Kampf gegen Obdachlosigkeit
Ehrgeiziges Ziel, wachsende Not

Die EU will Obdachlosigkeit bis 2030 überwinden. Doch die Zahl der Betroffenen steigt – EU-weit und auch in Deutschland. Dabei gibt es vor allem ein Modell, das Wohnungslosen nachhaltig helfen kann.

    Koffer und Taschen unter vier auf aufgespannten Regenschirmen stehen aufgestapelt vor einem Hauseingang in Berlin.
    Allein in Deutschland leben rund 50.000 Menschen dauerhaft auf der Straße (picture alliance / Caro Kadatz / Caro Kadatz)
    Eine Resolution des EU-Parlaments vom November 2020 gab den Anstoß: Darin wurden die Europäische Kommission und die Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) aufgefordert, Obdachlosigkeit bis 2030 zu beseitigen. In Lissabon verpflichteten sich die 27 Länder im Jahr 2021, konkrete Schritte zu unternehmen, um dieses Ziel zu erreichen.
    Deutschland verfügt seit gut zwei Jahren über einen Nationalen Aktionsplan zur Überwindung der Wohnungslosigkeit. Die aktuelle Bundesregierung hat sich ausdrücklich zum EU-Ziel bekannt. Experten und Sozialverbände halten es jedoch für unrealistisch, dass das Ziel erreicht wird. Denn in fast allen europäischen Ländern ist die Zahl der Wohnungslosen zuletzt gestiegen. Darauf hat der Europäische Diakonieverband Eurodiaconia erst im August hingewiesen. 

    Inhalt

    Kaum Daten zu Obdachlosigkeit in Europa 

    Lange war nicht einmal klar, wer in den einzelnen EU-Mitgliedsländern als obdachlos gilt. Es fehlten vergleichbare Zahlen und ein einheitlicher Begriff: Gelten ausschließlich Menschen als obdachlos, die tatsächlich auf der Straße leben? Oder umfasst der Begriff auch Menschen, die wohnungslos sind, aber vorübergehend in Notunterkünften oder bei Verwandten und Freunden unterkommen?
    Ein Monitoring sollte darüber Aufschluss geben. Im Mai 2026 legten Forscherinnen und Forscher der Katholischen Universität Leuven einen Bericht vor. Ein Ergebnis der Untersuchung: Obdachlosigkeit sieht in den Mitgliedstaaten sehr unterschiedlich aus.

    Obdachlosigkeit hat verschiedenste Ausprägungen 

    In Osteuropa etwa sind die meisten Betroffenen Staatsangehörige des jeweiligen Landes. Zudem sind sie deutlich älter als in den übrigen EU-Staaten, ein Großteil ist über 60 Jahre alt. Ein weiteres Phänomen in Osteuropa: die lange Dauer der Obdachlosigkeit. Viele leben seit mehr als fünf Jahren auf der Straße. "Das spricht für eine ausgeprägte Form der Marginalisierung", sagt Studienleiter Koen Hermans. 
    In Westeuropa – in Belgien, den Niederlanden oder Deutschland beispielsweise – hat ein Großteil der Obdachlosen einen Migrationshintergrund. Hierzulande besitzen 70 bis 80 Prozent der Menschen, die in entsprechenden Unterkünften leben, keine deutsche Staatsbürgerschaft. Zudem sind viele von ihnen vergleichsweise jung: zwischen 18 und 25 Jahre alt.
    In Irland wiederum gibt es eine große Gruppe obdachloser Familien. "Das hängt vor allem damit zusammen, dass der Zugang zum Wohnungsmarkt für Familien so schwierig ist", erläutert Hermans. Eine Entwicklung, die mittlerweile auch in Deutschland zu beobachten ist. 
    Für viele EU-Länder gilt außerdem: Der Wohnungsmarkt wird zunehmend angespannter, und die Zahl obdachloser Menschen steigt. Schätzungen zufolge sind in der EU rund 1,1 Millionen Menschen ohne eigene Wohnung. In Deutschland leben rund 50.000 dauerhaft auf der Straße. Zählt man auch vorübergehend Wohnungslose dazu, liegt die Zahl deutlich höher. Laut Statistischem Bundesamt waren Ende Januar 452.910 wohnungslose Menschen in Deutschland durch Kommunen und Einrichtungen untergebracht.

