Sonntag, 05. Dezember 2021

Nach dem Terroranschlag von HanauEine Zeitung entdeckt ihre Stadt neu

Ein Jahr, nachdem ein deutscher Rassist neun Menschen mit Einwanderungsgeschichte ermordet hat, steht Hanau wieder im medialen Fokus. Für den "Hanauer Anzeiger" ist es mehr als ein Gedenktag. Der 19. Februar hat den Blick der Tageszeitung auf ihre Welt vor Ort verändert.

Von Michael Borgers | 17.02.2021

Freunde und Verwandte der Opfer des rechten Terroranschlags von Hanau stehen in einer Gruppe und halten Bilder hoch
Freunde und Verwandte erinnern an die Opfer des rechtsextremen Terroranschlags von Hanau am 21.2.2020, zwei Tage nach der Tat (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Martin Meissner)
Seit bald 300 Jahren berichtet der "Hanauer Anzeiger" aus der fast 100.000-Einwohner-Stadt bei Frankfurt. Eine der ältesten Tageszeitungen der Welt, auf deren Webseite steht: "Wir leben hier. Seit 1725." Ein Slogan, der auch Selbstverständnis ist, das wird deutlich im Gespräch mit Yvonne Backhaus-Arnold, die seit einigen Monaten die Redaktion leitet.
Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen leben vor Ort, schreiben für gut 14.000 Menschen, die die Zeitung täglich kaufen. Aber für wen eigentlich genau? Nicht für alle, das zeigt der 19. Februar 2020.

"Wie weit man weg ist von den Menschen"

An diesem Tag ermordet ein 43-jähriger Rechtsextremer neun Menschen mit Einwanderungshintergrund, danach erschießt er seine Mutter und sich selbst. Auf der Titelseite des "Hanauer Anzeiger" ist am übernächsten Tag eine Kerze zu sehen, ein Symbol, eine Geste der Anteilnahme mit den Opfern und ihren Hinterbliebenen. Doch um wen ihre Redaktion da genau trauert, ahnt Yvonne Backhaus-Arnold zu diesem Zeitpunkt nur.
Damals, erinnert sie sich, sei das erst einmal eine Gruppe von Menschen gewesen, "die war uns ziemlich fremd". Menschen, die zwar auch in Hanau leben, zu der die Zeitung vor Ort bislang aber kaum Kontakt hatte. "Und das ist natürlich total schwierig, weil man merkt, wie weit man weg ist von den Menschen, die da betroffen sind, von den Opfern und Hinterbliebenen."

Vertrauen erarbeitet

Doch das soll sich in den nächsten Monaten ändern. Zum islamischen Totengebet lässt sich Backhaus-Arnold begleiten, lässt sich erklären, was genau da passiert.
Und dann trifft die Journalistin Armin Kurtović, den Vater von Hamza, einem der Opfer. Die Begegnung ist Teil eines Projekts der Deutschen Journalistenschule. Aus seinem Misstrauen gegenüber Medien macht Kurtović in dem Gespräch mit der Journalistin aus seiner Heimatstadt keinen Hehl. Zu negativ sind da noch die Eindrücke seit dem Anschlag: Reporter der größten Boulevardzeitung, die ihm und seiner Familie aufgelauert haben; Bilder seines Sohnes, die in sozialen Netzwerken auftauchen.
Projekt von Journalistenschule
Innerhalb nur weniger Monate gab es in Halle und Hanau Anschläge mit rechtsextremem Hintergrund. Für ein Onlineprojekt haben sich nun Betroffene und Journalistinnen zum Gespräch getroffen. Ein Ergebnis: Noch immer gehen viele Medien nicht angemessen mit solchen extremen Ereignissen um.
"Er war so präsent und bohrend", blickt Backhaus-Arnold auf diese erste Begegnung zurück. Seitdem stehen die beiden in regelmäßigem Kontakt. Kurtović wisse jetzt, dass er mit ihr vertrauensvoll umgehen könne, sagt die Journalistin.

Andere Medien kamen und gingen wieder

Vor dem Jahrestag berichten zahlreiche Redaktionen über die Ereignisse vom 19. Februar 2020. In Interviews kommen auch Angehörige der Opfer zu Wort, erzählen, so wie im Deutschlandfunk Ajla Kurtović, Hamzas Schwester, wie sie sich "von Politik und Ermittlungsbehörden allein gelassen" fühlen. Und wie ist es mit "den" Medien?
Nach der Tat seien Journalistinnen und Journalisten "wie Heuschrecken eingeflogen", sagt Backhaus-Arnold. Überall Kamerateams, überall Mikrofone. "Die waren dann aber auch nach einer Woche weg. Die kamen dann noch mal zur Trauerfeier und jetzt kommen sie wieder." Nur wenige Redaktionen, darunter das ARD-Magazin "Monitor", der Hessische Rundfunk und der "Spiegel", seien auch dazwischen drangeblieben.

Expertin: Noch immer vieles im Argen

An Gedenktagen werde meist "gut und sensibel berichtet", beobachtet Christine Horz, Professorin für Transkulturelle Medienkommunikation. "Aber dazwischen ist doch einiges noch im Argen." Als Beispiel nennt Horz "Die letzte Instanz", eine WDR-Talksendung, in der fünf Weiße darüber geurteilt haben, ob bestimmte rassistische Begriffe noch zeitgemäß sind, und für die sich der Sender am Ende entschuldigt hat. Eine "verstörende" Sendung, findet auch Horz. "Denn wir haben diese ganze Diskussion seit Jahren."
Kritik an Talkshow "Letzte Instanz"
War es richtig, die "Zigeuner-Sauce" umzubenennen? Dieser Frage ging ein WDR-Format nach. Vier weiße Menschen diskutierten über Diskriminierung. Hier seien nicht die Gäste problematisch, sondern redaktionelle Entscheidungen dahinter, sagte Hadija Haruna-Oelker im Dlf.
Die Medienwissenschaftlerin wünscht sich, "dass im Journalismus eine viel vertieftere Debatte über die eigene Ethik stattfindet, und dass man sich wirklich mal dransetzt und nachhaltige Diversity-Konzepte aufsetzt." Denn vielen Redaktionen fehle es an "Wissensressourcen und Reflektionen darüber, wie Minderheiten Diskriminierungen und Rassismus wahrnehmen".

"Es gibt auch andere Themen"

Für den "Hanauer Anzeiger" ist das Thema eines, das bleiben wird. Das hätten die vergangenen zwölf Monate gezeigt, sagt Yvonne Backhaus-Arnold. Etwa als es Diskussionen gab, die über die Stadtgrenzen hinaus niemanden interessierten. Wie die über das öffentliche Trauern mit Kerzen, Blumen und Bildern am Brüder-Grimm-Denkmal vor dem Rathaus. Wo bereits drei, vier Monate nach dem rechten Terror die Ersten, auch Leser am Telefon, gesagt hätten: "Das ist mir zu viel. So schlimm, wie das ist – es gibt auch andere Themen."
Zu der zentralen Trauerfeier am 19. Februar sind Corona-bedingt insgesamt nur 50 Personen zugelassen, als Medienvertreter nur der HR für die TV-Übertragung und zwei Nachrichtenagenturen für Fotografien, auch der "Hanauer Anzeiger" muss außen vor bleiben. Yvonne Backhaus-Arnold wird deshalb in der Stadt unterwegs sein, will mit einer Kollegin auch die Tatorte vom Jahr zuvor aufsuchen: Recherche für die Samstagsausgabe.