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StartseiteInterview"Das macht mir ein bisschen Angst"31.12.2014

Pegida-Demonstrationen"Das macht mir ein bisschen Angst"

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor blickt mit Sorge auf die Pegida-Demonstrationen. Zwar könne sie die Angst vor Islamismus verstehen - viele der Demonstranten könnten jedoch nicht zwischen Islam und Islamismus unterscheiden, sagte sie im DLF. Angela Merkel müsse sich stärker gegen die Bewegung positionieren.

Lamya Kaddor im Gespräch mit Mario Dobovisek

Porträt von Lamya Kaddor im Studio der ARD-Sendung "Anne Will" (dpa / Karlheinz Schindler)
Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. (dpa / Karlheinz Schindler)
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Mario Dobovisek: Am Telefon begrüße ich die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor. Sie ist Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes, in Deutschland als Tochter syrischer Einwanderer geboren und aufgewachsen. Guten Morgen, Frau Kaddor!

Lamya Kaddor: Guten Morgen, Herr Dobovisek!

Dobovisek: In der Heimat Ihrer Eltern, in Syrien, herrscht nach wie vor Bürgerkrieg, seit bald vier Jahren schon. Immer wieder wurden in dieser Zeit einzelne Stimmen laut, die vor einem Erstarken der Islamisten in Syrien warnten. Inzwischen weht die schwarz-weiße Flagge des Islamischen Staates über großen Teilen des Iraks und eben auch Syriens. Hat die Weltgemeinschaft die Gefahr durch den IS unterschätzt?

Kaddor: Ich meine, es ist immer einfach, das zu sagen, aber im Grunde genommen war das schon seit Jahren absehbar. Ich denke, als wir vor drei Jahren die Möglichkeit hatten, dass Amerika Luftanschläge ausführt, wäre das tatsächlich, also aus meinem Empfinden, obwohl ich die letzte bin, die zu solchen Mitteln jemals greifen würde, aber ich glaube, es wäre damals vielleicht doch gerechtfertigt gewesen. Inzwischen ist es - doch, es ist ein Versagen der internationalen Gemeinschaft.

Dobovisek: Warum, glauben Sie, ist die internationale Gemeinschaft so blind und taub?

Kaddor: Ich glaube, die Frage des Danach, die uns ja nach dem Irak und nach Afghanistan, nach all diesen Regierungen und Stürzen dieser Regierungen, nach Ägypten, nach dem Arabischen Frühling, interessiert oder die wir stellen, würden wir, müssten wie in Syrien auch stellen, und das, was danach kommt, nach Assad, könnten wir alle nicht beantworten. Und die Frage ist, ob es besser oder schlechter ist, das ist sicherlich ein Motiv. Ein anderes mag vielleicht in der Wirtschaftlichkeit liegen. Die Frage ist, wer hat ein ernsthaftes Interesse daran, dieses Land so zu bombardieren, dass es zunächst einmal völlig instabil ist, und dann zu helfen, da möglicherweise eine Demokratie zu installieren. Das sind ja Vorgänge, die unter Umständen Jahrzehnte dauern können.

IS-Rekrutierung: "Sie fallen einer bestimmten Dschihad-Romantik anheim"

Dobovisek: Im Februar nächsten Jahres erscheint Ihr neues Buch, Frau Kaddor. Es geht um deutsche Jugendliche, die in den Dschihad ziehen. Was fasziniert junge Menschen hierzulande am Heiligen Krieg, am Kampf auch in den Reihen des IS?

Kaddor: Ich muss Sie enttäuschen. Ich glaube, es geht diesen Jugendlichen hauptsächlich nicht darum, als Allererstes unbedingt in diesen Krieg ziehen zu wollen. Das kommt dann nachher. Als Erstes interessiert sie das Gemeinschaftsgefühl, die Orientierung, die ihnen solche Gruppen geben, der Halt, vielleicht auch so ein Stück weit Familienersatz oder Familiengefühl. All das sind diese Dinge, die diese Jugendlichen zunächst einmal suchen. Und erst später werden sie ja so manipuliert, dass sie dann auch wild entschlossen sind, kämpfen zu wollen. Und ich glaube auch, sie fallen einer bestimmten Dschihad-Romantik anheim, gerade die Mädchen.

