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StartseiteInterview"Vor den Herbstferien sehe ich keinen Normalbetrieb"04.05.2020

Öffnung der Grundschulen "Vor den Herbstferien sehe ich keinen Normalbetrieb"

Viele Grundschulen nehmen wieder ihren Betrieb auf, zuerst mit den Viertklässlern. Jede Schule sei dabei anders zu betrachten, sagte die Vorsitzende des Allgemeinen Schulleitungsverbands, Gudrun Wolters-Vogeler, im Dlf. An einen Normalbetrieb sei auf längere Zeit nicht zu denken.

Gudrun Wolters-Vogeler im Gespräch mit Mario Dobovisek

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Unter strengen Hygieneregeln hat an vielen Grundschulen in Deutschland wieder schrittweise der Unterricht begonnen. (dpa / picture alliance / Arne Dedert)
Für viele Schüler geht es heute wieder los: Nach mehrwöchiger Unterbrechung wegen des Coronavirus beginnt schrittweise der Unterricht. (dpa / picture alliance / Arne Dedert)
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Seit Montag (04.05.2020) öffnen die Grundschulen nach und nach für ihre Schülerinnen und Schüler. Begonnen wird mit den Abschlussklassen, also je nach Bundesland mit der 4. oder 6. Klasse. In einer Woche werden möglicherweise alle Grundschüler wieder tageweise zur Schule gehen. Genaueres wissen die Lehrer erst am 6. Mai, wenn die Ministerpräsidenten in Absprache mit der Bundeskanzlerin zu einem Ergebnis gekommen sind. Die Lehrer der Grundschulen müssen also auf alles vorbereitet sein.

Es brauche Vorlauf, um den Unterricht unter den neuen Bedingungen zu organisieren, sagte die Vorsitzende des Allgemeinen Schulleitungsverbands Deutschlands, Gudrun Wolters-Vogeler, im Deutschlandfunk. Vor allem die rechtlichen Rahmenbedingungen müssten klar sein, zum Beispiel Minimalstandards in Bezug auf Hygiene oder die Abstandsregelungen. Eine Detailsteuerung sei aber nicht nötig. Die Schulen müssten die Vorgaben selbst auf die jeweilige Einrichtung anpassen. 

Wann ein Start für weitere Klassen realistisch ist, darauf wollte sich Wolters-Vogeler nicht festlegen. Es sei nun extrem wichtig, das Ganze mit Ruhe anzugehen und zu schauen, wie sich die Infektionszahlen entwickelten. Das gelte für die Kinder und deren Eltern, vor allem aber für die Lehrerinnen und Lehrer. Einen normalen Betrieb sieht die Leiterin einer Hamburger Grundschule frühestens nach den Herbstferien.


Mario Dobovisek: Wenn Sie das Hin und Her in Nordrhein-Westfalen gerade mitbeobachten, wo die Ministerin den Schulen in einer Mail am Donnerstag mitteilt, ab 11. Mai könne es für alle Klassen wieder losgehen, und wenig später dann von ihrem Ministerpräsidenten zurückgepfiffen wird, wo Schulleiter und Eltern gleichermaßen verwirrt und verunsichert sind. Sind Sie da froh, Schulleiterin in Hamburg zu sein?

Wolters-Vogeler: Ja, auf jeden Fall! Es ist aber ja ähnlich wie auch in Hessen, wo dann plötzlich dagegen geklagt wird und mit einem Mal nicht mehr klar ist, wann startet es, wie startet es. Man muss einfach bedenken, dass es durchaus Vorlauf braucht, das alles zu organisieren.

Dobovisek: Was hören Sie da unter anderem von Ihren Kolleginnen und Kollegen aus Nordrhein-Westfalen?

