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StartseiteForschung aktuellMehr radikale Innovation, weniger Bürokratie03.09.2018

Neue Agentur für SprunginnovationenMehr radikale Innovation, weniger Bürokratie

Eine neue Agentur für Sprunginnovation soll künftig dafür sorgen, Forschungsergebnisse in innovative Produkte umzusetzen. Wichtig sei, dass die Agentur losgekoppelt von politischen Einflüssen agiere, sagte Dietmar Harhoff vom Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb im Dlf. Andernfalls drohe ein frühes Todesurteil.

Dietmar Harhoff im Gespräch mit Michael Böddeker

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (l, CDU) nimmt vom Vorsitzenden der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), Prof. Dietmar Harhoff, Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb, am 15.02.2017 im Bundeskanzleramt in Berlin das Jahresgutachten 2017 zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands entgegen.  (dpa / picture-alliance / Bernd von Jutrczenka)
Dietmar Harhoff vom Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb befürchtet, dass zu starker politischer Einfluss ein frühes Todesurteil für die neue Agentur für Sprunginnovation sein könnte (dpa / picture-alliance / Bernd von Jutrczenka)
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Michael Böddeker: Forschung ist an sich oft ein langsamer Prozess, bis aus einer neuen wissenschaftlichen Erkenntnis irgendwann mal ein fertiges Produkt wird, das man dann auch noch verkaufen kann, da können schnell mal ein paar Jahre vergehen, und außerdem kann man in der Forschung am Anfang oft noch gar nicht absehen, was daraus später einmal werden könnte. Viel hängt da von Zufällen ab. Dieses langwierige und oft etwas ungeordnete Verfahren möchte die Bundesregierung jetzt beschleunigen und in klare Bahnen lenken, und zwar mit einer neuen Agentur.

Das Bundeskabinett hat beschlossen, eine Agentur zu gründen, die sogenannte Sprunginnovationen fördern soll, also Innovationen, die später einmal auf dem Markt eine große Anwendung finden könnten. Darüber sprechen wir mit Dietmar Harhoff, er ist Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb. Schönen guten Tag, Herr Harhoff!

Dietmar Harhoff: Guten Tag, ich grüße Sie!

Böddeker: Sie haben schon mal gefordert, dass Deutschland zu einem führenden Innovationsstandort werden muss. Ist diese neue Agentur für Sprunginnovation dabei jetzt der richtige Schritt?

Harhoff: Es ist ein richtiger Schritt, denn es würde das, was wir an Institutionen und Fördermaßnahmen haben, sinnvoll ergänzen.

Böddeker: Was ist denn bisher in Deutschland falsch gelaufen? Sind die deutschen Forschungsorganisationen einfach zu langsam oder zu träge?

Harhoff: Na ja, ich glaube, wir haben weniger ein Forschungs- als ein Umsetzungsproblem, weil in vielen Bereichen, ich möchte das nicht zu breit generalisieren, aber in vielen Bereichen ist es so, dass wir im wissenschaftlichen Bereich sehr gut mithalten können. Wir sind natürlich im Vergleich zu den USA und zunehmend auch China ein kleines Land, aber wir haben im wissenschaftlichen Bereich wichtige Stärken.

Es ist uns allerdings schwergefallen in den letzten Jahrzehnten, diese Stärken dann auch in neue Wertschöpfung, also in Innovationen umzusetzen. Also der Sprung von wissenschaftlichem Ergebnis über Erfindung, hin dann in marktfähige Innovationen, das ist uns weit weniger gut gelungen als den Akteuren in anderen Ländern.

Böddeker: Inwiefern könnte jetzt diese neue Agentur genau dabei helfen, was muss die machen?

Harhoff: Diese Agentur kann helfen, weil sie die Fokussierung des deutschen Forschungs- und Innovationssystems auf inkrementelle Verbesserung ergänzt um eine Institution, die genau anders gepolt ist, die versucht, Initiativen zu starten für Sprunginnovationen. Sie können es auch radikale Innovationen nennen. Da streiten sich die Gelehrten so ein bisschen, was der beste Begriff ist.

