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Politkowskaja-Mord
Hohe Haftstrafen für die Beteiligten

Vor sieben Jahren, im Oktober 2006, wurde die russische Journalistin Anna Politkowskaja vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen. Heute verurteilte das Moskauer Stadtgericht fünf Männer zu langen Haftstrafen. Der Mord ist damit aber noch immer nicht vollständig aufgeklärt.

Von Gesine Dornblüth | 09.06.2014
    Ein Porträtbild der russischen Journalistin Anna Politkowskaja hängt im Jahr 2007 in einer Erinnerungs-Ausstellung in einem Moskauer Park.
    Die regimekritische Journalistin Anna Politkowskaja überlebte einen Giftanschlag und wurde im Oktober 2006 im Aufzug auf dem Weg zu ihrer Wohnung erschossen.. (picture alliance / dpa / epa Chirikov)
    Der Organisator des Mordes an der Journalistin Anna Politkowskaja und der Killer müssen lebenslänglich in Haft. Das Gericht folgte damit den Forderungen der Anklage. Ein Komplize, der nach Überzeugung des Gerichts die Überwachung der Journalistin organisierte, muss zwanzig Jahre ins Straflager.
    Etwas Milde ließ der Richter bei zwei weiteren Gehilfen walten. Die Staatsanwaltschaft hatte auch für sie 15 und 19 Jahre Haft gefordert. Die Kinder der ermordeten Journalistin, die in dem Prozess als Nebenkläger auftraten, hatten das als zu hart kritisiert, nun müssen die beiden Männer 12 und 14 Jahre in Haft. Der Schuldspruch kam nicht überraschend. Bereits Ende Mai hatten die Geschworenen die fünf Männer des Mordes an Anna Politkowskaja für schuldig befunden.
    Das Verfahren in dem Mordfall an der Journalistin hatte sich über Jahre hingezogen. Drei der fünf Männer waren vor Jahren schon einmal aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Nach öffentlichem Druck focht die Generalstaatsanwaltschaft den Freispruch an und gab die Sache zurück an die Ermittler.
    Eine Vertreterin der Staatsanwaltschaft lobte das heutige Urteil als gerecht: "Das heutige Urteil ist ein Paradebeispiel erfolgreicher Zusammenarbeit von Ermittlern und Staatsanwaltschaft."
    Die fünf Verurteilten im Mordfall Politkowskaja sitzen während der Verhandlungen im Glaskäfig in einem Moskauer Gericht.
    Die fünf Verurteilten im Mordfall Politkowskaja. (picture alliance / dpa / Alexey Filippov)
    Drahtzieher nach wie vor unbekannt
    Die Verteidigung hingegen will das Urteil aus Mangel an Beweisen anfechten. Keiner der fünf Männer hat seine Schuld eingestanden. Die Angehörigen Politkowskajas, ihre Kollegen von der Nowaja Gazeta und auch viele Beobachter kritisieren, dass der Drahtzieher des Verbrechens nach wie vor unbekannt ist. Ilja Politikowskij, der Sohn der Journalistin, sagte nach der Urteilsverkündung: "Wir werden hier keinen Punkt setzen, denn die Auftraggeber saßen nicht auf der Anklagebank. Ich werde erst zufrieden sein, wenn der oder die Hintermänner verurteilt sind."
    Die Nowaja Gazeta, für die Politkowskaja arbeitete, wirft den Behörden seit Langem vor, die wahren Drahtzieher des Mordes zu decken. Es fehle der politische Wille, den Mord aufzuklären. Die Zeitung hat selbst recherchiert und will mehrere Gruppen ausgemacht haben, die als Auftraggeber in Frage kämen – auch in hohen politischen Zirkeln. Ihr fehlen aber die Beweise. Ilja Politikowskij: "Wir werden weiter recherchieren. Und wir sind nach wie vor zu einem Dialog mit allen Beteiligten bereit, selbst mit denen, die heute verurteilt wurden. Denn für uns ist das Wichtigste, den Auftraggeber zu finden."
    Ein Porträtfoto zeigt die Journalistin und Autorin Anna Politkowskaja auf dem Internationalen Buchfestival in Edinburgh am 16. August 2005.
    Anna Politkowskaja kritisierte Menschenrechtsverletzungen durch Russland im Tschetschenien-Krieg. (dpa picture alliance / Simon Hollington)
    Vorwürfe an ausländische Ermittler
    Heute äußerte sich auch Wladimir Markin, Sprecher der Ermittlungsbehörde. Er sagte, auch die Ermittler führten die Suche nach dem Auftraggeber fort, wies aber die Verantwortung dafür, dass es keine Ergebnisse gäbe, anderen zu: "Leider hängt da viel von unseren Kollegen im Ausland ab, besonders von der Polizei in Großbritannien und in der Türkei. Wir haben dort mehrfach Rechtshilfe beantragt, aber leider keine einzige Antwort erhalten."
    In Russland sind seit dem Jahr 2000 mehr als zwei Dutzend Journalisten ermordet worden. Aufgeklärt wurden nur die wenigsten Fälle.