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StartseiteHintergrundTourismus nicht mehr um jeden Preis21.09.2019

Overtourism in EuropaTourismus nicht mehr um jeden Preis

Barcelona, Venedig oder Amsterdam sind beliebte Reiseziele in Europa und erzielen aus dem Tourismus hohe Einnahmen. Gleichzeitig belastet übermäßiger Tourismus die betroffenen Orte und ihre Bevölkerung existenziell. Der Ruf nach Hilfe von der Europäischen Union wird darum immer lauter.

Von Benjamin Dierks

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Selfie mit chinesischer Polizistin, die vorrübergehend in Dubrovnik, Kroatien, stationiert ist, 14.8.2019 (imago / Xinhua)
Selfie mit chinesischer Polizistin, die während der Saison in Dubrovnik, Kroatien, stationiert ist, in der viele Touristen aus China anreisen, 14.8.2019 (imago / Xinhua)
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So klingt sie, die schöne heile Reisewelt. Die Sehenswürdigkeiten dieser Erde, Erholung, fremde Kulturen und für jeden ein kleines Paradies, das es zu entdecken gilt. Dass auch angeblich entlegene Hotspots heute von Menschenmassen überlaufen werden und die unberührten Orte alles andere als unberührt sind, sobald dort ein Kreuzfahrtschiff anlegt, wird in der Werbung geflissentlich verschwiegen. Tourismus galt lange als Gewinn für alle Seiten: Urlauber bekommen die Welt zu sehen und an ihren Reisezielen ist der Fremdenverkehr wichtiger Wirtschaftsfaktor, der bei der Entwicklung hilft. Aber in diese Symbiose mischen sich immer mehr Misstöne.

"Barcelona ist angesagt, Barcelona ächzt und stöhnt unter dem Ansturm der Rollkoffer." "Auch in Dubrovnik ist das Maß voll. Seitdem in der kroatischen Hafenstadt die Serie Game of Thrones gedreht wurde, ist hier erst recht die Hölle los." "30 Millionen Touristen im Jahr, Venedig verkommt zur Kulisse für Selfies."

Die kroatische Stadt Dubrovnik wird jeden Sommer von Touristen überflutet. (dpa/ picture alliance/ Grgo Jelavic/PIXSELL |)Die kroatische Stadt Dubrovnik wird jeden Sommer von Touristen überflutet. (dpa/ picture alliance/ Grgo Jelavic/PIXSELL |)

Barcelona, Dubrovnik und Venedig, das sind die typischen Beispiele für beliebte Reisestädte in Europa, in denen der Tourismus überhand genommen hat. Ziele wie Venedig waren zwar immer schon beliebt, aber bestimmte Marktsegmente der Reisewirtschaft wie Kreuzfahrten haben stark zugelegt - so stark, dass die Aufnahmekapazität der betroffenen Orte erschöpft scheint und die Einwohner unter dem Ansturm leiden. Denn die Mieten steigen drastisch durch die zeitweilige Vermietung von Wohnungen an Touristen, Geschäfte sind nur noch auf deren Bedürfnisse ausgerichtet und nicht mehr auf die der Anwohner. Und: Ganze Straßenzüge verwaisen. In Dubrovniks Stadtkern etwa leben nur noch 800 der einst 5.000 Einwohner. In Venedig ziehen die Menschen ins Umland, während die Palazzi von Investoren aufgekauft werden. Overtourism heißt das Phänomen, das erst einige Jahre alt ist, ein übermäßiger Tourismus also, der nicht nur für Gedränge sorgt, sondern die betroffenen Orte und ihre Bevölkerung existenziell bedroht. Jeroen Klijs von der niederländischen Breda University of Applied Sciences hat den Overtourism in Europa und weltweit mit einer Gruppe anderer Wissenschaftler in einer Studie untersucht, die das Europaparlament Ende des vergangenen Jahres veröffentlichte. Es setzte damit Overtourism prominent auf die europäische Agenda.

"Es ist schwierig geworden, zu sagen, wann eine Aufnahmekapazität erschöpft ist. Wenn die Wirtschaft eines Ortes sich zu stark auf Tourismus konzentriert, gibt es kaum noch Raum für andere wirtschaftliche Aktivitäten. Man wird zu abhängig davon. Es gibt auch die soziale Dimension, dass sich öffentliche Einrichtungen nicht mehr an die Bevölkerung richten, sondern nur noch an Touristen. Es gibt die physische Dimension, den Schaden zum Beispiel, den Fußwege durch die Touristenmassen nehmen, oder auch die Kultureinrichtungen."