    Welche Lösungen gibt es für das Problem der Obdachlosigkeit?

    Die meisten Länder versuchen Obdachlosigkeit zu managen, indem sie Unterkünfte, Wärmestuben und medizinische Versorgung anbieten. Mit dem Ziel, die Obdachlosigkeit in der EU bis 2030 zu überwinden, haben neben Deutschland 14 weitere Mitgliedstaaten nationale Aktionspläne vorgelegt. Zentrale Elemente des deutschen Plans sind Prävention, damit Menschen erst gar nicht obdachlos werden, Investitionen in den sozialen Wohnungsbau sowie bessere medizinische und bürokratische Hilfen.
    Darüber hinaus wird das Housing-First-Konzept genannt, ein Ansatz, mit dem man in anderen EU-Ländern bereits positive Erfahrungen gemacht hat. 

    Housing First in Finnland

    Finnland gilt als Vorreiter beim Housing-First-Konzept. Dabei wird Obdachlosen möglichst schnell eine Wohnung vermittelt – ohne dass Vorbedingungen erfüllt sein müssen. Früher mussten Betroffene häufig zunächst nachweisen, dass psychische Erkrankungen oder Suchtprobleme behandelt wurden. Die eigene Wohnung war dann der letzte Schritt. 
    Finnland hat das Konzept Housing First seit 2008 konsequent umgesetzt. Dazu gehört auch, dass Obdachlose nach dem Bezug einer eigenen Wohnung von Sozialarbeitern unterstützt werden, etwa beim Ausfüllen von Anträgen und Behördengängen. 
    Das hat lange funktioniert: Zwischen 2012 und 2023 sank die Zahl der Wohnungslosen um mehr als die Hälfte. Inzwischen gibt es eine Trendwende. Als Grund dafür gilt die Sparpolitik der derzeitigen konservativen Regierung, die unter anderem Sozialleistungen und Geld für Hilfsorganisationen gekürzt hat.  
    Die Wirtschaft im Land stagniert, seit der Handel mit Russland nahezu zum Erliegen gekommen ist. Finnland hat eine der höchsten Arbeitslosenquoten in Europa. Gleichzeitig entfernt sich das Land von seinem Ziel, die Obdachlosigkeit im Land bis 2027 zu überwinden.

    Housing First in Deutschland für Langzeitobdachlose

    In anderen europäischen Ländern, in denen das Housing-First-Konzept ebenfalls umgesetzt wird, geht die Obdachlosigkeit zurück. Beispielsweise in Österreich. In der Alpenrepublik liegt die Wohnstabilität der Teilnehmenden nach fünf Jahren bei 80 bis 90 Prozent. 
    Auch in Deutschland wird Housing First seit 2015 praktiziert. Mittlerweile gibt es bundesweit rund 50 solcher Projekte. Sie richten sich vor allem an Langzeitobdachlose mit psychischen oder Suchtproblemen, die früher erwerbstätig waren - und deswegen auch Anspruch auf Sozialleistungen haben. 
    Experten betonen jedoch, dass Housing First nur ein Baustein in der Obdachlosenhilfe sein kann. Am wirksamsten bekämpft man Obdachlosigkeit am Ende, wenn Menschen ihre Wohnung gar nicht erst verlieren und ausreichend bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung steht. Günstige Wohnungen fehlen allerdings in Deutschland. Seit Jahren nimmt die Zahl der Sozialwohnungen ab, weil mehr Wohnungen aus der Sozialbindung fallen als neu gebaut werden. Laut Bundesregierung sank die Zahl im vergangenen Jahr weiter – um gut 30.000.  

    Onlinetext: Leila Knüppel, Quellen: Deutschlandfunk, Agenturen