Neues Medienangebot für AfghanistanKurzwelle nach Kabul

Die Deutsche Welle sendet jetzt auf Kurzwelle tägliche Radioprogramme für Afghanistan. Falls das Internet abgeschaltet werde, könne man die Menschen so immer noch erreichen, sagte DW-Redakteurin Waslat Hasrat-Nazimi im Dlf. Die Lage vor Ort bleibe gefährlich - warnt auch "Reporter ohne Grenzen".

Waslat Hasrat-Nazimi im Gespräch mit Sebastian Wellendorf | 16.09.2021

Ein Mann schaut über das Stadtpanorama von Kabul
Ein Mann schaut über das Stadtpanorama von Kabul - eine Aufnahme von 2017, als die Welt, auch die der Medien, noch eine andere war in Afghanistan (picture alliance / Valeriy Melnikov/Sputnik/dpa | Valeriy Melnikov)
Die meisten Journalistinnen und Journalisten hielten sich in Verstecken auf, so die deutsch-afghanische Journalistin, die bei der DW verantwortlich für die Afghanistan-Berichterstattung ist, "falls sie nicht das Land schon verlassen haben".
Die DW selbst habe "alle Korrespondent*innen aus dem Land gebracht", betont Waslat Hasrat-Nazimi. Doch man arbeite weiterhin mit Journalisten vor Ort zusammen. Auch andere Medienhäuser in Afghanistan würden ihr Programm fortsetzen. Doch das gelinge nur, "so gut es geht". Einige fingen schon an, "sich selbst zu zensieren".

ROG fordert unbürokratische Hilfe durch Bundesregierung

Die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) hatte am Mittwoch der Bundesregierung ein unkoordiniertes und intransparentes Vorgehen bei der Rettung afghanischer Medienschaffender vorgeworfen. Journalistinnen und Journalisten vor Ort müssten unter den Taliban um ihr Leben fürchten und sollten so schnell und unbürokratisch wie möglich Afghanistan oder unsichere Drittländer verlassen können, forderte ROG-Geschäftsführer Christian Mihr.
Journalismus in Afghanistan
Nach dem Abzug der letzten US-Soldaten mussten auch zahlreiche Journalisten in Afghanistan zurückbleiben. Diejenigen, die weiterarbeiten, würden versuchen, "tastend weiterzumachen", sagte der Journalist Marc Thörner im Dlf.
Gespräche, die man in den vergangenen Wochen auf unterschiedlichen Ebenen mit dem Auswärtigen Amt und dem Bundesinnenministerium geführt habe, spiegelten diese Dringlichkeit aber nicht wider. Er begrüßte die pauschale Aufnahmezusage des Innenressorts vom Mittwoch für mehr als 2.000 Menschen aus Afghanistan. Wie viele der Medienschaffenden auf der Liste stehen, sei aber unklar.

Besonders dramatische Lage in den Provinzen

Einer der Journalisten, der es mit Hilfe von Reporter ohne Grenzen nach Deutschland geschafft hat, ist der ehemalige Chefredakteur der Tageszeitung "Hasht e Subh", Wahid Payman. Er warnte vor einem falschen Spiel der Taliban. "Um international anerkannt zu werden, geben sie vor, die Meinungs- und Pressefreiheit zu achten", sagte Payman. Man habe aber "Hunderte an Beweisen, dass es nicht so läuft".
"Eingriff in Pressefreiheit"
Statt aus Afghanistan zu berichten, musste Bild-Reporter Paul Ronzheimer nach einem kurzen Aufenthalt am Flughafen von Kabul das Land wieder verlassen. Nun wirft er der US-Regierung vor, sie wolle kritische Berichterstattung unterbinden.
Besonders dramatisch sei die Lage in den Provinzen, wo Medienschaffende noch massiver als in Kabul bedroht, geschlagen und auch gefoltert würden. Fast alle hätten mittlerweile die Arbeit eingestellt.
Angesichts aktueller Entwicklungen seien sehr viele Falschmeldungen im Umlauf, stellte Waslat Hasrat-Nazimi fest. Deshalb wolle man dabei helfen, zu verifizieren, "ob Informationen stimmen oder nicht", so die Journalistin über die Arbeit der DW.
Inhaltlich gehe vor allem darum, die Themen "Frieden", "Zivilgesellschaft" und "Menschenrechte" mit einem täglichen Nachrichtenprogramm "noch weiter nach vorne zu bringen". Das Radioprogramm erstellt der deutsche Auslandssender von Bonn aus.