Wolters-Vogeler: Dass es eben Chaos gibt. Sie fangen an zu organisieren und wenige Minuten später oder Stunden später ist es dann alles nicht mehr wahr und man hat keine Verlässlichkeit. Das heißt, noch nicht mal die Frage, wie es mit den vierten Klassen losgeht, ist geklärt. Das ist in anderen Bundesländern zum Glück zurzeit anders.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

"Eine absolute Detailsteuerung ist überhaupt nicht möglich"

Dobovisek: Also in Hamburg ist das geklärt, denn Sie öffnen heute wieder Ihre Türen?

Wolters-Vogeler: Ja! Meine Schüler des vierten Jahrgangs werden heute das erste Mal um kurz vor acht die Schule wieder betreten, wenn auch nicht alle.

Dobovisek: Da gucken wir auch nachher noch mal drauf, wie Sie das genau organisieren. Viele Schulleiter fordern ja klare Ansagen ein. Das ist einerseits verständlich. Andererseits haben die gleichen Schulleiter in der Vergangenheit immer gerne nach mehr Autonomie der Schulen, nach mehr Kompetenzen vor Ort gerufen. Wie passt das aus Ihrer Sicht zusammen?

Wolters-Vogeler: Na ja, das sind die zwei Seiten. Auf der einen Seite ist die Seite, wir als Schulleitung müssen rechtssicher handeln. Das heißt, wir brauchen rechtliche Rahmenbedingungen, an denen wir uns orientieren können.

Gleichzeitig eine absolute Detailsteuerung ist überhaupt nicht möglich, weil jede Schule - gerade jetzt in Zeiten von Corona ist das besonders wichtig – ganz andere räumliche und personelle Voraussetzungen hat. Das heißt: Wenn ich Leitlinien einhalten soll wie Abstandsregeln, dann muss ich das anpassen auf die einzelne Schule mit ihren Begebenheiten.

Deswegen ist beides richtig. Wir brauchen Leitplanken, um uns daran zu orientieren, aber wir brauchen keine Detailsteuerung, weil wir es dann gar nicht mehr umsetzen können vor Ort.

Dobovisek: Was erwarten Sie da konkret von Ministerien, Schulträgern, also auch den Kommunen?

Wolters-Vogeler: Vorgaben in Bezug auf die Hygiene, was ist einzuhalten, was sind die Minimalstandards, die wir einhalten sollen, und auf der anderen Seite die Freiheit zu sagen, wir brauchen folgende Sachen noch wie Trennwände oder Ähnliches, was kurzfristig beschafft werden muss, damit es an der Schule umsetzbar ist.

"Die Kollegen und die Kinder zu schützen, das ist ein ziemlicher Spagat"

Dobovisek: Manchmal sind es ja die kleinen Dinge, die am Ende ganz schwierig sind und eine große Wirkung haben können. Haben Sie zum Beispiel genug Seife, Papiertücher, Desinfektionsmittel?

Wolters-Vogeler: Ja! Bei mir an der Schule schon. Wir haben das schon gleich in den Märzferien besorgt. Von daher: Das ist alles gut geregelt. Aber die Frage zum Beispiel, wie kann Unterricht stattfinden in der Grundschule, wenn das Abstandsgebot bei Grundschülern eigentlich kaum einzuhalten ist. Die kommen, die wollen Sachen nachgeguckt haben, die sind nach den Wochen von Corona und Zuhause absolut darauf orientiert, Kontakt zu haben zu ihren Lehrkräften, die ja Vertrauenspersonen sind.

Und wie kriegt man es dort hin, dass man sie nicht zurückschubst und sagt, wir wollen mit euch nichts zu tun haben, bleibt mal bitte anderthalb Meter weg, denn das würden die als Zurückweisung empfinden. Und auf der anderen Seite die Kollegen und die Kinder zu schützen, das ist ein ziemlicher Spagat.

Dobovisek: Und wie schaffen Sie das in einer halben Stunde, wenn die ersten Schülerinnen und Schüler bei Ihnen auf dem Hof stehen, in die Schule reingehen? Wie machen Sie das innerhalb der Leitplanken, die Sie gerade erwähnt haben?

