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StartseiteHintergrundWeniger Konsum als Antwort auf die Klimafrage?28.11.2019

Politik und VerzichtWeniger Konsum als Antwort auf die Klimafrage?

Wer in der Politik zu Verzicht rät, wird von den Gegnern sofort denunziert. Dabei ist ökonomisch ziemlich klar: Mit besserer Technik allein wird die Klimakrise sehr wahrscheinlich nicht zu bewältigen sein. Deshalb wird wohl der Konsum schrumpfen müssen.

Von Ulrike Winkelmann

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Beschriftete Ampel in Berlin zeigt GO vegan (Imago /  Steinach)
Go vegan: Konsumverzicht scheint unverzichtbar, um die Klimakrise zu bewältigen (Imago / Steinach)
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"Ich will nicht verzichten, und ich will auch nicht, dass andere verzichten müssen. Ich will durch Technik erreichen, dass die Menschen frei leben, sich frei bewegen können."

So brachte FDP-Chef Christian Lindner kürzlich auf den Punkt, worum es nicht nur ihm und seiner Partei in der Klimadebatte geht: Es soll kein Weniger geben, für keinen. Die Mittel des technischen Fortschritts müssen reichen, um die Klimakrise wenigstens abzumildern.

Es ist eine Vorstellung, wie sie seit rund 40 Jahren nahezu unverändert von allen vorgetragen wird, die aus der Umwelt- und Klimaveränderung keine Veränderung der Lebens- und Wirtschaftsweisen ableiten möchten. Es mache ohnehin keiner mit, im Gegenteil: Worauf man selbst verzichte, würden sich nur andere nehmen, lautet ein wichtiger Bestandteil dieser Argumentation. Christian Lindner im Bundestag:

"Manche wollen Klimaschutz machen mit Askese, Verbot, Verzicht, kein Wachstum – der Lebensstandard des Jahres 1995, so schlecht war der doch auch nicht -; kann man alles wollen! Wir werden auf dem Wege möglicherweise auch Moralweltmeister werden. Aber niemand wird uns auf der Welt folgen!"

Verzicht löst schlechte Gefühle aus

Verzicht ist in dieser Debatte die Vokabel, die am stärksten zu wirken scheint – vielleicht zusammen mit dem anderen V-Wort, Verbot. Kaum ein Vorschlag vermag in der Öffentlichkeit so wirksam schlechte Gefühle auszulösen wie der, bestimmte Konsummuster einzuschränken.

Aufschrift auf Heckscheibe For Christmas, Consume less, live more (imago 7 imagebroker) (imago 7 imagebroker)Klima und Konsum: Die Macht und Ohnmacht der Verbraucher 
Nahezu alle Wissenschaftler sind sich einig, dass die Klimakrise von uns Menschen verursacht wird. Um etwas zu verändern, müssen wir anders wirtschaften. Und gerade Konsumenten in den Industrieländern können dazu einen Beitrag leisten, indem sie ihren CO2-Fußabdruck verringen – leicht wird das nicht.

Seit 50 Jahren steht die begründete Vermutung im Raum, dass der Mensch nicht von allem immer mehr haben und verbrauchen kann, ohne den Planeten unbewohnbar zu machen. Die hierfür wegweisende Studie "Die Grenzen des Wachstums" von Dennis Meadows erschien 1972. Teilergebnisse davon erwiesen sich als unhaltbar; die Kernthese jedoch wird angesichts der dramatischen Veränderungen des Klimas von immer mehr Wissenschaftlern unterstützt.

Vaclav Smil, ein kanadischer Umweltwissenschaftler, hat in seinem jüngsten Buch "Growth" - "Wachstum" - eine Art umfassende Wachstumsbilanz aller Lebensbereiche vorgelegt. "Wachstum muss zu einem Ende kommen", erklärt Smil in einem Interview mit der britischen Zeitung "The Guardian". Es gebe genug Spielraum für Schrumpfung, und seiner Ansicht nach sind die 90er-Jahre, auf die FDP-Chef Lindner im Bundestag anspielte, durchaus nicht der Maßstab:

"Wir könnten unseren Energie- und Materialkonsum halbieren. Und das würde uns zurücksetzen auf das Niveau der 1960er. Wir könnten schrumpfen, ohne etwas Wichtiges zu verlieren. Das Leben war nicht schrecklich im Europa der 60er- und 70er-Jahre. Leute aus Kopenhagen könnten dann nicht mehr für einen Drei-Tages-Besuch nach Singapur fliegen, na und? Ihr Leben würde sich kaum ändern."

