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StartseiteInterview"In der momentanen Situation sind diese Maßnahmen unvermeidbar"29.10.2020

Neue Corona-Beschränkungen"In der momentanen Situation sind diese Maßnahmen unvermeidbar"

Der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Otmar Wiestler, hält die neuen Anti-Corona-Maßnahmen aus wissenschaftlicher und medizinischer Sicht derzeit für alternativlos. Es müsse aber jetzt schon über Konzepte für die Zeit nach dem „vermeintlichen Lockdown“ nachgedacht werden, sagte er im Dlf.

Otmar Wiestler im Gespräch mit dem Jasper Barenberg

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Prof. Dr. Otmar D. Wiestler, Präsident der Helmholz-Gemeinschaft (imago/Becker & Bredel)
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Die von Bund und Ländern beschlossenen neuen Maßnahmen zur Eindämmung der stark steigenden Corona-Fallzahlen lösen ein geteiltes Echo aus. Kritik kommt vor allem aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe wegen der geplanten Schließungen in der Gastronomie. Rückendeckung erhält die Politik dagegen von den großen deutschen Forschungsorganisationen, etwa der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft, der Leibnitz-Gesellschaft, der Max-Planck-Gesellschaft, der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Helmholtz-Gesellschaft, die in einem gemeinsamen Positionspapier mit dem Titel "Corona-Pandemie – Es ist ernst" Stellung bezogen haben.

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Dies sei ein "bemerkenswerter Vorgang", betonte der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Otmar Wiestler, im Gespräch mit dem Dlf. Angesichts steigender Zahlen bei den Corona-Infektionen, bei den COVID-19-Intensivpatienten und –Toten sowie den noch dramatischeren Zuständen in den Nachbarländern seien die von Bund und Ländern beschlossenen Maßnahmen aus wissenschaftlicher und medizinischer Sicht nicht zu vermeiden, betonte Wiestler. Man müsse aber jetzt schon über Konzepte für die erst im Dezember/Januar beginnende Erkältungssaison nachdenken, mahnte der Mediziner. Auch sei nicht auszuschließen, dass später noch einmal ähnlich drastische Maßnahmen getroffen werden müssten.


Jasper Barenberg: Herr Wiestler, spiegeln die Beschlüsse, die wir seit gestern Nachmittag kennen, den Ernst der Lage wieder, wie Sie den Ernst der Lage bewerten?

Otmar Wiestler: Ich glaube, das tun die Beschlüsse. Nach reiflicher Überlegung großer Forschungsorganisationen waren wir am Ende einig: In der momentanen Situation sind diese Maßnahmen wohl unvermeidbar. Die Zahlen steigen an. Wir sind heute bei 16.000. Die Zahl der Intensivpatienten geht bedrohlich nach oben. Wir haben wieder Todesfälle in nennenswerter Zahl. Die Gesundheitsämter sind offenbar im Moment nicht mehr in der Lage, Infektionswege zu verfolgen.

Wir haben dramatischere Entwicklungen bei unseren Nachbarn in Europa und ich glaube, wir müssen ehrlich auch anerkennen: Die Maßnahmen, die wir bisher getroffen haben, reichen in der momentanen Situation offenbar nicht aus. Deshalb ist dieser vermeintliche Lockdown, wie er gestern beschlossen worden ist, in meinen Augen auch aus wissenschaftlicher und medizinischer Sicht nicht zu vermeiden.

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"Kontakte ohne Vorsichtsmaßnahmen müssen eingeschränkt werden"

Barenberg: Jetzt haben Sie gesagt, da habe ich ein wenig aufgehorcht, nach reiflicher Überlegung. Es gab schon andere Überlegungen auch, es gab Einwände. Es gibt Zweifel an diesen harten Einschnitten?

Wiestler: Innerhalb dieser Gruppe gab es eigentlich keine ernsthaften Zweifel. Sie können das der Stellungnahme ja entnehmen. Wenn die vier führenden Forschungsorganisationen in Deutschland sich zu einer derartigen Stellungnahme entschließen, dann ist das ja ein bemerkenswerter Vorgang. Wir haben die gesamte Vielfalt von Forschungsdisziplinen, Forscherpersönlichkeiten in unseren Organisationen, aber wir waren nach einer wirklich gründlichen Abwägung der Auffassung, es gibt derzeit keine Alternative, wobei wir zunächst mal über die Phase der nächsten vier Wochen sprechen.

Mir ist auch wichtig – vielleicht noch eines zur Ergänzung, Herr Barenberg: Wir haben in unserer Stellungnahme ja auch ganz deutlich gemacht: Uns ist vor allem wichtig zu sagen, es müssen Kontakte ohne Vorsichtsmaßnahmen eingeschränkt werden. Wenn Menschen sich an die bekannten AHA-Regeln halten, wenn Masken getragen werden, Abstand gewahrt wird, ich glaube, dann ist das Risiko bei weitem nicht so hoch. Uns geht es vor allem darum zu sagen, die vielen Kontakte ohne Vorsichtsmaßnahmen, die müssen radikal eingeschränkt werden.

Vorsichtsmaßnahmen können in Restaurants nicht streng eingehalten werden

Barenberg: Das ist interessant, dass Sie das erwähnen, denn wenn es Kritik gibt, dann richtet sie sich ja im Moment zum Beispiel auf die Frage, warum es Einschränkungen in einigen Bereichen gibt und Beschränkungen in anderen Bereichen nicht, obwohl Restaurants genauso aufwendige Hygiene-Konzepte erarbeitet haben wie ein Betrieb oder ein Dienstleistungsunternehmen, das jetzt weiter arbeiten kann. Ist da ein bisschen eine Schwierigkeit in diesen Regelungen – das ist ja auch ein politisches Argument -, dass man da eigentlich unfair vorgeht?

