Montag, 26.10.2020
 
Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteInterview"Die CSU ist meine Heimat"20.01.2020

Muslimischer Bürgermeisterkandidat"Die CSU ist meine Heimat"

Die CSU hat mit Ozan Iyibas nun ihren ersten muslimischen Bürgermeisterkandidaten aufgestellt. Es sei wichtig, dass die Volkspartei in Zukunft die Gesellschaftsstruktur widerspiegele, sagte Iyibas im Dlf. Religion oder Herkunft sollten dann keine Rolle mehr spielen.

Ozan Iyibas im Gespräch mit Sarah Zerback

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
13.01.2020, Bayern, Eching: Ozan Iyibas, Bürgermeisterkandidat der CSU in Neufahrn, steht an einem Feld. Nach dem Rückzug eines anderen muslimischen CSU-Bewerbers für die Bürgermeisterkandidatur, könnte es nun andernorts im Freistaat den ersten muslimischen Bürgermeisterkandidaten der CSU geben. Foto: Lino Mirgeler/dpa | Verwendung weltweit (dpa)
Ozan Iyibas ist CSU-Bürgermeisterkandidat für Neufahrn (dpa)
Mehr zum Thema

Winterklausur in Kloster Seeon CSU bringt sich innerhalb der Koalition in Stellung

Der Tag (K)ein Muslim für die CSU

Politisches Ehrenamt in der Krise Wie Reformen und Hetze Bürgermeister vergraulen

Altenas Bürgermeister Andreas Hollstein "Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Schutz nicht nötig ist"

Kommunalwahlen in Bayern Bürgermeister werden? Nein danke!

Sarah Zerback: Es gibt Nachrichten, bei denen fragt man sich schon, warum sie 2020 ernsthaft noch eine Schlagzeile wert sind. Aber "Die CSU hat zum ersten Mal einen muslimischen Bürgermeisterkandidaten" ist so eine, zumal ein anderer Kandidat vor drei Wochen an dieser Kandidatur gescheitert ist. Zu muslimisch für die CSU-Basis in Wallerstein. Jetzt also doch: Ozan Iyibas ist CSU-Bürgermeisterkandidat im bayerischen Neufahrn. Am Freitagabend wurde er mit 32 von 32 Stimmen nominiert, 100 Prozent, und jetzt ist er am Telefon. Guten Morgen, Herr Iyibas!

Ozan Iyibas: Einen schönen guten Morgen aus Neufahrn.

Zerback: Sie nehmen das Ganze ja scheinbar mit Humor. Das zeigt das satirische Video auf Ihrer Facebook-Seite. Welche Reaktionen haben Sie denn auf Ihre Kandidatur soweit bekommen?

Iyibas: Im Grunde viele sehr, sehr positive Rückmeldungen. Natürlich gab es hier und da auch negative Rückmeldungen, aber ich habe gesagt, ich habe zwei Möglichkeiten. Entweder, wenn der Widerhall negativ ist, dass ich resigniere, oder dass ich wirklich mich hinstelle und wirklich sage, ich möchte jetzt durchstarten. Und weil ich das Video dann auch …

Zerback: Gepostet habe auf Ihrer Facebook-Seite.

Iyibas: Ja, und ich wollte auch die Kritiker mit diesem Video begeistern und von mir überzeugen.

"Akzeptanz und Toleranz ist immer von beiden Seiten"

Zerback: Sie sind ja auch deshalb der erste muslimische Bürgermeisterkandidat der CSU, weil derjenige, der das zuerst versucht hatte, am Widerstand der Parteibasis und einiger Bürger gescheitert ist. Warum kandidieren Sie denn nun ausgerechnet für die CSU, die sich erkennbar so schwer damit tut, neue Realitäten anzuerkennen?

Iyibas: Weil ich seit 2007 in der CSU bin und das meine Heimat ist. Ich habe mich damals für die CSU entschieden, weil die CSU die Partei war, die Bayern zu dem gemacht hat, was es heute ist, und wo ich mich auch so entwickeln konnte, wie ich mich entwickelt habe. Meine Motivation war immer, dass ich den Menschen und der Gesellschaft das zurückgeben wollte, was mir diese Gesellschaft gegeben hat, dass ich mich so entwickeln konnte.