Die Bundesregierung hat jetzt diesen Begriff gewählt. Unsere Stärke in der Vergangenheit ist sehr stark darauf konzentriert gewesen, inkrementelle Verbesserungen in den großen wichtigen Sektoren und Technologien, die von deutschen Unternehmen verfolgt werden, einzubringen. Die radikalen Innovationen sind von anderen Akteuren gekommen. Unser gesamtes System ist auch von der Finanzierung kommend, von der Unterstützung für Start-ups so ausgelegt, dass wir eigentlich mehr die Inkrementalisten in der Innovation gewesen sind, und der gedankliche Ansatz, den das Bundesministerium für Bildung und Forschung gemeinsam mit dem BMWi hier vorgelegt hat, ist jetzt zusätzlich eine Institution einzuführen, die eher radikale Innovationen unterstützt.

Böddeker: Wie müsste dann diese Unterstützung aussehen? Muss man einfach Geld in die richtigen Bahnen lenken?

Harhoff: Na ja, schon zu wissen, was die richtigen Bahnen sind, ist ja gar nicht so einfach. Ich glaube, der Grundgedanke, wenn ich es richtig interpretiere, dieser Agentur ist, zu einem sehr stark personenorientierten Ansatz zu gehen, also sich darauf zu verlassen, dass sogenannte Programmmanager in verschiedenen technischen Bereichen Technologiewettbewerbe starten, neue Trends als Scouts identifizieren und dann auch gezielt mit einer Forschungs- und Verwertungsförderung unterstützend eingreifen können.

Das unterscheidet sich von Auswahlverfahren, wo man schriftliche Anträge schreibt, die man durch Peer-Review oder durch Gutachtergremien in häufig sehr langatmigen Prozessen dann aussucht. Hier verlässt man sich tatsächlich auf die Erfahrung, die Intuition, die Kenntnis, die Initiativen einzelner Programmmanager.

Technische Fähigkeiten sind bei der Personalauswahl wichtig

Böddeker: Genau. Das ist offenbar der Plan. Wenn die Agentur dann nächstes Jahr anläuft, sollen da sogenannte Innovationsmanager arbeiten. Solche Innovationsexperten sind ja auch in der Industrie gesucht und werden da auch sehr gut bezahlt. Glauben Sie, dass so eine neue Agentur überhaupt attraktiv ist für solche Fachleute?

Harhoff: Na ja, man muss sich dann schon ein Personalstatut einfallen lassen, das es erlaubt, vielleicht auch über die normalen, also im Öffentlichen Dienst üblichen Salaire hinauszugehen. Das kann jetzt nicht in den Himmel schießen, aber in der Tat, Sie sagen es, man will ja gerade die Personen, die tiefe Fachkenntnis mitbringen aus der Industrie, gewinnen, wobei es im Moment noch sehr unklar ist, wie hinterher die Personalzusammensetzung aussehen wird, aber es sind in der Tat eher unternehmerische Typen, Technologie-Expertinnen und -Experten, die tatsächlich eine gute ausgewiesene Fähigkeit haben, mit neuen Technologien umzugehen.

Aus Investitionen lernen

Böddeker: Wie kann man überhaupt feststellen, welche Technologien besonders vielversprechend sind? Sie selbst haben ja auch mit Kollegen zusammen das EFI-Gutachten erstellt für die Bundesregierung, also das Gutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation. Da geht es auch um Felder, in denen Deutschland besonders innovativ ist, aber wie gut lässt sich denn vorhersagen, welche Innovationen später mal das Zeug haben, dass sie auf dem Markt auch wichtig werden?

Harhoff: Nicht besonders gut. Also die ehrliche Antwort auf Ihre Frage ist, in einer so angelegten Initiative wird es viele Fehlschläge geben, die werden ausgeglichen dann durch die Erfolgsfälle, die dann tatsächlich sehr hohe Renditen einbringen. Das ist eigentlich nichts Neues. Wenn Sie sich das Portfolio eines Wagniskapital-Investors, also der in junge Start-ups investiert, anschauen, dann ist es häufig so, dass 90 Prozent der Projekte, in die investiert wird, sich hinterher als nicht profitabel herausstellen. Das weiß man aber vorher nicht.

Das heißt, man muss tatsächlich diese Investitionen tätigen, um dann zu lernen. Das ist kein Vabanquespiel, das ist auch keine Lotterie. Es ist schlicht und ergreifend das Umgehen mit sehr schwierigen Statistiken. Man kann natürlich auf Prognose setzen. Das haben wir in der Innovationspolitik des Landes auch getan. Man kann dann viele Analysen machen. Das Gegenstück dazu ist zu experimentieren und schrittweise herauszufinden, wo unter Umständen ertragreiche Gebiete liegen.