Schüler demonstrieren mit selbstgemalten Plakaten vor der Universität für den Klimaschutz (dpa / Peter Kneffel)Schüler streiken für den Klimaschutz (dpa / Peter Kneffel)

Der Kanadier tschechischer Herkunft verweist auf Studien, wonach die Lebenszufriedenheit in den reichsten Ländern längst nicht mehr wachse. Mäßigung könne eine Möglichkeit sein, Zufriedenheit auf anderen Wegen zu finden als im Waren- und Dienstleistungsangebot.

Die Aufforderung zum Verzicht ist Bestandteil aller Weltreligionen. Auch die europäische Philosophie kennt die Tradition der Askese: Demnach mache es den Menschen freier, wenn er etwas unterlassen, etwas hergeben könne.

Als mehrheitstauglich hat sich diese Idee bisher jedoch nicht erwiesen – im Gegenteil: Mühelos lässt sich im politischen Feld jeder denunzieren, der unter Verzichtsvorschlagsverdacht gerät. Davon kann die grüne Partei gleich mehrere Lieder singen.

Grüne Partei: Klimapolitik nur mit Marktgesetzen ist ungerecht

Eins von zwei bösen V-Worten, der Verbotsbegriff, bemühen sich die Grünen derzeit zu rehabilitieren: Parteichefin Annalena Baerbock erklärte im Deutschlandfunk, Klimapolitik nur mit Marktgesetzen, ohne Verbote, sei ungerecht.

"Für mich ist das Ordnungsrecht, man kann es auch Verbot nennen, das zentrale Element, weil es auch das sozial Gerechteste ist. Wenn ich sage, ich will alles über den Preis regeln, dann mache ich den ganz, ganz hoch und sage, dann können sich einige Autofahren nicht mehr leisten. Aber Menschen, die sehr viel Geld haben, können sich immer rauskaufen, sei es beim Rindfleisch oder sei es beim Autofahren."

Der Verzichtsbegriff dagegen gilt weiterhin als politisch verbrannt. Weniges hat die Grünen so traumatisiert wie der Veggie Day im Bundestagswahlkampf 2013.

"In öffentlichen Kantinen donnerstags: Vegetarisch essen."

Es war Anfang August 2013, da titelte die "Bild"-Zeitung mit den Worten "Grüne wollen uns das Fleisch verbieten". Die damalige Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Renate Künast, erklärte, warum öffentliche Kantinen donnerstags einen fleischfreien Tag einlegen sollten.

Große öffentliche Empörung folgte. Mehrere FDP-Politiker griffen zu Nazi-Vergleichen, Motto: Zuletzt hätten die Nazis den Deutschen das richtige Essen vorschreiben wollen. FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle rief auf einer Wahlkampfveranstaltung:

"Ich bin es satt, dass diese neuen Jakobiner – Veggie Day – mir vorschreiben, ob ich heute Nachmittag Mohrrüben oder Wurst esse! Ich entscheide selbst, was ich esse, was ich trinke! Nicht die grünen Gouvernanten schreiben mir vor, was ich zu mir nehme!"

"Man sollte daraus lernen, dass wir tunlichst alles dafür tun müssen, dass grüne Politik eben keine Spaßbremse ist, dass es unglaublicher Lustgewinn ist, sich auch mal bewusst zu ernähren oder auch mal bewusst Strom oder Energie einzusparen."

Erklärte Claudia Roth, langjährige Parteivorsitzende, nach der Bundestagswahl. Diese wurde weithin als Veggie Day-bedingte Niederlage für die Grünen bewertet.

