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StartseiteHintergrundNeuer Name, alte Konflikte20.12.2020

NordmazedonienNeuer Name, alte Konflikte

Seit 2019 heißt Mazedonien nun Nordmazedonien. In dem Land leben ethnische Mazedonier und Albaner zusammen. 2001 kam es zu einem bewaffneten Konflikt zwischen gewaltbereiten Albanern und der nordmazedonischen Armee - die Folgen sind bis heute zu spüren.

Von Andrea Beer

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Reiterstatue in Skopje, (Nord-)Mazedonien (imago stock&people)
In Nordmazedonien sind die Verschleppungen und Ermordungen aus dem Krieg 2001 bis heute ein Tabu - viele fürchten, dass Konflikte so wieder aufbrechen könnten. (imago stock&people)
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"Den 23. Juli 2001 werden wir nicht vergessen. Das Dorf wurde von UCK-Terroristen von allen Seiten angegriffen. Mein Vater wollte unser Haus nicht verlassen. 'Ich habe es selbst gebaut', sagte er 'und niemandem etwas getan. Ich gehe nicht von hier weg.'"

Krsto Gogovski ist 67 Jahre alt, als er sein Haus im Dorf Neproschteno nahe Tetovo nicht aufgeben will. Es wird später niedergebrannt und das Grundstück auf dem es stand, bewachen nun Hunde, die zwar laut bellen, aber nicht gefährlich wirken. Sie begleiten den Sohn Vojo Gogovski zur Jagd. Dieser flieht an diesem unheilvollen Julitag 2001 mit dem Rest der Familie. Seinen Vater Krsto sieht er nicht lebend wieder.

"Der letzte Anruf war gegen 17 Uhr, als mein Vater dann wörtlich sagte: 'Ich bin in Ordnung und bitte dich, nicht mehr hier anzurufen'."

Sein Vater wird nach dem Anruf entführt und gemeinsam mit anderen in der Dorfschule von Neprotscheno festgehalten, dann verliert sich seine Spur.

An ethnic Albanian rebel of the National Liberation Army (UCK) poses early 12 March 2001 in the northern Macedonian town of Malina near the border with the Kosovo province of Yugoslavia. UCK rebels, who have been clashing with the Macedonian Army, say they are fighting to obtain more rights for ethnic Albanians, who represent 45 percent of the population of the Former Yugoslav Republic of Macedonia (FYROM). AFP PHOTO /ERIC FEFERBERG (ERIC FEFERBERG / AFP) (ERIC FEFERBERG / AFP)Der Balkan und die Kriegsverbrechen - "Wir müssen befreit werden von diesem kriminellen Netzwerk"
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Granaten auf Polizeistation

Rückblick: Im März 2001 greift die nordmazedonische UCK in Tetovo mit Granaten eine Polizeistation an. Für die meisten unerwartet beginnt im Nordwesten des kleinen Landes ein fünfmonatiger blutiger Konflikt mit der nordmazedonischen Armee. Ermutigt durch den albanischen Unabhängigkeitserfolg im Kosovo hatte sich die sogenannte "Nationale Befreiungsarmee" gebildet, auf nordmazedonisch kurz: UCK. Die Abkürzung ist nicht zufällig auch das Kürzel des großen Vorbilds: Die "Kosovo Befreiungsarmee", UCK. Diese existiert seit 2001 offiziell gar nicht mehr, doch frühere Funktionäre haben weiter großen Einfluss. Die nordmazedonische UCK-Führung besteht aus vielen kosovarischen Kadern und Albanern aus Nordmazedonien. Sie haben sich im Nachbarland Kosovo politisch radikalisiert, zum Beispiel im Widerstand gegen die serbische Unterdrückung. Im März 2001 sehen alle ihre Stunde gekommen und erklären Großalbanien zu ihrem Ziel.

"Für Großalbanien. Ja das stimmt."

In Neproschteno leben sowohl ethnische Mazedonier, als auch Albaner wie Zeqirja Zilbeari. Der 54-Jährige sitzt in einem Café im albanisch bewohnten Teil des Dorfes und trinkt einen starken Schwarzen. "Ich hatte einen Herzinfarkt", bemerkt er und raucht eine Zigarette nach der anderen.

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Zeqirja Zilbeari ziert sich zunächst, wird dann aber doch gesprächig. Im Konflikt 2001 habe er bei der nordmazedonischen UCK in der Gegend gekämpft.

