Montag, 03.08.2020
 
StartseiteInterviewPsychologe warnt vor größerer Suchtgefahr als beim Kasinobesuch23.01.2020

Online-GlücksspielPsychologe warnt vor größerer Suchtgefahr als beim Kasinobesuch

Online-Glücksspiele sollen in Deutschland erlaubt werden. Was die Suchtgefahr angehe, gebe es allerdings einen Unterschied zum Kasinobesuch, sagte der Psychologe Werner Gross im Dlf. Onlinespiele könne man "auf der Couch im Bademantel machen". Dadurch sei der Spieler einer Sucht stärker ausgeliefert.

Werner Gross im Gespräch mit Jörg Münchenberg

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Eine Frau sitzt am Laptop und spielt Sportwetten im Internet (Symbolfoto) (Imago/ Jochen Tack)
Online-Glücksspiele wie Sportwetten, Poker und sogenannte Automatenspiele sollen ab Juli 2021 bundesweit erlaubt werden - darauf haben sich die Bundesländer geeinigt (Imago/ Jochen Tack)
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Seit Jahren war darüber gestritten worden - jetzt haben sich die Bundesländer auf einen Entwurf für einen Staatsvertrag geeinigt: Online-Glücksspiele wie Sportwetten, Poker und virtuelle Automatenspiele sollen ab Juli 2021 bundesweit erlaubt werden. Die bisherige Grauzone soll damit beendet werden. Denn als einziges Bundesland hatte bisher Schleswig-Holstein Lizenzen für Online-Glücksspiele vergeben. Gleichzeitig tummelten sich aber auf dem Markt auch viele ausländische Anbieter aus der EU, von den Behörden mehr oder weniger geduldet. Jetzt soll es für den Boom-Markt einheitliche Regeln geben und eine neue Aufsichtsbehörde soll die Anbieter kontrollieren. Nach Angaben der schleswig-holsteinischen Landesregierung soll die Behörde dabei insbesondere auch den Schutz von Suchtgefährdeten, Kindern und Jugendlichen überwachen.

Der Psychologe und Psychotherapeut Werner Gross hat über das Thema Sucht mehrere Bücher geschrieben und spricht im Interview über das Suchtpotenzial von Glücksspielen im Internet.

Jörg Münchenberg: Herr Gross, Online-Glücksspiele sollen jetzt legalisiert werden. Ganz grundsätzlich aus Ihrer Praxiserfahrung: ist das eine gute Idee?

Werner Gross: Es ist ein Versuch, in dieses ganze Durcheinander, was da entstanden ist, dadurch, dass Schleswig-Holstein im Alleingang Lizenzen für Online-Kasinos vergeben hat und dadurch, dass viele aus dem Ausland kommen, eine Struktur reinzubekommen. Aber ob das wirklich was nützt, ist eine grundsätzliche Frage. Ich denke mal, diese ganzen Versuche, das Einzahlungs-Limit, das eigene Konto, ist ja immer eine Frage: Hat das wirklich eine Möglichkeit? Weil die Grundfrage ist: Werden die Leute eigentlich mehr angelockt? Und das ist etwas, wenn ich mir die Werbung angucke von Mr. Green oder Jackpot City, Drückglück und so, dann ist es eine zweischneidige Geschichte. Ich kann verstehen, dass der Staat das machen will, weil er will ja ein Stück verdienen an der ganzen Sache, und das sind ja nicht nur ein paar Milliönchen, die da reinkommen, sondern es geht ja wirklich in den Milliarden-Bereich.

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"Es sind Leute, die den Kick suchen"

Münchenberg: Darauf kommen wir noch mal zu sprechen. Erst noch mal grundsätzlich vielleicht: Gibt es aus Ihrer Praxiserfahrung einen typischen Online-Glücksspieler? Gibt es da ein klares Profil?

Gross: Nein, das gibt es nicht. Ich meine, es gibt wenig Untersuchungen dazu. Es sind generell, kann man sagen, Leute, die intensive Erfahrungen suchen. Es sind keine Nesthocker, sondern es ist das Gegenteil. Das sind Leute, die einfach den Kick suchen. Das ist der gemeinsame Nenner. Aber man kann nicht sagen, es gibt den Online-Spieler.

Münchenberg: Aber wie ist es bei Jugendlichen? Da ist ja Online-Glücksspiel doch weit verbreitet. Was ist für Jugendliche so verführerisch am Online-Glücksspiel?

Gross: Na ja. Es ist das Versprechen, dass mich mit ein paar Tastenklicks irgendwie Fortuna küsst und ich endlich den großen Gewinn mache bei der ganzen Geschichte. Das ist die Hoffnung, die da drinsteckt. Und gerade für junge Leute ist es wirklich die Frage, wie weit geht die Fürsorgepflicht des Staates? Wie weit muss der Staat das regeln und regulieren. Ich denke mal, bei den Jugendlichen gerade in den Zeiten – man sagt ja, die Jugend ist die revolutionärste Zeit des Lebens. Da sind die meisten Veränderungen und da geht es auch um "Testing the Lines" und "Testing the Limits" - wie weit kann ich gehen. Dazu passt natürlich dieses Angebot der Online-Spiele.