Wolters-Vogeler: Wir konkret werden die Schüler erst mal in der Mensa sammeln und sie dort gleich auf Abstand setzen. Das ist eine gute Möglichkeit. Wir haben ungefähr heute Morgen in der ersten Charge – die kommen zeitversetzt – etwas über 20 Kinder. Das klappt ganz gut dann.

Dann werden sie eingewiesen: Wo sind die Laufwege? Was sind jetzt Einbahnstraßen? Was ist einzuhalten? Wir haben den Eltern auch gesagt, sie dürfen gerne Mundschutz mitgeben. Den lassen wir gerne zu auf dem Pausenhof, Schulweg und so weiter. Im Unterricht möchten wir gerne darauf verzichten.

Dobovisek: Warum?

Wolters-Vogeler: Die Frage ist ja, Mimik und Gestik spielt im Unterricht eine nicht unerhebliche Rolle. Das gleiche gilt für meine Kollegen. Für meine Kollegen haben wir Glasmasken – Glas ist es nicht -, Plexiglasmasken, so dass das Gesicht uneingeschränkt sichtbar ist.

"In Hamburg haben wir die volle Budgethoheit"

Dobovisek: So ein Visier, was man sich dann vor das Gesicht halten kann beziehungsweise was an einer Konstruktion hängt. Ich höre insgesamt bei Ihnen viel Eigeninitiative heraus, Frau Wolters, auch mit dem frühen Einkauf von Seife, Desinfektionsmitteln etc. Haben Sie Verständnis für andere Schulleiterinnen und Schulleiter, die in dieser Situation anders reagieren, ich sage mal, eher wie der Affe vor der Schlage sitzen, gelähmt darauf wartend, dass die Ämter ihnen auch hierzu Verantwortung abnehmen?

Wolters-Vogeler: Ja, das ist sehr verständlich, denn die Rahmenbedingungen für die Schulleitungen in den verschiedenen Bundesländern sind extrem unterschiedlich. Das was ich gemacht habe, könnte ich so in einem anderen Bundesland nur seltener machen, denn in Hamburg ist es so, dass wir die volle Budgethoheit haben. Das heißt, ich schaffe an.

In einem Bundesland wäre dafür jemand anderes zuständig, nämlich unter anderem der kommunale Träger. Das heißt, da wäre ich gar nicht so frei, dieses so zu entscheiden und so zu tun. Das heißt, da sind die Kollegen darauf angewiesen, dass der kommunale Träger für die Rahmenbedingungen sorgt, denn der ist derjenige, der für Toilettenpapier, Seife, Handtücher und Ähnliches sorgt, oder auch für Desinfektionsmittel.

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Dobovisek: Wo sehen Sie, wenn Sie auf ganz Deutschland blicken, die größten Defizite?

Wolters-Vogeler: Ich glaube, die größten Defizite gibt es überall da, wo wir besonders verschuldete Träger haben, wo es einfach lange dauert, bis jetzt die Finanzentscheidungen gefallen sind. In kleineren Kommunen ist es zum Teil schwieriger, aber bei anderen kleinen Kommunen ist es wiederum auch super, weil die einen direkten Kontakt haben zur Schule, Schulträger und Schule. Man kann es, glaube ich, nicht so pauschal sagen.

Dobovisek: Ein gemischtes Bild in Deutschland?

Wolters-Vogeler: Ja.

Dobovisek: Sind Sie bei all dem, was wir da gerade besprechen, eigentlich noch als Lehrerin, oder längst als Managerin unterwegs?

Wolters-Vogeler: Ich glaube, von dem Punkt Lehrerin habe ich mich ein Stück weit entfernt. Ja, ich kann das noch und ich mache es immer mal wieder gerne, aber eigentlich ist mein Hauptjob Management.

"Als ich angefangen habe, wurde ich ins kalte Wasser gestoßen"

Dobovisek: fühlen Sie sich auf diese Aufgaben, auf diese große Verantwortung ausreichend vorbereitet?