"Ich glaube schon, dass die Leute sagen, wir lassen uns doch nicht vorschreiben, wie wir zu leben haben – und in so ein Bild sind wir gerückt worden."

Seither lautet die grüne Lehre, dass rhetorischer Abstand zu allem zu wahren ist, was die meisten Menschen für ihre privaten Entscheidungen halten.

Veggie-Day-Debatte als Trauma der Grünen

Zwar lässt sich die Behauptung, die Grünen hätten 2013 wegen des Veggie Days verloren, anhand der Daten kaum belegen. Dennoch begründen auch Politiker anderer Parteien damit, dass den Wählerinnen und Wählern kein Verzichtsvorschlag zuzumuten sei.
 

Eine vegane Spinat-Suppe, aufgenommen am 24.01.2014 auf der Messe "Veggie-World" in den Rhein-Main-Hallen in Wiesbaden (Hessen). (picture alliance / Fredrik von Erichsen)Gemüse: Mit der Idee vom Veggie-Day wurden die Grünen zur Zielscheibe der politischen Gegner (picture alliance / Fredrik von Erichsen)

Tatsächlich verzichten sogar diejenigen lieber auf den Begriff Verzicht, die ausdrücklich die Schrumpfung des Wohlstands fordern:

"Der Begriff Verzicht ist mir völlig fremd. Verzicht ist ein Wort, das immer negativ konnotiert ist. Das heißt, es ist eine schmerzhafte oder eine ungewollte Unterlassung. Aber es gibt eben auch die reine Reduktion, die nicht notwendigerweise Verzicht bedeutet."

Erläutert Niko Paech. Der Volkswirtschaftler an der Universität Siegen kämpft gegen das - wie er es nennt - Wachstumsdogma und ist einer der Vorreiter der Postwachstumsökonomie in Deutschland. Paech sagt:

"Wenn ich zum Arzt gehe und er sagt, das ist ein bösartigen Tumor auf ihrem Rücken, den muss ich ihn wegschneiden, dann würde ich doch nicht in Tränen ausbrechen und sagen, was für ein Verzicht. Manchmal kann die Reduktion auch wohltuend sein. Und im Moment hat eben die Ökosphäre so ein Krebstumor."

Für denjenigen, der sich zwar die Ökosphäre tumorfrei wünscht, bei sich selbst aber keinen Schnitt angesetzt sehen will, hat Paech ein weiteres Gleichnis:

"Wenn ich eine Bank ausraube und auf frischer Tat ertappt werde und der Schutzmann mir die 100.000 Euro wegnimmt, und ich breche dann ein Tränen aus und sage, was für ein Verzicht, dann würde das beim Publikum großes Gelächter verursachen. Fakt ist aber, dass wir uns genauso verhalten, indem wir einen Lebensstandard, der noch vor relativ kurzer Zeit Science Fiction war, plötzlich zum Menschenrecht werden lassen und behaupten, dass jede Reduktion dieses Lebensstandards Verzicht sei."

Der Lebensstandard in Industrienationen sei jedoch genau das, meint Paech: ein Raubbau am Planeten.

Weltklimakonferenz wird den Lebensstandard indirekt thematisieren

Wenn nächste Woche in Madrid die Weltklimakonferenz beginnt, wird die Frage des Lebensstandards indirekt in jedem Tagesordnungspunkt enthalten sein. Und es wird sich dort kaum noch jemand finden, der glaubt, dass die Klimakrise nur mit Wissenschaft und Technik noch bewältigt werden kann. Klar ist hingegen, dass massive Anstrengungen für die Umstellung der Wirtschaft auf Klimaneutralität nötig sind. Und die wird jemand bezahlen müssen – und zwar eher die Reichen als die Armen. Denn mit dem Wohlstand wächst der CO2-Ausstoß.

