dass sie ihre Stimme auch ganz unverblümt zu einem wesentlichen Teil aus dem Playback abspielen lässt und sich dann so eher mit den Trillern und dem Huhu und Hauchen und Ach und Drumherum beschäftigt. Man wusste gar nicht genau, ob sie singt oder nicht. Man wusste nicht, welche Rolle sie eigentlich in dieser Maschinerie spielt, ob sie das selber beherrscht, oder ob sie sich da einfach hindurchtreiben lässt. Da sind wir in Grunde auch wieder bei Helene Fischer. Es gibt ja immer so eine Ambivalenz zwischen dominantem Auftreten und dann Getriebenwerden von einer Inszenierung, die man selber eigentlich gar nicht kontrollieren kann. Das mit Faulheit zu bezeichnen, ist natürlich ein bisschen gemein, das stimmt, aber ...

"Jemand wie Madonna ist dauernd präsent"

Jahn: Sie gehen sogar noch weiter. Sie sagen sogar, das sei eine arrogante Arbeitsverweigerung, ein neoaristokratisches Nichtstun.

Balzer: Naja, selbstverständlich, also dieses Neoaristokratische gehört natürlich in einer gewissen Weise auch zur Diva, aber es ist nicht so, dass sie - nehmen wir mal so eine klassische Popdiva wie Madonna aus den 80er-, 90er-Jahren, die hat ja bis heute vor allem das Bedürfnis, durch harte, körperliche Arbeit auf der Bühne zu überzeugen. Also jemand wie Madonna ist dauernd präsent. Lady Gaga ist insofern interessant, als dass sie diese Maschinerie auch immer benutzt hat, aber dann auf eine derart absurd überdrehte Weise, dass man merkte, dass sie selber dazu eine Distanz hat, zu dem, was da eigentlich passiert und dieser Durchstreichung ihrer eigenen Subjektivität. Und wenn sie dann mal als Subjekt erkennbar wurde in ihren Konzerten, dann waren das meistens Momente, in denen sie ihre Erschöpfung mit den Leuten teilt. Also sie hat dann zu viel getanzt und über fünf Minuten irgendwie einfach mal die ganze Musik und die ganze Bühnenmaschinerie angehalten und die stehen und gucken die schwitzende und hechelnde, erschöpfte Lady Gaga an. Man merkt, das ist eigentlich das, was man früher mit dem Begriff Authentizität verband und das gibt es jetzt eigentlich nur noch als Unterbrechung oder als Störung und jemand wie Lady Gaga kostet diese Störung voll aus und zeigt dann gewissermaßen so eine Authentizität zweiter Ordnung. Also wenn gar nichts mehr geht, dann ist der Mensch wieder da.

Statuspanikpop - der stetige Optimierungsversuch der eigenen Kunst

Jahn: Ganz anders, so ist Ihre Diagnose, verhalten sich die Männer. Sting nennen Sie, Rufus Wainwright oder Lou Reed, die arbeiten viel, investieren immer weiter in die eigene Selbstoptimierung. "Statuspanikpop" nennen Sie das, was meinen Sie damit genau?

Balzer: Das fiel mir auf sowohl bei den Konzerten, die Sting - das ist nun kein Künstler, den man wirklich der Gegenwart zurechnen kann, insofern er nun ja auch eher aus den 80er-Jahren kommt der aber in den Nullerjahren doch paradigmatisch war für eine bestimmte Art von arriviertem Künstler - der sich dann auf seinem Status nicht ausruhen kann, sondern der dann versucht, mit klassischen, bildungsbürgerlichen - nennen wir es mal so - oder hochkulturellen Formen, die dann so inkorporiert werden in die eigenen Musik, sich auf eine neue Ebene zu heben und zu beweisen, das kann ich jetzt auch noch. Und so jemand wie Rufus Wainwright aus der Generation danach, den ich Anfang der Nullerjahre für einen der interessantesten Künstler überhaupt hielt, der geriet dann in die Fänge dieses staatlich subventionierten Theaterbetriebs und begann dann auch Shakespeares-Sonette zu vertonen und sich dann mit Robert-Wilson-Inszenierungen in Zeitlupe zu umgeben und das scheint mir auch so eine bestimmte Form von - deswegen habe ich das "Statuspanikpop" genannt - Gesamtdispositionen, nennen wir es "in der Mittelschicht" oder "in der vom Abstieg bedrohten Mittelschicht". Das ist ja eine gesellschaftliche Klasse, die immer zentraler wird für unser gesamtgesellschaftliches Befinden und dort ist es auch virulent, dass man sich nämlich auf dem, was man mal erreicht hat, nicht einfach ausruhen kann, sondern, dass man mit immer neuen Mitteln versuchen muss zu optimieren, sich zu optimieren. Nur diese Mittel sind dann eben nicht avanciert oder avantgardistisch oder in irgendeiner Art und Weise riskant oder wagemutig, sondern es ist dann im Grunde das - so bei Sting und Rufus Wainwright -, was aus der Tradition kommt und Dinge, von denen man glaubt, dass sie allgemein akzeptiert sind und dass man so die eigene Popmusik darin einbetten kann, um dann vielleicht auch irgendwie noch bei den gebildeten Schichten auf Dauer prominenter zu werden.