"Ich war von Anfang an dabei, aber ich werde nie gegen sie vorgehen, obwohl ich so manches weiß. Wir dachten, dass wir 2001 Großalbanien haben werden. Zum Teufel, dachte ich, machen wir Großalbanien. Ich hätte nicht gedacht, dass ich wieder mit Mazedoniern zusammenleben muss."

Neben ihm zieht Ajet Seadini an einer Zigarette. Der weißhaarige Rentner lebte lange in der Schweiz und pendelt nun hin und her. Die UCK möchte er spürbar nicht kommentieren. Stattdessen erzählt er von früher.

"Wir haben Probleme. Als ich Kind war lebten die Mazedonier auch hier in der Nähe. Wir Albaner mussten zu Fuß zur Schule gehen. Wir sind damals nicht nur zu Fuß gegangen, sondern waren so arm, dass wir keine festen Schuhe hatten, sondern nur Sandalen und die mazedonischen Kinder durften mit dem Bus fahren. Wir haben zugeschaut, wie sie eingestiegen sind. Klingt unglaublich, aber das hat der Staat damals organisiert."

Albaner seit langem benachteiligt

In der Tat ist die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe im Land seit langem benachteiligt. Ende der 90er-Jahre sind Albanerinnen und Albaner in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft deutlich unterrepräsentiert. In höheren Rängen von Armee und Polizei, in Universitäten und staatlichen Unternehmen, in der öffentlichen Verwaltung, an Richtertischen oder bei der Staatsanwaltschaft, überall dominieren ethnische Mazedonier – auch heute. Mit einer blutigen Auseinandersetzung rechnet 2001 aber dennoch kaum jemand. Der Schlosser Dejan Miskovski aus Neproschteno ist sicher:

"Meiner Meinung nach war die Krise eine abgesprochene Sache, um das Land zu spalten. Wir wurden schutzlos zurückgelassen. Ohne Polizei oder Armee in der Nähe."

"Such life" steht an der Schule in Dorf Neproschteno, in der ethnische Mazedonier unterrichtet werden (Andrea Beer ARD Studio Wien / Südosteuropa)"Such life" steht an der Schule in Dorf Neproschteno, in der ethnische Mazedonier unterrichtet werden (Andrea Beer ARD Studio Wien / Südosteuropa)

In Neproschteno – albanisch Neproshten – ist die Spaltung sichtbar. Die ethnisch mazedonischen Kinder werden in einem weißen Containerhaus unterrichtet, "such life" hat jemand an die Wand gesprüht. 200 Meter weiter steht die alte gemeinsame Schule, in der die albanischen Dorfkinder lernen, gegenüber ein Denkmal für albanische UCK-Tote.

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Friedensabkommen beendet Konflikt

Der bewaffnete Konflikt endet im August 2001 auf Druck von USA, EU und NATO mit dem Ohrid-Friedensabkommen. Es garantiert Minderheiten per Gesetz mehr Rechte, die auch in der Verfassung verankert werden.

In Tetovo begann im März 2001 der bewaffnete Konflikt zwischen der nordmazedonischen UCK und der Armee. Er dauerte fünf Monate und endete mit dem Friedenabkommen von Ohrid auf Druck von USA, EU und NATO (Andrea Beer ARD Studio Wien / Südosteuropa)In Tetovo begann im März 2001 der bewaffnete Konflikt zwischen der nordmazedonischen UCK und der Armee. Er dauerte fünf Monate. (Andrea Beer ARD Studio Wien / Südosteuropa)

Wo mehrheitlich Albaner leben, gilt Albanisch seitdem als weitere Amtssprache und ein neues Hochschulgesetz macht die Anerkennung der albanischsprachigen Uni in Tetovo möglich. Minderheiten wie die Albaner müssen künftig proportional vertreten sein, doch das dauert. So nimmt das auch dieser albanische Polizist aus Raduša wahr.

"Bei der Polizei müsste es 25 Prozent Albaner geben, es sind aber nur zehn Prozent, mehr nicht. Obwohl es genügend gibt, die dafür ausgebildet sind."

Der ruhig wirkende, junge Mann sitzt in einem der Dorf-Cafés, wo wie immer ausschließlich albanische Männer die Weltlage erörtern. Albanische Frauen und Mädchen sind auf dem Land praktisch unsichtbar. Bei Bildung und Berufswahl sind sie oft benachteiligt und unterliegen dem Druck von Clans, Familien und vermeintlichen Traditionen. Der junge albanische Polizist verdient vierhundert Euro im Monat und die Zusammenarbeit mit den Kollegen beschreibt er so:

"Es ist immer Mazedonier und Albaner. Bei uns ist das immer. Ich bin Polizist und da gibt’s immer, ich bin Albaner und der Chef guckt dich mit anderen Augen an. Das verstehe ich noch nicht. Zum Beispiel zwei, drei Polizisten Mazedonier und du Albaner, die sehen dich mit anderen Augen. Das ist nicht normal. Wir machen die gleiche Arbeit, verstehen Sie? Die gleiche. Aber die Chefs sehen dich mit anderen Augen. Früher war es extremer. Jetzt ist es ein bisschen besser. Aber immerhin gibt es solche Sachen."