Urlauberströme werden wohl bald um weitere 50 Prozent ansteigen

Für Wirbel sorgte das Thema, als 2017 Anwohner in Städten wie Barcelona, Venedig und Amsterdam begannen, gegen die hohen Besucherzahlen zu protestieren. Zunächst waren vor allem Städte vom Overtourism betroffen. In diesem Sommer wurde es aber zum Beispiel auch im Alpenland bedenklich voll. In der Studie von Klijs und Kollegen werden darüber hinaus Reiseziele wie die griechische Insel Santorin beschrieben, die seit einiger Zeit überrannt wird. Ihre pittoreske Bebauung eignet sich gut als Hintergrund für Fotos auf der Online-Plattform Instagram. Auch Chinesen lieben die Insel. Aus China bereisen heute schon mehr Menschen die Welt als aus jedem anderen Land. Und das, obwohl dort erst gut sechs Prozent der Bevölkerung einen Pass besitzen und somit reisen können. Entspannung ist an den betroffenen Urlaubsorten nicht zu erwarten. Die Welttourismusorganisation geht davon aus, dass die Urlauberströme in den kommenden 15 Jahren um weitere 50 Prozent ansteigen werden. Wie sich Reiseziele wappnen können, untersucht Forscher Jeroen Klijs.

"Wir wollen herausfinden, woran es liegt, dass Orte Gefahr laufen, unter Overtourism zu leiden. Das hängt zunächst natürlich damit zusammen, dass sie für Touristen attraktiv sind, dass sie über Weltkulturerbe verfügen, aber auch, dass es einen Flughafen oder einen Hafen für Kreuzfahrtschiffe in der Nähe gibt. Das sind alles Faktoren, die dazu beitragen, dass die Situation brenzlig werden kann."

Betroffene Orte setzen sich zur Wehr

Hinzu kommen billige Reisemöglichkeiten und die Segnungen der Digitalisierung, wodurch Touristen heute von anderen inspiriert werden und überall sofort eine Unterkunft buchen können. Die leidgeplagten Orte setzen sich allerdings zunehmend zur Wehr. In Venedig dürfen nach Protesten von Anwohnern offiziell keine neuen Hotels mehr eröffnet werden, Kreuzfahrtschiffe sollen anderswo anlegen. Amsterdam hat Führungen durch sein berühmtes Rotlichtvierte untersagt. Und Paris will Reisebusse aus dem Zentrum verdrängen. Das sind die plakativeren Aktionen, mit denen Urlaubsorte von sich reden machen. Viele Regionalverwaltungen werden genau überlegen müssen, welche maßgeschneiderten Antworten sie geben auf die Folgen des Overtourism. Die sind, das hat die Studie der Breda-University ergeben, häufig sehr ortsspezifisch. Immer lauter wird aber auch der Ruf nach Hilfe von der Europäischen Union. Viele Menschen nähmen die positiven Auswirkungen des Reiseverkehrs nicht mehr wahr, sagt Patrick Torrent, Präsident von NECSTouR, einem Netzwerk europäischer Regionen, die sich nachhaltigem Tourismus verschrieben haben.

"Die Wahrnehmung der Europäer geht jetzt in die entgegengesetzte Richtung, wegen des extrem hohen Wachstums des Tourismusgeschäfts und seiner Auswirkungen, die einige Regionen zu spüren bekommen. Aber wir müssen dafür sorgen, dass Tourismus den Orten und ihren Bürgern hilft. Das ist eine regionale, aber auch eine europäische Aufgabe. Wir müssen die Denkweise ändern, die Art, wie wir Tourismus managen. Und wir wollen, dass die Europäische Kommission uns darin unterstützt. Wir können das nicht allein tun."

Die Denkweise der Europäischen Kommission war lange klar: Europa als Reiseziel zu bewerben und zum Wachstum des weltweiten Marktanteils beizutragen, wo es nur geht. Ein Umdenken müsse also auch hier stattfinden, sagt Jeroen Klijs von der Breda-University.