Wiestler: Ich glaube, diese Entscheidung muss im Endeffekt die Politik treffen. Da sind ja verschiedene Gesichtspunkte abzuwägen. Wobei ich muss Ihnen sagen: Bei der Gastronomie, wenn ich am Wochenende durch Berlin gehe und sehe, wie man sich in Restaurants zum Beispiel begegnet, das ist ein Bereich, da können Sie Vorsichtsmaßnahmen auch gar nicht streng einhalten. Sie können ja zum Beispiel nicht dauerhaft eine Maske tragen.

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Jetzt kommt die kalte Jahreszeit, wo die Außenbereiche auch geschlossen werden müssen. Da habe ich ein gewisses Verständnis dafür, dass man diesem Bereich zumutet, für eine überschaubare Phase von vier Wochen einfach diese Maßnahmen jetzt zu treffen. Eine ganz wichtige Frage, die im Moment noch nicht so diskutiert wird, ist natürlich die: Was tun wir ab Dezember?

Jetzt schon über Konzepte für den Winter nachdenken

Barenberg: Was tun wir dann und wann wissen wir, ob die Beschränkungen die ab Montag greifen werden, Erfolg zeitigen, oder ob die Kritiker recht haben, die sagen, danach sind wir wieder auf null?

Wiestler: Wir haben ja Erfahrungen aus dem Frühjahr. Wir haben Erfahrungen aus anderen Ländern, wenn Sie an Israel zum Beispiel denken. Ich gehe schon davon aus, dass diese Maßnahmen wirken werden, dass wir die Zahlen erheblich werden reduzieren können in den nächsten Wochen. Aber wir dürfen natürlich auch nicht vergessen: Die eigentliche Erkältungs-Saison beginnt erst im Dezember/Januar.

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Und ich glaube, in der Phase danach, haben die Kollegen, die sich jetzt kritisch äußern, recht, müssen wir jetzt schon über entsprechende Konzepte nachdenken. Und wir brauchen kluge Wege, die Risikogruppen, um die es ja ganz besonders geht, noch besser zu schützen, als es uns bisher gelingt. Sehr viel konsequenterer Einsatz von Schnelltests. Wir müssen an geschützte Korridore für Risikogruppen denken. Ich denke, das muss jetzt schon angedacht werden, damit wir das dann auch konsequent einsetzen können.

Erst Impfstoff wird Situation grundlegend verändern

Barenberg: Wenn ich noch mal Revue passieren lasse, was Sie in dem Papier geschrieben haben. Da steht, es ist entscheidend, deutlich zu reagieren. Es ist entscheidend, schnell zu reagieren. Was wir bisher besprochen haben, heißt im Grunde, dass Sie sagen, das ist alles erfüllt. Aber der dritte Punkt in dem Papier ist, entscheidend sei, nachhaltig zu reagieren. Da kommt dann unter anderem der Schutz von Risikogruppen, der konsequente Schutz vor und auch eine bessere Kommunikation über die prinzipiellen Hygieneregeln, die eigentlich sehr viel weiterhelfen können. Da sehen Sie auch noch Bedarf für die nächsten Monate?

Wiestler: Ich glaube, da müssen wir alle noch mehr tun. Da ist viel geschehen. Vor allem die Kanzlerin selbst hat sich ja sehr, sehr stark engagiert, sich immer wieder an die Menschen gewandt. Aber wir müssen den Menschen immer wieder sagen, es gibt eine einfache Möglichkeit, sich mit der Situation erfolgreich auseinanderzusetzen: Haltet euch bitte an die Vorsichtsmaßnahmen. Die sind ja bekannt. Jeder einzelne für sich selbst und für sein eigenes Umfeld. Wenn uns das gelingt mit der überwiegenden Mehrzahl der Menschen in diesem Land, ich glaube, dann werden wir erfolgreich mit dieser Pandemie umgehen. Im Übrigen wird die Situation sich wahrscheinlich grundlegend erst dann verändern, wenn der Impfstoff zur Verfügung steht, auf den wir alle hoffen.

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Barenberg: Welche zeitliche Perspektive haben Sie da? Heute gibt es Meldungen oder Einschätzungen dazu, dass das doch noch sehr viel länger dauern kann, als wir alle im Moment noch annehmen und uns wünschen.

Wiestler: Ich glaube, da muss man sehr vorsichtig sein. Es gibt gewisse Hinweise dafür, dass die ersten Zulassungen in diesem Jahr noch beantragt werden – vor allem von den beiden Firmen, die im Moment am weitesten sind und die die sogenannte Phase III weitgehend abgeschlossen haben. Was wir noch nicht wissen ist: Ist die Impfung wirklich erfolgreich. Wenn wir wissen, dass sie erfolgreich ist, ich glaube, dann wird diese Impfung sehr schnell ausgerollt und dann halte ich es durchaus für möglich, dass innerhalb von einigen Monaten bereits größere Zahlen von Menschen geimpft werden können.

Barenberg: Bis dahin, Professor Wiestler, müssen wir uns darauf einstellen, dass diese Art von Bremsmanövern möglicherweise auch noch ein weiteres Mal nötig sein könnten, je nach Verlauf in den Wintermonaten?

Wiestler: Wir alle hoffen, dass das nicht der Fall ist, aber ich glaube, niemand von uns kann das völlig ausschließen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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