Zerback: Das klingt ein bisschen wie der Kandidat in Wallerstein, der ja auch Verständnis dafür geäußert hat, dass wortwörtlich die CSU-Basis da noch nicht so weit sei. Kann man da im Jahr 2020 nicht mehr erwarten?

Iyibas: Ja, selbstverständlich. Akzeptanz und Toleranz ist ja immer von beiden Seiten. Das ist ja keine Einbahnstraße. Ich hätte mir natürlich in Wallerstein gewünscht, dass die Funktionäre, die dort sind, wirklich besser mit dem Thema umgehen, aber das hat mich wirklich erschüttert. Ich hier im Ortsverband habe wirklich gute und positive Rückmeldungen bekommen und das freut mich natürlich auch sehr, dass der Ortsverband und die Mitglieder total hinter mir standen.

"Ich möchte nicht, dass ich ein Präzedenzfall werde"

Zerback: Hinter Ihnen steht ja auch der CSU-Chef Markus Söder beziehungsweise die Parteispitze. Da muss man sagen, da ist ja ein Unterschied zwischen Basis und Parteispitze schon da. Der wiederum hat ja gerade eine Debatte darüber angestoßen, die Ministerriege in Berlin zu modernisieren. Aber dass Teile der Partei da jetzt so ganz anders ticken, wie passt das dazu? Wie passt dieses Verjüngen und Modernisieren zu solch reaktionären Ansichten?

Iyibas: Ich muss sagen, auch eine Partei wie die CSU, eine Volkspartei – wir wollen ja eine Volkspartei sein -, muss die Lebenswirklichkeit und auch die Gesellschaftsstruktur in der Zukunft wiederspiegeln. Und wir wissen, es gibt 3,2 Millionen türkischstämmige Menschen hier in Deutschland, und es wird sicherlich im Laufe der Zeit mehr, und man muss diese Menschen, die natürlich diese Wertekultur, die Traditionen dieses Landes verinnerlicht haben, fördern. Das habe ich auch, ehrlich gesagt, der Parteispitze kurz vor meiner Nominierung gesagt, dass ich schon fordere, dass die Parteispitze nicht nur eine lapidare Aussage sagt, sondern auch dahinter steht und sagt, ja, ein Muslim oder auch ein Türkischstämmiger kann Bürgermeister, kann Landrat, kann Minister, kann auch CSU-Parteivorsitzender werden.

Zerback: Haben Sie diese Unterstützung denn bekommen? Und lassen Sie mich vielleicht, wenn ich darf, noch eine zweite Frage anschließen. Ich habe einige Reaktionen gelesen, da wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass der Kollege in Wallerstein so wahnsinnig gut integriert sei, in Deutschland geboren, deutsche Staatsbürgerschaft, eigenes Unternehmen, genau ja wie Sie. Wann hört das eigentlich auf, dass da auch die eigene Partei immer fordert, dass Integration erst bewiesen werden muss?

Iyibas: Es hört dann auf, wenn beispielsweise ehemalige Funktionäre wie Peter Gauweiler sich nicht hinstellen und sagen, ein Muslim als CSU-Parteivorsitzender ist genauso abwegig wie eine Pfarrstelle in Mekka. Das bringt natürlich diese Menschen wie zum Beispiel in Wallerstein den Herrn Sener Sahin oder mich schon zum Nachdenken, ob wir wirklich ein Teil dieser Partei sind für diesen Funktionär, oder ob wir diejenigen sind fürs Plakate kleben, und das darf nicht sein. Irgendwann mal in zehn, 15 Jahren ist es dann auch so, dass diejenigen wie zum Beispiel Gauweiler mit dem nackten Finger auf diese Menschen zeigen und sagen, die haben sich nicht integriert, und ich möchte nicht, dass ich ein Präzedenzfall werde, sondern ich möchte, dass innerhalb der Gesellschaft, innerhalb meiner Partei, aber auch parteiübergreifend diese Dinge in Zukunft keine Rolle mehr spielen. Dafür setze ich mich auch ein, dass es den Fall Wallerstein und Sener Sahin nicht gibt.