Tourismus unterliegt der Verantwortung der EU-Mitglieder

"Wir müssen hinterfragen, ob das Ziel von Tourismus wirklich immer mehr Wachstum sein muss. Wir brauchen womöglich keine Wachstumsziele mehr, sondern mehr Qualität: Welche Form von Tourismus passt zum jeweiligen Reiseziel – und welche Touristen passen zur Bevölkerung und zu den Attraktionen, die es dort zu sehen gibt. Daran entscheidet sich, ob die Urlaubsziele bestehen können. Denn Tourismus hängt auch von der jeweiligen Bevölkerung ab. Die muss gastfreundlich sein und einen guten Eindruck des Urlaubsortes vermitteln. Wenn die Bevölkerung nicht mehr mit dem Tourismus einverstanden ist, geht die ganze Grundlage dafür verloren."

Für die Europäische Kommission ist die Tourismuspolitik eine komplizierte Angelegenheit, weil die EU hier lediglich unterstützende Kompetenz besitzt. Tourismus unterliegt der Verantwortung der Mitgliedsstaaten. Die Kommission kann ihn also nicht direkt durch Verordnungen und Richtlinien steuern oder harmonisieren. Einfluss hat sie vor allem indirekt, durch Hilfe für die Mitgliedsstaaten oder durch Rechtsakte in anderen Bereichen, die Folgen für die Reisewirtschaft haben: durch Visaentscheidungen etwa, in Handelsfragen oder in der Umweltpolitik. Der Balanceakt für die Kommission: Tourismus ist einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige der EU, mehrheitlich getragen von kleinen und mittleren Unternehmen.

Eine Bus-Stadtrundfahrt und zahlreiche Touristengruppen bevölkern den schmalen Streifen am Checkpoint Charlie. (imago images / Jochen Tack)Touristen-Hotspot Checkpoint Charly (imago images / Jochen Tack)

Brüssel will also versuchen, Europas Anteil am Weltmarkt zu verteidigen oder auszubauen und Tourismus gleichzeitig sozial und ökologisch verträglicher zu machen für die besonders gefragten europäischen Reiseziele. Anna Athanasopoulou leitet die für Tourismus zuständige Abteilung der Europäischen Kommission, die zum Binnenmarkt- und Industrieressort zählt.

"Tourismus ist wichtig für die EU, durch seinen Beitrag zur Wirtschaft ebenso wie durch das, was er für die Gesellschaft leistet, für die soziale Inklusion und den Zusammenhalt von Gemeinden. Durchs Tourismusgewerbe haben direkt oder indirekt mehr als 25 Millionen Menschen einen Job, viele davon sind junge Menschen, Frauen oder Einwanderer. Tourismus macht grob zehn Prozent von Europas Bruttoinlandsprodukt aus. Daran sieht man, was auf dem Spiel steht, wenn wir uns um mehr Nachhaltigkeit bemühen."

Touristenströme umleiten oder Reisen in der Nebensaison anbieten

Gefragt nach ihrer Reaktion auf die Folgen von Overtourism gibt die Kommission zu verstehen, dass davon zwar einige Städte und Regionen stark betroffen seien. Viele andere Orte, die bislang eher links liegen gelassen würden von Besuchern, könnten hingegen durchaus mehr Tourismus vertragen. Deswegen ist ein Ziel der Kommission, Touristenströme umzuleiten. So soll der Markt weiter wachsen können, ohne die stark oder übermäßig nachgefragten Ziele zusätzlich zu belasten. Er sehe nur zwei Lösungen, sagt Milosz Momot, der stellvertretende Leiter der Tourismuseinheit der Kommission.

"Eine ist, die Reiseziele besser zu verwalten, also die Infrastruktur auszubauen oder die bestehende besser zu nutzen, um die vielen Touristen unterzubringen. Wenn das nicht geht, ist die einzig sinnvolle Lösung, die Touristen zu anderen Zielen zu lenken. Das und die Förderung dieser alternativen Ziele sollte Teil jeder regionalen und nationalen Tourismusstrategie sein. Wir als Kommission werben etwa in China oder den USA für Reisen in der Nebensaison oder für abgelegene Reiseziele in der EU."

Die effiziente Auswertung von Daten könne zudem helfen, Touristenströme besser zu managen. Und die betroffenen Regionen müssten im großen Stil investieren, um mit den Anforderungen des Tourismus besser zurechtzukommen. Die Kommission schreibt sich auf die Fahnen, dass sie bereits vor neun Jahren eine bessere Verteilung von Besuchern in ihre Tourismusstrategie geschrieben hat — also bevor Overtourism zum Schlagwort wurde. Heute stehe das Thema weit oben auf der politischen Agenda und in der öffentlichen Debatte, sagt Jeroen Klijs von der Tourismusakademie der Universität Breda. Dadurch komme es aber auch zu Missverständnissen.

