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StartseiteEuropa heuteEin Tribunal für den Vättersee26.03.2019

Naturschutz in SchwedenEin Tribunal für den Vättersee

Die schwedische Schülerin Greta Thunberg fordert Klimaschutz - die Rights-of-Nature-Bewegung will mehr: Berge, Flüsse, Seen und Wälder sollen Rechte bekommen, damit Umweltzerstörung wie andere Verbrechen geahndet werden kann. In Schweden spielen Aktivisten schonmal ein fiktives Gerichtsverfahren durch.

Von Simonetta Dibbern

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Blick vom Omberg auf die weite Fläche des Vättersees, Schwedens zweitgrößten See (picture alliance/ Michael Riehle)
Blick vom Omberg auf den Vättersee, Schwedens zweitgrößter See (picture alliance/ Michael Riehle)
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Die Musikhochschule Rotterdam im Dezember 2018: Der schwedische Sänger Peder Karlsson gibt einen Workshop für angehende Chorleiter. Rhythmus, Bewegung, Respekt sind seine Themen. Intuition. Und gemeinsamer Spaß.

"In 90 Minuten kann ich Dich durch diesen Prozess führen, sodass Du merkst, Du bist eine Zelle in einem großen Körper. Und instinktiv verstehst, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind. Die Menschheit ist nur eine Spezies, unter hundert Milliarden anderen. Atmen. Körper. Erst Erfahrung. Theorie und Reflexion später."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Grüner Schwede! Klima-Aktivisten im Norden Europas".

Die Sänger sind mit Spaß dabei. Und merken gar nicht, dass sie eine sanfte Lektion in Sachen Umweltbewusstsein durchlaufen. Peder Karlsson, seit mehr als 30 Jahren ein Name in der europäischen Acappella-Szene, hatte nur zu Beginn des Kurses kurz erwähnt, dass er mit dem Zug nach Rotterdam gekommen ist. Aus Umeå im Norden Schwedens. 2.000 Kilometer, 25 Stunden pro Strecke.

Der Sänger Peder Karlsson verbindet Klima-Aktionen mit Gesang (Deutschlandradio/ Simonetta Dibbern)Der Sänger Peder Karlsson verbindet Klima-Aktionen mit Gesang (Deutschlandradio/ Simonetta Dibbern)

"Schon die Ölförderung ist Naturzerstörung - Ökozid"

Er fliegt so gut wie gar nicht mehr, erzählt Peder Karlsson ein paar Wochen später in einem Bahnhofscafé in Stockholm. Ein guter Treffpunkt – für Bahnfahrer und für Aktivisten aus verschiedenen Teilen Schwedens. Zusammen mit der Anwältin Pia Björstrand und der Biologin Pella Thiel bereitet Peder Karlsson eine Umweltschutz-Konferenz im Mai vor. Alle drei sind Teil der Rights-of-Nature-Bewegung.

"Natürlich bewundere ich Greta Thunberg für das, was sie tut. Aber wir wollen weitergehen, als nur unsere CO2-Bilanz zu analysieren. Was, wenn wir Rohstoffe gar nicht mehr erst abbauen? Dann bräuchten wir die Pariser Klimavereinbarung nicht, bräuchten nicht zu diskutieren, wie groß der Einfluss des Menschen auf das Klima ist. Schon die Ölförderung allein ist Naturzerstörung, Ökozid."

Der Natur Rechte zu geben, per Verfassung: Das ist das Ziel der Rights-of-Nature-Aktivisten, auch in Europa. Ecuador hat dies bereits vor zehn Jahren getan. Auch Berge, Flüsse, Wälder sollen vor Gericht verteidigt werden können, sagt die Biologin Pella Thiel.

"Es bedeutet einen grundsätzlichen Wandel in unserer Wahrnehmung. Denn unsere Kultur basiert auf der Maxime, dass Umwelt und Natur einzig dafür da sind, um benutzt und verbraucht zu werden. Wir brauchen dringend einen anderen Blick auf die Natur. Wie so eine Beziehung aussehen könnte, das können wir von indigenen Völkern lernen. Weil für sie der Mensch ein Teil der Natur ist."

Die Natur soll "gerichtsfähig" werden

Darum werden auch Dakota und Sami bei der Konferenz im Mai dabei sein, sagt Pella, und andere Indigene aus der ganzen Welt.

"Und Juristen. Denn die sagen, dass das Gesetz das einzige gesellschaftliche Instrument sind, über richtig und falsch zu entscheiden. Es ist die DNA einer Gesellschaft."

Damit Umweltzerstörung vor Gericht gebracht werden kann, als "Ecocide Law", wie es die Rights-of-Nature-Bewegung will, muss die Natur quasi "gerichtsfähig" gemacht werden. Ökozid soll nach dem Willen der Aktivisten Teil des Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag werden, Verbrechen an der Natur ebenso bestraft werden können wie Verbrechen an der Menschlichkeit. Bis dahin ist es noch ein langer Weg: politisch und gesellschaftlich.

"Schweden ist nun mal eine alte Demokratie mit starken und starren Institutionen. Aber weil wir davon überzeugt sind, dass dieser Bewusstseinswandel dringend notwendig ist, arbeiten wir weiter daran. Bei unserer Rights-of-Nature-Konferenz im Mai werden wir unsere neueste Idee vorstellen.  Der Vättersee, einer der großen schwedischen Seen, soll Rechte bekommen, die wir respektieren müssen. Mal sehen, was passiert."

Giftige Munition am Vättersee

Die Anwältin Pia Björstrand mischt sich ein – Umweltrecht ist bisher nicht ihr Fachgebiet. Dieses Tribunal wird auch für sie auf jeden Fall eine Herausforderung.

"Im Moment benutzt das Militär den Vättersee für Schießübungen mit giftiger Munition, dabei ist er ein Trinkwasserreservoir. Außerdem gibt es auch dort eine ganze Reihe von Minenprojekten nicht weit vom Ufer. Was passiert, wenn das Gift aus den Minen in den See läuft, haben wir gerade in Brasilien gesehen. Wir werden ein fiktives Gerichtsverfahren durchspielen, mit Richtern, Verteidigern, Anklägern. Mit Guten und mit Bösen."

Peder Karlsson will den Bösen spielen. Aber als Kulturbeauftragter von Rights of Nature wird er vermutlich für den Gesang zuständig sein. Bei der Konferenz – und beim nächsten Workshop, irgendwo in Europa.

"Ich habe lange gebraucht, aus der Künstlerblase rauszukommen. Aber jetzt habe ich einen spannenden Weg gefunden, das Singen zu verbinden mit meinem Engagement bei Rights of Nature. Denn es ist im Grunde dasselbe – und kann alle miteinbeziehen."

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