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StartseiteInterviewWarum wir Impfstoffe teilen sollten und was uns davon abhält05.04.2021

Neurowissenschaftlerin Franca ParianenWarum wir Impfstoffe teilen sollten und was uns davon abhält

Teilen ist etwas zutiefst Menschliches, meint die Neurowissenschaftlerin Franca Parianen. Es bedeute nicht immer etwas abzugeben, sondern bringe auch Mehrwert. Das zeige sich beispielsweise beim Corona-Impfstoff. Im massiven Sammeln und Vererben von Privateigentum sieht sie hingegen ein Problem.

Franca Parianen im Gespräch mit Anja Reinhardt

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Fünf Spritzen liegen nebeneinander, die Nadeln in Dosen eines Corona-Impfstoffes, 2. April 2021, USA (imago / Zuma / Brad Horrigan)
In der Debatte um das Teilen oder Nicht-Teilen der Corona-Impfstoffe würden sehr schnell die gleichen holzschnittartigen Argumente vorgebracht, meint Parianen (imago / Zuma / Brad Horrigan)
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Ohne Teilen würden wir nicht überleben, meint Franca Parianen. Schon als Kind sei das eine Selbstverständlichkeit, beispielsweise das Teilen von Informationen – "die meisten Spezies machen das nicht".

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Von Anfang an würden Menschen aber am liebsten das teilen, von dem sie danach nicht weniger haben als vorher, so die Neurowissenschaftlerin und Science-Slammerin. Sie hat unter anderem am Max-Planck-Institut geforscht und beschäftigt sich in ihrem neuen Buch "Teilen und Haben" damit, wie das Prinzip des Teilens und Nicht-Teilens die Menschen bestimmt hat.

Franca Parianen bei der Aufzeichnung der NDR-Talkshow Tietjen und Bommes im NDR-Studio auf dem Messegelände. Hannover, 22.03.2019  (imago / future image / C. Niehaus)Die Neurowissenschaftlerin Franca Parianen. Im März 2021 ist ihr Buch "Teilen und Haben: Warum wir zusammenhalten müssen, aber nicht wollen" erschienen. (imago / future image / C. Niehaus)

Mehrwert durch Teilen 

Auch wenn es ein verbreitetes Bild sei, bedeute Teilen nicht zwangsläufig, etwas abzugeben, beispielsweise durch eine Spende. Mehrwert durch Teilen werde beispielsweise beim Zusammenarbeiten erzeugt. "Wenn der Gewinn der Arbeit geteilt wird, stehen wir danach nicht mit weniger da, sondern mit mehr". Die Frage sei: "Wie kriegen wir das hin, dass wieder Mehrwert entsteht und sich nicht der Einzelne etwas mehr abzwackt?"

Ökonomische Prinzipien wie die Shared Economy seien ein Weg zurück, zu dem, was Menschen früher gemacht hätten: Gemeinsame Ressourcen wie Arbeit und Material teilen. Dass Menschen Privateigentum sammeln und vererben, sei erst mit der Sesshaftigkeit gekommen.

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Eigentum sei auch nicht das Problem, sondern das massive Sammeln: "Was neu ist, ist, dass wir immer stärker über Generationen Eigentum ansammeln und vererben", sagte Parianen.

Debatten über Super-Reiche

Das, was Menschen zu sozialen Wesen mache, sei das Verständnis der gegenseitigen Abhängigkeit. Wenn eine Person aber sehr viel Reichtum und damit die Oberhand habe, stelle sich die Frage: Muss ich überhaupt etwas abgeben? Das zeige sich auch in aktuellen Diskussionen über Reichtum und besonders reiche Menschen wie Amazon-Gründer Jeff Bezoz. "Da tun man, als sei es optional, etwas vom Reichtum abzugeben, anstatt zu fragen: Warum kann der Mann so viel Geld haben, ohne, dass seine Mitarbeiter vernünftig bezahlt werden?"

Verteilung des Reichtums auf der Welt im Jahr 2019

Die Statistik zeigt die Verteilung des Reichtums auf der Welt zum Ende des Jahres 2019. Ende 2019 besaß 1 Prozent der Weltbevölkerung 43,4 Prozent des weltweiten Vermögen. Rund 53,6 Prozent der Weltbevölkerung besaßen hingegen lediglich 1,4 Prozent des weltweiten Vermögens. (Statista / Credit Suisse) (Statista / Credit Suisse)Während Anhäufen von Reichtum als normal dargestellt werde, zeige sich das Teilen oft als etwas Unangenehmes und auch als etwas sehr Fernes. Als Vorbilder würden oft mythologische Personen wie Sankt Martin herangezogen – "große Personen, die ganz viel abgegeben haben". Mit unrealistischen Bildern und großen Erwartungen würden Erwachsene Kindern manchmal mehr abverlangen, als sie selbst bereit wären zu tun.

Das Teilen der Impfstoffe

Auch in der Debatte um die Corona-Impfstoffe würden sehr schnell die gleichen holzschnittartigen Argumente vorgebracht, meint Parianen.

Einerseits sei es klug, die Impfstoffe zu teilen, denn das bringe langfristig den Mehrwert, dass das Virus nicht weiter mutieren könne. Andererseits stehe man sich selbst weiter im Weg, indem man nationalistisch denke und auch alte Prinzipien wie Patentschutz hochhalte.

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"Wir glauben aber, dass es das Privateigentum als Anreiz braucht, damit sich Forscher dem Wohle der Menschheit widmen. Dabei gibt es ganz viel intrinsische Motivation", so die Neurowissenschaftlerin. Viele Medikamente seien ohne Patentschutz oder nur mit einem symbolischen Patent entwickelt worden, etwa Insulin.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

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