  (Sean Gallup / Getty Images) (Sean Gallup / Getty Images)

Bernd Ulrich, Vizechef der Wochenzeitung "Zeit", hat jüngst ein Buch zum "Zeitalter der Ökologie" geschrieben:

"Dass man die ganze Wirtschaft so lassen kann wie bisher - nur auf solar: Das ist eine Idee, die vielleicht in den 80er-Jahren noch Sinn gehabt hat, als die Lage sich noch nicht so zugespitzt hatte. Heute, glaube ich, wird man damit nicht mehr zurechtkommen. Auch das ständige Betonen von Technologie von dieser Seite hat ja nicht die Funktion, zu sagen, wir müssen auch technologische Fortschritte erzielen, damit es eine ökologische Wende gibt. Das bestreitet ja überhaupt niemand. Sondern das sagt im Grunde, dass man fast nur mit Technologie das schaffen kann. Das bedeutet, dass der Mensch als Einzelner oder dass einzelne Firmen unmerklich in die ökologische Wende kommen, dass sie keinerlei Sonderanstrengung machen müssen, dass sie niemals auch nur ein wenig Verzicht oder Wachstums- oder Veränderungsschmerz spüren werden. Dieses Versprechen halte ich für illusorisch."

Bumerang-Effekt bei der deutschen Autoindustrie

Denn als ökologisch ausgewiesene Innovationen haben unterm Strich bislang den CO2-Ausstoß in der Regel nicht vermindert. Gutes Beispiel ist die deutsche Autoindustrie: Tatsächlich wurden die Verbrennungsmotoren immer effizienter. Nur wurden deshalb auch immer mehr, immer schwerere Autos gebaut und verkauft – und der CO2-Ausstoß stieg. Rebound-Effekt heißt das, im Deutschen spricht man auch vom Bumerang-Effekt.

In den wenigen Jahren, die zur Erreichung der Klimaschutzziele noch bleiben, nun auf CO2-verhindernde Innovation zu warten, hält Ulrich deshalb für abwegig.

Abgase entweichen den Auspuffrohren eines Autos (dpa / Arne Dedert)Autoabgase: Effizientere Motoren haben nicht für weniger CO2-Ausstoß geführt (dpa / Arne Dedert)

"Es kann gut sein, es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass für eine ökologische Wende der eine oder die andere für eine Weile auch Dinge erleben und tun müssen wird, die einem erstmal wie Verzicht vorkommen. Das Verzichtsfreiheitsversprechen ist im Grunde eine Verweigerung, die ökologische Wende ernsthaft anzugehen."

Der Journalist schließt in seine Kritik Entwürfe ein, die auch bei den deutschen Grünen populär sind: Green Growth, Grünes Wachstum, oder der Green New Deal zum Beispiel. Als Konzept jetzt rund zehn Jahre alt, will der Green New Deal eine ökologische und gleichzeitig gerechte Umsteuerung mit massiven staatlichen Eingriffen erreichen - also mit Investitionen in nachhaltige Produktion und weitreichender Umverteilung von oben nach unten.

Kritik am Green New Deal

Das Versprechen, die Wirtschaft könne weiter wachsen, ohne dass weiter zu viele Ressourcen verbraucht würden, sei jedoch falsch – egal, ob die Strategie dazu "green" heiße oder nicht, sagt Wachstumskritiker Niko Paech.

"Weil der Begriff Green New Deal eigentlich dafür steht, unser Wohlstandsmodell nur von den Inhalten her zu verändern, aber von der Struktur her nicht. Das heißt also, wir fahren dann eben Elektromobile und keine Verbrennungsautos mehr. Oder wir beziehen grünen Strom anstatt Kohlestrom, aber eben nicht weniger Strom. Und wir fahren noch nicht weniger."

Windkraft, Photovoltaik, Biogas, Elektromobilität und Passivhäuser - ob all dies nun von Grünen, Union oder FDP beschworen werde - seien eher ein Problem als die Lösung:

"Diese Technikgläubigkeit ist der Irrweg schlechthin, weil er nicht nur in seiner Umsetzung versagt, sondern weil er zweitens noch den Nebeneffekt hat, den Menschen ein perfektes Alibi dafür zu liefern, nicht über den derzeitigen Lebensstandard nachzudenken. Natürlich will die intellektuelle Mittelschicht einerseits so weiterleben wie jetzt und andererseits ein reines Gewissen haben. Eine Partei, die das beides versprechen kann, die wird natürlich auf Händen getragen. Und das ist das Erfolgsrezept der Grünen. Aber es ist leider kein Erfolgsrezept für die Rettung der Ökosphäre."

