Freitag, 19. August 2022

Grundsteinlegung vor 70 Jahren
Notaufnahmelager Marienfelde – einst Hotspot des Kalten Krieges

Eingerichtet, um den Flüchtlingszulauf aus der DDR zu bewältigen, entwickelte sich das Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde in den 50ern zu einem Schauplatz der Systemkonfrontation. Im Westen wurde es zum Freiheitssymbol, im Osten zum Feindobjekt erklärt. Am 30. Juli 1952 wurde der Grundstein gelegt.

Von Christian Berndt | 30.07.2022

DDR-Flüchtlinge stehen am Eingang des Notaufnahmelagers Marienfelde in Berlin (aufgenommen im Jahr 1956)
DDR-Flüchtlinge stehen am Eingang des Notaufnahmelagers Marienfelde in Berlin (aufgenommen im Jahr 1956) (picture-alliance / akg-images / Gert Schuetz)
Der Sender RIAS meldet im Januar 1953 einen Flüchtlingsstrom aus der DDR, den West-Berlin kaum noch bewältigen kann. 1952 hatte die SED den Aufbau des Sozialismus forciert und damit nicht nur eine Fluchtwelle ausgelöst - sie hatte im gleichen Jahr auch die Grenze zur Bundesrepublik geschlossen. Nur die Sektorengrenze in Berlin blieb offen, damit war die Stadt zum Schlupfloch geworden. In West-Berlin entstanden knapp 100, hoffnungslos überfüllte Flüchtlingslager:

„In den Lagern sitzen diese Menschen dann buchstäblich aufeinander oder liegen nebeneinander. Die Plätze sind so knapp, und es ist gar kein Raum mehr da. Viele von den älteren und jüngeren Personen liegen in ihren Betten, es ist nachmittags, sie sind zugedeckt. Manche sind richtig krank und blass und ein Junge vorhin, der hustete …“

Auch Marienfelde war permanent überbelegt

Um die Aufnahmeverfahren zu beschleunigen, beschloss man den Bau eines zentralen Aufnahmelagers. Am 30. Juli 1952 wurde der Grundstein für das Berliner Notaufnahmelager Marienfelde gelegt. Es entstanden 15 Gebäude nach modernsten Standards, sie sollten in späteren Zeiten als Wohnsiedlung dienen. Aber auch Marienfelde war permanent überbelegt, so die Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde Bettina Effner: „Andererseits wiederum blieben die Leute einfach nicht so lange hier, wenn das Notaufnahmeverfahren rasch vonstatten ging, so ungefähr eine Woche, sieben bis zehn Tage.“

Das zwölfstufige Aufnahmeverfahren diente durchaus als Hürde

Marienfelde war ein Durchgangslager, 80 Prozent der Flüchtlinge wurden nach erfolgreichem Aufnahmeverfahren direkt nach Westdeutschland ausgeflogen. Aber die Aufnahme war nicht selbstverständlich, Anfang der 50er-Jahre lehnte die Bundesrepublik zwei Drittel aller Flüchtlinge ab. Zur Eröffnung von Marienfelde 1953 erklärte der zuständige Senator:

„Deshalb scheint es mir wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass nur die Menschen kommen sollen, die wirklich an Leib und Leben gefährdet sind oder die aus politischen Gründen nicht mehr bleiben können. Es ist auch notwendig, dass in dieser sowjetisch besetzten Zone Menschen bleiben, die nicht der SED und dem Kommunismus verfallen sind.“

Und die DDR sollte nicht entvölkert werden. Aber Anfang der 50er-Jahre waren die vielen Flüchtlinge im Westen angesichts knapper Ressourcen auch wenig willkommen. Das zwölfstufige Aufnahmeverfahren in Marienfelde diente durchaus als Hürde:

Die Stasi schleuste Spitzel ein

„Darf ich mal Ihre Papiere sehen? Bitte schön, Sie gehen geraderaus, rechts rum, erster Stock …“

Zuerst musste man zum Arzt, dann wurde man von den Alliierten befragt:

„Für die Alliierten waren diese geflüchteten Menschen auch eine Informationsquelle, sozusagen ein Blick nach Ostdeutschland, um einzuschätzen, wie die Versorgungslage ist, Stimmungslagen, es wurde auch sehr, sehr systematisch ausgewertet. Und man wollte auch Spionageabwehr betreiben, das war den Alliierten wichtig.“
Tatsächlich schleuste die Stasi Spitzel ein. Die abgelehnten DDR-Flüchtlinge wurden zwar nicht zurückgeschickt - denn sie galten ja als deutsche Staatsbürger -, aber sie erhielten als Illegale keine Hilfe bei der Arbeits- und Wohnungssuche, viele landeten in Schwarzarbeit oder gingen in die DDR zurück.
Aber das Wirtschaftswunder ließ den Bedarf an Arbeitskräften wachsen, bereits 1956 wurden über 90 Prozent der Flüchtlinge anerkannt. Und man begann, sich um jugendliche Flüchtlinge zu kümmern, weil damals etwa 20 Prozent von ihnen in die DDR zurückkehrten. Die Fluchtbewegung wirkte prägend für beide deutschen Staaten - und Marienfelde wurde zum Symbol des Kalten Krieges, das von Kanzlern und US-Präsidenten besucht wurde. Bettina Effner:
„Eine Kollegin hat ein schönes Zitat bei einem Zeitzeugen gefunden, so: das KDW, den Fernsehturm und Marienfelde, das kennt man…. Nein, aber das stimmt auch, in den Köpfen der Menschen … man kannte Marienfelde.“
Im Westen nannte man Marienfelde das „Tor in die Freiheit“, die SED sprach von einer „Menschenfalle“. Als mit dem Mauerbau 1961 der Flüchtlingsstrom versiegte, geriet Marienfelde aus dem Fokus. Nun kamen hier vor allem Aussiedler unter. 1989 erlebte Marienfelde noch einmal einen Flüchtlingsansturm aus der DDR wie in den Fünfzigerjahren.
Auch jetzt waren die DDR-Flüchtlinge nur begrenzt willkommen, Anfang 1990 sprachen sich die Bundesbürger mehrheitlich für einen Aufnahmestopp aus.
Heute sind in Marienfelde neben einer Gedenkstätte Unterkünfte für Bürgerkriegsflüchtlinge untergebracht, das Lager sieht stark renovierungsbedürftig aus. Viele Kinder toben herum, es wirkt fast heimelig. Aber den hermetischen Lagercharakter hat das eingezäunte Gelände bis heute nicht verloren.