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StartseiteUmwelt und VerbraucherRecycling lohnt sich für Unternehmen oft nicht06.01.2020

PlastikmüllRecycling lohnt sich für Unternehmen oft nicht

Nur zwei Drittel des Plastikmülls, der in der gelben Tonne landet, wird auch recycelt. Den Rest nutzt die Industrie oft als Brennstoff. Auch ist es für Unternehmen meist billiger, neue Verpackungen zu nehmen, anstatt Altplastik wiederzuverwerten. Kritiker fordern strengere Gesetze.

Von Katja Scherer

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Leichtverpackungen und Gelbe Säcke liegen auf der Deponie des "aha Zweckverband Abfallwirtschaft Region Hannover", im Vordergrund läuft ein Mitarbeiter. In der Gelben Tonne landet oft Müll, der dort gar nicht hingehört. Die Quote der sogenannten Fehlwürfe liegt nach Schätzung von Branchenexperten zwischen 40 und 60 Prozent, wie der Bundesverband Sekundärrohstoffe mitteilte. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Knapp zwei Drittel der Plastikabfälle müssen die Dualen Systeme "werkstofflich" verwerten (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
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"Also wir stehen hier in Erftstadt und haben hier von Remondis eine der größten Sortieranlagen für Abfälle aus dem dualen System – also gelber Sack, gelbe Tonne - gebaut."

Michael Schneider vom Entsorgungsunternehmen Remondis läuft zu einem meterhohen Müllberg. Zwei Lastwagen karren gerade gebrauchte Joghurtbecher, Putzmittelflaschen und andere Verpackungen an:

"Genau, da wird gerade der Haushaltsmüll abgeladen."

Acht Unternehmen sind für gelbe Haushaltstonne zuständig

Und an dem fehlt es nicht. 2017 fielen in Deutschland laut Umweltbundesamt pro Einwohner gut 226 Kilogramm Verpackungsmüll an. Pro Tag und Einwohner entspräche das über 100 Joghurtbechern. Allerdings stammte nur die Hälfte aus privaten Haushalten, der Rest fiel bei Gewerbe, im Handel, der Industrie an.

Ein Aufkleber mit dem Logo "Der Grüne Punkt" klebt auf einem Mülleimer.    (dpa / Marcus Brandt)Verpackungen mit dem Logo "Grüner Punkt" dürfen in die gelbe Tonne bzw. den gelben Sack (dpa / Marcus Brandt)

Was mit dem Müll aus unserer gelben Haushaltstonne passiert, darüber bestimmen in Deutschland insgesamt acht Unternehmen, die sogenannten dualen Systeme. Sie bekommen Geld von Verpackungsherstellern und beauftragen dann Firmen wie Remondis, die den Müll sammeln, sortieren und als Rohstoff weiterverkaufen. Michael Schneider:

"Im Wesentlichen besteht dieser Abfallstrom aus verschiedenen Kunststoffen und Weißblechen, also die typischen Konservendosen, und Weißblech, was wiederum die Deckel der Joghurtbecher sind und so weiter."

Ein Drittel der Abfälle wird verbrannt

Knapp zwei Drittel davon müssen die Dualen Systeme nun "werkstofflich" verwerten, also: wieder für neue Produkte nutzen. Das restliche Drittel dagegen wird nach wie vor verbrannt, etwa in Zementwerken. Viel zu viel - kritisiert Henning Wilts, der beim Wuppertal Institut zu Stoffkreisläufen forscht:

"Da ersetzt das dann Öl, das wir zum Feuern bräuchten. Aber was einmal verbrannt ist, kann man halt nie wieder recyceln."

Vier Mülltonnen stehen an einer Hauswand in Düsseldorf  (dpa / Norbert Schmidt) (dpa / Norbert Schmidt)Streit um Plastikentsorgung - Lobbyistin: Mehr über Konsum, weniger über Kosten reden
Die Kunststoffverpackungsindustrie an Entsorgungskosten zu beteiligen, trage nicht zur Müllvermeidung bei, sagte die Sprecherin der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen, Mara Hancker, im Dlf. Die Branche solle an der Diskussion beteiligt werden, denn sie habe schon viele Ideen zur Müllvermeidung.

