Freitag, 09. Dezember 2022

Öffentlich-rechtliche Medien in Sozialen Netzwerken
"Plattformisierung" des Journalismus

Öffentlich-rechtliche Medien müssen auf Sozialen Netzwerken präsent sein, um viele Menschen mit ihren Inhalten zu erreichen. Damit begeben sie sich aber auch in eine Abhängigkeit der Plattformen und ihrer Algorithmen, die dem Journalismus schaden könnte, warnt eine neue Studie der Otto-Brenner-Stiftung.

Text: Mike Herbstreuth | Henning Eichler im Gespräch mit Brigitte Baetz | 07.06.2022

Ein Smartphone mit Apps wie TikTok, Facebook oder Instagram (CTK Photo / Martin Macak Gregor)
Öffentlich-rechtliche Medien produzieren viele Inhalte exklusiv für Instagram oder TikTok (CTK Photo / Martin Macak Gregor) (imago images/CTK Photo)
Insgesamt 273 Angebote von Deutschlands öffentlich-rechtlichen Medien gibt es in Sozialen Netzwerken – viele davon ausschließlich auf Instagram, TikTok & Co., ganz ohne Ausspielung auf den linearen Kanälen oder den Mediatheken von ARD, ZDF und Deutschlandradio. Das hat eine neue Studie der Otto-Brenner-Stiftung erhoben.
Diese Präsenz auf den privaten Plattformen ist ein Muss für die Öffentlich-Rechtlichen, um so viele Nutzerinnen und Nutzer wie möglich mit ihren Angeboten zu erreichen. Sie führt allerdings auch zu einem Dilemma für die Sender. Die exklusive Produktion für Social Media-Plattformen führt oft dazu, dass sich Userinnen und User bei ebendiesen Plattformen anmelden müssen, um die öffentlich-rechtlichen Inhalte zu sehen. Registrieren müssen sie sich dort mit persönlichen, mit denen die Plattformen wiederum handeln.

Journalistische Arbeit "erheblich" beeinträchtigt

Außerdem machen sich ARD, ZDF und Deutschlandradio zu einem gewissen Grad abhängig von den Algorithmen und der Logik der Sozialen Medien, was die journalistische Arbeit laut Otto-Brenner-Studie "erheblich" beeinträchtigt. Beispielsweise würden für TikTok keine Inhalte über Naturschutz produziert, für Facebook nichts über Klimawandel, da diese Themen dort kaum geklickt würden.

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Man schaue in den Redaktionen ganz gezielt auf die Plattoform-Währungen wie Reichweite, Engagement oder Retention Rate, so Henning Eichler, der die Studie für die Otto-Brenner-Stiftung durchgeführt hat. "Man überlegt sich: Wie könnten wir den Beitrag in Zukunft so gestalten, dass er möglicherweise eine noch höhere Verweildauer entwickelt oder noch mehr Interaktion erreicht? Und das ist ein ganz klares Indiz dafür, dass Journalistinnen und Journalisten ihre Arbeit 'plattformisieren'. Also die Ausrichtung, die Orientierung der inhaltlichen Arbeit an Funktionsweisen und Regeln der kommerziellen Plattformen."

Plattformen priorisieren unjournalistische Inhalte

Aus der Forschung sei bekannt, welche Inhalte Plattformen priorisieren und verstärken: polarisierende, oberflächliche und emotionale Inhalte beispielsweise. "Wenn ich als Journalist einen Beitrag veröffentlichen will und gleichzeitig Qualitätskriterien hochhalten will, wie Ausgewogenheit, Meinungsvielfalt, Transparenz oder Hintergründigkeit, dann läuft das direkt den algorithmischen Funktionen dieser Plattformen zuwider", so Eichler.
"Reichweitenjagd darf nicht wichtiger werden, als der demokratische Auftrag", sagt auch Leonhard Dobusch. Er ist Mitglied des ZDF-Verwaltungsrats und war davor jahrelang Vertreter der Interessengruppe „Internet“ im ZDF-Fernsehrat. Trotzdem sei für öffentlich-rechtliche Medien eine gewisse Reichweite im Netz für die Legitimation unverzichtbar. Dobusch nimmt deshalb die Gremien in die Pflicht, die Sender kritisch zu begleiten und immer wieder eine Reflexion von Daten- und Algorithmen-getriebener Formatierung einzufordern. Dass Plattformalgorithmen auch einen Einfluss auf die Gestaltung öffentlich-rechtlicher Inhalte haben, sieht er nicht nur negativ. "Dazu zählt zum Beispiel auch die Bereitschaft zur Interaktion mit dem Publikum. Das ist durchaus wünschenswert."

Öffentlich-Rechtliche: Gleiches Geld für mehr Arbeit

Die Kommunikation mit Nutzerinnen und Nutzern in Sozialen Netzwerken sei allerdings sehr zeitaufwendig und auch psychisch belastend, sagt Studienautor Henning Eichler, der mit vielen öffentlich-rechtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für seine Studie gesprochen hat. Und auch die geringere Bezahlung gegenüber festangestellten Fernseh- oder Radio-Redakteurinnen und -Redakteuren wurde von den öffentlich-rechtlichen Onlinerinnen und Onlinern kritisiert.
An diesen Stellen zeige sich, dass die Öffentlich-Rechtlichen mehr Ressourcen bräuchten, so Eichler. Nur werde hier ein Grundproblem der Öffentlich-Rechtlichen und ihrer Arbeit in Sozialen Netzwerken deutlich: "Sie müssen einen neuen Markt miterschließen, den der non-linearen Angebote, eben auch aus Sozialen Netzwerken. Auch um jüngere Menschen zu erreichen, die lineares Radio und Fernsehen fast gar nicht mehr nutzen. Sie müssen das jedoch mit dem gleichen Geld tun."