Kommentar
Auf dem Weg in den Kalten KI-Krieg

Ein KI-Modell von OpenAI hat bei einem Sicherheitstest selbstständig einen Hackerangriff auf eine Tech-Plattform unternommen. Der Vorfall ist ein erneuter Hinweis darauf, wohin das KI-Wettrüsten führen kann - zu einer Welt in ständiger Bedrohung.

Von Friederike Walch |
Ilustration zu Künstlicher Intelligenz: dreidimensionale Augen im Binärcode.
Eine OpenAI-KI hat selbstständig eine Tech-Plattform gehackt: Experten fordern, künstliche Intelligenz wie Nuklearwaffen zu kontrollieren (imago / Ikon Images / Ian Cuming)
Der jüngste Cybervorfall bei OpenAI demonstriert in erster Linie, zu was KI-Systeme heute in der Lage sind. Auf Anweisung können die neuesten Modelle inzwischen komplexe, mehrstufige Cyberoperationen durchführen. Und dabei ganz offensichtlich auch die Sicherheitsvorkehrungen von Hugging Face umgehen, einer etablierten Tech-Plattform, auf der Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Entwickler KI-Modelle veröffentlichen und testen können.
Das ist eigentlich nicht überraschend. Ähnliche Hacking-Fähigkeiten wurden zuletzt auch den KI-Modellen des US-Konzerns Anthropic zugeschrieben. 

Hackerangriff von OpenAI: KI agiert eigenständig

Dass viele Menschen gerade trotzdem überrascht sind, ist ein Symptom der gesamten KI-Evolution. Denn die entwickelt sich mittlerweile so schnell und teilweise unkontrolliert, dass Politik, Gesellschaft und sogar die Tech-Welt selbst kaum noch mithalten können.
Mächtige Konzerne, an deren Spitze ebenso mächtige Konzernchefs stehen, werfen jeden Monat neue Technologien auf den Markt, die immer stärker in die Arbeits- und Lebensrealität der Menschen eingreifen, sich vor der Veröffentlichung aber kaum einem kritischen politischen oder gesellschaftlichen Diskurs stellen müssen.
Gefüttert wird das KI-Aufrüsten mit vielen Milliarden US-Dollar von Investoren, die sich langfristig Profite erhoffen. Gerechtfertigt wird es häufig mit dem Versprechen einer Wohlstandswelt für alle und mit der Angst vor Technologie aus China.

Experten fordern Regulierung wie bei Atomwaffen

Zahlreiche Experten, wie der Physiknobelpreisträger Geoffrey Hinton, aber auch Tech-Konzernchefs wie Sam Altman und Dario Amodei, fordern mittlerweile, dass KI-Technologie ähnlich kontrolliert werden müsste wie Nuklearwaffen. Die Situation, in der wir uns aktuell befinden, vergleichen sie mit dem Kalten Krieg.
Denn das ist das Lösungsangebot vieler Tech-Konzerne: Gegen böse KI hilft nur gute KI. Nach dem aktuellen Cyberangriff durch OpenAI schreibt der Konzern in seinem Pressestatement, dass "fortschrittliche Cybertechnologie immer gemeinsam mit noch weiter fortgeschrittener Sicherheits- und Defensivtechnologie" entwickelt werden müsse. Konkret bedeutet das ein Wettrüsten - ohne Ende in Sicht.

KI-Wettrüsten: Ein Damoklesschwert über der Welt

Vielleicht endet das KI-Wettrüsten ähnlich wie der Kalte Krieg. Eine Welt, in der Frieden konstruiert wird, indem die mächtigsten Nationen Waffentechnologie anhäufen, die die gesamte Menschheit auslöschen könnte. Das bedeutet aber auch: eine Welt, über der ein weiteres Damoklesschwert schwebt, und viele Menschen, die sich wünschen, dass diese Art von Technologie nie entwickelt worden wäre.
Es bleiben zwei zentrale Fragen: Führt das KI-Wettrüsten dazu, dass zwangsläufig Modelle entstehen, die auch ihre Macher langfristig nicht mehr ausreichend kontrollieren können? Und: Ist es schon zu spät, einen Schritt zurück zu machen?
Wobei der Begriff “Rückschritt” die falschen Assoziationen weckt. Denn warum sollte Technologieentwicklung, die von unabhängiger Forschung begleitet wird, die Raum und Zeit für gesellschaftlichen Diskurs lässt und entsprechend reguliert wird, nicht auch Fortschritt bedeuten?