"Wenn etwa Amsterdam als Stadt gilt, die unter Overtourism leidet, ist das zweifelsohne richtig. Dort gibt es eine Menge Tourismus. Dass die Stadt verstopft ist, hat aber auch viele andere Gründe. Zum Beispiel lassen sich viele Menschen heute ihre Onlineeinkäufe per Lieferdienst bringen und überhaupt wollen viel mehr Menschen dort leben. Es ist also schwierig, die Auswirkungen von Overtourism von denen anderer Entwicklungen zu unterscheiden. Ganz davon zu schweigen, die Gründe für Overtourism herauszufinden."

Travel Foundation: "unsichtbare Lasten des Tourismus"

Dennoch werde heute in der EU noch zu wenig unternommen, um die wahren Kosten von Tourismus für die Reiseziele zu ermitteln, sagt Ben Lynam von der Travel Foundation, einer Stiftung, die Unternehmen, Regierungen, Lokalverwaltungen und Anwohner zusammen bringen will, um die negativen Effekte von Tourismus zu minimieren. Viele Folgen des exzessiven Reisens würden noch gar nicht beachtet, sagte Lynam zu Beginn dieser Woche bei einer Debatte im Europäischen Ausschuss der Regionen in Brüssel, der Versammlung der Regional- und Kommunalvertreter der EU. Die Welttourismusorganisation der Uno und die Unternehmensvertreter des World Travel and Tourism Council hätten jahrzehntelang lediglich die wirtschaftlichen Vorzüge des Reiseverkehrs gepriesen.

"Aber um welchen Preis? Wie jede Industrie verursacht Tourismus Kosten. Aber niemand scheint vollständig in der Lage zu sein, zu sagen, welche das sind. Wie können wir sicher sein, dass sich Tourismus für die Reiseziele lohnt, wenn nicht auch alle Kosten bekannt sind? Und Overtourism scheint ja nahezulegen, dass die Rechnung für einige Urlaubsorte nicht mehr aufgeht. Deshalb haben wir uns mit der Cornell University zusammengetan, um herauszufinden, warum das so ist. Und wir haben eine Reihe an Kosten entdeckt, die bislang nicht einberechnet wurden. Wir nennen sie die unsichtbaren Lasten des Tourismus."

Tourismusbörse ITB in Berlin 2018 (imago / Stefan Zeitz)Tourismusbörse ITB in Berlin 2018 (imago / Stefan Zeitz)

Die beträfen die Infrastruktur ebenso wie die Umwelt und das soziale Gefüge in betroffenen Regionen. Verkehrswege würden allein auf Kosten der Gemeinden ausgebaut, um Touristenströme bewältigen zu können. Der Wasser- und Energieverbrauch der Reisegäste sei übermäßig hoch. Tourismusmanager schauten nicht genau hin. Und bislang fehlten vielerorts die notwendigen Daten, um tatsächlich abwägen zu können, welchen Nutzen Tourismus habe im Vergleich zum Schaden, den er anrichte. Das fällt vor allem ins Gewicht, weil die Tourismusindustrie zwar anerkennt, dass ein Problem besteht. Ihre Vertreter versuchen aber, Overtourism vor allem als betriebswirtschaftliche Herausforderung zu zeichnen, die zu lösen sei, wenn nur erst das Verhältnis von Angebot und Nachfrage wieder in Einklang kommt. So wie Anita Mendiratta, eine Tourismusberaterin, die unter anderem für die Welttourismusorganisation arbeitet. Sie plädierte auf einem Panel der diesjährigen Tourismusfachmesse ITB in Berlin dafür, das Thema Overtourism umzudeuten.

Reisewirtschaft: Überfüllung statt Overtourism

"Das Problem ist nicht Overtourism. Das ist ein Label, das auf das Problem geklebt wurde. Es geht eigentlich um Überfüllung, um das Managen von Ressourcen und darum, Maßnahmen zu entwickeln. Wie also können wir diese Erzählung ändern?"