Bewusste Ausrichtung auf den zivilen Investitionen

Böddeker: In anderen Ländern gibt es ja schon große staatliche Behörden, die Innovationen fördern. In den USA zum Beispiel ist das die DARPA, die vor allem Militärforschung fördert. Inwiefern sind die deutschen Pläne mit sowas vergleichbar?

Harhoff: Sie sind vergleichbar, aber die Agentur zur Förderung von Sprunginnovation ist ja ganz bewusst auf den Zivilbereich ausgerichtet. Wir haben da an der Stelle, historisch bedingt schlicht und ergreifend, zur Militärforschung ein distanzierteres Verhältnis in Deutschland als in den USA. Übrigens hat auch DARPA viele Projekte gefördert, zum Beispiel im Bereich des automatisierten Fahrens, die letztlich im zivilen Bereich dann großen Nutzen gebracht haben, also neue Sensorentwicklungen, Algorithmen für das automatische Fahren und dergleichen, aber diese deutsche Agentur soll tatsächlich ganz konzentriert auf zivile Innovationen abzielen. Auch da gibt es ein Vorbild oder eine ähnliche Institution in den USA, das ist ARPA-E, eine Einrichtung, die ähnlich wie DARPA funktioniert von der Organisationsform her, aber dann im Wesentlichen im Energiebereich tätig ist.

Böddeker: Ein großer Unterschied ist aber wahrscheinlich das Budget. In Deutschland soll das voraussichtlich eine Milliarde Euro betragen auf zehn Jahre. Reicht das?

Harhoff: Also es ist klein im Vergleich zu dem, was DARPA macht. DARPA hat ein jährliches Budget von circa 2,5 Milliarden Euro. Wenn man das jetzt einfach mal – die US-Ökonomie ist natürlich die größte – mit einem Faktor 4 runterrechnet, dann kommt man immer noch auf circa 600 Millionen. Hier ist jetzt bei dem deutschen Vorschlag ein im Durchschnitt jährliches Budget von circa, ich glaube, 120 Millionen vorgesehen. Das ist ein erster Schritt. Damit kann man diese Institutionen austesten, und gegebenenfalls kann man das dann auch anpassen, aber es fällt nicht gerade unter den Begriff klotzen.

"Diese Institution muss tatsächlich an der langen Leine geführt werden"

Böddeker: Der FDP-Forschungspolitiker Thomas Sattelberger hat schon eine Einschätzung abgegeben zur neuen Agentur. Er hat gesagt, damit die funktioniert und damit sie einigermaßen unabhängig arbeiten kann, müsse man verhindern, dass die üblichen Akteure das Übliche tun, denn sonst käme am Ende die übliche Mittelmäßigkeit heraus. Würden Sie da zustimmen?

Harhoff: Da gebe ich ihm völlig recht. Diese Institution muss tatsächlich an der langen Leine geführt werden. Man kann nicht gleich nach den ersten sechs Monaten kommen, um nachzuschauen, ob denn auch wirklich alles erfolgreich gewesen ist, denn die Erfolge zeigen sich erst über Zeiträume von fünf, sechs, sieben Jahren. Das heißt, man muss dieser Institution so viel Zeit geben, und man muss sie auch von zu starkem politischem Einfluss loskoppeln.

Das ist natürlich irgendwo eine ganz schwierige Aufgabe, weil es staatliche Mittel sind, Steuermittel, Mittel des Bürgers, die hier eingesetzt werden, aber wenn jetzt die Politik kommt und irgendwelche Ziele vorgibt und dies noch sehr detailliert, dann wäre das in der Tat schon ganz früh das Todesurteil für diese Institution.

Böddeker: Hätten Sie selbst Lust, da mitzuarbeiten in der neuen Agentur?

Harhoff: Also es wird bestimmt sehr spannend, aber ich muss Ihnen sagen, dass ich schon jetzt einen sehr spannenden Job habe in der Grundlagenforschung in der Innovationsforschung. Der ist etwas anders ausgelegt. Ich habe viele Kontakte mit solchen Akteuren, die in Start-ups und so weiter tätig sind, aber ich bin halt der Grundlagenforscher, und was hier brauchen, sind nicht Grundlagenforscher, sondern Umsetzer.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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