Der Postwachstumstheoretiker Niko Paech plädiert dafür, der Politik das Wünsch- und Machbare in gesellschaftlichen Nischen vorzuführen: Weniger arbeiten, um mit weniger Geld weniger Ressourcen zu verbrauchen.

Postwachstums-Ökonomie könnte zu Krise führen, so die Kritik

"Wenn der Verzicht wirklich stattfinden würde, kollektiv und nicht nur Nischen, dann hätte man sofort eine schwere Wirtschaftskrise."

Die Wirtschaftspublizistin und "taz"-Redakteurin Ulrike Herrmann ist mit der Postwachstums-Ökonomie ebenso unzufrieden wie mit der traditionellen Wachstumsfixierung.

"Denn im Augenblick haben wir ja einen dynamisch wachsenden Kapitalismus, der Wachstum auch braucht, um stabil zu sein. Und auf der anderen Seite weiß man aber, man muss in diese Kreislaufwirtschaft übergehen, weil man ja nicht drei Planeten verbrauchen kann, weil man nur eine Erde hat. Aber wie kommt man dahin in diese Kreislaufwirtschaft, die dann ja nicht mehr wächst, sondern stagniert? Ohne dass man unterwegs eine schwere Wirtschaftskrise produziert, mit vielen Millionen Arbeitslosen, die dazu führen würde, dass die Leute höchstwahrscheinlich ein rechtsradikalen Diktator wählen? Denn dann hat man die Demokratie abgeschafft - ist aber immer noch nicht in der Postwachstumsökonomie angekommen."

Der Kapitalismus kenne keinen sanften Gleitflug, kein allmähliches Weniger, sondern reagiere chaotisch schon auf kleinere Rückschritte, sagt Herrmann.

"Und um da die Herausforderung mal zu beschreiben: Das Auto, egal wie es konstruiert ist, mit oder ohne Elektromotor, verbraucht zu viel Umwelt und zu viele Rohstoffe. So - jetzt ist es aber so, dass in Deutschland ungefähr ein Zehntel aller Arbeitskräfte direkt und indirekt vom Auto abhängen. Das sind ungefähr vier Millionen Leute. Frage: Wovon sollen die leben?"

Wie die Kreislaufwirtschaft praktisch umsetzen?

Dazu brauche es Berechnungen, volkswirtschaftliche Modelle, durchkalkulierte Entwürfe:

"Das Kernproblem ist nicht die Vision einer Kreislaufwirtschaft, sondern das Kernproblem ist wie kommt man da hin? Und diesen Übergang muss man halt modellieren. Und das passiert nicht."

"Tatsächlich ist es so, dass eben diese Schrumpfung für sich genommen in der ökonomischen Forschung kaum angelegt ist. Und dass das auch in den Modellen in dem Sinne nicht vorkommt."

Claus Michelsen ist Konjunkturforscher am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin.

"Tatsächlich aber eben auch aus diesem optimistischen Bild heraus, dass man eben innovativ ist und entsprechend mehr schaffen kann, wenn man neue Technologien entwickelt hat. Das ist natürlich etwas, was man bestreiten kann."

Aktivisten von Fridays for Future demonstrieren mit einem Banner mit der Aufschrift "How Dare You?" (dpa / Fabian Sommer)Demonstration Fridays for Future in Berlin (dpa / Fabian Sommer)

Er halte die optimistische Vermutung, dass der Mensch mit knappen Ressourcen immer innovativer umgehen lerne, beim Blick in die Vergangenheit für gerechtfertigt, sagt Michelsen. Doch findet sich im aktuellen Herbstgutachten der so genannten Wirtschaftsweisen für die Bundesregierung, an dem Michelsen mitgeschrieben hat, ein neues Stichwort: Konsumverzicht.

