
Die Bundesregierung sendete zwei Tage nach Kriegsbeginn eine beruhigende Botschaft an Verbraucher und Unternehmen. Die Öl- und Gasversorgung sei gesichert, erklärte Regierungssprecher Stefan Kornelius. „Wir sind dort gut und divers aufgestellt. Die Lieferquellen sind diversifiziert“, sagte er. Doch Prognosen wollte Kornelius nicht abgeben. Auch Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) erwartete kurzfristig keine Versorgungsprobleme in Deutschland.
Tanken wird teurer
An den Zapfsäulen sind dagegen erste Kriegsfolgen bereits spürbar: Wegen des rasant gestiegenen Ölpreises zogen die Spritpreise kräftig an. Experten glauben, dass der Aufwärtstrend anhalten könnte. Laut ADAC-Kraftstoffmarktexperte Christian Laberer gibt es mittelfristig aber Hoffnung auf gemäßigtere Preise – sofern sich die Lage am Golf wieder beruhigt. Denn die Opec+ hat angekündigt, die Fördermengen zu erhöhen.
Preissprünge bei Gas und Heizöl
Beim Heizöl ist der Preisanstieg noch deutlich stärker. Auch der Großhandelspreis für Erdgas legte stark zu, nachdem in Katar die Produktion von Flüssigerdgas nach einem Angriff auf Anlagen von QatarEnergy eingestellt wurde. Verbraucher treffen solche Preissprünge allerdings in der Regel nicht unmittelbar, erklärt Klaus-Jürgen Gern vom Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel). „Wenn Sie mit Öl heizen, dann befüllen sie ja die Öltanks nicht täglich neu, sondern immer nur dann, wenn der Öltank einigermaßen leer ist.“ Entscheidend sei daher der Preis zu dem Zeitpunkt, an dem der Tank befüllt werde. Außerdem dauert es bei Öl und Gas wegen langfristiger Kontrakte üblicherweise eine Weile, bis Energieversorger Preissteigerungen an ihre Kunden weitergeben.
Sollte der Gaspreis wegen des Krieges allerdings hoch bleiben, hätte das auch Auswirkungen auf den Strompreis, so Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts. Gas spiele eine große Rolle für die Strommärkte, so der Ökonom. „Das heißt, Energie insgesamt – also das Heizen und die Stromrechnung – könnte teurer werden.“
Öl-Preis steigt
Gestiegen ist der Ölpreis unter anderem, weil der Iran den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus eingeschränkt hat. Rund ein Fünftel der globalen Öltransporte passiert täglich die Meerenge.
Ein weiterer Grund: Vom Krieg sind inzwischen auch Förderanlagen in der Region betroffen. Der saudische Konzern Aramco hat den Betrieb in der Ölraffinerie Ras Tanura heruntergefahren. Laut den saudischen Behörden geschah das vorsorglich, nachdem zwei iranische Drohnen auf dem Gelände eingeschlagen waren. Auch weitere Anlagen für die Förderung, Verarbeitung und den Transport von Öl und Gas wurden vorerst stillgelegt. Zudem wurden mehrere Öltanker in der Region zum Teil schwer beschädigt.
Hoher Ölpreis trifft Exportnation Deutschland
„Öl ist nach wie vor der Schmierstoff der Weltwirtschaft“, sagt Ökonom Gern. Dauerhaft hohe Ölpreise hätten daher weitreichende Folgen. Unter anderem könnten sie den Transport von Waren spürbar verteuern – etwa über höhere Frachtraten für Schiffstransporte oder teureren Sprit für Frachtairlines. Die Exportnation Deutschland würde das besonders treffen. Doch Öl ist laut Gern auch als Rohstoff wichtig – für die Chemie-, die Pharma- und die Textilindustrie.
Schwerer Schlag für Tourismusbranche
Für die Tourismusbranche ist der Krieg bereits ein schwerer Schlag. Der Reiseverkehr in Nahost ist zum Erliegen gekommen, dort strandeten Zehntausende Urlauber. Der Luftraum ist weiträumig gesperrt, Flugzeuge starten nicht; auch Kreuzfahrtschiffe legen nicht ab. Wegen der gesperrten Lufträume müssen Airlines große Umwege in Kauf nehmen – mit weitreichenden finanziellen Folgen. Eine Stunde Umweg kostet die Fluggesellschaften 15.000 bis 20.000 Euro, schätzt Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. Hinzu kommen die Ausfälle. Großbongardt: „Sollte sich das nicht innerhalb weniger Tage regeln, dann wird das wieder in die nächste Airline-Krise führen.“
Golfregion ist wichtiger Markt
Die Golfregion ist ein wichtiger Markt für viele deutsche Unternehmen. Laut der Deutschen Industrie und Handelskammer (DIHK) sind rund 1.800 in den Staaten des Golfkooperationsrats aktiv – also in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Oman, Kuwait, Bahrain und Katar. Der Krieg könnte ihre Geschäfte erheblich beeinträchtigen. Die Golfregion ist zugleich ein neuralgischer Knoten im globalen Containerverkehr und der Luftfahrt, erklärt DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier. „Weitere Störung - etwa im Roten Meer - würde internationale Logistikketten empfindlich treffen, und damit auch die deutsche Wirtschaft.“
DAX gibt deutlich nach
An den Finanzmärkten führte der Krieg umgehend zu Turbulenzen. Der deutsche Leitindex Dax gab zum Wochenstart, einen Tag nach Kriegsbeginn, deutlich nach. Besonders stark sanken die Kurse von Chemie- und Touristikkonzernen. Investoren setzen wegen der Unsicherheit verstärkt auf Gold. Der Preis für das Edelmetall zog an.
Längerer Krieg hätte "gravierende Folgen"
Für die angeschlagene deutsche Wirtschaft würde ein längerer Krieg im Nahen Osten erhebliche Gefahren mit sich bringen, warnen Experten. „Wirtschaftlich werden die Auswirkungen begrenzt, wenn es eben zwei oder drei Wochen sind“, sagt Ifo-Präsident Fuest. Komme es aber zu einer dauerhaften Destabilisierung und einem Ausfall der Öl- und Gaslieferungen über mehrere Monate, wären die Folgen für die Wirtschaft „gravierend“.
Onlinetext: Tobias Kurfer mit dpa