Man muss aber zum Thema Wallerstein noch dazu sagen, dass der Sener Sahin nicht CSU-Mitglied war. Das ist vielleicht ein kleiner Unterschied zu mir, dass ich 13 Jahre innerhalb der CSU natürlich tätig war und Sener Sahin kein Mitglied war. Aber es soll auch kein Grund dafür sein, dass man ihn nicht nominiert hat.

"Von Rassismus würde ich jetzt nicht reden"

Zerback: Man muss dazu sagen, Neufahrn ist auch nicht Wallerstein. In Ihrem Ort liegt, wenn ich nicht irre, der Ausländerteil höher als in Berlin-Kreuzberg. Das wird sicherlich auch einen Unterschied machen zu dieser ganz kleinen Gemeinde auf dem Land. Aber muss man da das Problem nicht auch einmal, Herr Iyibas, ganz klar benennen? Rassismus!

Iyibas: Rassismus würde ich jetzt nicht sagen. Ich weiß jetzt nicht, wie die Dinge in Wallerstein abgelaufen sind. Das kann ich jetzt wirklich nicht eins zu eins sagen. Von Rassismus würde ich jetzt nicht reden. Es ist eher, sage ich mal, das nicht kennen von dem anderen, von dem Türkischstämmigen oder von dem Muslimischen, und man muss es erkennen. Ein Muslim ist ja nicht ein Muslim oder es gibt nicht den Islam und es gibt auch nicht das Christentum, sondern man muss den Menschen dann differenziert erklären, was was ist und wer man selber ist, und das ist das Wichtige.

Zerback: Da haben Sie auch die Unterstützung zum Beispiel von Theo Waigel, der sagt, wir dürfen da niemanden wegen des Glaubens ausschließen. Er sagt aber auch den Halbsatz, wenn er sich zu unseren Werten bekennt. Werden da nur muslimische Kandidaten diesem Wertetest unterzogen?

Iyibas: Nein. Dem Wertetest sind auch Deutschstämmige unterzogen. Jeder, der sich bei der CSU engagieren möchte, darf sich engagieren, wenn er diesen Wertekanon der CSU auch akzeptiert und, sage ich jetzt mal, dieses Lebensgefühl letztendlich auch hat. Aber das hat jetzt nichts nur mit Türkischstämmigen oder Muslimen zu tun, die sich dann daran zu halten haben, sondern das ist allgemein gültig.

"Meine Familie hat natürlich auch Angst"

Zerback: Wir haben über den Kollegen in Wallerstein gesprochen, der ja wirklich gesagt hat, mir persönlich ist da der Druck zu groß geworden. Sie selber sagen, Sie haben weitestgehend positive Reaktionen bekommen, auch ein paar negative. In Zeiten aber, in denen vor allem Kommunalpolitiker immer wieder von Hass und Hetze betroffen sind, zurücktreten, andere aus rassistischen Motiven angegriffen werden, wie jüngst der SPD-Abgeordnete Karamba Diaby in Sachsen-Anhalt. Haben Sie da Sorge, selbst auch zum Ziel zu werden?

Iyibas: Ja, selbstverständlich. Das war in der Vergangenheit auch so, dass ich natürlich hier und da von Rechten, aber auch von Religiös-Extremisten bedroht worden bin und auch Morddrohungen erhalten habe. Aber ich habe immer gesagt, ich bin nicht in die Politik gegangen, um Teddybären zu verteilen, sondern gesellschaftlich bestimmte Dinge auch anzusprechen, und das ist auch mein Ziel. Deshalb ja, meine Familie hat natürlich auch Angst diesbezüglich, aber ich sage auch, in der Vergangenheit, wenn es Menschen nicht gegeben hätte, die gegen den Strom geschwommen sind, die eine klare Haltung gehabt haben, dann wären wir, glaube ich, nicht in einer heutigen Zeit, wo wir in Frieden und Freiheit hätten leben können.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk