Nahostkonflikt
Iran und Israel: Geschichte einer Erzfeindschaft

Schon seit Jahren bekämpfen sich Israel und der Iran im Verborgenen. 2025 entbrannte zwischen den beiden stärksten Militärmächten der Region ein offener Krieg. Nun hat der Konflikt eine neue Eskalationsstufe erreicht. Woher rührt die Erzfeindschaft?

    In London feierten am 1. März 2026 Iranerinnen und Iraner den Tod des obersten Führers Chomenei Ajatollah Chomenei.
    Nach den Angriffen auf den Iran und dem Tod des obersten Führers Chomenei gingen Iranerinnen und Iraner in mehreren Städten weltweit auf die Straßen. (picture alliance / Photoshot)
    Israel und Iran als Verbündete? Was heute kaum vorstellbar ist, war einst Realität. Im März 1950 erkannte Israel den Iran offiziell an.* Unter der Herrschaft von Schah Mohammad Reza Pahlavi arbeiteten Israel und Iran zusammen. Sie entwickelten Kooperationsprojekte in der Infrastruktur- oder Landwirtschaftspolitik. Israelische Spezialisten bildeten iranische Sicherheitskräfte und Geheimdienstmitarbeiter aus.
    Das ist lange her. Mittlerweile herrscht ein offener Krieg zwischen den beiden stärksten Militärmächten der Region. Seit Samstag, 28. Februar 2026, greifen Israel und sein Verbündeter, die USA, mit Luftanschlägen Ziele im Iran an. Bei den Angriffen wurde auch Irans oberster Führer Ajatollah Ali Chamenei getötet. Iran reagierte mit Gegenangriffen auf Israel und US-Militärbasen in der Golfregion. In der Folge weitete sich der Krieg auf den Libanon aus. Die vom Iran unterstützte Hisbollah-Miliz schoss Raketen auf Israel. Die israelische Armee reagierte ihrerseits mit Luftangriffen auf das Nachbarland.
    Auslöser der jüngsten Eskalation in Nahost ist der Streit über das iranische Atomprogramm. Bereits im Sommer 2025 hatte Israel den Iran mit der Begründung angegriffen, dass dieser laut Geheimdienstinformationen bei der Entwicklung einer Atombombe kurz vor einem „point of no return“ gestanden habe. Der Iran wertete den Angriff als Kriegserklärung. Von Verbündeten zu Kriegsgegnern, wie ist die Feindschaft zwischen Israel und dem Iran entstanden?

    Inhalt

    Wie hat sich die Feindschaft zwischen Iran und Israel entwickelt?

    Wendepunkt der iranisch-israelischen Beziehungen ist die islamische Revolution im Iran 1979: Revolutionsführer Ruhollah Chomeini ruft die USA und Israel als Erzfeinde aus. „Das geschah quasi über Nacht und war ein geopolitischer Schlag, ein Schock ohnegleichen“, beschreibt Politikwissenschaftler und Deutsch-Iraner Ali Fathollah-Nejad die Auswirkungen.
    Die Führung in Teheran erkennt das Existenzrecht Israels nicht länger an, vielmehr wird der Kampf gegen Israel zur iranischen Staatsdoktrin. Das zeigt sich zum ersten Mal 1982, als Israel gegen feindliche Gruppierungen im Libanon vorgeht und im Süden des Nachbarlandes einmarschiert, was vor allem die schiitische Minderheit dort stark betrifft.
    Daraufhin erlässt Ajatollah Chomeini eine Fatwa und schickt iranische Revolutionsgarden zur Unterstützung. Die gründen im weiteren Verlauf die schiitische Hisbollah-Miliz, um israelische Truppen zurückzudrängen. Am ebenfalls von Chomeini ins Leben gerufenen "Al-Kuds-Tag" fordern jährlich Demonstranten im Iran und weltweit die Befreiung Jerusalems und wenden sich gegen das Existenzrecht Israels.
    Der Hass des Revolutionsführers hat auch machtpolitische Gründe. Chomeini macht die Unterstützung der Palästinenser und die Feindschaft zu Israel zu zentralen politischen Säulen, weil er für sich und sein Land nach der Vorreiterrolle in der islamischen Welt strebt. Die Palästina-Frage dient ihm dafür als Vehikel. Ohne diese könnte er als Angehöriger der schiitischen Minderheit kaum solche Anerkennung erreichen. An dieser grundsätzlichen Position als „Anwalt der Palästinenser“ hält der Iran bis heute fest.
    Israel wiederum sieht im autoritär geführten Gottesstaat das größte Risiko für die eigene Sicherheit. Iran ist eine starke Militärmacht in der Region, die den jüdischen Staat zusätzlich durch die Unterstützung verschiedener islamistischer Milizen unter Druck setzt. Seit Bekanntwerden des iranischen Atomprogramms 2002 fürchtet die Regierung in Tel Aviv zudem den Aufstieg Irans zu einer Atommacht.

    Wie wird der Konflikt zwischen Iran und Israel seit Jahrzehnten ausgetragen?

    Beide Staaten bekämpfen sich seit langem, allerdings oft im Verborgenen. Der Iran wird beispielsweise mit Terroranschlägen gegen jüdische Einrichtungen in Verbindung gebracht. In den 1990ern sterben insgesamt 114 Menschen bei zwei Bombenexplosionen in einem jüdischen Gemeindezentrum in Buenos Aires. Das Regime in Teheran versucht außerdem Israels Sicherheit über „Stellvertreter“ zu untergraben. Unter dem Begriff „Achse des Widerstands“ stattet der Iran verschiedene Gruppierungen in der Region mit Waffen aus - darunter die Hamas und den Islamischen Dschihad im Gazastreifen sowie die Hisbollah im Libanon.
    Israel wiederum bekämpft den iranischen Einfluss mit verschiedenen Mitteln. Dazu zählen Luftangriffe auf Stellungen pro-iranischer Gruppen im Libanon, Syrien und dem Irak. 2007 zerstörten israelische Jets einen mutmaßlichen Atomreaktor im syrischen Deir Al-Sor, der mit dem iranischen Atomprogramm in Verbindung gebracht wurde. Israels Auslandsgeheimdienst Mossad soll für die gezielte Tötung mehrerer iranischer Wissenschaftler verantwortlich sein. Mit einem den USA und Israel zugeschriebenen Cyberangriff zerstörte das Computervirus „Stuxnet“ Zentrifugen zur Urananreicherung in der iranischen Forschungsanlage Natans.
    Bei einem Angriff in der Nacht zum 13. Juni 2025 bombardierte Israel unter anderem mehrere Atom- und Militäranlagen. Dabei wurden die Chefs der iranischen Armee und der Revolutionsgarden getötet, ebenso nahezu die gesamte Führungsspitze der Luftwaffe der Revolutionsgarden. Der Iran reagierte mit Drohnen- und Raketenangriffen auf Israel. Die USA stiegen an der Seite Israels in den zwölf Tage andauernden Krieg ein und bombardierten wichtige iranische Nuklearanlagen.
    Seit Samstag, 28. Februar 2026, greifen Israel und die USA den Iran erneut an. Israels Armee spricht von einem „Präventivschlag“. Aussagen von US-Präsident Donald Trump deuten darauf hin, dass die Luftschläge auf einen Machtwechsel zielen. Nach den neuerlichen Angriffen rief er das iranische Volk zum Sturz des Regimes auf. „Die Stunde eurer Freiheit ist gekommen“, sagte er. „Das wird wahrscheinlich für Generationen eure einzige Chance sein.“ Auch Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu richtete sich in einer Ansprache an die Iranerinnen und Iraner und rief sie dazu auf, die Führung ihres Landes zu stürzen.
    Iran-Experten sehen die Aussichten darauf jedoch kritisch. Als Gründe führen sie an, dass die iranische Opposition nicht geeint sei und keine Risse in der Elite oder den Revolutionsgarden erkennbar seien.
    Einzige Ausnahme der langjährigen Auseinandersetzungen zwischen Israel und Iran: Zu Zeiten des Iran-Irak-Krieges bezog der Iran über geheime Kanäle Waffen aus Israel.

    Wie steht die Bevölkerung beider Länder diesem Konflikt gegenüber?

    Die Militäranschläge und der Tod Chameneis stürzen den Iran in eine ungewisse Zukunft. In Teheran brach nach Berichten über den Tod des obersten Führers Jubel aus. Die Sehnsucht nach Veränderung im Land ist groß, seit Jahren kommt es immer wieder zu Protesten gegen die Regierung. Anfang 2026 gingen erneut zahlreiche Iranerinnen und Iraner auf die Straße. Das Mullah-Regime reagierte mit Härte, schoss auf die Demonstranten und verhaftete Oppositionelle.
    Damals hofften viele auf ein Eingreifen der USA. „Alle, mit denen ich gesprochen habe in den letzten Tagen, haben wirklich gesagt: Wir glauben daran, wir hoffen (…), dass die Amerikaner kommen oder die Israelis. Es ist uns egal, wer. Nur irgendjemand soll uns retten vor dieser Republik“, sagte die Politologin Gilda Sahebi Anfang Februar.
    „Es gibt auch nicht wenige, die sich einen Militärschlag wünschen, so verzweifelt sind die Menschen im Land“, so die Publizistin Daniela Sepehri damals. „Gleichzeitig gibt es aber auch Menschen, die bei dem Gedanken an Krieg nervös werden, weil sie eben gesehen haben, dass im Juni (als Israel und die USA iranische Atomanlagen angriffen, Anm. d. Red.) niemand sich dafür interessiert hat, die Zivilgesellschaft zu schützen.“
    Dennoch sehen Beobachter nach den jüngsten Militärschlägen bei vielen Iranerinnen und Iranern neben Sorge und Angst angesichts des Krieges auch Erleichterung und die Hoffnung, auf eine bessere Zukunft. Die Reaktionen zeigten, unter welchen Bedingungen die Menschen unter dem Regime gelebt hätten, sagt die Journalistin Shila Behjat.
    Bereits nach dem Angriff Israels im Juni 2025 hätten sich insgeheim viele darüber gefreut, dass die militärische Führung durch Angriffe getötet wurde, wie damals die Journalistin und Nahostexpertin Natalie Amiri berichtete. Gleichwohl betonte sie, dass die iranische Bevölkerung Israel nicht als „Befreier“ sehe. Denn mit einem von außen ausgelösten Regimewechsel hätten die Iranerinnen und Iraner sehr schlechte Erfahrungen gemacht.
    Knapp ein Jahr bevor es im Sommer 2025 erstmals zu einem unmittelbaren Krieg zwischen den beiden Militärmächten kam, waren sowohl Israelis als auch die Menschen im Iran skeptisch bezüglich eines Waffengangs gegen den jeweils anderen.
    Laut einer Umfrage der Hebräischen Universität in Jerusalem waren 52 Prozent der Befragten in Israel gegen einen Vergeltungsschlag, nachdem der Iran im April 2024 Israel mit Hunderten Raketen und Drohnen angegriffen hatte. Zu dieser Eskalation war es nach einem mutmaßlich israelischen Luftangriff auf die iranische Botschaft in Damaskus gekommen. Dabei waren mehrere ranghohe Mitglieder der Islamischen Revolutionsgarden gestorben. Experten gehen davon aus, dass auch die iranische Bevölkerung den Angriff auf Israel im April 2024 nicht befürwortet hat.
    *Wir haben an dieser Stelle einen missverständlichen Satz umformuliert.

    jk, jfr, irs