Dobovisek: Sie sagen, Gemeinschaftsgefühl. Da verbinde ich zunächst einmal die Schulen, die religiösen Gemeinschaften an sich, die gemäßigten, auch die Eltern, die Familien damit. Was fehlt denn den Jugendlichen, damit sie sich anderen Strömungen anschließen?

Kaddor: Ich glaube, im besten Sinne wirklich der Halt und die Orientierung. Also, a) ist es gar nicht so einfach, zu einem normalen, gesunden Islamverständnis zu kommen, wenn man das nur sozusagen in der Moschee oder nur in der Familie suchen würde. Häufig sind die Eltern selbst total überfragt in Sachen Islam. Das sind alles Laien, logischerweise. In den Moscheen sprechen die Gelehrten häufig eine Sprache, die nicht jugendgerecht ist. Also, selbst, wenn sie Deutsch sprechen würden, fühlen sich viele junge, deutsche Muslime nicht mehr angesprochen. Und das heißt, der dritte Lernort, von dem wir als Pädagogen sprechen, wäre die Schule und der islamische Religionsunterricht. Den haben sie nicht an jeder Schule in Deutschland, noch lange nicht. Das heißt, häufig, oder wenn dann die falsche Person zur falschen Zeit kommt sozusagen, und die möglicherweise auf der Straße diese Jugendlichen anspricht und sagt, wollt ihr nicht mal mit mir über Religion quatschen, und dann aber wirklich in einer jugendgerechten Sprache und dann auch auf Deutsch, ist das häufig aus meiner Sicht gar nicht so schwer, diese Jugendlichen dort abzuholen, wo sie stehen, nämlich, sie haben kaum Wissen über den Islam. Deshalb ist es ja so einfach für diese Prediger, sie so zu manipulieren. Denn je mehr Wissen sie eigentlich haben und je gefestigter sie im Islam sind, desto schwieriger wird es eigentlich.

Dobovisek: Fehlendes Wissen führt auch zu Ängsten. Wenn wir nämlich über Islamismus reden, dann müssen wir auch über Ängste sprechen. Und die manifestieren sich auf den Straßen, zuletzt in Dresden mit angeblich bis zu 20.000 Pegida-Demonstranten. Hier hören wir, wie es klang am 22. Dezember zuletzt in Dresden. Was denken Sie als deutsche Muslimin, Frau Kaddor, wenn Sie diesen Titel hören, "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes".

Kaddor: Ich sagte es schon mal, ich glaube, dass wir in den nächsten 500 Jahren nicht islamisiert werden hier in Deutschland oder in Europa. Und es macht mir interessanterweise sogar ein bisschen Angst. Wenn wirklich 20.000 Personen in Dresden oder auch in Köln oder vorher weiß Gott wo durch die Gegend laufen und sich gegen die vermeintliche Islamisierung, die nicht anstehen wird und auch gar nicht erst ansteht, stark macht, dann überkommt mich ein mulmiges Gefühl, weil viele tatsächlich nicht zwischen Islam und Islamismus, zwischen Muslimen und Islamisten unterscheiden können. Sondern da bin ich, auch selbst ich werde häufig immer noch leider als Islamistin vorgestellt. Und das bereitet mir arge Bauchschmerzen.

Dobovisek: Terroranschläge mit islamistischem Hintergrund bei unseren Nachbarn in Frankreich. Auch in Deutschland warnt der Verfassungsschutz. Können Sie die Angst vor diesem Islamismus nachvollziehen?