Zigtausende haben das Land verlassen

Offiziell hat Nordmazedonien zwei Millionen Einwohner. Die Zahl basiert auf der Volkszählung von 2002, doch sie kann nicht stimmen, denn Zigtausende haben das kleine Balkanland inzwischen verlassen. Das ist nicht nur für Nordmazedonien, sondern für ganz Südosteuropa ein Problem, konstatiert Mario Holzner vom Wiener Institut für internationale Wirtschaftsvergleiche.

"Weil die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter massiv schrumpft, wird in den kommenden Jahrzehnten – und das ist wiederum eine Folge der Massenauswanderung der letzten Jahrzehnte. Das lässt sich gewissermaßen schwer aufhalten. Wir rechnen für manche Länder bis Mitte des Jahrhunderts – zum Beispiel Albanien – bis zu einem Drittel reduzierter Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter und das ist schon massiv."

Corona hat die Probleme noch sichtbarer gemacht, auch in Nordmazedonien ächzt das teils korrupte staatliche Gesundheitssystem unter dem Virus. Auch der albanische Polizist aus Raduša kann sich durchaus vorstellen, Nordmazedonien den Rücken zu kehren:

"Wer würde das nicht? (lacht) Wenn der Lohn gut ist und das System von dem Land gut ist. Dann – warum nicht?"

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Ein echtes Zusammenleben in Nordmazedonien könnte motivieren zu bleiben. Die ehemalige Teilrepublik Nordmazedonien löste sich 1991 ohne Krieg und Gewalt aus dem zerfallenden Jugoslawien. Auf dem mühsamen Weg Richtung Demokratie pochten Minderheiten wie die Albaner immer lauter auf mehr Rechte. Seit 1992 sind albanische Parteien zwar häufig an Regierungen beteiligt, doch selbst bei der eigenen Wählerklientel genießen sie wenig Vertrauen.

Vertrauen und damit Zukunft schaffen, das hat sich Veton Zekolli vorgenommen. Der albanische Bildungsexperte beschäftigt sich mit dem Zusammenleben der Menschen in Nordmazedonien.

"Das sind nicht nur die Albaner und Mazedonier, also die beiden größten Gruppen, sondern auch Roma, Türken, Vlachen, Serben, Bosnier und andere. Zurzeit ist die Situation viel entspannter. Wir lesen zumindest von keinen Zwischenfällen, Kämpfen oder Missverständnissen. Man kann frei durch das Zentrum von Skopje laufen. Auch in Kumanovo oder Tetovo gibt es keine Probleme. Aber in Wirklichkeit haben wir eine Menge zu tun, denn viel ist unter den Teppich gekehrt worden. Zum Beispiel gibt es bis heute keine Schule, in der über die Gründe für den Konflikt 2001 gesprochen wird. Die Albaner haben eine Version, die Mazedonier eine andere und niemand kümmert sich darum."

Keine Vielfalt in Stadtvierteln und Schulen

Veton Zekolli leitet das "Nansen Dialog Center" in Skopje. Eine Nichtregierungsorganisation, die in den Schulen bestehende Gräben überbrücken möchte. Seit dem Konflikt 2001 seien Albaner und Mazedonier immer weiter auseinandergedriftet, etwa durch Umzüge in ethnisch homogene Stadtviertel und auch in den Schulen sieht es düster aus.

"Viele Schulen sind leider nicht mehr multiethnisch, sondern monoethnisch geworden. Und die multiethnischen Schulen, die übrig sind, bieten oft keinen geschützten Raum für einen Dialog zwischen den Gemeinschaften an der Schule. In diesen Schulen begegnen sich die Kinder nicht oder nur selten. Die meisten Schulen teilen die Schüler in Schichten ein, in denen sie mit Kindern ihres ethnischen Hintergrunds zusammen sind. Eine Morgenschicht und eine Nachmittagsschicht zum Beispiel. Sie treffen sich also nicht. Und sogar, wenn sie in der gleichen Schicht sind, werden sie auf unterschiedliche Stockwerke aufgeteilt. Zum Beispiel die Mazedonier im ersten und die Albaner im zweiten Stock."

"Lehrbücher sind eine Katastrophe"

Lehrbücher seien zudem eine Katastrophe und die Lehrer nicht kompetent genug, findet Veton Zekolli. Das "Nansen Dialog Center" bildet Lehrer deswegen fort, damit sie Schüler füreinander begeistern können.

Gabriela Merdzanovska und Nagia Snopce haben eine solche Fortbildung gemacht. Die beiden unterrichten an der Grundschule Goce Delcev in Gostivar, rund 70 Kilometer westlich der Hauptstadt Skopje. In ihren Klassen lernen ethnisch mazedonische und albanische Schüler gemeinsam die Sprache der jeweils anderen. Doch es gehe nicht nur um Sprache, erzählt Gabriela Merdzanovska.

"Wir haben inzwischen schon eine neue Generation, denn die ersten Kinder mit denen wir gearbeitet haben, sind jetzt in der neunten Klasse. Wir haben mit drei Jahrgängen gearbeitet. In der dritten Klasse ging es um Umweltschutz. Interessant war es auch in der Vierten, da hatten wir die Einheit 'Frieden und Toleranz', in der wir die Kultur anderer Länder besprochen haben. Dabei haben wir auch Lieder und Tänze dieser Länder gelernt und deren Sprache, und es war, als würden wir diese Länder dadurch bereisen."

Der neue Stil fördert Freundschaften zwischen den Schülern und auch die Workshops für Eltern kämen gut an. Die albanische Lehrerin Nagia Snopce hat das mehrsprachige Unterrichtsmodell ebenfalls überzeugt. Auch für sie persönlich habe sich durch die neue Unterrichtsmethode viel geändert, erzählt Nagia Snopce.

"Wir arbeiten auch außerhalb der Schule und des Nansen Projekts zusammen. Vor allem mit meiner Kollegin Gabriela. Wir gehen nach der Arbeit spazieren. Wir pflegen die Freundschaften, die durch das Nansen Training entstanden sind."

Ein Denkmal für 2001 Entführte und Getötete

Zurück ins Dorf Neproschteno. Unter den Nussbäumen am Ortseingang sammelt eine alte Frau Nüsse in ihren Eimer. "Kein gutes Nussjahr", murmelt sie. Rund einhundert Meter weiter weht eine riesige, gelb-rote nordmazedonische Fahne im Wind. Sie steht an einem Denkmal für die Menschen aus Neproschteno, die im bewaffneten Konflikt 2001 entführt und getötet wurden. Auch der Name Krsto Gogovski steht auf dem runden weißen Stein. Der alte Lehrer, der 2001 sein Haus nicht aufgeben wollte und verschwand. Sein Sohn Vojo Gogovski setzte Himmel und Hölle in Bewegung und ging jedem Hinweis nach.

"Die bekam ich von albanischen Freunde hier vor Ort. Wir haben Infos bekommen, sowohl von hier, als auch aus dem Ausland und sowohl von Mazedoniern, als auch von Albanern. Es gab Hinweise, wo die Leiche sein könnte. Die Hinweise bekamen wir aus der Gegend, niemals von außerhalb."

Der Vater von Vojo Gogovski aus Neproschteno wurde 2001 mutmasslich von UCK Paramilitärs entführt und getötet. Krsto Gogovski war einer von insgesamt 12 Zivilisten, die dieses Schicksal hatten. Neun von ihnen gelten nach wie vor als vermisst. (Andrea Beer ARD Studio Wien / Südosteuropa)Der Vater von Vojo Gogovski aus Neproschteno wurde 2001 mutmasslich von UCK Paramilitärs entführt und getötet. Krsto Gogovski war einer von insgesamt 12 Zivilisten, die dieses Schicksal hatten. Neun von ihnen gelten nach wie vor als vermisst. (Andrea Beer ARD Studio Wien / Südosteuropa)

Einige Monate nach der Entführung seines Vater – mutmaßlich durch die paramilitärische UCK – wird der Leichnam Krsto Gogovski bei Trebosch gefunden. Er ist so stark verwest, dass die Todesursache nicht mehr festgestellt werden kann.

"Auch heute kann ich mit den Albanern von hier über alles offen reden, nur über die Entführten nicht. Das ist ein Tabu über das niemand reden möchte."

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Zwölf Tote, aber nur drei Leichen gefunden

Von den zwölf Zivilisten, die 2001 verschwanden, wurden bisher nur von dreien Körper, beziehungsweise Knochen gefunden. Die Suche nach den Vermissten werde bewusst verzögert und "die mutmaßlichen Täter nicht wirklich gesucht", ist Vojo Gogovski sicher. Gemeinsam mit anderen Angehörigen hat er der den Verein "Hoffnung" gegründet und einen zermürbenden Kampf geführt gegen die Institutionen. Doch außer dem verstorbenen Präsidenten Boris Trajkovski habe sich niemand für Aufklärung und Bestrafung der Täter eingesetzt. Politisch motiviert werde die Wahrheit unterdrückt.

"Ab 2002 hat die albanische DUI in Koalition mit den Sozialdemokraten regiert und von 2006 bis 2016 mit der VMRO, der anderen großen Partei. Jetzt regiert sie wieder mit den Sozialdemokraten. Solange die DUI mitregiert, ist das ein politisches Problem."

Parteichef der albanischen DUI ist Ali Ahmeti, ein ehemaliger Kommandeur der nordmazedonischen UCK. Über den bewaffneten Konflikt vor fast 20 Jahren sagt Ahmeti nur vage Folgendes:

"Es gab gewisse Handlungen, die außerhalb unserer Kontrolle und Kontroll-Möglichkeiten stattgefunden haben, schmerzhafte Dinge wurden getan."

Im Krieg wird nun mal gekämpft, so formuliert es der herzkranke Ex-UCKler Zeqirja Zilbeari im Dorfcafé von Neproschteno deutlich klarer. Er sei wegen der Entführung der Zivilisten angeklagt gewesen, meint er dann überraschend offen.

"Was die zwölf Vermissten angeht, da war ich einer der Angeklagten vor Gericht. Ich habe meine Firma und alles verloren, sodass ich jetzt so dastehe. Niemand hilft uns. Ich habe drei Kinder und dank ihrer Hilfe überlebe ich. Ansonsten stünde ich vor dem Nichts."

Umstrittenes Amnestie-Gesetz

2011 beschließt das Parlament in Skopje eine neue Auslegung des Amnestie-Gesetzes, das Zeqirja Zilbeari möglicherweise vor einer Verurteilung bewahrt. Demnach gehen alle, die am bewaffneten Konflikt von 2001 beteiligt waren, straffrei aus. Ausnahmen gibt es nur bei Fällen im Zusammenhang mit dem damaligen Internationalen Jugoslawien-Tribunal (ICTY).

Amnesty International kritisiert damals die umstrittene Amnestie. Denn mehrere Verfahren wegen "Verschwindenlassens" albanischer und ethnisch mazedonischer Zivilisten werden eingestellt. Darunter der Fall von Neproschteno und Krsto Gogovski. Der Chef der regierenden albanischen DUI Partei, Ali Ahmeti, profitierte von der Amnestie. Vor kurzem musste Ahmeti sich dennoch beim Sondertribunal in Den Haag melden. Es untersucht Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen, die zwischen 1998 und 2000 im Kosovo begangen wurden oder angefangen haben. Zahlreiche ehemalige UCK-Mitglieder sind bereits angeklagt. Darunter der kosovarische Ex-Präsident Hashim Thaci. Vojo Gogovski hofft nun, dass sich auch in Nordmazedonien wieder etwas bewegt.

"Denn die Verbrechen der UCK im Kosovo sind die gleichen wie hier in Nordmazedonien. Unserer Justiz sind die Hände politisch gebunden. Aber wenn die Prozesse im neue Haager Kosovo-Tribunal beginnen, dann wird das auch bei uns ankommen."

Auch der junge albanische Bildungsexperte Veton Zekolli glaubt, dass der bewaffnete Konflikt von 2001 längst nicht überwunden ist:

"Ich war einmal in Nordirland in Belfast und habe dort diese Friedensmauern und die Viertel mit den hohen Zäunen gesehen. Das Leben schien ganz normal, aber als ich gehört habe wie der Alltag dort wirklich aussieht, dachte ich, dass dies in unserem Land auch ein Risiko ist. Denn wenn wir nichts für multiethnische Schulen tun, wenn wir nichts tun, um die Jungen in Nordmazedonien zusammenzubringen, dann haben wir keinen sozialen Zusammenhalt mehr. Der bewaffnete Konflikt 2001 hat viele Fragen aufgeworfen, aber die Probleme hatten wir schon lange vorher. Auch jetzt arbeitet niemand die Folgen des bewaffneten Konflikts von 2001 auf. Und das hatte und hat negative Folgen für die Gesellschaft."


Anmerkung der Redaktion: Im Titel und Vorspann des Beitrags haben wir redaktionelle Korrekturen vorgenommen und einen unpassenden Begriff ersetzt.

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