Eine andere Geschichte soll also daraus werden: Überfüllung statt übermäßiger Tourismus. Offenbar soll jeder Eindruck vermieden werden, dass die Reisewirtschaft selbst Teil des Problems sein könnte. Ein Anliegen, das Tourismusmanagern offenbar gelegen kommt. Sharry Sun, die Markenstrategin des Reisevermittlers Travelzoo, nahm die Vorlage auf der ITB dankbar auf.

"Wir glauben, dass Overtourism nicht das richtige Wort ist, um das Thema akkurat und präzise zu beschreiben. Tatsächlich ist das Thema das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Deswegen glauben wir, dass die Begriffe Überfüllung oder überfülltes Reiseziel besser sind. Sie vermitteln einen positiveren Eindruck."

Hier aber versucht die Branche, das Problem kleiner zu machen, als es zumindest nach Ansicht von Wissenschaftlern ist. Die Autoren der Overtourism-Studie der Breda University of Applied Sciences unterscheiden klar zwischen dem von ihnen als umfassendes gesellschaftliches Problem beschriebenen Overtourism und dem von der Reisewirtschaft bevorzugten Begriff "Überfüllung." In dem Text heißt es:

"Während Überfüllung von der Industrie vor allem als Hürde für weiteres Wachstum wahrgenommen wird, kann Overtourism ein existenzielles Risiko für Reiseziele auf der ganzen Welt darstellen."

Airbnb zerstört Nachbarschaften

Overtourism ist also mehr als ein vorübergehender Dämpfer im Geschäftsbetrieb. Er könne physische, wirtschaftliche, ökologische, politische, soziale oder auch psychologische Konsequenzen haben, schreiben die Autoren der Studie. Co-Autor Jeroen Klijs:

"Überfüllung ist nur eines der vielen Symptome von Overtourism. Dessen Auswirkungen sind nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Wenn man immer in einer Gegend gelebt hat, in der man alle Nachbarn kannte, und dann sind die plötzlich nicht mehr da, sondern immer neue Leute, die sich über Airbnb einmieten, dann geht es nicht so sehr um die Zahl der Touristen, sondern es hat schwere Folgen für das eigene Leben. Dann geht es nicht darum, dass die Stadt überfüllt ist, sondern dass etwas mit der eigenen Nachbarschaft passiert, was einem nicht gefällt."

Touristen ziehen am Berliner Alexanderplatz Rollkoffer hinter sich her. (imago / Schöning)Zu viele Touristen in der Stadt - finden viele Berliner (imago / Schöning)

Die Antworten darauf fallen überall in Europa noch unterschiedlich aus. Die Europäische Kommission bietet gemäß ihrer in den EU-Verträgen festgelegten Kompetenz vor allem Unterstützung an — durch ein Set an freiwilligen Standards für Umwelt und Soziales oder durch Indikatoren dafür, was nachhaltigen Tourismus ausmacht. Urlaubsziele können sich daran orientieren. Sie unterstützt Investitionen in grünen Tourismus ebenso wie staatsübergreifende Zusammenarbeit in dem Feld. Mangels gemeinsamer Regulierung hängt vieles von den Organisationen in Europa ab, in denen sich Regionen oder nationale Verwaltungen gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Akteuren oder Unternehmen koordinieren. Eine davon ist der European Travel Council, kurz ETC, der europäische Zusammenschluss der nationalen Tourismusorganisationen. Eduardo Santander ist Präsident des ETC. Er wünscht sich noch mehr europäische Führung im Tourismus.

"Wegen des Subsidiaritätsprinzips unterscheidet sich die Regulierung in Europa sehr. Die Regeln in Barcelona sind nicht einmal dieselben wie in Madrid und hier sprechen wir sogar vom selben Land. Da muss ich nicht erwähnen, dass es in Florenz oder Berlin wieder ganz anders aussieht. Deswegen steht der ETC für eine europäische Regulierung. Es gibt keine gemeinsame europäische Tourismuspolitik, aber vielleicht sollte es die geben."

Bis dahin bietet Brüssel einen Flickenteppich aus Unterstützung, Informationen, hier und da etwas Geld und Hilfe im Austausch der besten Verfahren an, um belastete Reiseziele zu stärken. Um die Probleme im Tourismus zu lösen, versucht Europa sich im einvernehmlichen Miteinander von Staaten, Unternehmen und Bürgern. Konflikte zwischen Bewohnern betroffener Reiseziele, der Politik und den Unternehmen sind bislang Ausnahmen geblieben. Aber das könnte sich ändern, wenn der Druck durch den exzessiven Tourismus weiter zunimmt.

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