"Das kann ich zu Hause auf der Couch im Bademantel machen"

Münchenberg: Nun hat auch die Weltgesundheitsorganisation Online-Spielsucht inzwischen offiziell als Krankheit anerkannt. Hilft das Ihnen auch bei der Praxis im Umgang mit Spielsüchtigen?

Gross: Ich finde erst mal gut, dass man überhaupt über Sucht in diesem Bereich gesprochen hat. Diese Vermengung von Spielsucht, die es von Automatenspielen bis realen Kasinos gibt, und Internet-Sucht, diese Vermengung und Vermischung ist schon eine explosive Situation. Was den Unterschied ausmacht, wenn ich in ein Kasino gehen muss, in ein reales Kasino, dann muss ich erstens aus dem Haus gehen, ich muss ein anständiges Jackett anziehen und einen Schlips tragen. Diese ganzen Sachen, die jetzt im Online-Bereich passieren, das kann ich zu Hause auf der Couch im Bademantel machen. Das heißt, die Griffnähe – so nennt man das im Suchtbereich  - ist so viel niedriger geworden. Man kann sofort zugreifen und man ist im Grunde diesem Suchtprozess in einem viel stärkeren Maße ausgeliefert, wenn er denn mal losgelaufen ist.

Werbung von Sportlern für Sportwetten "hochproblematisch"

Münchenberg: Wie bewerten Sie es denn, Herr Gross, wenn zum Beispiel Sportidole wie etwa Oliver Kahn, das Werbegesicht von Tipico, jetzt für große Wettanbieter quasi Frontmann sind?

Gross: Das halte ich für eine hoch problematische Sache, denn das sind Idole, denen die Leute hinterherleben. Das sind Beispiele und das halte ich für wirklich eine hoch problematische Sache, gerade für junge Leute.

Münchenberg: Nun hat er, um bei dem Beispiel Kahn zu bleiben, in einem Werbespot mal gesagt, Sportwetten gehörten natürlich zum Entertainment mit dazu. Sind Sportwetten am Ende doch nichts anderes als Unterhaltung, oder muss man schon differenzieren, weil es geht ja schließlich auch oft um sehr viel Geld?

Gross: Jede Wette, Spielen generell ist etwas, wo man sagen kann, das ist etwas, was zum Leben dazu gehört. Aber ob Sportwette dazu gehört, das halte ich für eine hoch problematische Sache, denn egal ob das die Online-Kasinos sind oder ob das die Sportwetten oder diese Ereigniswetten sind, das ist bestimmt etwas, was nicht dazu gehört. Aber da steckt, sagen wir mal, dieses Suchtpotenzial auch drin. Ich wette darauf, dass in zehn Minuten das nächste Tor fällt. Das macht genau den Kick aus: Habe ich recht, habe ich nicht recht, gewinne ich dadurch, oder verliere ich dadurch. Das macht diesen Reiz aus.

Problem bei fragiler Persönlichkeit und fehlender Tagesstruktur

Münchenberg: Jetzt haben Sie vorhin beschrieben: Der Vorteil bei Online-Wetten ist, dass man nicht mehr ins Kasino gehen muss. Man kann das immer praktisch von zu Hause aus, vom Sofa aus machen. Ist die Gefahr größer, dass Online-Glücksspiele süchtig machen können?

Gross: Die ist eindeutig größer. Ich denke mal, das ist das Thema Griffnähe. Je leichter ich ein süchtiges Verhalten bekommen kann, umso größer ist die Gefahr, dass genau das passiert. Das ist auch mit der Grund, warum zum Beispiel bestimmte Drogen einfach illegal gemacht worden sind, damit man sie nicht so leicht erreicht. Beim Internet ist es eben so: Das bringt einem die Welt ins Wohnzimmer und ich kann sofort danach zugreifen. Das ist für Leute, die eine stabile Identität haben und die einen Tagesablauf haben, der strukturiert ist und der gesund ist, kein Problem. Es wird dann ein Problem, wenn ich keine Tagesstruktur habe und wenn ich selbst eine fragile Persönlichkeit habe. Der Anteil der Patchwork-Identitäten gerade bei jungen Leuten nimmt ja wirklich zu, wo die Identität sehr fragil und brüchig ist.

Schwierige Umsetzung der Legalisierungs-Pläne

Münchenberg: Nun gibt es bei dieser Einigung zwischen den Ländern zum Online-Glücksspiel auch explizite Schutzmaßnahmen, um Sucht zu verhindern. Zum Beispiel will man ein Spielerkonto einrichten mit Einzahlung von bis zu tausend Euro pro Monat. Man will das auf ein Limit reduzieren. Sind das aus Ihrer Erfahrung wirksame Maßnahmen?

Gross: Die Frage ist, wie die Umsetzung bei der ganzen Geschichte ist. Dass es ein eigenes Konto gibt, finde ich erst mal eine gute Sache. Dass es einen Versuch gibt, das zu strukturieren, finde ich auch okay, und ein Einzahlungslimit. Die Frage ist: Zählt dieses Einzahlungslimit nur für einen Anbieter und jemand kann sich in sieben verschiedenen Kasinos anmelden, oder zählt das für alle? Die Frage ist, wie will man das wirklich steuern und kontrollieren. Das halte ich für den schwierigen Teil, diese ganze Sache umzusetzen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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