Pakistan-Afghanistan-Konflikt
Der vergessene Krieg

Zwischen den Nachbarländern Pakistan und Afghanistan gibt es immer wieder Angriffe und Gefechte. Der gewaltsame Konflikt schwelt schon lange – und reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Worum geht es genau?

    Ein afghanischer Soldat steht mit Waffen an der Grenze bei Torkham
    Der Konflikt zwischen Pakistan und Afghanistan war Ende Februar erneut eskaliert – doch er schwelt schon weitaus länger (picture alliance / Wahidullah Kakar)
    Die Beziehungen zwischen den Nachbarländern Pakistan und Afghanistan haben sich seit der Machtübernahme der Taliban zunehmend verschlechtert; immer wieder gibt es Anschläge und Angriffe. Die Regierung in Islamabad sprach jüngst von „offenem Krieg“. Für das Eid-al-Fitr-Fest zum Ende des Ramadan haben beide Länder eine Waffenruhe verkündet. Kurz zuvor waren bei einem pakistanischen Angriff auf eine Klinik in der afghanischen Hauptstadt Kabul nach Angaben der Taliban hunderte Menschen getötet worden.

    Inhalt

    Viele Vorwürfe: das Verhältnis zwischen Pakistan und Afghanistan

    2021 übernahmen die Taliban wieder die Macht in Afghanistan. Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten verschlechterten sich daraufhin rasch. Islamabad wirft den radikalen Islamisten vor, Terroristen in Afghanistan Unterschlupf zu gewähren, die regelmäßig Anschläge auf pakistanischem Gebiet verübten.
    Auch Separatisten aus der pakistanischen Unruheprovinz Belutschistan sollen den Vorwürfen zufolge Afghanistan als sicheren Rückzugsort für Angriffe jenseits der Grenze nutzen.
    Die Taliban weisen ⁠die Anschuldigungen aus Islamabad zurück. Pakistans Sicherheitsprobleme seien eine interne Angelegenheit, heißt es. Katja Mielke vom Bonn International Centre of Conflict Studies erscheint diese Distanzierung wenig glaubwürdig: Berichte des Terrorismus-Sanktionskomitees der UN dokumentierten seit etwa zwei Jahren Trainingscamps in Afghanistan. Auch sei die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan für militante Kräfte trotz verstärkter Grenzsicherung ziemlich durchlässig.
    Die Taliban werfen der pakistanischen Regierung im Gegenzug vor, Kämpfer der Extremistenmiliz Islamischer Staat (IS) ⁠zu beherbergen - einem erklärten Feind der Taliban.

    Die Rolle der pakistanischen Taliban TTP

    Die ⁠2007 gegründeten Pakistanischen Taliban (TTP) haben an der Seite der afghanischen Taliban gegen ‌die US-geführten Truppen am Hindukusch gekämpft. Die TTP verübte in den vergangenen Jahren zahlreiche Anschläge, insbesondere im Grenzgebiet zwischen beiden Ländern: auf Militärposten, Polizeistationen und Flughäfen, auf Märkte und Moscheen. Sie stehen auch hinter dem Attentat 2012 auf Malala Yousafzai, die damals ​noch zur Schule ging und zwei Jahre später für ihr Engagement als Kinder- und Frauenrechtlerin den Friedensnobelpreis erhielt.
    Die TTP ist ideologisch sehr nah an den afghanischen Taliban, agiert jedoch unabhängig. Doch gebe es in Afghanistan enge Verbindungen zur TTP - etwa durch familiäre Verpflichtungen und gemeinsame Kampferfahrungen bis 2021, hebt Katja Mielke vom Friedens- und Konfliktforschungsinstitut hervor.
    Die Gruppe TTP verfolgt das Ziel, den pakistanischen Staat zu destabilisieren und ein islamisches Emirat nach dem Vorbild der Taliban in Afghanistan zu etablieren. Pakistans UN-Botschafter nannte Afghanistan deshalb eine direkte Gefahr für die Sicherheit der Region.