Wolters-Vogeler: Als ich angefangen habe, wurde ich ins kalte Wasser gestoßen, und das ist auch ein großes Thema insgesamt für den Schulleitungsverband. Es gibt bis jetzt keine einheitliche irgendwie Qualifizierung vor Amtsübernahme. Das heißt, die meisten Bundesländer fangen dann an, die Leute zu qualifizieren, wenn sie im Amt sind.

Gleichzeitig weiß man aus der Management-Forschung, dass die ersten 100 Tage neu im Amt entscheidend für den Erfolg sind. Also sollte man die Leute doch darauf vorbereiten. Das wäre schön, wenn es das tatsächlich langsam in allen Bundesländern geben würde, eine Vorab-Qualifizierung und damit auch einen anderen Stellenwert. Schulleitung ist ein eigener Beruf. Das ist nicht Lehrer mit besonderen Aufgaben, wie es noch in dem einen oder anderen Bundesland ist.

Dobovisek: Aber Sie wollen trotzdem, dass Schulleiter Lehrer sind?

Wolters-Vogeler: Ja! Die pädagogische Ausbildung ist unabdingbar, denn die Entscheidungen, die ich im Management treffe, müssen ja pädagogisch sinnvoll sein. Es geht ja nicht darum, einfach nur Zahlen oder Schüler oder Lehrkräfte hin- und herzuschieben, sondern zu gucken, dass wir für die Schüler das beste dabei rausholen, und das geht nur, wenn man auch über pädagogische Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügt.

Dobovisek: Wenn wir jetzt gemeinsam ein bisschen in die Zukunft blicken, Frau Wolters, auf das, was Sie gerade an Ihrer Schule, an den anderen Schulen umsetzen für die vierten Klassen, wann ist aus Ihrer Sicht ein Start auch für die Klassen eins bis drei realistisch?

Wolters-Vogeler: Das ist ein bisschen wie in die Glaskugel schauen. Realistisch kann ich nicht sagen. Ich kann nur sagen, was für mich extrem wichtig ist, dass man jetzt das mit Ruhe angeht und einmal guckt, was passiert mit den Infektionszahlen. Das heißt, wie viele Kinder werden Corona positiv getestet, dann wie viele Elternhäuser gehen noch mal wieder in eine Erkrankung, und letztendlich steht und fällt es damit, was ist mit den Kollegen, inwieweit bleiben die gesundheitlich intakt auf der Stelle.

Denn ansonsten kann ich zwar sagen, ich könnte die nächsten Klassen holen, aber die Abstandsregel einzuhalten, die Hygienevorgaben einzuhalten, geht nur, wenn ich auch das Kollegium vor Ort habe, und nicht, wenn mir die Hälfte wegbricht.

"Vor den Herbstferien sehe ich keinen Normalbetrieb"

Dobovisek: Genau diese Probleme, die werden uns vermutlich über die nächsten Monate erhalten bleiben: Abstandsregeln genauso wie das Problem fehlender Lehrkräfte, gerade auch, wenn wir auf die Risikogruppen uns konzentrieren. Wenn wir dann den Medizinern, den Virologen aufmerksam zuhören, dann ist es klar, dass das alles noch eine Weile andauern wird, eventuell weit bis ins nächste Jahr hinein. Können Sie sich vorstellen, dass Eltern, Schüler und Lehrer unter den gegebenen Voraussetzungen einen solchen Marathon werden aushalten können?

Wolters-Vogeler: Die Frage ist, können oder müssen. Ich glaube nicht, dass wir zum Schuljahresstart wieder in eine ganz normale Normalität wie im letzten Jahr zurückgehen können. Die Frage der Infektionszyklen, die Sie ansprachen, heißt ja, im Prinzip nach jeder neuen Phase brauche ich drei bis vier Wochen, um zu wissen, wie die sich auswirkt, was an Infektionsgeschehen passiert.

Das kann ich jetzt hochrechnen. Dann weiß ich aber, dazwischen sind Sommerferien, das ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, wann die liegen. Aber vor den Herbstferien sehe ich keinen Normalbetrieb.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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