Wenn die Klimapolitik den CO2-Ausstoß begrenze, steht im Gutachten des volkwirtschaftlichen Expertenrats, "müssen knappe Ressourcen, die bislang direkt oder indirekt der Konsumgüterproduktion dienen, umgelenkt werden, um Emissionen zu vermeiden. Demzufolge müssen klimapolitische Maßnahmen mit einem Konsumverzicht der gegenwärtigen Generation einhergehen."

Claus Michelsen sagt, vielleicht sei es tatsächlich das erste Mal, dass das Wort vom Konsumverzicht hier auftauche. Allerdings sei es nicht als Aufforderung zu verstehen, den Lebensstil zu ändern, sondern erst einmal nur eine Beschreibung der Folgen der Klimapolitik:

"In der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist es so, dass die Verwendung des verfügbaren Einkommens für Investitionen per Definitionem dazu führen muss, dass der Konsum zurückgefahren wird."

Bei Umleitung des verfügbaren Geldes bleibe weniger für Privathaushalte

Wenn sowohl Staat als auch Unternehmen das verfügbare Geld in den ökologischen Umbau der Wirtschaft steckten, bleibe eben weniger Geld für die Privathaushalte, erklärt Michelsen:

"Wir wollen ja, dass Gebäude energieeffizienter werden, also besser isoliert werden. Wir wollen, dass beispielsweise Produktionsanlagen weniger CO2 ausstoßen, dementsprechend bessere Filtertechniken eingebaut werden. Und all das braucht Investitionen. Und wenn wir investieren, dann können wir das an anderer Stelle nicht mehr in den Konsum fließen lassen. Dementsprechend gibt es dann weniger Möglichkeiten für die privaten Haushalte, das erwirtschaftete Einkommen für ihren unmittelbaren Verbrauch zu verwenden. Und dementsprechend geringer sind die Konsummöglichkeiten der gegenwärtigen Generation."

Auch der Konjunkturforscher glaubt nicht, dass der technische Fortschritt allein die Klimafrage lösen werde. Es sei schon…

"…ein gehöriges Maß an Optimismus dafür notwendig, dass man sagt, wir konsumieren einfach so weiter wie bisher und setzen darauf, dass sich das in den nächsten fünf Jahren mit einer Schlüsselinnovation lösen lässt, das gesamte Problem. Insofern: Die Vermeidung und die Investitionen in Vermeidung ist schon wichtig."

Nachhaltigkeit und Konsumwachstum passen nicht zusammen

Doch Nachhaltigkeit und Wachstum, sagt Michelsen, schlössen sich nicht aus - nur Nachhaltigkeit und Konsumwachstum, das gehe vorerst nicht:

"Das Wachstum selbst muss ja nicht ausbleiben. Wenn wir das eben in Vermeidung stecken und Vermeidungstechnologien entwickeln, dann haben wir nicht weniger erwirtschaftet, aber weniger konsumiert, wenn man so will. Und das ist vielleicht ein bisschen der Unterschied zwischen der Postwachstumsargumentation und der Argumentation, so wie wir sie führen, nämlich im Sinne von Konsumverzicht."

Wenn der Konjunkturexperte Claus Michelsen sagt, das erwirtschaftete Geld müsse nun erst einmal in den ökologischen Umbau der Wirtschaft fließen, bedeutet das: Es wird mehr Arbeit nötig sein, aber nicht, um davon mehr Autos, mehr Kleidung und mehr Wohnraum zu kaufen.

Nur: Wer genau wird dann worauf genau verzichten? Welche Politik kann dies steuern? Die Publizistin Ulrike Herrmann denkt: Vielleicht gebe es eine ökologisch verträgliche, demokratisch kontrollierte Mischung aus Marktwirtschaft und staatlicher Zuteilung, um die absehbaren Einschränkungen im Konsum zu meistern, die durch die Klimakrise bevorstehen.

Alle aber legen eines nahe: Dass weniger Konsum die einzig logische Antwort auf die Klimafrage ist.

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