Und das, obwohl man Kunststoffe eigentlich fünf bis sechs Mal wiederverwenden könne, sagt Wilts. Dennoch werden in Deutschland bisher viele Kunststoffverpackungen aus dem gelben Sack schon nach einmaliger Nutzung verfeuert, bestätigt Schneider von Remondis. Unter anderem, weil sie zu aufwändig produziert werden:

"Wenn Sie beispielsweise Käse- oder Wurstverpackungen nehmen, die bestehen teils aus acht verschiedenen Kunststoffen. Das kriegt keine Sortieranlage der Welt auseinander."

Neue Verpackungen oft billiger

Dazu kommt ein weiteres Problem: Denn selbst wenn Firmen wie Remondis den Müll säuberlich sortieren, finden sie teils nur schwer Käufer dafür. Je nach Ölpreis sei es nämlich für Unternehmen billiger, neue Verpackungen zu nehmen als recycelte, sagt Schneider:

"Das heißt, der Umweltaspekt spielt oft noch keine so große Rolle in der Überlegung, woraus stelle ich denn meine neuen Verpackungen wieder her."

Frische Lebensmittel, Obst und Gemüse einzeln in Plastikfolie verpackt. (Imago / Jochen Tack) (Imago / Jochen Tack)Umweltbundesamt - "Verpackungsvermeidung kann man rechtlich schwer vorschreiben"
Die Menge des Verpackungsmülls in Deutschland ist laut Umweltbundesamt auf einem Höchststand. Viele Handelshäuser und Hersteller achteten inzwischen zwar auf Recycling-Fähigkeit ihrer Verpackungen, sagte Gerhard Kotschik vom Umweltbundesamt im Dlf. Das führe aber nicht unbedingt zu weniger Müll.

Das führt dazu, dass teils selbst wertvolle, sortenreine Müllballen ebenfalls verbrannt werden. Dass die dualen Systeme in nennenswertem Umfang Müll aus dem gelben Sack ins Ausland exportieren, glaubt Wissenschaftler Henning Wilts dagegen nicht:

"Die dualen Systeme selber sagen, dass höchstens zwei Prozent ihrer Abfälle nach Südostasien exportiert wurden. Und ich glaube, das ist auch noch weiter zurückgekommen, weil die Unternehmen sehen wie schlecht das in der Öffentlichkeit ankommt."

Klarere Vorgaben für Industrie nötig

Vielmehr geht Wilts davon aus, dass es sich bei dem deutschen Müll auf asiatischen Müllkippen meist um Abfälle aus der Industrie handelt – etwa um fehlerhafte Chargen von Herstellern. Das zeigt: Insgesamt wird schon mehr Müll aus der gelben Tonne recycelt als früher. Was nun noch fehle, seien klarere Vorgaben für die Industrie, sagt Wilts. Er nennt ein Beispiel:

"Im Gesetz steht schon drin, dass derjenige, der eine Verpackung auf den Markt bringt, die sich schlecht recyceln lässt, ein bisschen mehr dafür bezahlen soll. Und ich finde genau das ist die richtige Idee, nur leider steht im Gesetz nicht, wie viel er dafür jetzt mehr bezahlen muss."

Ähnlich sieht das Michael Schneider von Remondis, der seinen Rundgang durch die Sortieranlage inzwischen beendet hat:

"So jetzt sind wir wieder raus und stehen vor dem Lager für die sortierten Kunststoffe. Von hier aus gehen die gebündelten Kunststoffe dann per Lastwagen in die jeweilige weiterverarbeitende Industrie."

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Das Problem Plastikmüll wird zur Zeit heftig diskutiert. Unser Plastikverbrauch muss sinken. Das Thema ist nicht neu – es gilt, nach Lösungen zu suchen und Alternativen zu finden. Meist sind es Fachleute, Politiker und Wissenschaftler, die Lösungsansätze vorschlagen.

Damit das in Zukunft glatter läuft, fordert Schneider Quoten für Hersteller, die vorschreiben, wie viel recyceltes Material diese in Produkten einsetzen müssen. Seinem Unternehmen – das ist klar – würde das auf jeden Fall helfen.

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