Jahn: Jens Balzer, als Musikkritiker kann man es Ihnen nicht recht machen. Die Einen sind zu faul, die Anderen arbeiten zu viel.

Balzer: Hier entsteht gerade ein völlig falscher Eindruck.

"Natürlich leide ich heftig, weil ich so viel Leidenschaft für die Musik habe"

Jahn: Der Stil ist an einigen Stellen doch ein bisschen diffamierend. Also Robert Wilson, sie haben ihn gerade angesprochen, der ist für Sie nur ein "Kunstquarkgroßmeister" und Lou Reed, jemand der unerträgliches Album mit Egar-Allan-Poe-Rezitationen hervorbringt. Leiden Sie manchmal heftig, wenn Sie Musik hören, dass dann so etwas dabei rauskommt?

Balzer: Natürlich leide ich heftig, aber auch nur deswegen, weil ich so viel Leidenschaft für die Musik habe. Es gibt auch keine glücklicheren oder erhabeneren Momente, die ich erlebe oder wenige als große Momente in Konzerten. Von denen befinden sich in diesem Buch aber auch einige. Aber ich glaube, man muss auch - gerade wenn es um Leute geht, von denen man eigentlich eine Menge hält wie Rufus Wainwright oder auch Lou Reed, den ich für einen der größten Musiker der letzten 50 Jahre halte - wenn die dann unerträglichen Mist machen, wie nun mal Lou Reed in diesen Poe-Vertonungen, dann ist man geradezu persönlich angegriffen. Das ist mir ein großes Rätsel, dem ich auch nach langem Nachdenken und dem Abfassen dieses Buches nicht wirklich auf die Spur gekommen bin.

Jahn: Ja, und mir ist ein Rätsel, was bei Ihnen zwischen gutem und schlechtem Pop die Kriterien sind. Die liefern Sie nämlich nicht.

Balzer: Nö?

Kein fester Kriterienkatalog für gute Popmusik

Jahn: Das sind lediglich Feststellungen. Sie sagen: "Das ist gut", "Das ist unerträglich", aber die Kriterien, welche sind das?

Balzer: Ja, es gibt natürlich keinen festen Kriterienkatalog. Sie würden ja auch keinen Literaturkritiker fragen, ob er einen Algorithmus hat irgendwie, der gute von schlechter Literatur unterscheidet. Ich glaube, zum einen würde ich Musiker immer daran messen, ob sie das, was sie sich vornehmen, hinbekommen in ästhetischer Weise und ob das, was sie tun in irgendeiner Weise passt zu dem, was gesellschaftlich um sie herum passiert oder vielleicht einen Blick auf die Gesellschaft zu werfen erlaubt, der einen irgendwie weiterbringt; wo ich glaube, guter Pop muss wie gute Kunst sich immer dem Risiko aussetzen und auch der Gefahr des Scheiterns. Dann ist es zumindest auch dann, wenn es eventuell mal misslingt, interessant. Und ganz viele, natürlich Mainstream-Künstler, setzen sich dieser Gefahr des Scheiterns nicht aus. Das erklärt vielleicht auch Ihre Frage, warum ich Helene Fischer so interessant finde: Dass natürlich das, was Helene Fischer macht, viel riskanter ist, als das, was all ihre anderen Schlagerkollegen und Kolleginnen in den letzten Jahren gemacht haben, nämlich der Versuch, diesen Eklektizismus einzubinden in ihre Performances. Das könnte auch furchtbar schiefgehen, hat bisher glaube ich einigermaßen geklappt, zeigt aber, dass die was will, dass die irgendwas entwickeln will, was bisher nicht da war. Das finde ich erst einmal gut und gelungen.

Jahn: Vielen Dank Jens Balzer. "Pop. Ein Panorama der Gegenwart" , im Rowohlt Verlag Berlin erschienen, heute ist Buchpremiere, heute Abend, 20 Uhr in der Kantine am Berghain in Berlin. Danke für das Gespräch.

Balzer: Danke, dass ich da sein durfte.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk