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StartseiteSport am WochenendeQualifikation für Fußball-EM als politisches Instrument?08.11.2020

NordmazedonienQualifikation für Fußball-EM als politisches Instrument?

Gegen Georgien könnte sich Nordmazedonien in der EM-Qualifikation erstmals für ein großes Turnier qualifizieren. Das Land im Süden des Balkans wird seit Jahrzehnten von Konflikten mit Nachbarstaaten geprägt, aber auch in der eigenen Gesellschaft. Der Fußball wirkt wie ein Brennglas auf die Spannungen.

Von Ronny Blaschke

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Ein nordmazedonischer Spieler im roten Trikot ballt die Faust zum Jubel (picture alliance/APA/picturedesk.com/Georg Hochmuth)
Nordmazedonien kann sich in den Playoffs für die Fußball-Europameisterschaft 2021 qualifizieren (picture alliance/APA/picturedesk.com/Georg Hochmuth)
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Mit Hassgesängen und Gewalt begleiten Fußballfans in den 1980er-Jahren den Zerfall Jugoslawiens. In Belgrad, Zagreb und auch in Skopje. In der mazedonischen Hauptstadt schließen sich Fans des wichtigsten Vereins, des FC Vardar, in der Gruppe "Komiti" zusammen. Benannt nach Aufständischen im Osmanischen Reich vor mehr als hundert Jahren. Viele Anhänger protestieren gegen den Kommunismus, berichtet der mazedonische Sportjournalist Ilcho Cvetanoski.

"Die große Mehrheit der Fans ist nationalistisch. Der Fananführer Johan Tarčulovski schloss sich schon früh der rechten Partei VMRO an. Schnell gehörte er zum Sicherheitsteam des mazedonischen Präsidenten. Als Polizist war Tarčulovski 2001 an einem Angriff auf ein albanisches Dorf beteiligt. Der Internationale Strafgerichtshof verurteilte ihn als Kriegsverbrecher. Doch nach seiner Haftstrafe wurde er in Mazedonien ins Parlament gewählt. Wenn rechte Parteien harte Kerle brauchen, dann holen sie die Ultras."

Spannungen zwischen Mazedonien und Griechenland

Auch in jüngerer Geschichte spielt der Fußball in Konflikten eine Rolle. Es geht um Streitigkeiten mit dem Nachbarland Griechenland. Im Süden grenzt Mazedonien an eine griechische Provinz, die den gleichen Namen trägt. Ab 2006 geht in Skopje die rechtskonservative Regierung auf Konfrontation zu Athen. Sie beruft sich auf die antike Bedeutung Mazedoniens und errichtet monumentale Statuen im Stadtzentrum. Ein Flughafen und eine Autobahn werden nach Alexander dem Großen benannt, gestorben 323 vor Christus.

"Während dieser nationalistischen Neugestaltung wurde das Stadion von Skopje nach Philipp II. benannt, dem Vater von Alexander dem Großen", erklärt Journalist Cvetanoski. Erst mit einer neuen Regierung 2016 endeten diese Provokationen gegenüber Griechenland, das seinerseits die Beitrittsambitionen des Nachbarstaats nicht mehr boykottierte.

"Die neue Regierung verzichtete nun auf Provokationen gegenüber Griechenland", berichtet Cvetanoski. "Das Stadion trägt nun den Namen eines Sängers. Das Parlament suchte einen Kompromiss und brachte die Änderung des Landesnamens auf den Weg: in Nordmazedonien. Die Fans des FC Vardar protestierten dagegen – im Stadion und auf den Straßen."

Fußball spielt immer wieder Hauptrolle in Identitätsfragen

Spekulationen machen die Runde, wonach diese Proteste durch den russischen Investor Ivan Savvidis unterstützt wurden. Savvidis ist nicht nur Inhaber des bekanntesten Klubs der griechischen Provinz Mazedonien, PAOK Thessaloniki, er besitzt in Griechenland Unternehmen, Hotels, Medienhäuser. Und er sitzt noch bis 2011 für die Partei von Wladimir Putin im russischen Parlament. Auch Moskau hat Interessen in diesem Konflikt, man möchte nicht, dass Nordmazedonien, wie das Land seit 2018 heißt, der Nato beitritt.

Der mazedonische Ministerpräsident Zoran Zaev (l.) und NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg bei einem Truppenbesuch während eines Treffens in Skopje. - . (Photo by Robert ATANASOVSKI / AFP) (AFP) (AFP)Nordmazedonien: Schaulaufen für die NATO
Nach dem Ende des Namensstreits mit Griechenland scheint für Mazedonien der Weg in die NATO frei zu sein. Dem NATO-Generalsekretär und der Regierung in Skopje kann es nicht schnell genug gehen.

Anführer der Ultras bestreiten die russische Einmischung. Stattdessen, so heißt es, handelten sie aus einem historischen Bewusstsein heraus. Immer wieder in der Geschichte habe der Fußball eine Hauptrolle in Identitätsfragen gespielt, erklärt der britische Historiker Richard Mills, der den Fußball auf dem Balkan seit langem erforscht.

"Im 19. und lange auch im 20. Jahrhundert war Mazedonien nicht souverän, sondern wurde von umliegenden Mächten beansprucht, von Bulgaren, Griechen und Serben. Im Zweiten Weltkrieg annektierte Bulgarien Mazedonien und übernahm die Kontrolle im Sportbetrieb. Und auch nach dem Krieg war Fußball ein Instrument, um Ansprüche geltend zu machen."

Konflikte sind auch im Fußball zu spüren

Im sozialistischen Jugoslawien ist Mazedonien eine von sechs Teilrepubliken. Viele Fans interessieren sich mehr für die großen Vereine anderer Regionen, für Roter Stern Belgrad oder Dinamo Zagreb. Mazedonische Spieler müssen sich im jugoslawischen Nationalteam mit einer Nebenrolle begnügen. Und auch der wichtigste Klub Mazedoniens, der FC Vardar, gewann am Ende nie den jugoslawischen Meistertitel, erzählt Richard Mills.

"Mitte der 1980er-Jahre gab es einen Skandal um Spielmanipulationen. 1986 mussten mehrere Vereine mit einem Punkte-Abzug in die Saison starten. Vardar wurde erstmals jugoslawischer Meister. Partizan Belgrad legte Einspruch ein und wurde nachträglich zum Meister ernannt. Viele mazedonische Fans waren enttäuscht. In einer Zeit, in der auch der mazedonische Nationalismus in den Stadien zunahm."

Die Flagge der Republik Nordmazedonien (imago stock&people) (imago stock&people)Nordmazedonien: Land ohne Leute
Viele junge Menschen verlassen Nordmazedonien, vor allem Richtung Deutschland und Österreich. Sie hoffen dort auf Jobs und höhere Löhne. Aber die Hoffnungen auf ein besseres Leben können auch schnell enttäuscht werden.

Heute leben mehr als zwei Millionen Menschen in Nordmazedonien. Und auch heute gibt es noch weitere Konflikte, die auch im Fußball zu spüren sind. 65 Prozent sind orthodoxe Mazedonier. 25 Prozent sind Albaner muslimischen Glaubens. Für viele von ihnen dehnt sich die albanische Nation auf jene Staaten aus, in denen albanische Minderheiten leben: in Serbien, Montenegro, Griechenland und im Kosovo. Der Sportwissenschaftler Ivan Anastasovski erklärt die Identifikationsprobleme schriftlich so:

"Viele der orthodoxen Mazedonier identifizieren sich mit dem mazedonischen Nationalteam. Einige halten auch zu Serbien. Viele Muslime im Land identifizieren sich mit dem Nationalteam von Albanien oder von Kosovo. Der mazedonische Fußballverband wird von einem Präsidenten albanischer Herkunft geführt. Das möchten sich die albanischen Parteien zu Nutze machen."

Ethnische Vielfalt der Mannschaften - nicht der Fans

Das Nationalteam und die meisten Profimannschaften sind ethnisch durchmischt. Von einer solchen Vielfalt kann in den Fankurven keine Rede sein. Mazedonische Nationalisten auf der einen Seiten, albanische Ultras, die Flaggen von einem fiktiven Großalbanien zeigen, auf der anderen. Ihr wichtigster Klub in Nordmazedonien ist der FC Skendija aus Tetovo, erklärt der Historiker Zdravko Stojkoski.

"Wir sollten genau auf die Symbolik und die Wortwahl achten. Eine Ultra-Gruppe beim FC Skendija nennt sich 'Ballistët', in Anlehnung an eine albanische Kampforganisation im Zweiten Weltkrieg, die auch mit profaschistischen Gruppen zusammengearbeitet hatte."

Im vorentscheidenden Qualifikationsspiel hatte Nordmazedonien im Oktober den Kosovo besiegt. In Skopje waren viele Albaner enttäuscht. Wie werden sie reagieren, sollte sich Nordmazedonien am Ende tatsächlich für die EM qualifizieren?

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