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StartseiteKalenderblattLand der langen weißen Wolke06.02.2015

NeuseelandLand der langen weißen Wolke

Der Vertrag von Waitangi ist die älteste Verfassungsurkunde Neuseelands und seit 1997 in die Liste des Weltdokumentenerbes der UNESCO eingetragen. Er wurde heute vor 175 Jahren in der Bay of Islands bei Waitangi von Gouverneur William Hobson und 43 Maori-Häuptlingen unterschrieben und machte Neuseeland zur britischen Kolonie. Damit begann der Untergang der maorischen Hochkultur.

Von Regina Kusch

Neuseeland: Cook Inseln - Aitutaki (picture alliance / dpa / Chad Ehlers)
"Aotearoa" - "Land der langen weißen Wolke", so nannten die Ureinwohner, die Maori, die beiden lang gestreckten Inseln im Süd-Pazifik. (picture alliance / dpa / Chad Ehlers)
Weiterführende Information

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"Aotearoa" - "Land der langen weißen Wolke", so nannten die Ureinwohner, die Maori, die beiden lang gestreckten Inseln im Süd-Pazifik. "Neuseeland" sagten die europäischen Robben- und Walfänger, Händler und Siedler, die im 18. Jahrhundert dorthin vordrangen.

"Sie fanden eine Landschaft und ein Land vor, in dem wenig Menschen gewohnt haben, die hauptsächlich sich vom Fischfang ernährten, und die sich von diesen wirklich sehr fruchtbaren Böden ernähren konnten, die sehr kriegerisch waren und sich dann natürlich auch gegen die ersten Siedler sofort gewehrt haben."

Selbstbewusste Maori

Die ersten Europäer trafen auf stolze, selbstbewusste Menschen, die 500 Jahre vor ihnen aus Ozeanien eingewandert waren. Diese etwa 100.000 Maori besaßen, so die Kuratorin der Berliner Nationalgalerie Britta Schmitz, Kunstgegenstände, die in Europa sehr begehrt waren.

"Sie hatten wunderbare Schnitzereien an ihren Häusern angebracht, sie hatten wunderbare Waffen, sie haben aus Flachs fantastische Gewänder gemacht, hatten eine große Liebe auch zu Ornamenten und ihren Schmuck, den sie getragen haben, das war hauptsächlich Jadeschmuck, der wurde auch von Generation zu Generation weitergegeben, das war im Grunde genommen die Maori-Hochkultur."

Blutige Kämpfe

Ganz anders sahen das die anglikanischen, methodistischen und katholischen Missionare, die Anfang des 19. Jahrhunderts nach Neuseeland kamen und darum wetteiferten, die Maori zum Christentum zu bekehren. Schließlich beteten die Krieger zu Götzen, tätowierten ihre Gesichter und verspeisten ihre Gegner, um sich deren Stärke einzuverleiben. Über 30.000 konvertierten und fügten ihren Maori-Namen christliche hinzu. Doch nicht alle Stämme arrangierten sich mit den Siedlern, sondern lieferten ihnen blutige Kämpfe.

Um ihre Siedler zu schützen und um französischen Ansprüchen zuvorzukommen, schickte die britische Krone Gesandte zu Verhandlungen mit den Maori nach Neuseeland. Am
6. Februar 1840 unterzeichneten der Gouverneur William Hobson und 43 Häuptlinge den "Vertrag von Waitangi", der Neuseeland der britischen Krone unterstellte. Im Gegenzug sicherte Großbritannien den Maori zu, dass sie ihre Ländereien uneingeschränkt nutzen durften. Doch schnell brachen Streitereien über Grundstücksgrenzen aus. Siedler ließen sich mit Billigung der Kolonialmacht auf Land nieder, das die Maori beanspruchten. Wenn sie gewaltsamen Widerstand leisteten, wurden sie vertrieben.

"Wir erlebten eine massive soziale und wirtschaftliche Entrechtung, die die Maori praktisch zu Bettlern im eigenen Land machte."

Wahrer Goldrausch

John McEnteer hat die Geschichte seiner Ahnen aus Thames, südöstlich von Auckland bis zu dieser Zeit rekonstruiert.

"Die Gegend verwandelte sich in ein Land, das praktisch ganz von den Weißen beherrscht wurde. In Thames wurde Gold entdeckt, und es folgte ein wahrer Goldrausch. Die Regierung wies den Goldgräbern Schürfrechte zu, sodass meine Vorfahren dort ihre Felder nicht mehr bestellen konnten. Auf diese Weise verlor unsere Sippe gewaltige Mengen Land."

Bis in die 1890er Jahre tobten die Kämpfe zwischen Maori-Stämmen und Regierungstruppen. Dezimiert durch Krankheiten und Kriege, wurden die Maori zur Minderheit in Neuseeland, das 1931 von Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassen wurde. Immer mehr Maori, die schließlich nicht einmal mehr vier Prozent ihres ursprünglichen Landes besaßen, lebten Mitte des 20. Jahrhunderts in den Slums der Städte.

Ansprüche gegen die britische Krone

Jahrzehntelange Proteste gegen die soziale Benachteiligung und für Wiedergutmachung führten schließlich 1975 zum so genannten Waitangi-Tribunal, in dem die Maori Ansprüche gegen die britische Krone, die bis zum Vertrag von Waitangi 1840 zurückreichten, geltend machen konnten. Viele unrechtmäßig enteignete Ländereien wurden zurückgegeben oder Entschädigungen gezahlt. Im Laufe dieses Verhandlungsprozesses haben die Maori viel Selbstbewusstsein wiedergewonnen. Zum Beispiel liehen sie Britta Schmitz ihre Ahnenporträts, die sie normalerweise nie in fremde Hände geben, für eine Sonderausstellung in Berlin.

"Die Maori haben tatsächlich erreicht, dass sie geachtet wurden, und dazu gehört eben auch, dass zum Beispiel Maori Television gegründet worden ist, in maorischer Sprache, dass das Land tatsächlich zweisprachig ist, dass es maorische Universitäten gibt."

Der "Vertrag von Waitangi" wird heute von allen Neuseeländern als Unabhängigkeitserklärung einer Nation betrachtet, in der Weiße und Maori gleichberechtigt sind.

 

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