    Pakistan und der Aufstieg der Taliban

    Das Verhältnis zwischen Pakistan und Afghanistan war nicht immer so belastet wie heute. Pakistan spielte in den 1990er-Jahren beispielsweise eine zentrale Rolle beim Aufstieg der Taliban. Als die Taliban im August 2021 in Kabul dann erneut die Macht übernahmen, erhoffte sich Islamabad Dankbarkeit und politische Kontrolle. Der damalige Ministerpräsident Pakistans Imran Khan erklärte, die Afghanen hätten "die Fesseln der Sklaverei gesprengt".
    Doch Afghanistan beharre nun auf einer unabhängigen, eigenständigen und souveränen Politik, so Katja Mielke.

    Pakistan und Afghanistan: militärisch ungleiche Gegner

    Die atomar bewaffnete Armee Pakistans ist den Kräften Afghanistans überlegen. Das Militär des Landes steht auf Platz zwölf der stärksten Armeen der Welt. Dem pakistanischen Militär gehören laut Daten des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) mehr als 600.000 aktive Soldaten an.
    Die militärische Stärke der Taliban ist schwer einzuschätzen. Sie nutzen verstärkt Guerillataktiken und verfügen über jahrzehntelange Kampferfahrung gegen technologisch überlegene ‌Gegner.
    Die Konfliktparteien seien sehr unterschiedlich und auch ungleich, so Mielke. Es herrsche eine „Asymmetrie der militärischen Kapazitäten“. Entscheidend sei, dass Pakistan in dem Konflikt auf die Unterstützung der Trump-Regierung zählen könne, so Mielke. Die USA verschärfen ihre Drohungen gegenüber Afghanistan und deute Regimewechsel-Absichten an – unter anderem, weil Afghanistan amerikanische Geiseln nicht freilasse und den Luftwaffenstützpunkt Bagram den USA nicht überlasse.

    Alter Konflikt um eine Grenzregion: die Durand-Linie

    Die Ursachen des Konflikts gehen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Pakistan und Afghanistan teilen sich eine etwa 2.600 Kilometer lange Grenze – die umstritten ist. Sie entstand 1893 zwischen der damaligen Kolonialmacht Britisch-Indien und dem damaligen Emirat Afghanistan und trennte Gebiete vom afghanischen Kernland ab. Betroffen waren vor allem paschtunischen Stämme. Benannt ist sie nach dem damals tätigen britischen Diplomaten Sir Mortimer Durand.
    Nach dem Zerfall des britischen Kolonialreichs in Indien beanspruchte Pakistan als neuer Nationalstaat diese Gebiete für sich. Doch keine Regierungen in Afghanistan hat diese Grenze je anerkannt.
    Paschtunische Nationalisten in Afghanistan wollen eine Vereinigung mit den paschtunischen Gebieten in Pakistan - und forderten die Rücknahme der Gebiete. 

    Die Folgen für die Zivilbevölkerung

    Angriffe und Anschläge in der Region fordern immer wieder Menschenleben. Anfang Februar starben beispielsweise bei einem Anschlag auf ein schiitisches Gemeindehaus nahe Islamabad 36 Menschen. Der IS reklamierte die Tat für sich. Pakistan machte einen Afghanen als Drahtzieher verantwortlich.
    Jüngst wurden bei einem pakistanischen Angriff auf eine Entzugsklinik in der afghanischen Hauptstadt Kabul Hunderte Menschen getötet, wie der Norwegische Flüchtlingsrat (NRC) bestätigte.
    Nach Angaben von Caritas International sind zudem über 115.000 Afghanen seit Ende Februar aus dem Grenzgebiet vor Bombardierungen geflohen. Sie lebten in Camps unter Zeltplanen.
    Derweil ist die Grenze zu Pakistan ist geschlossen. Handels- und Infrastrukturprojekte stehen still, was die ohnehin angespannte wirtschaftliche und humanitäre Lage in der Region und vor allem in Afghanistan weiter verschärft.
    Catherine Shelton