Kaddor: Selbstverständlich. Dieser militante Islamismus, der betrifft mich ja auch, und vor allen Dingen betrifft der Muslime am stärksten. Also, wenn wir weltweit gerade die Verbrechen der ISIS betrachten, haben sie ja viel mehr Muslime getötet als Nicht-Muslime, und vertrieben. Es ist nicht so, dass sie sich nur auf Nicht-Muslime konzentrieren würden. Das ist ein Trugschluss, das zu glauben. Sondern sie haben ja vorher schon in Syrien so gewütet, und das kann ich ja nun mal wirklich als Deutsch-Syrerin so sagen. Sie haben große Teile des syrischen Volkes, dass eben vielleicht nicht sunnitisch eben ist, auch da massakriert und tyrannisiert. Das heißt, ich würde aus ihrem Empfinden heraus genauso wenig islamisch oder unislamisch, wahrscheinlich noch schlimmer sein als ein Nicht-Muslim.

"Ich wünsche mir eine Distanzierung von allem Extremen"

Dobovisek: Sie sagen, Sie hätten ein mulmiges Gefühl, wenn Sie an Pegida denken. Kann man 20.000 Menschen, und das allein in Dresden, als rechtsextreme Spinner abtun?

Kaddor: Nein, man kann natürlich nicht alle als rechtsextreme Spinner abtun. Aber ich denke dennoch, wenn jemand dort mit marschiert und weiß, da laufen Neonazis und Rechtspopulisten mit, dann sollte man das nicht tun. Denn den gleichen Vorwurf müsste ich mir zu Recht gefallen lassen, wenn ich mit Salafisten auf die Straße gehen würde, um mich gegen diese Islamfeindlichkeiten im Land stark zu machen. Das würde man mir auch übel nehmen und krumm nehmen, und das würde man mir vorhalten, und zu Recht. Das heißt, ich wie jeder andere, wir müssen uns schon darüber Gedanken machen, mit wem ich da durch die Straßen ziehe und wer diese Sachen organisiert. So einfach ist das nicht. Selbst, wenn ich Ängste habe, dann muss man sich einer anderen Kundgebung vielleicht anschließen oder einer anderen Demonstration. Aber so einfach zu sagen, ja, wir sind nicht rechtsextrem, aber wir haben ein Problem mit dem Islam oder dem Islamismus - ich finde, das ist dann auch ein bisschen zu einfach.

Dobovisek: Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilt in ihrer Neujahrsansprache die Kälte und den Hass bei Pegida. Sie kritisiert die Veranstalter der Demonstration und appelliert an die Deutschen: Folgen Sie denen nicht! Ist das deutlich genug?

Kaddor: Aus meiner Sicht nicht. Denn wir haben in diesem Jahr so viele Anschläge, Brandanschläge oder sonstige Anschläge auf Moscheen gehabt wie die ganzen Jahre zuvor nicht. Das macht mir übrigens auch Sorgen. Zuletzt in Dormagen, und selbst in Teilen Europas fängt das ja schon an, in Schweden, mit Verletzten und so weiter. Sie schafft es bis heute nicht, Frau Merkel, von Muslimas oder Islamfeindlichkeit zu sprechen. Ich weiß nicht genau, warum, wahrscheinlich aus politischem Kalkül, aber das geht mir noch nicht zu weit. Ich wünsche mir eine Distanzierung beziehungsweise eine Positionierung von allem Extremen. Einmal von diesem religiösen Fanatismus, sowieso, das erwarte ich als deutsche Staatsbürgerin, aber eben auch von politischem Extremismus. Es kann nicht sein, dass hier auf dem Rücken einer Minderheit, in dem Fall der muslimischen Minderheit, die gerade fünf Prozent ausmacht der Gesamtbevölkerung, auf dem Rücken dieser Minderheit Stimmung gemacht wird. Das kann nicht sein, dass sie das mitträgt beziehungsweise dass sie da so immer noch relativ schweigend gegenhält.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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